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Ausgabe:

1933 Nr. 23

Spalte:

414-419

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Althaus, Paul

Titel/Untertitel:

Das Neue Testament Deutsch. Neues Göttinger Bibelwerk. 2. Bd 1933

Rezensent:

Windisch, Hans

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413

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 23.

414

der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1931, Phil.
Hist. Abt. Heft 1, gehandelt. P. Alban Dold hat ein
besonderes Geschick, die Zusammensetzung einer Handschrift
übersichtlich darzustellen. Wir bewundern das
hier an 2 Schemata S. 4 f. und 15 ff. Danach bestand
die alte Handschrift aus 21 Lagen mit etwa 160 Blättern
in ursprünglicher Größe von 20,6x17 cm. Von diesen
sind 54 Vollblätter und 3 Halbblätter erhalten, die, zerschnitten
und zusammengelegt, auf 16 Lagen verteilt, die
neue Handschrift im Format von 12x9,5 bildeten. Jede
Seite hatte 23 Zeilen in einer Spalte. Die Psalmen sind
ganzzeilig mit Versabsetzung geschrieben. Die Schrift
weist, wie Dold durch sorgfältige Vergleichung mit anderen
Handschriften zeigt, in die ersten Jahrzehnte des
6. Jh. nach Norditalien in die Zeit vor Gründung des
Klosters Bobbio — Allgeier nennt ohne weitere Begründung
das Scriptorium von Verona —. Nicht ganz glücklich
ist die Fassung des Titels; es sollte heißen „eine
altlateinische Übersetzung in einer Handschrift
des frühen 6. Jh." Die Entzifferung dieser Handschrift
und der diplomatisch genaue Abdruck ihres Textes S. 1*
bis 28* bilden ein neues Ruhmesblatt des Beuroner
Palimpsest-Instituts.

P. Dold nimmt von einer Bemerkung P. Lehmanns Gelegenheit,
sich über die Palimpsest-Entzifferung mit Hilfe von Reagentien oder
von Fluoreszenz-Photographie zu äußern. Er hat gewiß recht, daß die
früher angewendete Methode großen Schaden angerichtet hat und nicht
mehr zur Verwendung kommen sollte. Wo Reagentien ihre zerstörende
Wirkung ausgeübt haben, kann die Photographie nichts mehr an den
Tag bringen. Mein Bedenken, ob auch das photographische Verfahren
ähnlich wie die Röntgenstrahlen auf den menschlichen Körper schädlichen
Einfluß auf Pergament oder Tinte haben könnte, hat P. Dold mir brieflich
widerlegt: Handschriften, die er vor 20 Jahren aufgenommen hat,
zeigten heute keine Veränderung.

Die überlieferungsgeschichtliche Auswertung des
neuen Fundes hat der Herausgeber dem Professor Allgeier
überlassen, dessen zahlreiche auf den altlateinischen
Psalter bezügliche Arbeiten man S. XIV verzeichnet findet
. Dieser hat mit unendlichem Fleiß das Verhältnis
des neuen Textes P zu den bisher bekannten Psalterien
untersucht mit dem Ergebnis, daß P, nächst verwandt
dem Verona-Psalter R, ein ganz frühes Beispiel der europäischen
Umbildung der afrikanischen Urform des Psalters
darstellt, in vielen Zügen noch früher als das Psalterium
Romanum und das mailänder Ambrosianum, dem
mozarabischen Psalter nahe verwandt.

