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Ausgabe:

1933 Nr. 7

Spalte:

134-135

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlunck, Rudolf

Titel/Untertitel:

Ein Pfarrer im Kriege 1933

Rezensent:

Usener, Wilhelm

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133

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 7.

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Problemen zu kulturellen und geistesgeschichtlichen Fragen gewandt hat.
Unverkennbar ist die Brücke, die von den ersten zu den zweiten führt.
Die phänomenologische, fein geschärfte Analyse wird nicht nur auf
neue Gebiete übertragen, sondern ganz deutlich lassen sich die Anknüpfungspunkte
zeigen, die zu solcher Erweiterung führten. Das Denken
selber wird auf das Leben als seinen ursprunghaften Boden bezogen und
diese Lebensbeziehung wird zum wesentlichen Problem. Es ist oben
angezeigt, wie H. den Orund auf die Freiheit des Gründens zurückführt
. Ein anderer Weg ist der der Sprachanalyse; er wird von Hermann
Amman in Beobachtungen „Zum deutschen Impersonale", von
Hans Lipps in'Erörterungen über „Das Urteil", von Friedrich Neu-
mann in einer Arbeit über „Die Sinneinheit des Satzes und das indogermanische
Verbum" beschritten. Schon hier, aber erst recht in den
irgendwie an den soziologischen interpersonalen Verflechtungen interessierten
Arbeiten von L. F. Clauss über „Das Verstehen des sprachlichen
Kunstwerks", von Gerhard Husserl über „Recht und Welt" und von
Fritz Kaufmann über „Die Bedeutung der künstlerischen Stimmung"
tritt die von Husserl an den Ausgang aller Untersuchung gestellte
„phänomenologische Einklammerung" in den Hintergrund oder verschwindet
ganz. Denn das Du, der Andere, die Welt werden jetzt
prinzipiell nicht eingeklammert. Man scheint vielmehr zu Diltheys
psychologischer Strukturanalyse zurückzukehren. Noch geschieht es freilich
in einer Verengung, die allzu leicht geneigt ist, den eigenen Standpunkt
oder das eigene unkontrollierte Meinen absolut zu setzen. So wird
■die Frage nach dem Recht und dem Sinn jener Einklammerung neu
gestellt werden müssen. Es ist das Verdienst von Oskar Becker in
seiner Arbeit „Von der Hinfälligkeit des Schönen und der Abenteuerlichkeit
des Künstlers", die „Hermeneutik der Faktizität" ausdrücklich
als eine nicht geradlinige „Fortsetzung" der Husserlschen Phänomenologie
zu kennzeichnen. Aber wenn er den Künstler in die „abenteuerliche
" Spannung zwischen der Unsicherheit und äußersten Fragwürdigkeit
des historischen Seins und der ewigen, ironisch über die Zeit sich
erhebenden Gegenwart stellt, so bleibt bei allem Feinsinn der Analyse
der Eindruck, daß hier ein besonderer Typus mit naiver Selbstverständlichkeit
verabsolutiert wird, ein solcher freilich, der die phänomenologische
Einklammerung „existentiell" vollzieht und sich ebenso von der
sozialen Verbundenheit wie von der religiösen Gebundenheit ironisch löst.

Zuletzt seien die Arbeiten genannt, die sich am engsten an die
Bahnen Husserls anschließen. Roman Ingarden gibt „Bemerkungen
zum Problem «Idealismus-Realismus»". Ontologische, metaphysische und
erkenntnistheoretische Probleme werden mit eindrücklicher Deutlichkeit
unterschieden, den „ontologischen" wird zwar nicht die Entscheidung,
woh! aber die Klärung und Formulierung der Fragestellung zugewiesen.
Hedwig Conrad-Martius behandelt die „Farben" als ein Kapitel
aus der Real-Ontologie. Im Phänomen soll eine Tiefendimension aufgesucht
und der „Wesenssinn" der Farben soll erspürt werden. Aber
gerade hier zeigt sich die Naivität „phänomenologischer" Selbstsicherheit
. Was durch Experiment, immer neu variierte Einfühlung und kunstgeschichtliche
Beobachtung wohl erhoben werden könnte, wird als erschaut
behauptet und so gegen alle Kontrolle und Korrektur „gesichert".
Unglücklich ist Edith Steins Arbeit über „Husserls Phänomenologie und
und die Philosophie des hl. Thomas von Aquin". Das vielsprechende
und interessante Thema wird erschreckend dürftig behandelt. Verf. stellt
fest, daß transzendentale Kritik in Husserls Sinn nicht die Sache des
hl. Thomas war. „Aber wenn man annimmt, daß er heute lebte und

sich einmal auf diesen Standpunkt stellte",--dann sollte man lieber

schweigen.

Marburg. Th. Siegfried.

Cordes, Dr. J. G.: Die soziale Aufgabe der Kirche. Göttingen:
Vandenhoeck 8t Ruprecht 1932. (II, 90 S.) gr. 8°. kart. RM 2.50.
Das Verdienst dieser Schrift des Sozialpfarrers der
Hannoverschen Landeskirche liegt hauptsächlich darin,
daß sie — ganz im Sinne der Richtlinien des Deutschen
Evangelischen Kirchenbundes über die sozial-kirchliche
Arbeit vom Jahre 1925 — in klarer und bestimmter
Weise die „soziale Aufgabe der Kirche" von ihrer wohl-
fah rtspflegerischen Aufgabe und von der Arbeit der
Inneren Mission abgrenzt. Es handelt sich bei der sozialen
Aufgabe der Kirche nicht darum, an einzelnen Gliedern
der Kirche christliche Liebestätigkeit zu üben oder
für einzelne Kreise körperlich oder geistig behinderter,
seelisch und sittlich gefährdeter Menschen besondere
Schutzmaßnahmen zu treffen. Wer darin die soziale
Aufgabe der Kirche erschöpft sieht — und das tun immer
noch weite kirchliche Kreise —, geht an der eigentlichen
sozialen Aufgabe der Kirche vorbei. Diese besteht
nach jenen Richtlinien vielmehr vor allem darin,
in der sich auflösenden societas neue Gemeinschaft zu
bilden und alles zu tun, was dazu förderlich ist. Von
dieser Grundposition aus schildert die Schrift in ihrem

