Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1933 Nr. 3

Spalte:

60-61

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bachmann, Philipp

Titel/Untertitel:

Nun aber halte ich dein Wort. Ausgewählte Predigten 1933

Rezensent:

Usener, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

69

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 3.

60

te. Aber es bleibt dabei, daß der Haupttitel des
Werkes mehr erwarten läßt, und der Leser hat ein starkes
Interesse daran zu sehen, in welchem Umfange und
welcher Art die Dominante in der neueren Zeit zur
Geltung kommt. Diesem Mangel wird in einer neuen
Auflage umso leichter abzuhelfen sein, als das vorliegende
Werk ausgezeichnet ist durch große Geschlossenheit
und Klarheit in der Durchführung. So
sehr E. hie und da ins Einzelne geht, so gleitet die
Untersuchung doch kaum irgendwo von der Hauptlinie
ab. Er verfällt nicht der nahel Legenden
Gefahr, eine Geschichte der Protestantischen Theologie
zu geben, sondern bemüht sich um ein Gesamtbild
, dessen charakteristische Züge sich dem Leser
unverlierbar einprägen.

Dieser erste große Versuch einer Darstellung des
Luthertums als eines Ganzen darf als gelungen bezeichnet
werden. Er ist im wesentlichen der außergewöhnlichen
Quellenkenntnis und der wahrhaft kritischen
Haltung des Verfassers zu verdanken. Einzigartig erscheint
die Vertrautheit des Verfassers mit den literarischen
Quellen des 16. und 17. Jahrhunderts. Das Kirchenlied
könnte stärker herangezogen sein, aber dafür
hat der Verfasser im übrigen den Radius der für die
Einzelforschung und die Gesamtschau infrage kommenden
Quellen soweit gezogen wie niemand vor ihm. Dazu
kommt die Selbständigkeit des Urteils, die in der folgerichtigen
Ablehnung jedes Versuchs einer Repristination
wie in der scharfsinnigen Überprüfung neuerer Thesen
zu Tage tritt. Wenn sich E. dabei des öfteren gegen
Troeltsch wendet, so ist das nicht verwunderlich. Es
schien längst an der Zeit, den von Troeltsch gegebenen
Aufriß einmal im großen Zusammenhang und aus primären
Quellen heraus einer Prüfung zu unterziehen,
um so mehr als manches Urteil von Troeltsch von der
sog. Profanhistorie ziemlich unbesehens aufgenommen
worden ist. Anders als Troeltsch arbeitet E. niemals
allein an Hand von Quellen sekundärer Art. Auch kann
man es dem Verfasser nicht verdenken, wenn er, freilich
nur an vereinzelten Stellen, dem Sarkasmus freien Lauf
läßt, da nämlich, wo allzuwenig begründete Behauptungen
allzuleicht weiter getragen werden, z. B. in dem
Kapitel über die Mission, wo E. die landläufige Behauptung
, als habe das Luthertum kein positives Verhältnis
zur Mission gehabt, auf Grund der Quellen und
unter Herausarbeitun°; der entscheidenden Gesichtspunkte
als allzuschwach fundiert zurückweist, oder wenn
er im Abschnitt über die Kirche die weitverbreitete soziologische
Verfälschung des lutherischen Kirchengedankens
aufdeckt oder die Zweisphärenlehre Luthers in ihrer
Überlegenheit gegenüber dem mittelalterlichen Ideal der
Theokratie, das im Calvinismus teilweise erhalten geblieben
ist, verstehen lehrt.

Die bei aller Akribie der Untersuchung doch sehr
flüssige Darstellung erscheint berufen, weit über
den Kreis der Theologen hinaus zu einer Fundgrube soliden
Wissens und klarer Urteile zu werden. Die Profanhistorie
wird es besonders dankbar begrüßen,
wenn dem ersten Teil, dem sie außer einem Gesamteindruck
und zuverlässigen Einzelnachweisen die Berichtigung
landläufiger Urteile entnehmen kann, ein zweiter
Folgt, der die Wirkungen des Luthertums in Wirtschaft,
Staat und Politik behandelt. Es ist ein Bau auf sicheren
Fundamenten, den E. aufgeführt hat. Mögen einzelne
Träger noch nicht ganz richtig stehen und einzelne Bindungen
der Überprüfung bedürfen: Der Bau als Ganzes
ist ein Meisterstück. Wird der zweite Band die
Höhenlage des ersten behaupten, dürfen wir bei aller
Kritik im einzelnen von einer wahrhaft großen Leistung
sprechen, die nicht nur die historische Einsicht, sondern
auch die Praxi s, wenn anders sie des sicheren Fundamentes
nicht entraten will, in hervorragendem Maße befruchten
wird.

Oldenburg. Heinrich Tileniann.

