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Ausgabe:

1933 Nr. 24

Spalte:

443-445

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wilutzky, Konrad

Titel/Untertitel:

Wissenschaft und Christentum in der Einheit des abendländischen Kulturbewußtseins 1933

Rezensent:

Schümer, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 24.

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bart sich im Zeitlichen, das Geistige im Sinnlichen,
und die Offenbarung wird vernichtet,... wagen wir es,
sie vom Zeitlichen und Sinnlichen abzutrennen" (S. 59).
Darum führt die radikal verabsolutierende Werttheorie
ebenso an echter Kultur vorbei wie eine ausschließliche
Physiognomik.

Die Kultur zeigt ein Doppelantlitz, weil sie Korrelat ;
des Menschen ist und weil der Mensch selbst Bürger
zweier Welten ist, weil auch der Mensch schwankt zwischen
Zeitlichem und Zeitlosem (S. 61). Darin ist das
Tragische der Kultur begründet: alle Kultur ist Wurf
zum Vollkommenen hin und bleibt doch dem Unvolt-
kommenen verhaftet. Gerade der Wertvollste ist am
meisten gefährdet: das Genie ist nie nur Wertebringer,
es ist auch Wertezerstörer (S. 62).

Was das Tragische vom Traurigen unterscheidet, ist
die Korrelation von Opfer und Wert. „Der Hymnus
auf das Wertleben erbraust im Klagegesang des Tragischen
" (S. 66). Das Tragische ist sinnvoll und versöhnend
. „Die echte Tragik gehört zum Sein-sollenden
der Kultur" (S. 71). Das griechische Ideal des geheiligten
, vergotteten Lebens bewährt seine Echtheit in der
Haltung zum Tode. Die Griechen sehen im Tode „die
Aufgabe letzter Lebensbewährung und Werterfüllung"
(S. 73).

Der überaus klar geschriebenen, vorsichtig abwägenden
Untersuchung gelingt es, zentrale Fragen der
menschlichen Existenz zu klären, die gerade heute besonders
dringlich sind. Wenn jedoch die Beziehung
des Menschen zur Kultur „für den Menschen schlechthin
entscheidend" genannt wird, wenn sie als der Weg des
Menschen bezeichnet wird, auf dem „alle seine Triumphe
liegen und auch all seine Not" (S. 24), dann ist zu
fragen, ob nicht doch der Kultur religiöser Wert zugesprochen
wird. Zwar wird die Vergottung der Kultur
ausdrücklich bekämpft. Doch ist die Abhandlung getragen
von dem antiken „Ideal des geheiligten, vergotteten
Lebens" (S. 72): das Leben ist eine gefährliche Angelegenheit
. Es ist umgeben von drohenden Abgründen
(S. 13). Doch Pflicht und Würde rufen den Menschen
dazu auf, bis an den äußersten Rand seiner Kräfte nach
möglichst hohen Werten zu streben. Dann wird dem
grausamen Tod zum Trotz die dunkelglühende Siegessymphonie
erklingen (S. 72 f.).

So tritt der Gegensatz zum christlichen Glauben deutlich
hervor. Gott ist Grenze, nicht Erlöser. „Keine Religion
wird den Abgrund zu Gott schließen; eine vernünftige
"Religion wird das gar nicht versuchen" (S. 64).
Demut wird verstanden als Wissen um das dem Menschen
gesetzte Maß. Schuld gehört notwendig zum Wesen
des Menschen. Ausschweifungen können „in gewissen
Grenzen sinnvoll, entschuldbar, ja tragisch" werden
in ihrer Beziehung zum Wertleben (S. 80). Schuld
ist unerläßlich zur Verwirklichung höherer Werte (S. 81).
Nur in einer solchen heroischen Frömmigkeit kann auch
dem Tragischen zentrale Bedeutung zukommen.

Vom christlichen Glauben aus ist eine so Ungebrochene
Verherrlichung der Kultur unmöglich. Für ihn
steht Kultur unter dem Zeichen: Ad majorem Dei
gloriam.

Eidinghausen. Wilhelm Schümer.

Wilutzky, Dr. Konrad: Wissenschaft und Christentum in der

Einheit des abendländischen Kulturbewußtseins. Soziologie u. Christentum
. Grundlegung zur Kritik des Christentums. Leipzig: O. R. Reis-
land 1932. (VII, 97 S.) 8°. RM 3.80.

Die Abhandlung will die These Hegels ausführen,
daß das Christentum durch sein Prinzip der Freiheit
„das soziale Grundphänomen des Abendlandes" (S. 6)
sei. Durch diese Entdeckung sei Hegel der Begründer
der Soziologie und (nach Augustin) der zweite Philosoph
des Christentums. An ahn anknüpfend will Wilutzky
eine philosophische Begründung der Soziologie
und eine Kritik des Christentums geben.

