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Ausgabe:

1933 Nr. 4

Spalte:

73-75

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Classen, Walther

Titel/Untertitel:

Eintritt des Christentums in die Welt 1933

Rezensent:

Völker, Walther

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 4.

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Ein echt amerikanisches Buch! In der Abneigung
gegen alle „nutzlosen" Spekulationen; in der starken
Betonung des Begriffs der religiösen „Erfahrung" als
.Wahrheitsmaßstab; in der einseitigen Herausarbeitung
der humanitären Seite des Christentums — es ist unsere
höchste Aufgabe, als co-workers Gottes an der Schaffung
der neuen besseren Welt mitzuwirken, (durch die
Liebe natürlich); in dem schwungvollen Idealismus, mit
der dieses halb religiöse, halb humanitäre, und ein
wenig sentimentale Ideal verkündigt wird; aber auch
in der Leichtigkeit doch, mit der der Verf. sich über
die schwierigsten Fragen hinwegsetzt. Vor allein anderen
: „Paul's Christianity and ours, consists first of
all in consent to the truth of the ideals which Jesus
thought and lived". „To be Christian is to know that
Jesus was right; thad the world and man and God are
as he saw them". Wirklich? Kann man von Pauli
Christentum reden, ohne von Sünde und Gnade, Rechtfertigung
und Versöhnung zu sprechen? Damit stößt
man freilich auf christologische Aussagen, die zu den
„tests" des Verf. schlecht passen. Und ob sich nicht
dennoch gerade in ihnen „the mind of Christ in Paul"
offenbart? Diese Fragen bleiben in dem Buche völlig
außer Betracht. Das hängt natürlich aufs engste mit der
humanitären Auffassung des Christentums zusammen,
die der Verf. vertritt.

Er verwahrt sich einmal gegen den Verdacht, that
we are applying ideas of our own to Paul and trying to
make him conform to them. In der Tat regt sich hier
eine Empfindung für den wunden Punkt des ganzen
Unternehmens. Aber dies hält mit seiner klaren Gedankenführung
, seinem warmen Idealismus den Leser
von Anfang bis Ende fest und hat für uns seinen
besonderen Wert als Spiegelung amerikanisch - christlichen
Denkens.
Erlangen. H. Strathmann.

Classen, Walther: Eintritt des Christentums in die Welt.

Der Sieg des Christentums auf dem Hintergrunde der untergehenden
antiken Kultur. Gotha: L. Klotz 1930 (VII, 433 S. m. 1 Kartenskizze
) 8°. RM 12-.

Es ist schwer, ein Buch wie das vorliegende gerecht
zu besprechen, da Verf. es nicht für nötig gehalten hat,
uns über seine Absichten in einem Vorworte zu informieren
, und da man aus dem Buche selbst kaum Anhaltspunkte
für dessen Vorhaben gewinnt. Verf. steht
in der „praktischen Arbeit an der Front" und hat deshalb
eine gewisse Abneigung gegen wissenschaftliche
Spezialliteratur (S. 102), er vermißt in ihr jene „magnetische
Kraft, die den Leser in das Leben der Geschichte
hineinreißt" (S. 102). Diese Lücke soll wohl sein Werk
ausfüllen.

Das Buch hat eine große Voraussetzung, von der
aus die ganze kirchliche Entwicklung beleuchtet und beurteilt
wird, den Gegensatz vom „Sonnenschein" des
Evangeliums und der „Kälte und Finsternis" der Kirchenlehre
(S. 60). Von hier aus gestaltet Verf., der sich
zu den „alten Jesusgläubigen" (S. 78) rechnet, in voller
Ablehnung Schweitzers (S. 98) zunächst sein Jesusbild
. Die Aufgabe erblickt er darin, den Herrn „aus
den Nebeln des Mythus und den Mänteln philosophischtheologischer
Lehren" (S. 68) zu befreien und ihm „in
seine Seele (zu) schauen" (S. 77). Als Resultat ergibt
sich dann die Erkenntnis: „Jesus ist der Schöpfer der
ethischen, problematischen (sie!) Einzelpersönlichkeit"
(S. 101), er wirkt durch die Macht seiner Persönlichkeit
(S. 50, 78, 81, 99), als ein festgegründeter Charakter
(S. 63) mit vollendeter innerer Bildung (S. 64). Daher
wundert man sich nicht, wenn Jesus sich mit Goethe
im Weltgefühl (S. 51, 53, 64, 78, 101), mit Kant in
der „Schärfe des Denkens" (S. 64) berührt (cf. auch
S. 61, 79). Vom Rationalismus übernimmt Verf. die
Wunderkritik, um widerstrebende Züge aus seinem Bilde
zu bannen: die Dämonenheilungen beruhen auf Suggestion
(S. 44), der Teufel in der Versuchungsgeschichte
ist die Verkörperung des nationalen Ehrgeizes (S. 41),

: das „Salz" in Mt. 5,13 bedeutet „Kritik" (S. 65) und
die Verklärung ist ein zweites Gesicht des Petrus (S.74).
Die Erzählungen von Erscheinungen des Auferstandenen
sind „Sagen" (S. 108), gebannt in „märchenhaft leuchtenden
Bildern" (S. 108), und bei der Schilderung des
Gerichtes in Mt. 25 fühlt sich Verf. an Grimmsche Märchen
erinnert (S. 67).

