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Ausgabe:

1933 Nr. 6

Spalte:

103

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

[Studion], [Theodor von]

Titel/Untertitel:

Des heiligen Abtes Theodor von Studion Martyrbriefe aus der Ostkirche 1933

Rezensent:

Dörries, Heinrich

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103

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 6.

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der nach Umfang und Wert beachtlichen Literatur, die
seit dem ersten Erscheinen des Buches entstanden ist,
keinerlei Änderungen für erforderlich gehalten hat. Nur
ein kurzer Anhang beschäftigt sich mit einigen seither
veröffentlichten Arbeiten, um — verdient und unverdient
— hier einen Tadel, dort ein Lob zu spenden, ohne sich
doch irgendwo zu einer Modifikation der eigenen Aufstellungen
gedrängt zu fühlen. Das kann ein tieweis für
die Stärke seiner Position sein — und in der Tat bleibt
das Werk auch jetzt noch beachtenswert —, kann auch
verraten, daß der Verf. in der Zwischenzeit sich vorwiegend
anderen Arbeitsgebieten zugewendet hat, schließt
aber jedenfalls ein Urteil über die Augustinforschung
der letzten Jahrzehnte ein, das mir reichlich hart zu
sein scheint.

Göttingen. H. Dörries.

Hermann, P. Basilius: Verborgene Heilige des griechischen
Ostens. Kevelaer: Jos. Thum 1931. (244 S.) kl. 8°. geb. RM 4.50.
[Studion, Theodor von:] Des heiligen Abtes Theodor von
Studion Martyrbriefe aus der Ostkirche. Deutsch v. Basilius
Hermann. Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag 1931. (VIII, 299 S.)
kl. 8°. geb. RM 5—.

Die hier entworfenen Lebensbilder einiger griechischen Heiligen,
unter denen Maximus Confessor und Theodor v. Studion hervorragen,
verfolgen erbauliche Absicht, suchen sich aber, auch ohne geschichtliche
Kritik zu treiben, nahe an die alten Berichte zu halten; nur darf man
diesen die Verwechslung des Monenergismus, in dessen Dienst die Aktion
des Patriarchen Sergius steht, mit dem Monotheletismus sowenig wie die
Vorstellung zur Last legen, die Kirche des Ostens sei der Ort des
Kampfes gegen Pelagianer und Semipelagianer gewesen.

Die Auswahl aus der großen Briefsammlung des standhaften Vorkämpfers
kirchlicher Selbständigkeit gibt einen guten Einblick in die
Drangsale des Bilderstreits und läßt deutlich die Rolle des Mönchtums
in diesen Wirren erkennen. Die berechtigte Großzügigkeit der Übertragung
macht nur vor den Ergebenheitswendungen in den Gesuchen
halt, die der bedrängte Bilderfreund nach Rom richtete, und in denen der
Übersetzer das Bekenntnis eines „Glaubens an den Statthalter Christi"
finden möchte. Sonst aber kann man das Bestreben, einen griechischen
Kirchenvater für unsere Zeit neu zu entdecken, nur billigen. Auch
wenn man nicht erwarten darf, den päpstlichen Primat durch byzantinische
Autoritäten erhärtet zu erhalten, lohnt es die Mühe, die geistigen
Schätze der Ostkirche zu erheben.

Göttingen. H. Dörries.

Rückert, Hanns: Die Christianisierung der Germanen. Ein

Beitrag zu ihrem Verständnis u. ihrer Beurteilung. Tübingen : J. C.
B. Mohr 1932. (35 S.) 8°. = Sammig. gemeinverst. Vorträge u.
Schriften a. d. Gebiet d. Theologie u. Religionsgesch., 160.

RM 1.50; in Subskr. 1.20.

Diese leicht überarbeitete Antrittsvorlesung, mit der
der Verf. im Mai d. J. seine Tübinger Lehrtätigkeit eröffnete
, ist seinem Amtsvorgänger Karl Müller zum
80. Geburtstag gewidmet. Daß sie ein aktuelles Thema
behandelt und behandeln will, ist ebenso erfreulich wie
die vornehme und überlegene Form, in der die Diskussion
geführt wird. Ausgehend von der modernen
Kritik an der Rolle, die das Christentum in der Entwicklung
der germanischen Völker gespielt haben soll,
insbesondere mit Bernhard Kummers Buch über
„Midgards Untergang" (1927), das bis in die Terminologie
hinein Berücksichtigung findet, wird die Auseinandersetzung
über Bedeutung und Sinn der Christianisierung
nicht an allgemeinen und prinzipiellen Urteilen
über germanische Art und christliche Religion orientiert
, wie sie niemals zu einem wirklichen Ergebnis
führen können, sondern die zeitgenössischen Quellen
sollen in scharfer Interpretation selbst die Antwort auf
die Frage geben, die die Geschichte hier an uns stellt.
Indem die neuen Ergebnisse der germanistischen Wissenschaft
sorgsam aufgenommen und theologisch verarbeitet
werden, entsteht zugleich ein willkommener Überblick
über den Stand der Forschung auf diesem Gebiet,
der durch selbständiges Urteil weiter führt.

