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Ausgabe:

1933 Nr. 23

Spalte:

425-427

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rintelen, Fritz-Joachim von

Titel/Untertitel:

Der Wertgedanke in der europäischen Geistesentwicklung 1933

Rezensent:

Winkler, Robert

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 23.

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formein der Schleiermacherschen Theologie ausging und
so wenigstens eine sichere geschichtliche Gestalt als
Vorwurf hatte, sieht Nebe von vorneherein von einer
direkten Kenntnis mystischer Texte und Schriftsteller ab,
stellt sich vielmehr aus einer Einsicht in die neuere sekundäre
Literatur über die Mystik ein Zerrbild und geduldiges
Phantom zusammen, das er in Stücke schlägt.
Nur selten finden sich unmittelbare Anspielungen und Zitate
aus mystischen Texten, die wenigen sind zudem
meistens nicht den Originalen, sondern der zweiten Literatur
entnommen. So entstammen die Zitate aus Katharina
von Genua Martin Bubers „Ekstatischen Konfessionen
", die Stellen aus Ruysbroeck dem Buch von G. Do-
lezyck, die Ficino-Stellen dem Dreß'schen Werk, Eriu-
gena wird nach dem Buch von Dörries, Johann von
Kreuz nach Zahns Einführung in die christliche Mystik
zitiert. Nimmt man hinzu, daß die Kenntnis über die
Chlysten dem Rasputin-Buch von Fülöp-Müller entnommen
sind und die paar Eckehard-Zitate dem ominösen
Bittner'schen Werk entstammen, so spricht sich der
Verfasser durch diese Fundamentierung seiner theologischen
Arbeit selbst das Recht ab, über Mystik sachliche
theologische Aussagen zu machen, und vollends das
Recht, die Mystik samt und sonders in den Orkus
zu verweisen. Nur auf Grund dieser Unkenntnis
der geschichtlichen Gestalt der Mystik ist es
möglich, Mystik zu verstehen als „Gesamtversuch,
jegliche Gefährdung der Existenz auf rational-transrationalem
Wege im Prinzip aufzuheben". Der Vorwurf,
daß die „letzte Voraussetzung" der Mystik „die These
einer zeitlosen Identität von Gottheit, Ich und Welt ist",
— er ist seit dem Ekkehard-Prozeß schon tausendmal
erhoben worden — darf aber nicht über die geschichtliche
Tatsache hinwegtäuschen, daß die christliche Mystik
sowohl in den Vertretern der augustinisch-bernhardi-
nisch-franziskanischen als auch der neuplatonisch-dominikanischen
Linie immer wieder nachdrücklich den Gedanken
unterstreicht, daß am Anfang der Beziehung
zwischen Gott und Mensch die Sünde, die Nichtidentität,
der kreatürliche Abstand steht und daß die Identität
letzthin doch nicht erreicht wird durch ein Tun, sondern
durch ein Leiden, durch die Erfahrung der Wiedergeburt
. Zugegeben, daß in den letzten radikalen Konsequenzen
der mystischen Theologie der Abstand zwischen
creatura und creator verschwimmt, so zeigt doch gerade
die Geschichte der christlichen Mystik in Deutschland,
daß die mystische experientia einer christlichen Deutung
fähig ist und daß in dem Gedanken der exinanitio, in
der metaphysischen Deutung des Leidens und der imi-
tatio Christi, in der theologia crucis, in dem Gedanken
von der resignatio ad infernum, vor allem aber auch in
den subtileren Zügen des Mißtrauens gegen visionäre
Verzückungen, des Hinweises auf den IlTusionscharakter
der pseudogeistlichen dulcedo — Dinge, die der Verf.
nicht kennt — d. h. gerade in den Grundmotiven der
Frömmigkeit der christlichen Mystik dieser Verwischung
des natürlichen Abstandes zwischen Gott und Mensch
und der Zersetzung des Sündenbegriffs vorgebeugt wird.
So ist die Gefährdung des christlichen Denkens durch
die mystische Theologie nicht so schlimm wie die Gefährdung
durch die Existenz-Theologie, welche auf Grund
der grimmigen Unterstreichung der absoluten Transzendent
Gottes leicht dazu getrieben wird, den Gedanken
der Inkarnation und damit die Christologie preiszugeben
und welche — wie man z. T. auch aus dem Verhalten
zu den aktuellen Existenzfragen ablesen könnte — überhaupt
dazu führen kann, auf das Wahrheitsproblem zu
verzichten.

Halle-Saale. Ernst Benz.