Köberle, Prof. Dr. Adolf: Christentum und modernes Naturerleben
. Drei Vorlesungen. Gütersloh: C. Bertelsmann 1932. (70 S.)
gr. 8°. = Stud. des apologet. Seminars. Hrsg. i. Auftr. d. Vorstandes
v. C. Stange. 33. H. rm 2—,

Von seiner über „Modernes Natur- und Schicksals-
i erleben" auf der Tagung des Apologetischen Seminars in
| Helmstedt gehaltenen Vorlesung legt uns der durch
| sein großes Buch über „Rechtfertigung und Heiligung"
schnell bekannt gewordene jetzige Basler Systematiker
I Adolf Köberle in unserer Publikation den Inhalt der
I drei ersten Stunden vor. Wir werden zunächst mit dem
j Grundsätzlichen zur Frage der Auseinandersetzung zwischen
Christentum und moderner Weltanschauung bekannt
gemacht, werden dann tief in das Wesen des modernen
Naturerlebens eingeführt, um endlich die Stellung
des Evangeliums zur Natur kennen zu lernen. Überaus
packend weiß der Verfasser zu zeigen, wie das moderne
Erleben in besonders eindrucksvoller Weise die tiefe
Zwiespältigkeit zum Ausdruck bringt, die durch das
Reich der Natur allenthalben hindurchgeht. Der Vergötterung
der Natur steht gegenüber die Flucht aus der
Natur; beide werden uns in ihrem Gegensatz mit allen
Folgen ihres positiven Widerspiels geradezu erschreckend
deutlich vorgeführt. Dieses Erschreckende kehrt dann
'. ins Allerpersönlichste gewandt im letzten Teil wieder,
! wo wir erfahren, daß das Wort Gottes den Mut hat,
die Verantwortlichkeit für die Zerrissenheit dem Menschheitsich
zuzuschieben.

Der Verfasser weiß bestimmt, daß dieser biblische
Aspekt in der Beurteilung der Dissonanzen der Natur
und damit alles, was sich aus ihm ergibt, die einzigrichtige
Lösung des gesamten Fragekomplexes ist. Er
weiß aber auch, wie schwer diese Lösung nicht nur dem
natürlichen, sondern ebenso auch dem vom Evangelium
erfaßten Menschen eingeht. Er hat selbst das Empfinden,
daß der Zusammenhang von Weltschuld und Kreaturen-
leid, von Sünde und1 Tod, noch eines stärkeren Ausbaues
bedarf, als er ihn uns gegeben hat. Wir können dem
Verfasser ein derartiges Empfinden wohl nachfühlen,
möchten aber doch fragen, ob es nicht ein Stück der
allerschwersten Problematik des christlichen Glaubens
ist, das sich hier und gerade hier auswirkt! Würde
Paulus sein Wort vom stückweisen Erkennen nicht sehr
bestimmt über seine Ausführungen über das Seufzen der
Kreatur setzen? Aber gerade, weil die behandelten Fragen
so schwer und doch so brennend sind, wünschen
wir dem Verfasser für die in Aussicht gestellte weitere
Bemühung um diese Probleme das Beste.

Heidelberg. Robert J e I k e.

! Bachmann, Philipp: Nun aber halte ich dein Wort. Ausgewählte
Predigten. München: Chr. Kaiser 1932. (VIII, 194 S.) 8°.

RM 3.50; geb. 4.80.

Rendtorff, Heinrich: Die heimliche Gemeinde. Evangelische
Reden. 2. Aufl. Schwerin: Fr. Bahn [1930]. (140 S.) gr. 8°.

RM 3.20; geb. 4.30.

I Schowalter, Dr. August: Vom Reiche Gottes. 50 Predigten.

Leipzig: A. Klein 1932. (688 S.) gr. 8°. RM geb. 12—.

I Stephany, Maximilian: „Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr
nicht." 28 Predigten über Texte des Alten Testamentes. Riga:
G. Löffler 1932. (XII, 115 S.) gr. 8°. RM 2.40; geb. 3.60.

1. Auf den Wunsch einer dankbaren Gemeinde, die diese Predigten
des verstorbenen Universitätspredigers gehört hat, sind sie gedruckt
worden. Das eigenartige Titelwort aus Ps. 119,67b ist gewählt, weil aus
ihm diese Predigten geboren sind. Nach dein Vorwort des Herausgebers
sind sie hervorgegangen aus einer echten Worttheologie, aber auch
Zeugnisse einer Erfahrungstheologie, die mit zitternder und doch freudiger
Glaubensgewißheit zu sagen wagt: „Nun aber halte ich dein
j Wort." Die Predigten stammen im wesentlichen aus den letzten Lebens-
I jähren des Verfassers, die Angaben der Altarlektion und der Lieder zeigen
j den sorgfältig arbeitenden Liturgen. B. hat eine originelle Art, auch
j sonst kaum in der Gegenwartspredigt verwandte Texte auszulegen, so
| zum Advent 1. Mose 3, 13—15, Gottes Kampf und Sieg, oder Weih-
I nachten 1. Mose 3, 20-4,1 in Verbindung mit Luc. 1,26—35 Eva und
| Maria und das Kind in der Krippe, voll tiefstem evangelischen Gehalt
[ und z. T. voll poetischer Schönheit, denen gegenüber anfängliche Be-
j denken, z. B. daß es unklar bleibt, ob der Prediger diese Urgeschichte
i für wirkliche Geschichte hält, zum Schweigen kommen. Die Personen