Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1933 Nr. 8

Spalte:

143-145

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fröhlich, Karlfried

Titel/Untertitel:

Gottesreich, Welt und Kirche bei Calvin 1933

Rezensent:

Niesel, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

143

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 8.

144

man aus guten Gründen dies nicht weiter verfolgen und
auch die Versuche, ihren Handel schärfer zu beobachten,
hatten keinen besonderen Erfolg (S. 1023. 1028. 1069.
1097). So blieb nichts übrig, als doch die Vorschläge
des Erzbischofs anzunehmen und zum Verkauf der Kleinodien
und anderer Kostbarkeiten zu greifen (1113f.);
man bereute wohl, daß man den Kirchen noch nicht gar
lange das Ausleihen von Kapitalien an ihn verboten
hatte (S. 1065. 1066). Doch taucht schon der Name
Heinrich von Braunschweig (S. 1051), daneben die Pro-
testintisierung Kölns (S. 1069. 1071. 1075. 1082. 1084.
1106) auf, wie ein Wetterleuchten, das auf schwere
Zeiten hindeutet. Vielmehr als Reichssachen beschäftigten
das Kapitel lokale Angelegenheiten. Vor allem
sind es die Stiftspfarreien, die in den Protokollen zur
Sprache kommen. Nicht weniger als 32 Orte wenden
sich nach Mainz. Zunächst handelt es sich um Aufbesserung
, da die Geistlichen mit dem zustehenden Einkommen
nicht mehr auszukommen meinten. Der Pfarrer
von Oestrich sagt offen (S. 960): „dann inen werde weder
opfer noch andere accidentalia und derselben gedrungen
, sich mit grober arbeit im feld zu enern".
Offensichtlich tat auch das Kapital alles, was in seinen
Kräften stand. Es sah ja das Luthertum immer mehr
im Vordringen (S. 1069. 1077. 1078); selbst in Mainz
mußte man die Fronleichnamsprozessionen einschränken
(S. 1044). Es beschränkte sich aber nicht nur auf
materielle Förderung, es richtete auch sein Augenmerk
auf die sittliche und wissenschaftliche Hebung der
Geistlichen; es wollte nicht haben, „daß der Klerus am
Studieren und andern, so priesterlichem Stand und Amt
anhängig, verhindert würde" (S. 960. 1060). Der cultus
divinus und seine Besserung ist ein Gegenstand eifriger
Fürsorge (S. 959. 993. 1008. 1015. 1041. 1059. 1069.
1093. 1110). Ebenso sagt man für die zum Gottesdienst
nötigen Dinge wie das ewige Licht (S. 967) den Druck
von Meßbüchern (S. 1020) und kümmert sich um das
kirchliche Leben durch Erlassung von Hochzeitordnungen
u.a. (S. 972). Aufmerksam sei noch gemacht auf
die Notizen über die Altartafel (S. 977), Domorgel (S.
1113), Chorsänger (S. 977. 993. 1020), Organist (S.
1018), Münzstempel (S. 1112), das Bücherverzeichnis
(S. 1096), die Notiz über das Ausleihen von Büchern
(S. 1034).

Mit dieser Lieferung ist das bedeutsame Werk in
seinem 2. Teile zum Abschluß gekommen. Die beigefügten
Orts-, Personen-Sachregister gestatten die Ausbeutung
der vielen Notizen nach allen Richtungen, besonders
dankenswert sind die Erklärungen nicht gebräuchlicher
Ausdrücke und Worte. In einer Vorrede
verbreitet sich der Herausgeber über die Grundsätze
der Edition, die Beschaffenheit der Protokolle, ihre
Entstehung, die Sekretäre, Dignitäre, Domizellen, Vikare
und gibt damit eine gute Anleitung zum Verständnis
der Protokolle, soweit es sich um die äußere Form
dreht. Möge nun die mühevolle Arbeit den schönsten
Lohn durch reiche wissenschaftliche Verwertung und
Ausbeute finden.
Nürnberg. K- Schornbaum.

Fröhlich, Pfr. Lic Karlfried: Gottesreich, Welt und Kirche

bei Calvin. Ein Beitrag z. Frage nach d. Reichgottesglauben Calvins.

München: F. Reinhardt 1930. (IV, 120 S.) 8°. = Aus d. Welt christl.

Frömmigkeit hrsg. v. Friedr. Heiler, Bd. 11. RM 4.80; geb. 6.50.
Der Verfasser, der im Jahre 1922 in derselben Reihe
eine Schrift über „Die Reichgottesidee Calvins" veröffentlicht
hat, will in der jetzt vorliegenden Fortsetzung
jener Untersuchung zeigen, wie sich bei Calvin die
Reichgottesidee zu Welt und Kirche verhält. Er macht
zunächst deutlich, wie das Gottesreich für Calvin
eine gegenwärtige Größe ist, die das gesamte irdische
Geschehen umfaßt und sich am Ende der Geschichte
durch göttlichen Willensakt vollendet. Die Herrschaft
Gottes wirkt sich darin aus, daß Gott schon jetzt sein
Gericht über diese Welt ergehen läßt, sich aber zugleich