Rlntelen, Fritz-Joachim von: Der Wertgedanke in der europäischen
Geistesentwicklung. Teil I: Altertum u. Mittelalter.
Halle a. S.: M. Niemeyer 1932. (XX, 304 S.) gr. 8°. = Das Philosophische
Wertproblem I. v. F.-J. v. Rintelen. RM 9—; geb. 11—.
Der Hauptteil des 1. Bandes dieses großangelegten

Überblickes über die Geschichte des Wertgedankens in

der europäischen Geistesentwicklung will an der Philosophiegeschichte
der Antike und des Mittelalters zeigen,
welche zentrale Stellung in ihr das Suchen nach Erfassung
des Guten oder Werthaften einnahm und welch
tiefgehenden Einfluß es auf die Systembildungen ausübte
(S. 81). Die Grundlinien der Entwicklung, die
sich ihm bei seiner sorgfältigen philosophiegeschichtlichen
Arbeit ergeben haben, sind in Kürze folgende:

An die Stelle eines objektiv-inhaltlichen Wertdenkens
eines ethischen Idealismus (Sokrates, Plato, Aristoteles)
tritt mit dem Ausgang der Antike zunehmend die Zu-
rückführung des Wertes auf die Wertungen des individuellen
Subjektes (Epikuräer, Stoiker). Mit dem untergehenden
Wertglauben macht sich ein haltloser Individualismus
breit, auf Grund dessen sich der einzelne
jeglicher Bindung entwindet und dem die Kraft fehlt,
wie auf der Höhe des antiken Denkens, die sinnlichnatürliche
und die geistig-übernatürliche Hemisphäre der
Welt in einer Einheit zusammenzuhalten. Das Christentum
hat dann einen neuen objektiven Wertglauben aufgerichtet
. Unter dem Impuls des christlichen Geistes
erreicht das Denken auf der Höhe der Scholastik wieder
die enge Verbindung von Sein und Wert (Th. v. Aqui-
no). Aber daß, gerade wie in der Antike, bei einer allzu
starken Einschätzung des Allgemeinen die Wertindividualität
keine volle Würdigung fand, gibt den Anlaß für
die wertphilosophischen Zerfallserscheinungen am Ende
des Mittelalters, die in die Neuzeit hinüberleiten. Diese
ist charakterisiert durch den Prozeß einer neueinsetzenden
Wertsubjektivierung, die an Stelle des objektiven
Wertes die subjektive Wertung, an Stelle des auf das
Allgemeine gerichteten Intellekts den das einzelne ergreifenwollenden
Willen, an die Stelle überpersönlicher
Kollektive, den souveränen Einzelnen setzte, die schließlich
auch die mittelalterliche harmonische Durchdringung
von Natur und Übernatur, von Welt und Kirche in einen
Dualismus von Profanem und Religiösem zerbrach. Der
Umbruch zum neuzeitlichen Wertdenken ist ein allmähliches
Versanden des mittelalterlichen Wertethos (S. 279).
„Die Neigung des deutschen Geisteslebens zu Unklarheit
und gründlichen' Übertreibungen" (das wird an
Eckehart konstatiert, S. 262) hat die Auflösung des
objektiven Wertdenkens und das daraus entspringende
Wertchaos in besonderer Weise begünstigt. (Das
steht nicht direkt da, liegt aber in der Gedankenlinie
des V.s.)

Aus dieser Deutung der Philosophiegeschichte ergibt
sich für den V., welche Marschroute das wertphilosophische
Denken einzuschlagen hat, wenn es aus dem wertphilosophischen
Debacle der Gegenwart herauskommen
will. Das Hauptergebnis ist, daß sich in der philosophischen
Entwicklung eine kontinuierliche objektiv-realisti-
sohe Linie verfolgen lasse: es gebe auch in wertphilosophischem
Sinn eine philosophia perennis (S. 44). Sie
wird, wie in den einleitenden Kapiteln ausgeführt wird,
in einem objektiven Wertrealismus gesehen.
Dessen Front wendet sich einerseits gegen subjektiv-psychologische
Werttheorien, die im Wert nur eine unselbständige
Spiegelung der Wertung sehen. Aber der Wert
ist etwas Objektives und lebt nicht von Gnaden des Subjektes
, das ihn behauptet. Die andere Front, gegen die
sich der V. wendet, ist der wertphilosophische Idealismus
(vor allem Rickerts), der den Wert vom Sein
ablöse und so einen Dualismus beider heraufbeschwöre.
Demgegenüber fordert der V. die Wiedervereinigung
von (idealem) Geist und (konkretem) Leben (S. 47).
Man könne kein für sich geltendes Idealsein des Wertes
annehmen (S. 37). Die Wertprinzipien würden nur immanent
im realen Sein auftreten (S. 37). Der Vollzug
in der Zeit lasse die geltend-begriffliche Wertidee
zum Realwert werden (S. 53). Der Grundgedanke
der aus der Kontinuität der europäischen Geistesge-
schichte abgelesenen Werttheorie ist also, Sein und Wert
miteinander zu verkoppeln. Der Wert ist im Sinne des
V.s der tiefste Grund für die Berechtigung des Seins.