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Ausgabe:

1933 Nr. 26

Spalte:

470-472

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Budde, Karl

Titel/Untertitel:

Die biblische Paradiesesgeschichte. Erklärt 1933

Rezensent:

Schmidt, Hans

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 26.

470

suche des berühmten italienischen Sterndeuters Lucas
Gauricus auseinanderzusetzen, der darauf hinauskam,
Luthers Geburtsdatum um der astrologischen Konse- i
quenzen willen auf den Oktober 1484 zu verlegen.
Denn das Jahr 1484 war das Jahr einer seit langem besprochenen
außerordentlichen Planeten-Konjunktion. Für
den 23. November 1484 und die zugehörige Konjunktion
von Saturn und Jupiter im Zeichen des Skorpions war
schon Jahrzehnte vorher das Erscheinen eines revolutionierenden
Mönchspropheten vorausgesagt. Davon kann
man bei Pica della Mirandola und genauer bei Paul
von Middelburg und Johann Lichtenberger lesen. In.-
dem also Gauricus Luthers Geburtsdatum verlegte, konnte
er Luther als diesen, seiner Deutung nach äußerst
verderblichen Mönch hinstellen. Die antilutherische Polemik
berief sich auf diese im damaligen Sinne wissenschaftliche
Tatsache. Umso notwendiger war die Widerlegung
des Gauricus von protestantischer Seite, — und
da ist es nun höchst bezeichnend, daß sie weder von
Carion, noch von Pfeyl oder Reinhold einfach durch
die Luthers eigener Versicherung folgende Richtigstellung
des Geburtsjahres geschah. Keiner wollte vielmehr
auf die Folie der großen Konjunktion verzichten, oder
— gerechter gesprochen — keiner glaubte den bürgerlichen
Tatsachen mehr als den astrologischen. So richtet
sich die Bemühung der Lutheraner denn lediglich auf
eine andere Deutung der Nativität. Dabei hat Luther
selbst aus seinem Unglauben an die „Sternkücker" niemals
ein Hehl gemacht. Allein auch bei ihm bedeutet
das nichts Aufklärerisches. An zur Selbstbesinnung von
Gott gesandte Vorzeichen (etwa das Auftreten der Syphilis
oder auch von Mißgeburten) hat er so fest)nie an
den Teufel geglaubt. Das zeigt nicht zum wenigsten seine
Vorrede zu der Neuausgabe von Lichtenbergers Weissagungen
. Warburg druckt sie, sowie den genannten
Brief Melanchthons, und Luthers Aussprüche über
die Astrologie im Anhang in extenso ab. Aber die Abhandlung
ist noch reicher, als sie diese Inhaltsangabe
erscheinen lassen kann. Melanchthons Papstesel und
Luthers Mönchskalb, aber auch Dürers Stich der Mißgeburt
eines Schweines werden in den Zusammenhang
der Monstren - Prophezeiungen gestellt. Anläßlich der
großen Saturn-Jupiter-Konjunktion wird eine sehr anregende
Übersicht über die Bedeutung Saturns und der
Saturnkindschaft gegeben. Im Anschluß daran entwickelt
Warburg seine Deutung von Dürers Melancholie, die
dann Saxl und Panofsky weitergeführt haben. Und gerade
an dieser Stelle schlägt wieder in menschlich wahrlich
bewegender Weise Warburgs eigenes Lehensproblem
durch. Denn gemäß der astrologischen Überzeugung
Ficinos hat Dürer unter dem Bilde seiner Melancholie
dargetan, wie der krankhafte und unfruchtbare Trübsinn
des Saturnskindes nicht allein durch die (hinten im Bilde
angebrachte) Zahlentafel des Jupiter sondern auch durch
eigene schöpferische Konzentration zum Heile gewandt
werden kann. So führt diese letzte publizierte Arbeit
Warburgs wie schon seine Dissertation auf die Überwindung
der dämonischen Antike durch jene freie, harmonisch
entfaltete Menschlichkeit hin, welche die Hochrenaissance
in der Antike gesehen hat.

Damit aber steht dieses ganze Lebenswerk am Ende
als „eine große Konfession" vor uns. Denn der Weg
„per monstra ad sphaeram", aus der Welt der Dämonen
in die reine Luft eines apollinischen, olympischen Ideals
war der Weg, den Warburg zu gehen bestrebt war.
Dieses, man mag sagen goethische, man mag sagen
aufklärerische Ideal (S. 479!) stand ihm stets vor Augen.
Aber die Dämonen in ihm waren stark. Bis in schwere
und lang andauernde Krankheit haben sie ihn getrieben.
Durch strengste, gewissenhafteste, aber eben doch auch
wieder besessene Arbeit hat er sie besiegt. Sein Stil,
dieser prägnante, oftmals aufklärerisch-witzige, immer
aber schwer beladene Stil legt allenthalben von diesem
Ringen Zeugnis ab. Und wer wird zu entscheiden wagen
, ob die unersättliche Ausweitung seiner Kenntnisgebiete
auf das goethische Ideal oder auf die dämonische
Veranlagung zurückführe?

