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Ausgabe:

1933 Nr. 4

Spalte:

67-68

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rad, Gerhard von

Titel/Untertitel:

Das Gottesvolk im Deuteronomium 1933

Rezensent:

Galling, Kurt

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 4.

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einzudringen.) So sind es ganz andere Fragen, zu deren
Beantwortung Richtlinien aus dem AT. eingeholt werden
, Fragen um Völkerbund und Kriegsdienst, um Freihandel
und Autarkiebestrebungen, um Sport und Sonntagsheiligung
usw. Ohne Zweifel wird hierzu viel Bedeutsames
, oft aber auch recht Anfechtbares gesagt.
Wichtiger aber scheint mir das 4. cp., die Untersuchung
des gegenseitigen Verhältnisses von Prophet und Priester
, zu sein. Von Interesse ist hier besonders die Meinung
, die kultfeindlichen Äußerungen vorexilischer Propheten
seien nur als Protest gegen die blutigen Opfer
zu verstehen, eine Hypothese, die schon allein an Arnos
5, 21 ff. scheitert. Für den Verf. ist freilich diese Theorie
notwendig, um Prophet und Priester, diese zwei
wichtigen Figurenreihen der israelitischen Religionsgeschichte
, trotz aller Betonung der wechselseitigen Spannungen
, einigermaßen untereinander in Zusammenklang
bringen zu können.

So vermittelt das Buch weniger neue Einblicke in
a.t.-liche Fragestellungen, als beachtsame Einsichten in
die englische Psyche von heute.
Berlin. Leonhard Rost.

Rad, Repetent Lic. theol. Gerhard von: Das Gottesvolk im
Deuteronomium. Stuttgart: W. Kohlhammer 1929. (IV, 100 S.)
gr. 8°. = Beiträge z. Wiss. v. A. u. N. T., H. 47. RM 5.40.

Nachdem „der Kampf um das Deuteronomium" (vgl.
W. Baumgartner in Theol. Rundschau 1929) wenn
auch nicht in allen Punkten entschieden, so doch zur
Ruhe gekommen ist, wird man sich um so mehr der
vorliegenden Studie erfreuen, die einen neuen Ausgangspunkt
der Betrachtung gewählt hat und sozusagen von
innen heraus das deuteronomische Problem anfaßt. Der
Verf. verzichtet auf einen Vergleich vom Dt.-Corpus mit
dem Bericht über die Reform Josias, verzichtet auf eine
literarische Analyse (die Weiterungen des ursprünglichen
singularischen Corpus zeigen keine inhaltlichen Verschiedenheiten
), und sucht von den bezeichnenden Gedanken
und Formeln die Eigenart des Dt. zu umreißen. Als
Zentralidee erscheint die des Gottesvolkes psrip ds>)
Die Geschichte des Gottesvolkes ist die einer Erwählung
(von Ägypten), einer einmaligen Landverleihung und
eines freigewährten Segens; das Komplement dazu sind
die Forderungen, die in dein „Gott von ganzem Herzen
und ganzer Seele lieben" gipfeln. Ein Vergleich mit
dem Bundesbuch zeigt in der bewußten Betonung des
Volksbruders, daß „sich Israel gleichsam von außen sah
und in der inzwischen vollzogenen Entwicklung das
religiöse Problem seiner Sonderexistenz erkannte" (S.
13). Die Beschränkung auf den Volksgenossen ist nicht
ein Rückschritt gegenüber allgemeiner Feindesliebe (das
Bb. denkt in Ex. 23, 4 an den persönlichen Feind), sondern
in der Ausweitung auf alle Volksgenossen eher ein
Fortschritt. Die Kultuszentralisation mit dem Passahfest
(El hör st, ZAW. 1924) will als eine Überwindung
aller individuellen (oft egoistischen) religiösen Wünsche
verstanden sein, sie lenkt die fromme Reflexion auf die
Gesamtheit des Gottesvolkes. Das Verhältnis des Volkes
zu Jahwe war zwar immer an sittliche Bedingungen geknüpft
, aber das Objekt der Gotteshilfe wird jetzt anders
erkannt. „Sicher hat man früher viel ungebrochener die
nackte irdische Existenzfrage des Volkes vor Jahwe gebracht
, während im Dt. sich insofern unverkennbar eine
Wandlung vollzogen hat, als nunmehr Gottes Heilswirken
einer höheren geistigeren und ungleich mehr religiös
betonten Aufgabe dient. Mit der geläuterten Anschauung
von der Universalität Jahwes vollzog sich im
Dt. eine viel reifere Reflexion über die innerlichen Forderungen
gerade dieses Gottes an sein Volk" (S. 23).
Im kultisch religiösen Leben des Gottesvolkes bedeutet
die Zentralisation des Kultus auf Jerusalem nicht eine
Bindung Jahwes an den Tempel; es ist beachtlich, ja
auffallend, daß gerade das Dt. immer von Gott im Himmel
spricht, der seinen „Namen" in Jerusalem wohnen
läßt. Hier wird, so scheint es mir, eine bereits beim Elo-