j ersten Teil unter dem Thema: „Die soziale Selbster-
j ziehung der Kirche" die Aufgaben, die dich daraus für
| die kirchlichen Berufsarbeiter, für die Kirchgemeinden
und für die Landeskirchen ergeben: nüchterner Wirk-
j lichkeitssinn für die Lebensbedingungen der einzelnen
Stände und Klassen und ausreichende Sachkenntnis in
allen sozialen Fragen, Bekämpfung alles Kastengeistes
und Schaffung wahrhaft sozialer Gesinnung, Mitarbeit
an einer Neuordnung der wirtschaftlich-gesellschaftlichen
Verhältnisse mit den Mitteln des Geistes und des Wortes
. Befremdlich ist, daß in einem letzten Unterabschnitt
dieses ersten Teiles, wo von den „Arbeitsgemeinschaften
der evangelischen Kirchen" die Rede ist, neben der
Stockholmer Bewegung und dem Internationalen sozialwissenschaftlichen
Forschungsinstitut auch der Deutsche
Evangelische Kirchenbund und Kirchenausschuß genannt
werden. Der Verfasser scheint nicht zu wissen — auch
die Bemerkung S. 10: „Im Aufbau evangelischen Kir-
chentums sind die Landeskirchen die letzten Einheiten"
deutet darauf hin —, daß es sich bei Kirchenbund und
Kirchenausschuß um verfassungsmäßige Organe des
deutschen Gesamtprotestantismus handelt, die mit irgendwelchen
„Arbeitsgemeinschaften" in keiner Weise
auf eine Stufe gestellt werden können. Dagegen hätten
in diesem Abschnitt der Evangelisch-Soziale Kongreß
und der Kirchlich-soziale Bund, die im letzten Grunde
der ganzen Sozialarbeit des deutschen Protestantismus
den Anstoß gegeben haben und diese Sozialarbeit auch
in der Gegenwart noch weithin befruchten, nicht ungenannt
bleiben und ihre Erwähnung nicht auf eine
spätere Anmerkung beschränkt bleiben dürfen. In einem
zweiten Abschnitt wird „Die soziale Aufgabe der Kirche
nach außen" auf den beiden Gebieten des Wirtschaftslebens
und des Gesellschaftslebens dargestellt. Mit
Recht werden dabei in erster Linie „die wirtschaftenden
Menschen" ins Auge gefaßt und erst in zweiter Linie
wird untersucht, in wie weit auch eine direkte ethische
Einwirkung auf „die Wirtschaft" möglich ist. Als Ergebnis
wird festgestellt: „Ein grundsätzliches, wissenschaftliches
Bedenken steht dem Versuche, die Wirtschaft
und ihre Entwicklung von der Ethik her zu beeinflussen,
nicht entgegen. Daß der Versuch nicht unter Nichtachtung
der natürlichen Lebensbedingungen aller Wirtschaft
gemacht werden darf und daß er im Konkreten nur bei
genauer Kenntnis der Tatsachen und der Tendenzen des
gegenwärtigen Wirtschaftslebens gemacht werden kann,
ist selbstverständlich" (S. 25). Ausgehend von der
These, daß sich aus dem Evangelium keine bestimmte
Wirtschaftsordnung ableiten und als christlich und gottgewollt
hinstellen läßt, wird in diesem Zusammenhang
auch die Frage Kapitalismus oder Sozialismus erörtert.
Gegenüber den Standes- und Klassenkämpfen wird
grundsätzliche Überparteilichkeit der Kirche gefordert.
Der Verschärfung der Klassenkämpfe durch den Einfluß
der Masse, der Organisationen und antisozial wirkender
Weltanschauungen hat die Kirche entgegen zu treten.
Zum Schluß wird versucht, „Bruchstücke evangelischer
Gesellschaftsethik" zu zeichnen und die Wege aufzuzei-
en, auf denen solch eine Gesellschaftsethik in Familie,
taat und Volk verwirklicht werden kann. Für eine Neubearbeitung
würde vor allem eine systematischere Auswahl
in den Literaturangaben, deren Ungleichmäßigkeit
und Lückenhaftigkeit sich der Verfasser selbst bewußt
ist, zu wünschen sein.
Leipzig. Johannes Herz.

S c h I u n c k, Rudolf, u. Wilhelm W i b b e Ii n g: Ein Pfarrer Im Kriege.

Kriegserlebnisse des renitenten Pfarrers Rudolf Schlunck. Kassel: Neu-
werk-Vcrlag 1931. (344 S. m. 1 Bildn.) gr. 8°. RM 6.20; geb. 7.80.

Es ist ein sehr umfangreiches Buch, diese „Kriegserlebnisse des
renitenten Pfarrers R. S." Manche Leser werden kaum wissen, was ein
„renitenter" Pfarrer ist. Im Bezirk Kassel gibt es eine „renitente"
Kirche ungeänderter Augsburgischer Konfession, die nach der Annexion
von 1866 sich von der übrigen Landeskirche trennte, weil sie sich nicht
unter das preußische Kirchenregiment stellen wollte. Auch heute