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Ausgabe:

1933 Nr. 19

Spalte:

345-346

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zellinger, Johannes

Titel/Untertitel:

Augustin und die Volksfrömmigkeit. Blicke in den frühchristlichen Alltag 1933

Rezensent:

Koch, Hugo

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345

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 19.

346

Zell Inger, Johannes: Augustin und die Volksfrönimigkeir.

Blicke in den frühchristlichen Alltag. München: M. Hueber 1933.
(113 S.) gr. 8°.

„Die vorliegende Studie will ein kleiner Beitrag sein
zu einer noch nicht geschriebenen Geschichte der frühchristlichen
Volksfrömmigkeit". Der Verf. versteht darunter
„gewisse Erscheinungsformen des religiösen Lebens
und der religiösen Betätigung, die letztlich Erbgut
aus der heidnischen Antike darstellen oder auch in allgemein
menschlichen Veranlagungen und Bedürfnissen
ihren Grund haben", und er sucht in einigen Bildern
zu zeigen, „wie Augustin diese Welt sieht und wie er
sie beurteilt". So ist auch diese Arbeit Z.s, wie seine frühere
über Bad und Bäder in der altchristlichen Kirche,
ein Ausschnitt aus dem großen und weiten Grenzgebiet
„Antike und Christentum", das namentlich F. J. Döl-
ger in seiner so benannten, von ihm allein bestrittenen
Zeitschrift in so meisterhafter Weise aufzuhellen unternommen
hat. Auch Z. wird seiner Aufgabe in dem Rahmen
, den er gewählt hat, durchaus gerecht, und man
merkt, daß er beim Lesen der augustinischen Werke,
namentlich seiner Predigten, auf all die Züge geachtet
hat, die hier hereinspielen. Dazu weiß er der Darstellung
durch eine anschauliche und flüssige Sprache, die leider
nur mit unnötigen Fremdwörtern durchsetzt ist, Farbe
und Leben zu geben.

Nach einer kurzen Einführung über Augustin als
Beobachter des Alltags seiner Bischofstadt schildert Z.
in dem Abschnitt „Heidnisches und Christliches" das
Nachwirken heidnischer Vorstellungen und Gebräuche
in der christlichen Gemeinde und die Haltung des Bischofs
ihnen gegenüber, die Ablehnung, wo sie grob
heidnisch, die „ missionarischen Zugeständnisse", wo
sie christlich umgefüllt waren. Wie schwach seine
Lage dem Dämonenglauben der Zeit gegenüber war, in
dem er selbst noch „zu tief stak", wird S. 12 bemerkt.
Der zweite Abschnitt „In Martyrien und an Gräbern"
schildert die mit der Märtyrerverehrung verbundenen
Sitten und Unsitten. Wie man sieht, ist die Einteilung
nicht streng ausschließend, da auch in diesem zweiten
Teil Nachwirkungen heidnischer Gebräuche zur Sprache
kommen. Daß Augustin, jedenfalls der alternde Augustin
, im Wunderglauben „voll und ganz ein Kind seiner
Zeit, ja gläubiger als seine Gemeinde ist", wird S. 60
hervorgehoben, und ebenso S. 61 der Satz von Vogels
beifällig angeführt, daß bei ihm „neben glänzenden philosophischen
Anlagen der Sinn für Geschichte nur kümmerlich
entwickelt erscheint". In der Tat hat ja gerade
Augustin durch das Ansehen, das sein Werk De civitate
Dei im Mittelalter genoß, ein wirkliches Geschichtsverständnis
auf ein volles Jahrtausend unmöglich gemacht
. Der dritte Abschnitt „In der Basilika von Hippo"
zeigt die zwiespältige Stellung des Bischofs zu Kunst
und Kirchengesang und das Gehaben und Gebaren der
Kirchenleute bei Predigt und Gottesdienst, wobei „der
nordische Mensch versucht sein könnte, an Schulklassen
oder Katheder mit schlechter Disziplin zu denken" (S.
92). „Man hat bisweilen das Empfinden, als ob seine
Predigten stellenweise in einen Dialog mit den Zuhörern
sich lösten" (S. 89). S. 95 ff. wird die „fast unglaubliche
Begebenheit" geschildert, die sich beim Besuch des
reichen Römers Pinian und seiner Gattin, der jüngeren
Melania, bei der gottesdienstlichen Feier zu Hippo in
Anwesenheit Augustins und des Bischofs Alypius von
Tagaste abspielte. Zu allen drei Abschnitten des schön
ausgestatteten Buches sind je am Schluß Anmerkungen j
mit Belegstellen, lateinischen Anführungen, kirchen-, reli-
gions- und kulturgeschichtlichen Literaturangaben beige- j
fügt. Auch ein Namen- und Sachverzeichnis fehlt nicht. !