Die Kirche hat durch ihre Organisation diese Per-

j sönlichkeit unterdrückt. Ihre Lehre ist Mythus, der schon

! beim Johannes-Prolog einsetzt (! S. 24 f.), sich über
Tatian (S. 189) bis zum Nicaenum erstreckt, das das
Prädikat „fremdartig" erhält (S. 318 — für das Dogma
von der hypostatischen Union hat Verf. überhaupt kein
Wort übrig). Einen zweiten „Sündenfall" bedeutet Cyprian
mit seiner Einführung der Organisation (S. 234),
Athanasius geleitet mit seiner Abendmahlslehre an die
„Schwelle eines gefahrvollen Zaubergartens" (S. 307),

I und Augustin beteiligte sich an dem „zur Zauberhand-
lung entarteten Kultus" (S. 374) und schuf in der Prädestinationslehre
einen neuen „Mythos" (S. 377). Fürwahr
, mit primitiveren Mitteln kann man wohl kaum
Kirchengeschichte schreiben!

Da Verf. den Leser „mit magnetischer Kraft" (S.
102) fesseln will, so bedient er sich — in Ermanglung

I leitender Gesichtspunkte — wenig glücklicher Ersatzmittel
. Er schmückt seine Darstellung mit billigen Erzählungen
aus, liebt novellistische Ausmalungen, ohne
sich dabei um die Quellen zu kümmern, und schwelgt
besonders gern in Landschaftsbildern, über deren ästhetische
Bedeutung das Urteil ja auseinandergehen kann.
Um die Geschichte möglichst plastisch zu gestalten, bedient
er sich ferner zahlreicher Vergleiche, wobei die Wandervögel
und die Sozialdemokraten besonders hoch im
Kurse stehen. Zu den Vorläufern ersterer Bewegung
rechnet er Johannes d. Täufer (S. 33), die „Erweckungs-
bewegung" nach Jesu Tod (S. 109), den Montanismus
(S. 217), die alten Christen ob ihrer Anspruchslosigkeit
(S. 239) und Benedikt v. Nursia (S. 413 f.). Mit den
Sozialdemokraten werden z. B. die Pharisäer verglichen
(S. 82), die Christen, die in der Verfolgung zusammenhielten
(S. 304), wobei die kaiserlichen Edikte mit dem
Sozialistengesetz gleichgesetzt werden (S. 288), während
die alexandrinische Katechetenschule bald eine Parteischule
der SPD, bald eine Volkshochschule ist (S. 239 f.).
Beliebt sind ferner beim Verf. Vergleiche antiker Personen
mit modernen (z. B. Marcion-Luther, S. 206),
gern wird auf moderne Gedichte und Novellen zur Erklärung
hingewiesen (S. 30, 57, 59, 185 f., 259, 350,
390 u. ö.), und es fehlt nicht an Anregungen für Maler
(S. 96, 326) und Dichter (S. 414) zur weiteren Aus-

I führung der vom Verf. entworfenen Bilder.

Damit das Buch moderne Leser in seinen Bann
ziehen kann, hat Verf. auch die Rassenfrage mit
hineingearbeitet, und er gewinnt hier einen neuen Beur-
teiiungsstandpunkt. So ist Marcion eine „griechischindogermanische
Gelehrtennatur" (S. 207), so soll Arius
eine Synthese von semitischem Monotheismus und griechischer
Logoslehre erstrebt haben (S. 308, 322), so ist
Augustin mehr Punier als Indogermane (S. 372), semitischer
Abstammung und daher charakterisiert durch
materialistisches (sie!) Denken (S. 374), während Ori-

I genes (Verf. schreibt ständig Origines) „durchaus ein
Grieche" ist (S. 238), der die „fröhliche Phantasie" des

I antiken Menschen besitzt und dessen Lehre man durch
ein Gedicht C. F. Meyers erklären kann (S. 245).

Man frage den Verf. nicht, wieviel Migne-Bände er

i durchgearbeitet hat, selbst Augustins confessiones hat er

j nur flüchtig gelesen, sonst könnte er nicht verwundert
fragen, warum Augustin noch zwei Jahre mit seiner
geplanten Verehelichung warten mußte (S. 363), sonst

j könnte er nicht behaupten, daß Rom um 380 eine christliche
Stadt war (S. 386). Von Origenes hat Verf.
kaum eine Kenntnis, das hindert ihn jedoch nicht an der

I Behauptung, daß der größte Fehler dieses Theologen

; darin bestanden habe, das Böse in der Materie zu suchen