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Ausgabe:

1933 Nr. 2

Spalte:

29-31

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Achelis, Hans

Titel/Untertitel:

Die Bischofchronik von Neapel ( von Johannes Diaconus u. a.) untersucht 1933

Rezensent:

Lother, Helmut

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 2.

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solche Operationen am Römerbrief, dem gegenüber die
Apostelgeschichte, nicht nur in den Wir-Stücken, auf
einmal als primäre Quelle gewertet wird, liegt in dem
Vorurteil, daß 2 spätere Fiktionen beim Römerbrief den
eigentlichen Tatbestand überdecken (die theologische
Fiktion vom Römerbrief als Katechismus des Paulinismus
und die geographische Fiktion der Reise nach
Spanien), und in der Meinung, daß weder aus Apg.
18,2 noch aus Apg. 28 die Existenz einer Christengemeinde
in Rom vor 60 sich ergebe (die „Brüder"
28, 14f. müssen Juden sein!). Nicht jeder, der die
literarischen Probleme des Römerbriefs und die historischen
Probleme der Anfänge des Christentums in Rom
in ihrer ganzen Schwere vor Augen sieht, wird den
Mut haben, ihre Lösung mit so kleinen, aus der Luft gegriffenen
Mitteln einer Konjekturalkritik zu versuchen,
die durch eine unbewährte Grundanschauung von der
Verdunkelung der Urgeschichte des Christentums durch
die älteste Tradition nicht gerechtfertigt wird.

Die 5. Untersuchung sucht das Problem des Parallelismus
zwischen Paulus und Petrus als den beiden
großen und einigen Hauptaposteln durch eine kritische
Analyse von Gal. 2,7—8 zu lösen. B. hält das zweimalige
nt'Tpoc hier, statt des bei Paulus sonst ständigen
Kntpöc. und die unpaulinische Struktur der Verse für
Kennzeichen einer Interpolation, die nach Marcion, aber
vor Irenäus entstanden sei, „der klassische Ausdruck für
das antimarcionitische Kirchendogma von dem einträchtigen
Parallelwirken der beiden Apostel" (S. 28). Doch
Gal. 2, 7—8 ist weder stilistisch noch inhaltlich unpau-
linisch; B. selbst verweist auf Gal. 2,9 mit demselben
missionarischen Parallelismus (S. 21 Anm. 26) und auf
Rom. 15,16 (Interpolation!?); aber auch Gal. 1,16; 2,
2; Rom. 11,13 wären zu nennen. Mit seiner Behauptung
, Tertullian wisse von dem heutigen Interpolationstext
noch nichts (S. 25ff.), irrt B. handgreiflich; denn
de praescr. haer. 23: „inter se distributionem off ich ordi-
naverunt, non separationem evangelii, nec ut aliud alter,
sed ut aliis alter praedicarent, Petrus in circumcisionem,
Paulus in nationes" setzt Bekanntschaft nicht nur mit
V. 9, sondern mit dem ganzen Zusammenhang v. 7ff.
voraus. Allein auf den Namen IIktqoc, — ein textliches
Problem für sich, zu dem A. Merx, Die 4 kanonischen
Evangelien 11,1 (1902), 160 ff. bis jetzt das Beste gesagt
hat — läßt sich natürlich keine Interpolationshypothese
gründen. Und schließlich ist das sachliche
Problem „Paulus neben und mit Petrus" ohne Heranziehung
von 1. Kor. 9,1 ff. und 15, 5 ff. gar nicht zu
lösen.

B.s überscharfsinnige Studien verlieren sich ohne
überzeugende Kraft, z. T. in seltsamer Weitschweifigkeit,
in Einzelheiten, die nicht zu beweisen vermögen, was
sie beweisen sollen. Einen positiven Ertrag für die Aufhellung
der Urgeschichte des Christentums, insbesondere
für die Befreiung des geschichtlichen Paulusbildes von
der entstellenden Retusche der altkatholischen Tradition,
kann ich in ihnen leider nicht entdecken.

Göttingen. Johannes Behm.

Achelis, Prof. Dr. Hans: Die Bischofchronik von Neapel (von
Johannes Diaconus u.a.) untersucht. Leipzig: S. Hirzel 1930. (IV,
92 S.) 4°. = Abhandlungen d. sächs. Akad. d. Wissensch., philolog.-
hist. KL, XL. Bd., Nr. IV. RM 6—.

Die nur im Cod. Vat. lat. 5007, saec. IX/X, erhaltene
Chronik der Bischöfe von Neapel wurde bis auf
die kritischen Untersuchungen, welche G. Waitz 1878
seiner Ausgabe in den Monum. Germ. bist. (Script,
rerum Langob. et italic. saec. VI—IX) beifügte, für ein
Werk des Johannes diaconus gehalten. Diesem ist aber,
wie Waitz nachgewiesen hat, von den zu unterscheidenden
drei Teilen nur der mittlere zuzuschreiben. Was
Achelis veranlaßte, die Untersuchung des Dokumentes
noch einmal aufzunehmen und weiterzuführen, war die
Frage, ob und wieweit es kritisch gesicherte Beiträge
für die Kirchengeschichte Neapels, speziell die Geschichte
der Katakomben und der kirchlichen Bauten, abwirft,
also dieselbe Frage, welche ihn schon bei der Untersuchung
des Marmorkalenders in Neapel (Leipziger Programm
1929) geleitet hatte.