1. Zur Soziologie: die moderne Soziologie nach
Hegel, vor allem Marx und Weber, habe das „philosophische
Band zwischen Christentum und Gesellschaftswissenschaft
durchschnitten" (S. 6). Sie habe darum
wohl das Material der Soziologie erweitern können, indem
sie neue „Ursachen" der sozialen Entwicklung
entdeckte, sie habe aber den „Grund" dieser Entwicklung
vergessen. Die Soziologie habe aber nicht nur ein
historisch-realistisches, sie habe auch ein moralischidealistisches
Ziel.

Soll die These von der Bedeutung des Christentums
für die soziale Entwicklung des Abendlandes fruchtbar
werden, dann müßte das Prinzip der christlichen Freiheit
näher bestimmt und abgegrenzt werden. Es müßte im
Einzelnen nachgewiesen werden, welche Bedeutung dieses
Prinzip für die revolutionäre Bewegung des Abendlandes
hat; denn für diese Bewegung, die ja auch die
bolschewistische Revolution umfaßt und die längst auf
die anderen Erdteile übergegriffen hat, sind ja auch ganz
andere Momente bestimmend. Hier vermißt man eine
ernsthafte Auseinandersetzung mit Marx und Weber.
Weiter hätte der Verfasser, der wiederholt Dostojewsky
zitiert, sich von Dostojewsky sagen lassen müssen, daß
das Verlangen nach Freiheit zweideutig ist. Weil der
Verfasser nicht mit der Zerspaltenheit des Menschen und
der Geschichte rechnet, darum bleiben seine Behauptungen
weithin Konstruktionen.

2. Zur „Kritik des Christentums": Hegel habe Kant
gegenüber das Verdienst, daß er das Christentum wieder
als geschichtliche Erscheinung begriffen habe. Darum
müsse im System Kants an die Stelle der „praktischen
Vernunft" das „Christentum" gesetzt werden als „das
allgemeine wirkliche Prinzip unserer Welt" (S. 9). Weiter
müßten wir mit Schopenhauer unterscheiden zwischen
Metaphysik und Religion. „Das dem Leben selbst innewohnende
Gesetz der Religion" sei: „eine Widerstandskraft
zu sein gegen das Leid" (S. 27). Zu Unrecht habe
Schopenhauer diesen von ihm selbst entdeckten „kerauno-
logischen Gottesbeweis" verworfen.

Die Tat Christi bestehe darin, daß er für diese
Funktion des Lebens den adäquaten Ausdruck gefunden
habe: im Prinzip der Liebe. Prinzip des Christentums
sei also nicht, wie Hegel will, die Freiheit, sondern die
Liebe. In der Liebe sei das Heilende der Natur verbunden
mit der helfenden Kraft des Menschen, in der Liebe
zweige die Religion ab in Ethik.

Das Christentum sei die erste und einzige Religion,
die mit der Wissenschaft in demselben (abendländischen)
Kulturraum verbunden sei. Zwar habe die Wissenschaft,
vor allem Kopernikus und Kant, den alten „Schicksalsraum
" der abendländischen Welt, den Himmel, zerschlagen
. Doch sie habe dadurch den Weg frei gemacht
für die Entdeckung eines neuen Schicksalsraums: des
abendländischen Kulturraums. Dieser Kulturraum werde
geformt durch Wissenschaft und Christentum.

Zu einer „Kritik des Christentums" wäre es erforderlich
, daß mit der Einsicht in den geschichtlichen
Charakter des Christentums ernst gemacht würde. Doch
wird das Wesen des christlichen Glaubens nicht getroffen
. Der christliche Glaube gründet sich nicht auf das
Bewußtsein seiner Lebensnotwendigkeit, sondern auf
Offenbarung. Die christliche Liebe kann nicht verstanden
werden, wenn nicht die Korrelation von göttlicher
und menschlicher Liebe gesehen wird. Die für den
christlichen Glauben wesentlichste Bestimmung der Welt
ist nicht das Leid, sondern die Sünde. Man kann das
Wesen des Christentums nicht erfassen, wenn man von
Sünde, Glaube, Gemeinde, Gott absieht. Es scheint, daß
für den Verfasser all diese Grundbegriffe des christlichen
Glaubens zu dem „transzendentalen Schein der Metaphysik
" gehören, der durch die „Wissenschaft" zerstört
ist. Christentum ist für ihn die subjektive Erscheinung
der natürlichen Religion (S. 56). Bei dieser Behauptung
und bei dem ihr zugrunde liegenden Verständnis von
„Christentum", „Metaphysik", und „Wissenschaft" wird
die Kritik einsetzen müssen.

Der Verfasser erschwert den Zugang zu seinen Gedanken
durch verworrenen Stil, unklare Fassung der Be-