Die Studie zerfällt in 3 Teile: a) Grundlagen für die Bewertung
der verschiedenen Textrezensionen. Der 118. Psalm in der altlateinischen
Überlieferung S. 29—141; b) Methode der Untersuchung des St. Galler
Psalters S. 141-168; c) Sichtung der Lesarten des Schabtextes des
St. Galler Psalters S. 168—208. Teil a ist eine Studie für sich, die
nach Allgeiers eigner Erklärung S. 141 für die unmittelbare Beurteilung
von P wenig ergibt. Die Darstellung ist reichlich umständlich. Ps. 118
mit seinen 176 Versen wird siebenmal ganz, und das meist in Parallelspalten
abgedruckt: 1) nach Augustin und R, 2) nach dem sog. Psalterium
Romanum und Hilarius, 3) nach Ambrosius und dem mailänder Psalter,
4) nach 2 Fassungen des mozarabischen Psalters, 5) nach 2 Handschriften
von St. Germain-des-Pres und Corbie, 6) nach 2 Handschriften von St.
Gallen, 7) nach 2 Handschriften von Cues und Montecassino. Statt
dieser Anordnung, bei der man vieles vierzehnmal liest und doch noch
nicht das ganze Material, z. B. Cyprian, beisammen hat, wäre eine Zusammenfassung
in einen Text mit einem oder mehreren Apparaten sicher

Reichenauer Handschrift Karlsruhe Aug. 38 ohne weiteres gleichsetzt;
wer sagt uns, daß grade diese eine Handschrift den Text des Romanum
unverändert und durch andere Formen unbeeinflußt erhalten hat? Mit
Recht geht Allgeier davon aus — was auch Dom de Bruyne und Capelle
anerkennen —, daß alle lateinischen Psalterien auf eine afrikanische Urform
zurückgehen. Aber er nimmt R und Augustin als deren Zeugen,
während doch Dom de Bruyne überzeugend nachgewiesen hat, daß hier
eine höchst eigenartige augustinische Revision vorliegt. Dafür sprechen
grade die Zusammenstellungen über die verschiedenen Wiedergaben von
Quecröm und au>t;eiv; ist es doch eine bekannte Tatsache, daß die
Gleichförmigkeit nicht am Anfang steht, sondern erst Ergebnis sorgfältiger
Revisionsarbeit ist. afr wechselte mit den Ausdrücken, Augustin
führte erutre und salvum facere durch; auch magnanimis statt patiens
für paxQÖthjpo? verrät den Geist Augustins. Allgeiers Untersuchungen
sind so angelegt, daß man erwartet, P solle als Ergebnis von einer Verbindung
verschiedenster Einflüsse: als Grundlage afr, dann Romanum,
mailänder, spanische, gallische Fassungen, erwiesen werden, was freilich
schon mit seinem hohen Alter sich stieße. Am Schluß S. 207 kommt
die richtige Erkenntnis, daß P in der Gruppe der Lokaltypen entwicklungsgeschichtlich
früh steht und Elemente hat, die älter sind als R,
auch solche, die gegenüber Mi und G älter sind. Die Verwandtschaft
mit den spanischen Texten soll auf Entstehung im westgotischen Gebiet
weisen; S. 207 ist von Südgallien, S. 208 von Verona die Rede! aber
beweist die Verwandtschaft mit R etwas für Verona, wenn dies als Zeuge
einer augustinischen Revision erkannt ist?

Anhangsweise S. 29 *—37 * gibt P. Dold noch aus
derselben Handschrift 912 die Reste einer anderen
Palimpsesthandschrift des V. Jh.s, 3 Blätter (ursprüngliche
Größe 19,2x18 mit 15 Zeilen in prächtiger Un-
ziale), von denen 2 schon von Tischendorf und Burkitt
gelesen waren. Dold fügt das dritte hinzu. Es sind
Bruchstücke des Jeremias in vorhieronymianischer Übersetzung
, die Burkitt als donatistisch ansprechen wollte;
Dold weist nach, daß Tyconius jedenfalls einen beträchtlich
abweichenden Text hat. Aus der Tatsache, daß
in dem ps-augustinischen Dialog gegen Fulgentius der
Katholik nach der Vulgata zitiert, der Donatist nach altlateinischer
Übersetzung, folgt nicht, daß letztere donatistisch
nach Ursprung und Art ist, sondern nur, daß die
Akatholiken die alte Bibelform länger benutzten.