Korrekturen in dem genannten vatikanischen Kodex
zeigen, daß er nach Fertigstellung mit einer von dem

j betr. Korrektor für besser gehaltenen Handschrift ver-

I glichen wurde; eine solche setzt auch der ebenfalls von

| Waitz a.a.O. edierte Catalogus episcoporum Neapolita-
norum, ein Auszug aus der Chronik, voraus, sodaß
also der Vaticanus nicht, was Waitz für möglich hielt,

' als das Original der Bischofschronik angesehen werden
kann. Hier ist demnach bereits eine Möglichkeit, durch

| Vergleiche weiterzukommen. Der entscheidende Weg
aber, ein Urteil über den Wert der Bischofsliste, der
überlieferten Daten und Tatsachen zu gewinnen, ist

i der, ihre Mitteilungen an der gleichzeitigen kirchlichen
Literatur zu prüfen. Er ist schon von neapolitanischen

j Lokalhistorikern seit dem 17. Jhdt. eingeschlagen wor-

! den und wird auch von Bartolomeo Capasso beschritten

I in seiner Ausgabe der Chronik in den Monumenta ad

i Neapolitani ducatus historiam pertinentia (Tom.I, Neapel

| 1881), wobei dieser allerdings auch die griechischen
Akten des h. Januarius, die eine späte Fälschung sind

| (vgl. Exkurs III vorliegender Arbeit), ganz zu unrecht
wieder stark heranzieht.

Achelis untersucht auf dem so vorbereiteten Wege
die beiden Hauptteile der Chronik nacheinander, den

j von einem Anonymus stammenden und bis zum
Jahre 763 reichenden ersten Teil, der aber, obwohl

j noch in Unzialen geschrieben, nicht mit Waitz dem
Ende des 8. oder Anfang des 9. Jhdts. zugeschrieben
werden kann, vielmehr um die Mitte des 9. Jhdts. anzusetzen
ist, weil er den nach 821 erfolgenden Reliquientransport
aus den Katakomben in die Stadt voraussetzt
, und den von Johannes diaconus um das Jahr

| 900 niedergeschriebenen zweiten. Der dritte Teil umfaßt
nur einen kurzen fragmentarischen Absatz. Die
Untersuchung ergibt Folgendes: Den Ausgangspunkt des

I Ganzen bildet ein nur zehn Namen umfassendes Ver-

| zeichnis neapolitanischer Bischöfe, das um die Mitte
des 4. Jhdts. zusammengestellt wurde. Diese Liste ist
natürlich unvollständig, es hat bis zu ihrer Aufstellung

| viel mehr Bischöfe Neapels gegeben, als sie nennt. Sie
ist dann aber regelmäßig und richtig fortgeführt wor-

I den und zeigt in ihrem weiteren Verlauf keine Auslassungen
und Fehler mehr. Mindestens seit der 2.
Hälfte des 4. Jhdts. wurde sie jeweils nach dem Tode

[ des betr. Bischofs mit kurzen Einträgen versehen, welche
sich auf seine kirchlichen Bauten und sein Begräbnis

I beziehen. Um dieselbe Zeit begann man auch die Amtszeiten
der Bischöfe zu notieren nach dem Schema und
offenbar unter dem Einfluß des gleichzeitigen Catalogus
Liberianus, was umso interessanter ist, als Neapel
sonst in kirchlicher Beziehung durchaus unter dem Einfluß
Konstantinopels steht, bis Paul II. nach der Mitte
des 8. Jhdts. die bedeutsame kirchenpolitische Schwenkung
von Konstantinopel und seinen bildergegnerischen
Kaisern zum bilderfreundlichen Rom hin vollzog (vgl.
Exkurs II: Neapel im Bilderstreit). Diese Amtszeitenangaben
sind aber entweder von Anfang an nicht richtig

j eingetragen worden oder überaus schlecht erhalten, je-

j denfalls ganz unzuverlässig. In der 2. Hälfte des 5.
Jhdts. machte man sich daran, auch die gleichzeitigen
Päpste und Kaiser zu vermerken, und trug sie vom An-

| fang des 4. Jhdts. an nach, zuverlässiger aber erst, je
mehr der Schreiber sich der eigenen Zeit nähert. Auch

j hier erkennt man die Einstellung auf Konstantinopel:
solange das Reich geteilt ist, werden fast nur die Regenten
der östlichen Reichshälfte berücksichtigt. Diese
Rubrik ist dann später mehr oder weniger fehlerhaft

I fortgeführt worden. Um die Mitte des 9. Jhdts. end-

j lieh hat der anonyme Historiker des ersten Teils die
Bischofsliste nach dem Muster des Liber pontificalis in

I eine Chronik umgestaltet, indem er eine große Biblio-