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Ausgabe:

1933 Nr. 21

Spalte:

385-386

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dilthey, W.

Titel/Untertitel:

Von deutscher Dichtung und Musik 1933

Rezensent:

Weinel, Heinrich

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385

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 21.

386

Dilthey, W.: Von deutscher Dichtung und Musik. Aus d.

Studien z. Geschichte d. deutschen Geistes. Mit einer Handschriftenprobe
. Leipzig: B. G. Teubner 1933. (XII, 467 S.) gr. 8°.

RM 10—; geb. RM 12—.
Nicht in die Reihe der 8 Bände der „Oesammelten
Schriften" aufgenommen, sondern nach Druck und Ausstattung
als ein Gegenstück zu „Erlebnis und
Dichtung" gestaltet, erscheint hier eine Sammlung
von Bruchstücken des gewaltigen Werkes, das der alte
Dilthey in ungebrochener Kraft plante. Er hatte ihm den
bescheidenen Titel „Studien zur Geschichte des deut-
- sehen Geistes" zugedacht; es wäre ein Meisterwerk der
deutschen Geistesgeschichte geworden, wie unser Volk
keines besitzt und vielleicht auch nie eines besitzen wird.
Teile dieses gewaltigen Entwurfes sind in den „Werken"
schon erschienen: im 3. Band, der den Gesamttitel bekommen
hat, das mittlere Stück, Leibniz und das 18.
Jahrhundert mit Friedrich dem Großen, im 2. Band
der Aufsatz über die Glaubenslehre der Reformatoren,
und im 4. die Abhandlungen zur Geschichte des deutschen
Idealismus. Diese Teile schienen am ehesten so
abgeschlossen, daß sie den Werken eingeordnet werden
konnten.

Was uns heute der unverdrossene Arbeitsfleiß von
Hermann Nohl und Robert Misch, geleitet von
einem ebenso liebevollen Eindringen in die schwer lesbaren
Handschriftenbündel des Nachlasses wie von einem
tiefen inneren Verständnis des großen Lehrers, darbietet,
ist aus Einzelstücken, Entwürfen und ganzen Abhandlungen
zusammengesetzt, nicht überall in der glänzenden
Form vollendeter Diltheyscher Werke, nicht frei von
Wiederholungen und Stücken, die er vielleicht nur zum
Festhalten erworbener Kenntnisse und Erkenntnisse für
das eigene Gedächtnis niedergeschrieben hatte, aber doch
mit jedem Zug in dem ungeheuren Torso den Meister
erkennen lassend. Da steht etwa auf 3 Seiten als Einleitung
zu einer Studie über Schiller ein Abriß des deutschen
Geisteslebens auf dem Hintergrund des europäischen
Geschehens, wie er seines gleichen nicht hat
in seiner Knappheit und Fülle; da finden sich überall zerstreut
Charakteristiken von Menschen und Epochen, wie
sie nur tiefeindringende Beschäftigung eines langen und
unermüdlichen Lebens und immer erneute Versuche der
Formulierung dem ganz Reifen gelingen lassen. Nicht
nur belehrt, sondern gefördert und entzückt legt man ein
solches Buch in Dankbarkeit aus der Hand; man weiß,
daß man immer wieder danach greifen wird. Und
wenn andere vielleicht meinen möchten, daß ein solches
Werk zur deutschen Geistesgeschichte aus der Feder
eines schon 1911 Gestorbenen heute veraltet sei, so ist
ihnen zu sagen, daß das Buch in diesen Tagen nicht nur
als Werk eines selber zu einem Stück deutscher Geistesgeschichte
gewordenen Mannes mit Recht herausgegeben
wird, sondern daß es ganz gegenwärtig und darum
bleibend wertvoll ist, weil es noch vor dem Weltkrieg
geschrieben ist; denn fast alles, was danach über deutsches
Wesen erschienen ist, trägt die Spuren der Verzerrung
der geschichtlichen Wirklichkeit durch Ressentiment
und Verkrampfung nur allzu deutlich an sich, je
länger je mehr.

Daß für die Theologie aber wie alle Werke
Diltheys, so auch dieses einen außergewöhnlich wertvollen
Beitrag liefert, brauche ich nicht besonders zu
erwähnen. Es war bei ihm ja nicht nur die Jugendliebe
zur Theologie, die auch in dem reifen und alten Mann
nicht erstarb, was sein Leben für immer um die theologischen
Fragen gehen ließ, sondern die letzte klare
Einsicht in die Tatsache, daß alles Reden von dem Geist
und der Kunst eines Volkes leer wird, wenn es nicht
wurzelt in einem Verständnis seiner Frömmigkeit.
So sind auch alle Teile dieses Buches wieder für den
Theologen, den Kirchenhistoriker wie den Svstema-
tiker, voll von Belehrung und Anregung (auch zu Widerspruch
).

