Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1933 Nr. 8

Spalte:

140-141

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Guntermann, Friedrich

Titel/Untertitel:

Die Eschatologie des hl. Paulus 1933

Rezensent:

Michel, Otto

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

139

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 8.

140

Boden steht, benutzt er sie in Kap. VI Der Herrscher
in Medina zur Ausdeutung der auch hier
entscheidenden Koranstellen reichlicher. Das ist unbedenklich
, da Andrae mit der einschlägigen orientalistischen
Forschung vertraut ist, ohne freilich auf solche
Einzelheiten einzugehen, wie sie der bedeutende russische
Aufsatz von W. Barthold, jetzt auch deutsch: Der
Koran und das Meer, ZDMü N.F. VIII, 1929, 37—43,
für die vorprophetische Zeit Muhammeds erschließen
will, oder wie für die spätere Zeit J. Horovitz in Islam
XII, 1922, 78—83, die Existenz des „Persers" (S. 126;
gemeint ist Selman el-Farisi) stark in Zweifel zieht.
Zwar hat Andrae im Unterschied zu muhammedanischen
Darstellungen den Raum zugunsten des Propheten verteilt
; doch wird auch der Staatsmann Muhammed gebührend
berücksichtigt und der General, der die Seinen
für den Krieg vielfach gegen ihre Neigung erst zu erziehen
hatte, sowie der juristische Ordner der neuen
religionspolitischen Gemeinschaft, die ausgezeichnet begründet
wird als „aus der Logik der Geschehnisse
zwangsmäßig herausgeboren" (S. 101). Gemäß Kap. I
Arabien zu Mohammeds Zeit sieht auch Andrae
die Bedeutung der Prophetie Muhammeds darin, daß
sie jenen Allah monotheisierte, der bereits so stark über
den individuellen Gottheiten gestanden sei, daß selbst
ein christlicher Eid „Mekkas Herrn und den Gekreuzigten
" anrief (S. 20), wenn auch die Bezeichnung „primitiver
Montheismus" abgelehnt wird (S. 21). Eine gewisse
Schwierigkeit bietet dann aber die natürlich auch
Andrae bekannte Tatsache, daß bei der Eroberung von
Mekka erst der Götze Hubal aus der Kaaba entfernt werden
mußte (S. 134), bevor neben wenigen Nachbarstätten
für Wallfahrtslauf und -opfer die Kaaba mit dem
Brunnen Zemzem und dem Schwarzen Stein das kultische
Monopol erhielt auf Kosten der vielen heiligen
Bezirke und Steinidole.

Die Studie entspringt nicht nur verständnisvoller,
sondern auch innerlichster, fast apologetisch wirkender
Anteilnahme am Propheten und seinem Buche; im allgemeinen
: Muhammedanische Worte über Unnachahmbar-
keit des Koran oder Versuche, die Oede seiner Wiederholungen
wegzudiskutieren, können nicht so wirkungsvoll
sein wie die kluge Bemerkung: „Diese Predigten
und Gedichte waren für den Propheten selbst sein Einsatz
in einem Kampfe, der an sich voll innerer Spannung
war. Wenn sie zusammengestellt werden, machen sie
ungefähr denselben Eindruck, als wenn die extemporierten
Auslegungen eines guten Kanzelredners über denselben
Text nacheinander in einer Postille gelesen würden
. Diese Form wird ihrem Wert und ihrer Eigenart
nicht gerecht" (S. 94f.): im besonderen z. B.: Nach
der Überlieferung zeigte der ursprüngliche Wortlaut von
Sure LI II 21f. ein gewisses Eingehen auf den Araberglauben
an Göttinnen; „allzu geschäftiger Apologetik"
der Muhammedaner selbst, dit in Wirklichkeit den Propheten
„schwer belastet", stellt Andrae die seine entgegen
, welche psychologisch zu begreifen sucht, wie
sich M* '.rfmmeds Monotheismus „ständig verschärft",
aber in aufrichtiger Gradlinigkeit (S. 14 ff.). „Die Echtheit
und der Ernst der Frömmigkeit Mohammeds" wird
stark anerkannt (S. 150). „Leider kann es von seinem
Charakter im allgemeinen nicht gesagt werden, daß
Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit zu seinen hervor-
tretendsten Zügen gehörten" (S. 151), heißt es weiter
mit Berücksichtigung seines politischen Spiels, das „eine
gewisse Vollkommenheit in der Kunst der Verstellung
erforderte" (S. 153). Daß Muhammed sich bis etwa
zum 50. Jahre „mit einer einzigen Frau begnügt hat"
(S. 153), kann ja einfach dadurch erklärt werden, daß
diese Chadidscha, die ihm erst eine Existenz bot, weitere
Heiraten garnicht gestattet hätte; denn das war noch
vor dem Siege des Islam. Dieser bedeutete für die Stellung
der Frau nicht nur einen Fortschritt, sondern auch
„einen Rückgang" (S. 64), zumal durch die Bestimmungen
in Form ewiger Gottesworte; eine Schwierigkeit,

