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Ausgabe:

1933

Spalte:

433-435

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfister, Oskar

Titel/Untertitel:

Religiosität und Hysterie 1933

Rezensent:

Beth, Karl

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Seite 1, Seite 2

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Theologische Literaturzeitung

BEGRÜNDET VON EMIL SCHÜRER UND ADOLF VON HARNACK

unter Mitwirkung von Prof. D. HERMANN DÖRRIES und Prof. D. Dr. GEORG WOBBERMIN, beide in Göttingen

HERAUSGEGEBEN VON PROFESSOR D. WALTER BAUER, GÖTTINGEN

Mit Bibliographischem Beiblatt in Vierteljahrsheften. Bearbeitet von Lic. Dr. phil. REICH und Lic. H. SEESEMANN, beide in Göttingen.

Jährlich 26 Nrn. — Bezugspreis: halbjährlich RM 22.50

Manuskripte und gelehrte Mitteilungen sind auescbliefilich an Professor D. BAUER in Güttingen, Düstere Eichenweg 14, au senden,
Rezensionsexemplare ausschließlich an den Verlag. Gewahr für Besprechung oder Rücksendung von anverlangt gesandten Rezensionsexemplaren
, besonders noch bei Zusendung nach Göttingen, wird nicht übernommen.

VERLAG DER J. C. HINRICHS'SCHEN BUCHHANDLUNG, LEIPZIG C 1

58. JAHRGANG, Nr. 24 25. NOVEMBER 1933

Spalte

Bertholet: Götterspaltung und Göttervereinigung
(Merkel)............435

Buonaiuti: La Chiesa Romana (Koch) . 436

Danzel: Symbole, Dämonen und heilige
Türme (Beth)................435

D i e k a m p: Katholische Dogmatik nach den
Grundsätzen des heiligen Thomas (Koch) 441

_._—__——%_

Spalte

Eisenhofer: Handbuch der katholischen
Liturgik (Schian)..............441

Grau: Das Kirchenpatronatrecht in Württemberg
unter d. Verfassung v. 25. Sept.

1919 (Meyer)................447

Jahrbuch für Liturgiewissenschaft (Schian) . 445
Kirkehistoriske Samlinger (Achelis).....440

Spalte

Pf ist er: Religiosität und Hysterie (Beth). 433
Studien der Luther-Akademie (Wobbermin). 445
Utitz: Mensch und Kultur (Schümer) . . . 442
W i 1 u t z k y: Wissenschaft und Christentum

(Schümer).................443

Zeitschrift für bayrische Kirchengeschichte

(Bossert)..................438

Pf is ter, Dr. Oskar: Religiosität und Hysterie. Wien: Internationaler
Psychoanalytischer Verl. 1928. (151 S. mit 1 Abb. u.
4 Taf.) 8°. RM 4—; geb. 5.50.

Dies Büchlein des schweizerischen psychoanalytischen
Pfarrers enthält zwei schon in psychoanalytischen Organen
veröffentlichte analytische Darstellungen, nämlich
die der Mystikerin Margarete Ebner und eines von
Pfister selbst kurz behandelten jungen Holländers, eine
dritte, ebenfalls aus Pfisters Praxis hervorgegangene
Analyse einer Frau, die es erleben mußte, von 1904 an
durch etwa zwei Jahrzehnte als Hexe angesehen, zu
werden; und als „Anhang" eine prinzipielle Abhandlung
über „Die Religionspsychologie am Scheidewege"
(S. 111—149).

Die geschickt ausgeführten Analysen werden auch
dem nicht auf die psychoanalytischen Gedanken eingeschworenen
Leser manches Wertvolle an seelenkund-
licher Erkenntnis bieten. An der ersten interessiert uns
vor allem das Zustandekommen der Konstruktion der
von ihrem Erzeuger selbst nur als Augenblicksfiktionen
hingenommenen Einwände gegen das Dasein Gottes.
Der unleugbare starke erotische Einschlag bei M. Ebner
ist ja nicht erst von Pf. hervorgehoben worden. Daß
in der ganzen Haltung dieser Mystikerin scharfer Kontrast
gegen ,die wirklich evangelische Moral nach Anweisung
Jesu' obwaltet (56), wird von Vf. mit Recht
betont. Die Verallgemeinerung freilich macht bedenklich
:

,Aus allem ergibt sich, daß die religiöse Erotik einfach die sinnlichen
Begierden austoben läßt. Wie in der Hunnenschlacht die Getöteten
als Geister der Luft weiterkämpfen, so die sexuellen Triebe der
Margareta Ebner, Ludwig von Zinzendorfs und zahlloser anderer Mystiker
An die Stelle einer Transformation der Libido in ethisch produktive
, soziale und kulturelle Leistungen ist eine bloße Elevation getreten,
für welche der Ehrenname einer Sublimierung viel zu gut ist.' (56)

Wir kennen viele Mystiker auch des MA.s, von denen
ähnliche Züge nicht überliefert sind, und es ist anzunehmen
, daß es gerade in dieser Hinsicht sehr verschiedene
Einzelfälle gibt. Das bedeutendste Stück im Buch
ist m. E. die Analyse der modernen Hexe. Was da zur
Beleuchtung des Hexenglaubens überhaupt beigebracht
ist, wirft auf religiöse Irrmeinungen weithin beachtliches
Licht. Auf eine ausführliche Darstellung der seelischen
Entwicklung der Frau folgt eine »psychologische Auswertung
', welche mit feiner Ironie zeigt, wie diese heut
als Hexe verdächtigte Frau eben jene Grundeigentümlichkeiten
aufweist, die im MA. zur Konstatierung einer
Hexe führten. So kommt Pf. zu dem Ergebnis, daß der

Hexenglaube auf dem Bestreben des Menschenherzens,
die eigne Bosheit auf eine andere Person zu überfragen,
also auf der Pharmakosidee beruht. ,Aus Verdrängungen,
und zwar Abschiebungen böser, unerlaubter Regungen
gingen sie (die Hexenmerkmale) hervor.' Nicht nur
strukturell sondern auch historisch meint Pf. die Entstehung
des Hexenwahns zu erklären, wenn er sagt:
,Der Hexenglaube erweist sich als eine schlechte metaphysische
Deutung richtiger psychologischer und tiefenpsychologischer
Einsichten' (105 f.), als ,eine unerhört
raffinierte Konstruktion' der sich schamlos ins Heiligkeitsgewand
kleidenden Unsittlichkeit — in Freudscher
Terminologie: ,Das Es läßt sich vom Ober-Ich den
Hexenglauben entwerfen, um mit seiner Hilfe das Ichideal
in seinen Dienst zu zwingen.'

In dem prinzipiellen Anhang sucht Vf. vor allem
über das von ihm heftig kritisierte Girgensohnsche Streben
nach einer experimentellen Methode religions-psycho-
logischer Einzeluntersuchungen hinauszuführen durch die
Forderung nach einer streng genetisch vorgehenden und
auf die von Girgensohn ganz vernachlässigten feineren
und feinsten Übergänge und Zusammenhänge im psychischen
Ganzen achtenden Religionspsychologie. In dieser
Forderung ist ihm unbedingt zuzustimmen. Was Girgensohn
in seinen bahnbrechenden Untersuchungen wollte,
das religiöse Erleben in seinem Aufbau zu verfolgen,
das ist nur bei konsequentem analytischem Vordringen
zu den im großen Ganzen unbewußt sich abspielenden
Umformungsprozessen innerhalb der Anteilnahme der
Psyche an religiösen Feststellungen möglich. Und nur
so erlangt diese wissenschaftliche Arbeit die Möglichkeit,
die bloß von außen beobachtende Rolle mit einer praktischen
Einflußnahme auf religiöses Wesen und Werden
zu tauschen. Sowohl der Religionshistoriker wie der
Dogmatiker und Ethiker bedürfen einer psychologischen
Bildung, welche die Entstehung religiöser Phänomene,
religiöser Vorstellungen, Gedanken, Reaktionen, Verhaltungsweisen
, Rücksichtnahmen usw. verstehen lehrt, einer
auf die spezifische Eigenart der religiösen Psyche angewandte
und anwendbare Wissenschaft von der menschlichen
Gesamtpsyche. Daß der von der Psychoanalyse
bisher gelieferte Beitrag das nicht leistet, liegt auf der
Hand. Auch sie erreicht nicht die Erkenntnis jener
Tiefen der ontischen Gewahrwerdung, in denen der
Mensch in seinem Fragen nach und Ringen um Existenz
den Antrieb zu einer Antwort, zum Geben oder Hören
einer Antwort auf das Woher und Wohin seiner spezi-

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