Es steht fest, daß die Legende von der gewaltsamen
Bekehrung „der" Germanen heute nicht mehr zu halten
ist, und daß rein opportunistische Gesichtspunkte politischer
, wirtschaftlicher, kultürlicher Art, so groß man
ihre Bedeutung auch einschätzen muß, den freiwilligen
Übertritt zum Christentum nicht allein verständlich machen
können. Es läßt sich nicht leugnen, daß der alte
germanische Glaube schon vor der Berührung mit dem
Christentum in eine schwere Krise geraten und vielfach
einer nüchternen Skepsis gewichen war, die den
Wert und Sinn aller religiösen Bemühungen in Zweifel
zieht, da die Götter die dafür erwarteten Gegenleistungen
offenbar nicht leisten und auch nicht leisten können
. Die Erscheinung als solche ist bekannt; aber R.
trifft durch alle äußerlichen und romantischen Erklärungsversuche
hindurch den Kern der Sache, wenn er
dies Versagen der alten Religion mit der neuen geschichtlichen
Situation in Zusammenhang bringt, in die
die Germanen mit der Völkerwanderung eintraten. „Die
germanische Religion war der Geschichte nicht gewachsen
, weil sie nichts anderes war als die Vergöttlichung
einer vorgeschichtlichen Existenz der germanischen
Rasse" (S. 24). Zugeschnitten auf die Verhältnisse einer
im Grunde schicksalslosen, bäuerlichen Welt, beschloß
sie wohl alle Werte der Heimat und des gesunden
Blutes in sich, mußte aber in dem Augenblick mit Not-

i wendigkeit zerbrechen und einem Gefühl unheimlicher
Unsicherheit weichen, sobald die Germanen über diesen
Kreis hinausgelangten und die Auseinandersetzung mit
der Umwelt und eine sich differenzierende Entwicklung
des geistigen und sozialen Lebens einsetzte. Es
ist nicht zufällig, sagt R. mit Recht, „daß immer nur
christliche Germanen es zu derjenigen Gemeinschaftsform
gebracht haben, in der ein Volk sich in der Geschichte
halten kann: zum Staat" — und, können wir
hinzufügen daß auch die heutige „germanische Wiedererstehung
" ihre Sehnsucht wesentlich auf einen ungeschichtlichen
Begriff des Volkstums im Gegensatz zum
geschichtlichen Staat und seinem Rechte zu stützen
sucht. — Die Bedeutung des Christentums für die junge
germanische Welt bestimmt sich von hier aus folgendermaßen
. Gegenüber einem resignierten Schicksalsglauben,
der in diesem Fall doch nichts anderes ist als ein „Verzicht
auf die Sinngebung des Lebens und1 der Geschichte
" überhaupt, und gegenüber einer Reihe von synkre-
tistischen Versuchen und Scheinlösungen, von denen keine
Bestand gehabt hat, ist es ihm und nur ihm gelungen,
den Germanen einen Glauben zu vermitteln, der auf die
neuen Fragen eine Antwort bot, der ihnen ein Existieren
in der neuen Situation ermöglichte und sie — ohne den
drohenden Ernst der Wirklichkeit zu vertuschen — ihr
geschichtliches Schicksal meistern ließ. Es sind nach R.
drei Momente am Christentum, die hier in erster Linie
in Betracht kommen: Der Schöpfungsglaube, der Gott

j die letzte Macht in der Welt zuweist, die Eschatologie,
welche einen gerechten Ausgleich der Leiden und Schulden
im Jenseits erwartet, und damit zugleich die Lösung
des Todesproblems, wie es in neuartiger Weise auf dem
Einzelnen lastete. Man kann es an dieser Stelle vielleicht
bedauern, daß der Verf. auf die eigentlichen Probleme
der Germanenmission, die Frage nach dem tat-

j sächlichen Inhalt und Charakter der Missionspredigt
nicht eingegangen ist. Doch sind mit den genannten

| Momenten gewiß die religiös wesentlichsten Gesichtspunkte
hervorgehoben. Nur die Rolle der „Eschatologie
", deren starke Bedeutung auch aus den Gerichtsdarstellungen
des frühen Mittelalters erhellt, würde ich
etwas anders nuancieren; es handelt sich hier für die
Germanen doch wohl weniger um eine „christliche Zu-
kunfts h o f f n u n g" im ursprünglichen Sinn als um die
Macht der Vergeltung, die im Gericht offenbar wird, und
in diesem Zusammenhang könnte auch auf die positive
und negative Bedeutung der Christianisierung für die

j germanische Sittlichkeit hingewiesen werden. Doch das

j hat gegenüber dem Grundgedanken dieser anregenden
Schrift, dessen Begründung im Einzelnen man an Ort
und Stelle nachlesen muß, natürlich nichts zu besagen.
Oöttingen._ _H. V. Campenhausen.