histen (Gen. 28, 17) im Hintergrund stehende Vorstel-
j lung vom „Erscheinungstempel" der himmlischen Gott-
I heit theologisch durchdacht und geformt. Der Segen
I Jahwes umfaßt die irdischen Güter. „Das Dt. befindet
i sich in einem Stadium, in dem das Verständnis für die
j Relativität irdischer Güter noch nicht gereift ist . ., sie
I unterliegen einer schlechthin absoluten Wertung" (S.
I 41). Vom „Gottesvolk" sind auch die sog. Humanitäts-
i gesetze zu verstehen, sie sind nach des Verf.'s Meinung
„ein Ausdruck der bedingungslosen Solidarität aller —
j einerseits in der Sünde, andererseits im Segen der Gnade.
Alle sind Sünder, und dieser Umstand legte größte Zurückhaltung
auch dem verschuldeten Mitbruder gegenüber
auf" (S. 44). Ob man diese „paulinische" Anschauung
wirklich angesichts Dt. 30, 11 f. aufrecht erhalten
kann? Mit Recht wird auf das Fehlen der Eschatologie
im Dt. hingewiesen (im Widerspruch zu S. 64, Anm. 3):
„Die entspannte Heilszeit duldet keine ängstliche Stimmung
, keine sklavische Bindung an Gesetz und Zeremoniell
. Auf dem Boden des freien innerlich gelösten Lebens
des Gottesvolkes vor Jahwe im Heilszustand
sprießen die schönsten Blüten alttestamentlicher Fröm-
j migkeit: Liebe zu Gott und Freude an seiner Huld"
(S. 61). In zwei Anhängen handelt der Verf. über „die
Auflösung des dt. Volksgedankens" und über „das Dt.
und die großen Propheten". Dadurch daß die Prophetie
den gegenwärtigen Geschichtsmoment immer dynamisch
| faßt, was dem Dt. abgeht, ist auch bei inhaltlichen
Ähnlichkeiten die innere Eigenständigkeit des Dt. deutlich
. Die Bemerkungen über Jeremia hätte man gern
etwas stärker ausgeführt und begründet gesehen. Alles
in allem ist von Rad's Arbeit ein beachtlicher Beitrag
zur Dt.-Forschung.

Halle a. S. Kurt Galling.

Meecham, Henry G.: The Oldest Version of the Bible. London
: Holborn Publishing House 1932. (XXVI, 371 S.) 8°. geb.5sh.

Unter diesem eigenartigen Titel gibt der Verf. eine
englische Übersetzung des Aristeas-Briefs samt wissenschaftlichen
Zutaten. Die Übersetzung verwendet oder
verwirft Textverbessserungen von Mendelssohn, Wendland
, Thackeray und Früheren. Die sehr ausführliche
Abhandlung bespricht Autorschaft, Entstehungszeit und
Zweck (Kap. 1 u. 2), die Literargeschichte der Legende
über den Ursprung der LXX und den historischen
Wert des Aristeasbriefs (Kap. 3 u. 4), Anspielungen
historischer, geographischer, sozialer, politischer, religiöser
und anderer Art (Kap. 5), die literarische Form
(Kap. 6), Quellen und Beziehungen in Hekatäus, Esra-
; Nehemia, III.Makk.und I. (III) Esra (Kap. 7), die Lehr-
l weise über Gott und den Menschen, das Gesetz, Götzen-
j Verehrung, Übel und Böses, Gebet und Gottesdienst
! (Kap. 9), ethische und psychologische, politische und
j soziale Lehrweise (Kap. 10 u. 11). Anhänge (Kap. 12)
j besprechen die alexandrinisch-jüdische Gemeinde, Per-
j sonennamen, neutestamentliehe Reflexe, die Verwendung
j bei Josephus, den Wert der LXX (S. 339—346, m. E. zu
! kurz) und geben endlich eine Tabelle der wichtigsten
I jüdischen Apokryphen und Pseudepigraphen mit an-
; nähernder Datierung, am Schlüsse einen Index. v

Es ist mir etwas fraglich, ob der Aristeasbrief eine
| so ausführliche Behandlung auf fast 400 Seiten verdient
. Aber es steht manches Interessante in dem Buche.
Bei der Datierung (S. 347) muß ich der Ansetzung der
syr. (hebr.) Baruch-Apokalypse (auf 50—100 n. Chr.)
I vor IV. Esra (120 n. Chr.) energisch widersprechen
und verweise auf meine Ausgabe in den Griech. Christi.
; Schriftstellern der Preuß. Ak. d. W., Bd. 18 und 32.
i Daß Esra vor Baruch entstanden ist, glaube ich mit
1 Sicherheit bewiesen zu haben. Hoffentlich sind Mee-
chams andere Ansetzungen sicherer als diese zwei. Gewiß
aber verdient die sorgfältige und großangelegte Arbeit
j die Beachtung der Fachleute.

! Berlin. B. Violet.