Mit Spannung darf man der S. 2 in Aussicht gestellten
Veröffentlichung eines weiteren Psalteriums entgegensehen
. 8 Tafeln mit 11 Schriftproben in vorzüglichem
Lichtdruck geben von den Schriften einen klaren
Eindruck.

Der wertvolle Band ist dem Andenken des Stiftsbibliothekars
Prälat Dr. A. Fäh (t 10. Dez. 1932) gewidmet
, dessen Freundlichkeit, alle, denen es vergönnt
war, auf der St. Gallener Stiftsbibliothek zu arbeiten, in
dankbarem Gedächtnis haben werden.

Halle a. S. E. von Dobschütz.

Das Neue Testament Deutsch. Neues Göttinger Bibelwerk. Unter
Mitwirkung von H. W. Beyer, F. Büchsei, F. Hauck, G. Heinzelmann
, J. Jeremias A Oepke, H. Rendtorff, j. Schniewind, H. Strath-
, n^11-? v. Paul Alt haus u. Johannes
-l Bd-:,, Apostelgeschichte und Briefe des Apostels Paulus

ubersetzt und erklart von P. Althaus, H. W. Beyer, H. Rendtorff, G.
Hemzelmann A Oepke U H.-D. Wendland. Güttingen : Vandenhoeck fr
Ruprecht 1932/33. (IV, 579 S.) gr. 8°. geb. RM 19.50; in Subskr. 16.80.

Dies neue Göttinger Bibelwerk ist keine Neubearbeitung
des alten der sog. Gegenwartsbibel, die Joh. Weiß
übersichtlicher gewesen. Allgeier erschwert dem Leser das Verständnis I ^n^Kr^f' „ JU!'Cner' Bo"Ss€t, Heitmüller, Baumgarseiner
Ausführungen stellenweise auch durch Unbestimmtheit des Aus- | ^""P1 £ a- herausgegeben hat und die zuletzt in
drucks. Auch in der nachfolgenden Untersuchung über die Varianten drltter von Bousset stark bestimmter Bearbeitung 1917
von P bekommt man vieles zwei- bis dreimal zu lesen. Dabei vermißt . herausgekommen ist. Es hat sich dieses Werk zwar zum
man S. 169 neben den 3 Tabellen PR:Hr, RHr: P undR:Hr:P noch ! Vorbild genommen in vielen Formalien (Form der Aus-
R:HrP, von RHrP:cett nicht zu sprechen. Hr als Sigel für das j legung, Einlegung von Exkursen), knüpft hier und da
Psalterium Romanum ist nach Dom de Bruynes Nachweisen ein Ana- auch in der Einzelausleffune an die ältere Frklürnncr an
chronismus.' Ein Fehler ist auch, daß Allgeier Hr mit dem Text der Es will weiter wie diesls finTBaM^fiStjJlrl^&lX

1) ist diese Angabe S. 29*, die mit S. 3 und dem Eindruck der det<r,n besonders aber den Religionslehrern, Pfarrern
Schrifttafeln streitet, ein Versehen? j auch Leitern von Bibelkreisen dienen. Es legt gleich-

2) Ich benutze diese Gelegenheit, ein Versehen in meiner Bericht- falls den gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen
erstattung ZNW 1933, S. 203 zu verbessern: es muß dort heißen: „er j eine altlateinische Form, ohne Näherbestimmung des Urhebers. Er findet
weist überzeugend Augustin die in der Psalter-Diglotte von Verona die erste Revision des Hieronymus erhalten in dessen vor 389 geschrie
enthaltene tat. Textform, eine Revision an der Hand griechischer Hand- benen Briefen und den von Dom Morin herausgegebenen Commentario i •
Schriften, zu." Dom de Bruyne erklart das sog. Psalterium Romanum für I s. Rev. Ben. 1930, 114 ff nerausgegeoenen commentarioh,