welche heutige muhammedanische Apologeten ernst empfinden
. Den späteren Harem Muhammeds pflegen sie
I damit zu entschuldigen, daß er verwitweten oder sonst
bedrängten Frauen eine Stellung habe schaffen wollen.
Andrae meint: „Zur Verteidigung von Mohammed muß
j noch angeführt werden, daß er sich streng innerhalb
I der Schranken hielt, die er selbst aufgestellt hatte" (S.
155). Man kann aber die betreffenden Verse in Sure
XXXIII auch genau umgekehrt erklären: daß sich der
Prophet den Verkehr mit Frauen in dem kaum noch als
Schranken zu bezeichnenden Maße, wie er davon Ge-
i brauch machte, als Sonderlicenz durch Koranworte, d. h.

durch Gott selbst, legalisieren ließ, sodaß schlichtgläu-
j bige Muhammedaner gerade in dieser Ausnahmestellung
j einen der stolzen Beweise für seine Prophetenwürde und
j alles eher als einen Anlaß zur Apologie sehen. Für die
weiteren Charakterzüge des Propheten, so für seine Hal-
! tung zur Askese, werden auch Traditionen herangezogen
(S. 147 ff.); daß diese vielfach erst spätere und zwar tendenziöse
Schilderungen sind, weiß niemand besser als
Andrae selbst, Verfasser des grundlegenden Buches: Die
Person Muhammeds in Lehre und Glauben seiner Gemeinde
, Stockholm 1917. Nun stellt er in vorliegender
Schrift, unmittelbar an der Quelle schöpfend, die Person
Mohammeds schlechthin dar. Die meisterhafte
j Untersuchung darf des Dankes sowohl derer, die sich
mit dem Stoff etwas vertraut wissen, wie auch der allgemein
religionswissenschaftlich Interessierten sicher
sein; aber darüber hinaus: Ref. vernahm von einigen
Muhammedanern, daß auch ihnen das Buch ein neues
Verständnis erschließe, sodaß es Pflicht schien, sie zu
Besprechungen in orientalischen Zeitschriften anzuregen.
Der Widerhall dürfte auch religionspsychologisch aufschlußreich
werden.
Hamburg. R. Strothmann.

Guntermann, Dr. Friedrich: Die Eschatologie des hl. Paulus
. Münster i. W.: Aschendorff 1932. (XXII, 320 S.) gr. 8°. =
Neutestamentl. Abhandlgn. Bd. 13, H. 4/5. RM 15—.

1. Das Buch von Dr. Friedrich Gunter mann
„Die Eschatologie des hl. Paulus" Münster 1932 enthält
eine 1924 in Bonn eingereichte Dissertation der katholisch
-theologischen Fakultät, verarbeitet auch nur die
bis dahin erschienene theologische Literatur beider Konfessionen
, führt also in die Problemstellung von 1924,
nicht von 1932 ein. Das Buch behandelt in einer kurzen
Einleitung (Teil A, S. 1—28) die entscheidenden Grundfragen
: Die Bedeutung der Eschatologie im Zeitalter
des Paulus (Spätjudentum, Jesus, Urgemeinde), die Bedeutung
der Eschatologie für Paulus (Missionspredigt,
persönliches Leben, Theologie), ferner Quellen und Methodenfragen
(Hebräerbrief und Apostelgeschichte scheiden
aus, die Pastoralbriefe werden einbezogen). Dieser
entscheidende Vorbau, auf den die gegenwärtige Forschung
entscheidenden Wert legen würde, ist zu kurz

| und darum auch nicht zu seinem Recht gekommen.
Man kann nicht auf S. 1—9 das eschatologische Verhältnis
des Paulus zur religiösen Umwelt zu Jesus und
Urgemeinde behandeln, geschweige denn die Frage Pha-
risäismus und Eschatologie auch nur anrühren.

2. Der Hauptteil des Buches spricht zunächst von
der Parusie, ihrem Verhältnis zur Geschichte, zur Naherwartung
, zu den Vorzeichen (Teil B). Sorgfältig wird

| hier die Aufeinanderfolge der einzelnen paulinischen
Briefe in Rechnung gestellt. Dann folgt die Behandlung
der Auferstehung von den Toten (Teil C), die im Zu-
j sammenhang steht mit der paulinischen Christologie
und Psychologie (besser würde G. von paulinischer
| Anthropologie sprechen, denn er meint Begriffe wie
j Leib, Seele, Fleisch, Geist). Die Frage der neuen Leib-
j lichkeit wird hier ebenfalls entwickelt. Teil D bringt die
j Gerichtsvorstellungen mit der Frage nach Subjekt und
Objekt des eschatologischen Gerichts. Wer richtet?
! (Gott oder Christus). Wer wird gerichtet? (Mensch-
! heit, Christentum, Kosmos, Engelmächte). Dann folgt