Denn was diese beiden Bände enthalten, ist ja nicht
annähernd alles, was Warburg geschaffen hat. Seine
eigene letzte Zusammenfassung, der Atlas „Mnemosyne
— eine Bilderreihe zur Untersuchung der Funktion vorgeprägter
antiker Ausdruckswerte bei der Darstellung
bewegten Lebens in der Kunst der europäischen Renaissance
" (da hat man Warburgs Stil!), war bei seinem
Tode noch nicht vollendet. Er soll als dritter Band der
Gesammelten Schriften bald erscheinen. Kunstwissenschaft
und Religionswissenschaft dürfen ihm mit gleicher
Spannung entgegensehen. Überdies aber besteht ja, wirkungsreicher
als es die Schriften allein hätten sein
können, die aus Warburgs großen Mitteln in Hamburg
geschaffene Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg.
1902 wird als ihr Entstehungsjahr genannt. Ihre große
Anregungskraft datiert aber bezeichnenderweise doch erst
auf die Zeit nach dem Kriege, d. h. die Zeit der beginnenden
Abwendung der jungen Kunsthistoriker-Generation
vom einseitigen Formalismus, zurück. Fritz Saxl
ist ihr Leiter. Sie veröffentlicht zwei allenthalben bekannte
Reihen kulturwissenschaftlicher Arbeiten: die Vorträge
und die Studien. Außerdem ist eine nicht geringe
Anzahl junger Forscher in musterhafter Gemeinschaft
daran tätig, Warburgs Werk wissenschaftlich immer weiter
auszubauen. Den besten Beweis dafür liefert die
Herausgabe der vorliegenden Bände. Denn die Editoren
haben nicht nur bewundernswert sorgfältig gearbeitet,
sondern auch bewundernswert bescheiden ihre eigenen
Ergebnisse, zumeist sogar ohne Namensnennung der
Beiträger im einzelnen, in den überreichen Anhängen verborgen
.

Güttingen. Nikolaus Pevsn er.

Budde, Karl: Die biblische Paradiesesgeschichte. Erklärt
Gießen: A. Töpelmann 1932. (III, 92 S.) gr. 8°. = Beih. z. Zeitschrift
f. d. Alttestamentl. Wiss., 60. RM 4.80.

„Ich freue mich, nun das goldne Jubiläum einer, ich
darf sagen, fleißigen Mitarbeit durch dieses kleine Buch
begehen zu können." Dieser Schlußsatz des Vorwortes
kennzeichnet das Einzigartige dieser Veröffentlichung:
Vor jetzt 50 Jahren hat Karl Budde zum ersten Mal über
die Paradiesesgeschichte geschrieben (in seinem in der
Pentateuchkritik Epoche machenden Werk: „Die biblische
Urgeschichte, Gen. 1—12,5"). Jetzt ist es dem
Dreiundachtzigjährigen vergönnt, nochmals das Wort zu
nehmen, und in die gegenwärtigen Verhandlungen über
den Gegenstand seiner Jugendarbeit, die zugleich eine
Meisterarbeit war, einzugreifen.

Es sind im Wesentlichen zwei Anliegen, die den
Verfasser bestimmt haben, zur Feder zu greifen:

1) will er „der straffen Einheitlichkeit der Paradiesesgeschichte
zu ihrem Rechte verhelfen", will „das
unglückliche Postulat einer Zusammensetzung der Paradiesesgeschichte
aus mehreren Quellen" zum Schweigen
bringen,

2) will er, „ihren ebenso tiefen wie einfachen Sinn
in schlichter, unbedingter Unterordnung unter ihren
Wortlaut darlegen".

In der Verfolgung des ersten Anliegens werden eine
Reihe von Schwierigkeiten, die die Frage nach einem
doppelten oder gar dreifachen Faden in der Erzählung
immer wieder haben laut werden lassen, durch einen
Eingriff in den Text beseitigt, so z. B. der Widerspruch,
der in dem Nebeneinander von 2,5b: „denn Jahwe
hatte noch nicht regnen lassen über der Erde und Menschen
gab es noch nicht, den Boden zu bearbeiten" und
2,6: „Und ein Nebel (so übersetzt Budde das schwierige
Wort) hob sich über die Erde, der durchfeuchtete die
ganze Fläche des Bodens" liegt. Hier werden 5 ba und
5 b ß „als ein unüberlegter Nachgedanke" eines Lesers
kurzer Hand gestrichen. In 2, 8 f., wo zweimal die Entstehung
des Gottesgartens („Dann pflanzte Jahwe einen