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Ausgabe:

1933 Nr. 22

Spalte:

402

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seeberg, Erich

Titel/Untertitel:

Goethes Stellung zur Religion. Vortrag 1933

Rezensent:

Schian, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 22.

402

Publ. par la Facultt: de Theologie Protestante de 1' Universite' de
Strasbourg. No. 28. Fr. 25-.

Es ist ein lohnendes und dankenswertes Unternehmen
, den Kirchenbegriff Bucers, des Kirchen- und Gemeinschaftsmannes
unter den Reformatoren, zum Gegenstand
einer besonderen Untersuchung gemacht zu haben.
Die vorliegende Arbeit des Genfer Pfarrers, die als
Nr. 28 in der Reihe der geschichtlichen und religionsphilosophischen
Studien der Straßburger protestantischtheologischen
Fakultät veröffentlicht worden ist, erhebt
nicht den Anspruch, eine erschöpfende Behandlung dieses
Themas zu bieten, sondern nur eine Darstellung in Umrissen
. Dementsprechend hat sich der Verf. darauf beschränkt
, vorläufig nur in den wichtigsten Druckschriften
Bucers dem Kirchenbegriff des elsässischen Reformators
nachzugehen.

Als Grundpfeiler der Kirche erscheinen in Bucers
frühesten Veröffentlichungen aus den Jahren 1523 und
1524 seine Lehre von der hl. Schrift und der Prädestination
. Die hl. Schrift ist definiert als das inspirierte
Gotteswort, eingekleidet in ein solches menschliches
Gewand, wie es unserm Bedürfnis und Verständnis am
besten entspricht. Die Prädestination hat bei Bucer
nicht bloß eine praktische und ethische Seite, wie Lang
in seinem Buch über den Evangelienkommentar Bucers
behauptet, sondern sie ist eine Betätigung der göttlichen
Allmacht. Die Kirche ist die Gemeinschaft der Erwählten
in Christo. In den Evangelienkommentaren der
Jahre 1527—1530 und im Kommentar zum Römerbrief
wird dieser Begriff weiter entwickelt; er ist beeinflußt
durch den doppelten Abwehrkampf gegen den Katholizismus
und die Wiedertäufer. Die Kirche, als die von
Christus auf dem Fels des Glaubens gegründete göttliche
Heilsanstalt, hat die Aufgabe, den Erwählten das
Heil zu verkünden und durch diese Verkündigung die
Verdammten auszuschließen. Kraft der Schlüsselgewalt,
die im hl. Geist und im Gotteswort besteht, und die
Christus nicht Einzelnen, sondern allen Erwählten anvertraut
hat, bauen die Christen durch gegenseitiges Ermahnen
die Kirche. Den Sakramenten ist der Charakter
als Gnadenmittel nicht zuerkannt. Zu einem definitiven
Kirchenbegriff kommt Bucer erst durch den Abschluß
der Wittenberger Konkordie. In seiner Schrift „Von der
wahren Seelsorge" (1538) bezeichnet er die Kirche als
die Versammlung und Gemeinschaft derjenigen in der
ganzen Welt, die verbunden sind in Christo durch seinen
Geist und sein Wort, auf daß sie Ein Leib seien und
Einer des Andern Glied zur Besserung des ganzen Leibs
und aller Glieder. Die Sakramente sind sinnlich wahrnehmbare
Zeichen, durch die Gott seine unsichtbaren
Güter spendet. Das geistliche Amt ist höher eingeschätzt
, als früher; durch seinen Dienst wirkt Gott, und
dieser Dienst ist unentbehrlich für Alle, die selig werden
wollen. Mit Recht macht Courvoisier darauf aufmerksam
, daß in Bucers definitivem Kirchenbegriff dessen
ursprüngliche Definition aus den Jahren 1523—1524
noch nachwirkt.

In einem Schlußkapitel redet der Verf. von dem
Einfluß Bucers auf Calvin. Gegen Doumergue und
Pannier erkennt Courvoisier mit Lang und Anrieh ein
entscheidendes Einwirken Bucers auf Calvins theologisches
Denken und insonderheit auch auf seinen Kirchenbegriff
.

Dorlisheim (Elsass). Joh. Adam.

Hof mann, Melchior: Melchior Hofmann gegen Nicolaus von
Amsdorf Kiel 1528. Mit Nachw. v. Oerh. Fick er. Preetz : Verein
f. Schleswig-Holstein. Kirchengeschichte (dch. J. M. Hansen) 1028.
(8 [7 Faks.] S.) 8°. = Schriften d.Vereins f. Schleswig-Holstein. Kirchengeschichte
, Sonderh. 5. RM 2—.
Das einzig erhaltene Exemplar dieses täuferischen

Schriftchens wurde von Fr. O. zur Linden aufgefunden.

Es befindet sich unter der Signatur Gal. XVIII 418, 12 in

der Zentralbibliothek zu Zürich. Jetzt ist es von Prof.