Nun zum Inhalt. Mit einem Aufsatz über „d i e

germanische Welt", die auf dem Hintergrund der
griechisch-römischen Kultur geschaut und in besonderer
Auseinandersetzung mit dem Christentum und der Kirche
dargestellt ist, beginnt das Buch. Es enthält dann zwei
Abhandlungen über „die ritterliche Dichtung
und das nationale Epos", in denen für die Theo-

j logie von besonderem Werte die Darstellung Walters
von der Vogelweide, Wolframs und seines Parsifals
(als Gegenstück auch Gottfrieds von Straßburg) und1
des Nibelungenliedes sind. Dann kommt — den Aufsatz
über die Reformation hat man, wie gesagt, anderswo
zu suchen — „die große deutsche Musik des
18. Jahrhunderts", ein einzigartiges Stück ebenso
im Diltheyschen Schaffen wie doch auch wohl in unserer
Musikgeschichte, in der ähnliche Tiefblicke in das Wesen
der Musik und ihre Verbindung mit unserem deutschen
Geistesleben — nach meiner Kenntnis — nur in einzelnen
Monographien zu finden sind. Auch hier stehen theologische
Gedanken von höchster Bedeutung in den Aufsätzen
über Heinrich Schütz und Joh. Seb. Bach, aber
auch in einer für Dilthey besonders charakteristischen
Weise in der Analyse von Haydns Schöpfung. Der
letzte Teil endlich bietet das Gegenstück und die
Ergänzung zu „Erlebnis und Dichtung": die Aufsätze
über Klop stock, Schiller und Jean Paul.
Ist auch in diesen Skizzen, nicht überall die volle Reife
jener vier Abhandlungen über Lessing, Goethe, Novalis
und Hölderlin erreicht, so haben wir jetzt in ihrer Gesamtheit
doch eine ausgezeichnete Darstellung unserer
klassischen (auch der romantischen und bürgerlich-biedermeierlichen
) Kunst von der Frömmigkeit her wie sie nur
Dilthey schaffen konnte. Es fehlt nur Herder.

Diltheys Betrachtungsweise ist in der Theologie heute
schwer angefochten. Drei von den vier großen Richtungen
unserer Wissenschaft lehnen ihn im Grunde ab:
die „positive", die Hollschule, die dialektische Theologie.
Sein großer theologischer Schüler Troeltsch ist zu früh
von uns gegangen. Aber lernen sollen und müssen alle
von Dilthey; überspringen kann ihn keiner. Und wenn
auch sein Werk dadurch gedrückt ist, daß er die Reformation
nicht immer in ihrer vollen Kraft und Tiefe
erkannte; der Art, wie heute der Idealismus, den er
als den Höhepunkt deutschen Wesens und deutscher
Geistesgeschichte sah, verkannt und herabgesetzt wird,
ist Dilthey doch sehr überlegen durch eindringende
Kenntnis der deutschen Geistesgeschichte und Weite des
Gesichtskreises.

Jena-_ H. Weinel.

Auslanddeutschtum und evangelische Kirche. Jahrbuch 1032.
Hrsg. v. D. Dr.Ernst Schubert. München: Chr. Kaiser. 1932. (11,266
S. tn. 6 Bildn.) gr. 8°. geb. RM 7.50.

Noch eine Gabe zum hundertjährigen Gedächtnis
des Gustav Adolf-Vereins, und zwar wieder eine sehr
wertvolle, zugleich berechtigterweise dem Deutsch-Evangelischen
Kirchenbund zu seinem zehnjährigen Bestehen
gewidmet. Die Herausgabe des Jahrbuchs wird begründet
aus der Tatsache, daß trotz der großen Literatur über
das Deutschtum im Ausland es viel zu wenig bekannt
ist, daß die deutsche evangelische Kirche die älteste
Organisation in der Betreuung des Auslanddeutschtums
ist; von ihrer Tätigkeit auf diesem Gebiet will das Buch
Zeugnis ablegen, zu weiteren geschichtlichen Studien
anregen, aber auch die grundsätzliche Stellung der
evangelischen Kirche zu den Problemen des Auslanddeutschtums
zur Sprache bringen. Das geschieht in Beiträgen
der auf dem Gebiet des Gustav Adolf-Vereins
wie des Auslanddeutschtums bekanntesten und sachverständigsten
Männer, zu denen der Berliner Missionsdi-

! rektor Knak mit einer wertvollen und bedeutenden Abhandlung
Glaube und Volkstum tritt. Franz

j Rendtorff behandelt die Frage Deutsches Volks-

! tum und Gustav Adolf-Verein. Über die ge-
genwärtige deutsche evangelische Diaspo-

' raarbeit, ihre Problematik und Anforderungen
schreibt Theodor Heckel vom Kirchen-