durch Erwählung, Erlösung und Restitution eine Ge-
j meinde schafft und sie in den Kampf hineinstellt, der
| sich in der gesamten geschichtlichen Wirklichkeit zwi-
) sehen dem Gottesreiche und dem Reiche Satans abspielt,
i Nach diesen grundlegenden Ausführungen stellt Fr. s o-
I dann die eigentliche Frage seines Buches: Wie verhält
I sich dieses Reich Gottes oder Christi, zu den Größen
j des menschlichen Lebens, zur Welt, zur Kultur und vor
allem zur sichtbaren Kirche?" Antwort: „Die Brücke,
die von Calvins Reichgottesglauben zu seinen Anschau-
j ungen über diese Dinge und zu der Art seines Tuns und
j Lassens in dieser Welt sozusagen hinüberführt, liegt auf
dem Gebiete seines ethischen Verhaltens und im Reiche
der ethischen Normen und Werte, unter die er sich gestellt
weiß" (S. 28). D. h. der Glaube, als Glied der aus-
I erwählten Gemeinde unter der Gottesherrschaft zu stehen,
| ist notwendigerweise zugleich Gehorsam; die Reichgottesidee
ist zugleich Aufgabe, die darin besteht, das „religiös
-ethische Sozialideal", die „christliche Kultur", in
Kirche und Staat zu „verwirklichen". Das wird nun nach
beiden Seiten hin deutlich gemacht. Am reinsten wird
von der „höchsten metaphysischen Realität, vom Wesen
des Königreiches Christi", etwas sichtbar in der Kirche.
Aber nicht nur in dieser Erkenntnis, sondern vor allem in
der historischen Situation ist es nach Fr. begründet, daß
Calvin gerade in der Kirche zur Verwirklichung seines
religiös-ethischen Sozialideals schritt. Die Gedanken Calvins
über die sichtbare Kirche werden unter vier Gesichtspunkten
dargeboten: Organisation , Gottesdienst,
Lehre, Einheit der Kirche. Einige dieser Abschnitte gehören
zu den besten des Buches. Etwa der über den
Gottesdienst, in dem es heißt:

„Keine Mannigfaltigkeit der religiösen Typen hat hier Platz, sondern
die reine Anbetung Gottes in Geist und Wahrheit soll allein Wirklichkeit
werden". Oder der über die Lehre, wo wir lesen: „Streng gebunden
ist die Einheit der Kirche an das Einheitsband des Wortes".

Zum Schluß handelt Fr. von der Beziehung des
Gottesreiches zur weltlichen Gewalt. Er kommt
zu dem Ergebnis, daß die Unterscheidung zwischen
geistlicher und weltlicher Gewalt für Calvin letzten
Endes nur eine formale ist: „Beide sollen, jede in ihrer
Art, dem Regnum Christi dienen" (S. 77).

„Die gesamte Kulturwelt in allen ihren Ausprägungen, in Kirche
und Obrigkeit, in Wirtschaft und Gesellschaft, in Wissenschaft und Politik
" ist das gewaltige „Kampfgebiet göttlicher und widergöttlicher Macht".
„Diesem Kampf gilt die Ethik des Gehorsams gegenüber dem heiligen
Gott, diesem Kampf gilt die Genfer Kirchenzucht, ihm gilt das Interesse
an der Obrigkeit und an der Politik, ihm die Genfer Akademie, . . .
diesem Kampf diente endlich das Oesellschaftsideal der Heiligen Gemeinde
" (S. 86).

Schon aus dieser Skizze der Gedanken des Buches
dürfte dreierlei deutlich geworden sein. Fr. behandelt
wirklich ein wichtiges Stück Calvinischer Theologie. Er
versucht mit großem Geschick aufzuzeigen, wie dieses
Element zu anderen in Beziehung steht und sie bestimmt
. Und schließlich: er bemüht sich, die Gedanken
Calvins in der Sprache unserer Zeit wiederzugeben.

Bei diesem letzteren hat allerdings unsere Kritik
einzusetzen. Sogut an sich die Absicht ist, Calvin wirklich
zu uns heute sprechen zu lassen, Fr. ist dabei nicht
der Gefahr entgangen, mit der modernen Sprache z. T.
auch moderne Gedanken in Calvins Theologie hineinzutragen
. Herrschaft Christi und Stehen im Gehorsam
sind dort etwas anderes, als was heute die idealistischen
Kategorien „religiös-ethisches Sozialideal" und „religiöse
Verwirklichung" meinen. Darum ist gegenüber dem
Buche Fr.'s vor allem zweierlei zu beachten. Einmal:

j Weil die Herrschaft Christi für Calvin kein solches
Ideal ist, darum erstreckt sie sich nach ihm auch nicht
in gleicher Weise auf Kirche und Obrigkeit. Gewiß ist
der Staat nicht der Macht Christi entnommen; aber er
gehört dieser Welt an, die vergeht. Die Kirche dagegen
ist nicht ein Teil der „Kulturwelt", sondern sie gehört
zu Christus als sein Leib. Und in so entscheidender

! Weise unter der Christusherrschaft stehend glaubt Cal-