D. Dr. Gerhard Ficker im fünften Sonderheft des Vereins

für Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte in Faksimiledruck
zugänglich gemacht worden, wie es schon mit
Hofmanns vorausgehender Schrift gegen Amsdorf im
vierten Heft der gleichen Reihe geschehen ist. Ihr besonderes
Interesse gewinnen diese Schriften dadurch, daß
sie die ersten Kieler Drucke darstellen und zwar aus
einer Druckerei, die Melchior Hofmann selber dort eingerichtet
hat. Inhaltlich ist die Schrift ein Schlag in dem
Waffengang Hofmanns mit Amsdorf um die Frage seiner
Berechnung des jüngsten Tages auf das siebente Jahr
nach 1526. Mit der Behauptung, daß die hl. Schrift vor
allem in Dan. 12 und Apok. II und 12 für seine Prophezeiung
spräche, hält Hofmann seine schon früher bezogene
Stellung gegen Amsdorf fest. Nur die Tonart ist
gereizter.

Göttingen. F. H e y e r.

Seeberg, Erich: Goethes Stellung z. Religion. Ein Vortrag,
geh. i. d. Friedrich Wilhelms-Universität zu Berlin. Stuttgart: W.
Kohlhammer 1932. (28 S.) 8°. = Sonderdr. a. Zeitschr. f. Kirchengeschichte
, 3. Folge Bd. II. RM —75.
Die Themafrage ist drei Schwierigkeiten unterworfen; die erste
liegt in Goethes nicht einheitlich aufzufassender Persönlichkeit, die
zweite betrifft den Gehalt der Quellen; „seine Religion ist eingebettet
in seine Weltanschauung, sodali in seinem Sinn alles, was er sagt,
Glaubensbekenntnisse waren". Drittens hat Goethe in den verschiedenen
Epochen seines Lebens nicht gleichmäßig zur Religion gestanden. Nach
diesen Gesichtspunkten behandelt der Vortrag die Frage nach allen
Seiten; er versteht es, dem vielbehandelten Gegenstand in eigener Weise
näherzukommen; dabei nimmt er auch dankbar Bezug auf die Forschungen
anderer, besonders von Minor, Burdach und Koch. Hier seien
einige bemerkenswerte Thesen hervorgehoben : Der Spiritualismus, der
den Untergrund der kirchlich gewordenen Mystik bildet, ist die Grundlinie
in Goethes Frömmigkeit. Goethes Religion ist christlich und nichtchristlich
zugleich. Das Grundgefühl der Religion Goethes dürfte der
Glaube an die Immanenz des Göttlichen sein. Das Geschichtliche des
Christentums ist ihm Symbol. Mit der Gestalt Jesu ist Goethe nicht
fertig geworden. Goethes Glaube mündet ganz im Kosmischen. Diese
Sätze bilden nur eine Auslese. Der Vortrag hat aber nicht nur durch
die eigene Art der Betrachtung besonderen Wert, er zeichnet sich vor
allem dadurch aus, dal! er Goethe entschlossen in die weite und tiefe
Gesamtwelt der Gedanken und religiösen Auffassungen hineinstellt, aus
denen heraus er allein verstanden werden kann.

Breslau. M. Schi an.

Forsthoff, D. Dr. Heinrich: Das Ende der humanistischen
Illusion. Eine Untersuchung über die Voraussetzungen von Philosophie
und Theologie. Berlin: Furche-Verlag 1933. (151 S.) 8°.

RM 3.90; geb. 4.80.

„Sinn und Zweck dieser Schrift ist, die Wirklichkeits-
entfremdung nachzuweisen, der unsere Welt unter der
humanistischen Illusion verfallen ist" (104) und es werden
als die Bahnbrecher dieser geistigen Wandlung von
grundlegender Bedeutung Vaihinger, Spengler, Heidegger
und Grisebach nebst ihren Standardwerken genannt. Da
nun aber der Verfasser als systematischer Denker von
weitem Format seine .Untersuchung über die Voraussetzungen
von Philosophie und Theologie' auch auf die
„umfassende Neuorientierung" innerhalb der Theologie
mit Recht ausgedehnt hat, so wäre es der Vollständigkeit
wegen sehr zu wünschen gewesen, wenn auch das „in
einem geschichtlichen Geisteskampf von gewaltigem Ausmaß
langsam gewachsene", aus „einer ,Krise der Wirklichkeit
', die tiefer und weiter greift, als die .Theologie
der Krisis' spürt, und als auch die übrige Theologie, gebannt
durch Luther-Renaissance und Angst vor Ketzerei,
Wort haben will" (H. Stephan), hervorgegangene Werk
von K. Leese ,Die Krisis und Wende des christlichen
Geistes' (1932) eine kritische Würdigung gefunden hätte.
Denn gerade auf diesem wirklichkeitserschlossenen Problemgebiet
einer von neuzeitlicher Erden- und Lebensgläubigkeit
getragenen Geisteshaltung würde auch die
Krisis des Humanismus als einer „Sphäre der Unwirk-
lichkeit und der Illusion" offenbar geworden sein. So
aber geht der Verfasser von sehr subtil vorgetragenen
erkenntniskritischen Erwägungen über .Erkennen'; .Anerkennen
'; ,Die Abstraktion'; ,Die Sprache' und über