Zum Schwinden des geschichtlichen Sinnes und Überwuchern der j
Wundersucht in der ausgehenden alten Welt möchte ich auf die lehrreiche
und lebhafte Abhandlung des verstorbenen Münchner Althistorikers !
R. v. Pöhlmann, Die Weltanschauung des Tacitus' 1913 aufmerksam ;
machen. — S. 71f. A. 6 gewinnt Z. einen neuen Grund dafür, daß das
Schriftchen De unitate ecclesiac nicht von A. stamme. - Bei der Traum- |
anweisung, die die Patrizierin Innocentia erhält, um von ihrem Leiden |

geheilt zu werden (S. 26), denkt man unwillkürlich an Apul. met. XI, 6.
- Zur augustinischen „Einschaltung des libido-Begriffes" bei der Musikfrage
(S. 83) vgl. schon Cyprian, de zelo et liv. 2 (420, 5 Härtel):
aures per canora musica temptat (der Teufel), ut soni dulcioris auditu solvat
et molliat christianum vigorem. — Wegen des leichtfertigen Schwörens
(S. 99 f. 107) vgl. auch die Strafe, die A. nach Possidius vita Aug. 25
(S. 100,25 ff. Weiskotten) in der Klerikergemeinschaft darauf setzte.
Nebenbei bemerkt, ist auch eine Geschichte des Eides im Christentum
noch nicht geschrieben; sie wäre aber in ihrem Gange von der Bergpredigt
bis zum Modernisteneid sehr lehrreich. — Zu S. 107 A. 92:
lumina = oculi schon bei Cicero und Ovid, dann bei Tertullian und
Cyprian.

München. Hugo Koch.

Me inert, Dr. Hermann: Papsturkunden in Frankreich. Neue
Folge. 1. Bd.: Champagne u. Lothringen. Anhang: Urkunden u. Re-
gesten. [2 Teile.] Berlin: Weidmann 1932/33. (429 S.) gr. 8°. = Abhanden
, d. Ges. d. Wiss. zu Göttingen. Philol.-hist. Kl. 3. Folge. Nr. 3
u- 4. l. Tl. RM 11—; 2. TL 16—.

Das große Unternehmen der Gesellschaft der Wissenschaften
in Göttingen, das die Papsturkunden bis
1198 in einer kritischen Ausgabe vorzulegen beabsichtigt
, ist unter Paul Kehr auch in der Notzeit unserer
Tage energisch gefördert. Freilich wird es bei dem gegenwärtigen
Stande der wissenschaftlichen Möglichkeiten
doch noch recht lange dauern, bis die gesammelten
und als vollständig angesprochenen Papsturkunden für
alle europäischen Länder in der Form erscheinen, wie sie
für Italien und Deutschland wenigstens teilweise nun
nach Ländern und Diözesen geordnet vorliegen in der
„Italia Pontificia" und in der „Germania Pontificia".
Immerhin hat sich auch in den letzten Jahren die Sammelarbeit
in vielen Archiven fortsetzen lassen. Über
die Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten haben wir ständig
ausführliche Berichte erhalten in den Abhandlungen
und in den Nachrichten der Gesellschaft der Wissenschaften
zu Göttingen. Vor allen Dingen war es Wilhelm
Wiederhold, der Goslarer Stadtarchivar, der bis zu
seinem kürzlich erfolgten Tode in sieben ausführlichen
Abhandlungen über den Bestand an Papsturkunden in
französischen Bibliotheken und Archiven ausführlich berichtete
. Wiederhold hatte versucht, eine strenge systematische
Aufnahme der Urkundenbestände in den Archiven
und Bibliotheken — um so das genaue Bild der
augenblicklichen Lagerung der im Laufe der Jahrhunderte
vielfach auseinandergerissenen und durcheinander
gekommenen Archivalien festzuhalten — mit der Rekonstruktion
der ursprünglich zusammengehörigen Archivbestände
zu verbinden. Paul Kehr, der Leiter des Unternehmens
, hält es jedoch für besser, die disjecta membra
eines und desselben Archivfonds einzeln für sich zu
sammeln, sie aber dann unter dem gemeinsamen Titel
des Empfängers zusammenzustellen. So sind unter Kehrs
Leitung und zum Teil von ihm selbst entstanden die
Reiseberichte und Urkundenabdrucke betr. Spanien
(P. Kehr: Katatonien, 1926, 582 S.; Navarra und Aragon
, 1928, 600 S.), Portugal (Carl Erdmann, 1927,
384 S.) und England (Walter Holtzmann: 1. London
1930/31, 210 + 448 S.). In derselben Weise erfolgt
nun die Fortsetzung der Arbeiten in Frankreich, die von
Wiederhold in seiner Weise stark gefördert war. Der
Bearbeiter des vorliegenden Materials durfte sich der
Unterstützung durch Henri Omont, den Vorstand der
Handschriftenabteilung der Pariser Nationalbibliothek erfreuen
. Meinert berichtet über seine Feststellungen in
den Archiven und Bibliotheken von Mezieres, Charle-
ville, Reims, Chälons s. M., Troyes, Chaumont, Langres,
Bar Ie Duc, Verdun, Metz, Nancy, Epinal, Remiremont
und St. Die; dazu kommen ferner die Ergebnisse aus
den Forschungen in Handschriften Champagne und Lothringen
betr. in Pariser Bibliotheken und Archiven.

Von den 327 Stücken Regesten und Urkunden des
Anhangs gehören Nr. 1—3 dem 10., Nr. 4—6 dem 11.
Jahrhundert an, alle übrigen fallen in das 12. Jahrhundert
bis 1198. Die älteste hier erstmalig gedruckte originale
Papsturkunde ist ein Privileg Calixts II. vom