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Ausgabe:

1933 Nr. 1

Spalte:

15

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spielmann, Karl Heinz

Titel/Untertitel:

Die Hexenprozesse in Kurhessen 1933

Rezensent:

Lerche, Otto

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Seite 1

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16

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 1.

IS

katholischen Kirchengeschichten des Elsasses von Laguille, Schwarz und den Tod mit Gott zusammenzuschauen vermag, ihn

Truttmann darüber findet, und was Einzeluntersuchungen einiger Anderer
. in den letzten Jahren ergeben haben, hat Prof. Qruss hier in schwunghaftem
Predigtstil dargeboten. Der Hintergrund seiner Darstellungen ist
oft ein tendenziös düsterer. Daß hierbei Humanismus und Reformation
ganz besonders übel behandelt worden sind, kann uns nicht wundern.
Dorlisheim (Elsaß). Joh. Adam.

Spiel mann, Karl Heinz: Die Hexenprozesse in Kurhessen.

Nach den Quellen dargest. m. 4 Urkunden-Facsimiles u. 14 Abb.

Marburg: N. Q. Elwert 1932. (VIII, 248 S.) kl. 8° RM 6.50; geb. 8.—.
Die Hexenprozesse sind eine in ihrer Auswirkung ganz ungeheure
Kulturschande der aufgeklärten Zeit. Gewiß sind die berüchtigten Hexenprozeßordnungen
, an der Spitze der malleus maleficarum der Inquisitoren
Springer und Institoris, Schöpfungen des ausgehenden Mittelalters, das
die spätere ach so aufgeklärte! Zeit als in Wahnvorstellungen und Aberglauben
so ganz verloren dahinstellte, um dann selbst noch Schrecklicheres
, Unbegreiflicheres zu leisten. Nicht nur in geistlichen Fürstentümern
— entsetzliche Beispiele für Würzburg gab K. H v. Heigel —,
auch in weltlichen, katholischen wie protestantischen, Herrschaften wurden
hunderte von Hexenleuten verbrannt, und überall sah man eine gottwohlgefällige
und der Menschheit nützliche Tätigkeit in dem Feststellen
und Richten von verhetzten und gehetzten Weibern. Obendrein stützte
man sich dabei auf eine erste protestantische juristische Autorität, den
hochangesehenen Leipziger Kriminalisten Prof. Benedikt Carpzov (t 1666).
Hessen mit seiner besonders reichfließenden und bunten vofkskundlichen
Überlieferung bietet naturgemäß auch zu diesem trübsten Bilde deutscher
Kulturgeschichte reichliche Beiträge. Hier hat Spielmann wertvolles
Material gehoben, das er in einer zwar volkstümlichen und für
weitere Kreise bestimmten, aber durch vielseitige Heranziehung und
sorgfältige Verarbeitung einer umfangreichen Literatur auch für wissenschaftliche
Zwecke nützlichen Schrift nicht ungeschickt darbietet. Besonders
wertvoll erscheinen manche der Abbildungen und namentlich die
Protokolle aus Hexenprozeßakten, von denen übrigens hier und da in
Antiquariatskatalogen noch heute einige Stücke angeboten werden. Es
ist bezeichnend, daß eine wirkliche Bekämpfung der Hexenprozesse und
all der unsäglich aberwitzigen Schändlichkeiten erst von einer gemeinsamen
katholisch-evangelischen Front aus möglich war, die erst von dem
Jesuiten Friedrich von Spee (f 1635) und fast ein Jahrhundert weiter
von dem maßgeblichsten Vertreter der deutschen Aufklärung, Christian
Thomasius (f 1728), geführt wurde.

Leipzig. Otto Lerche.

Stange, Prof. D. Carl: Luthers Gedanken über die Todesfurcht
. Berlin: W. de Gruyter & Co. 1932. (90 S.) 8°. = Greifs-
walder Stud. z. Lutherforschung u. neuzeitl. Geistesgesch. Hrsg. v. d.
Greifswalder Gelehrten Ges. f. Lutherforschung u. neuzeitl. Geistesgesch
., 7. RM 5.85.

Der Verf. schickt seiner Studie eine bedeutsame methodische
Vorbemerkung voraus, daß es nämlich nicht
angehe, nach Art etwa der Lokalmethode aus vereinzelten
Stellen Luthers Anschauung zu belegen. Und das
nicht 1. wegen der Willkürlichkeit eines solchen Verfahrens
, 2. weil Luthers Begrifflichkeit nicht gelöst
werden kann von dem „Lebensvorgang, in dem sich sein
Glaube verwandelt hat", vielmehr zu interpretieren ist
als „Ausdruck eines neuen Lebens". Ob der Verf. seine
Methode gerade glücklich als „biographische" bezeichnet
, die in innerer Korrelation steht zur „Autobiographie"
des Interpreten, stehe dahin — grundsätzlich kann ich
seine Methode nur gutheißen und darf dazu verweisen
auf meine methodischen Bemerkungen in meiner Schrift
über „Der Gottesgedanke in Luthers Römerbriefvorlesung
", Theol. Stud. Krit. Lutheranaheft III, 1920/1,
S. 123 f. Anm. 2.

Indem der Verf. Luthers Gedanken über die Todesfurcht
entwickelt, verfährt er demgemäß so, daß er im wesentlichen
Luthers letzte Erklärung des 90. Psalms genau
analysiert (unter Heranziehung verwandter Stellen). Die
Bedeutung seines Themas ist darin begründet, daß in
der Tat der Gedanke an den Tod für Luther von zentraler
Bedeutsamkeit ist. Er ist ihm „höchstes Problern
und allerwirklichste Wirklichkeit" (S. 7). Für das Selbst-

darum deuten lernt als Gericht Gottes, das, wo es
im Glauben als Gericht Gottes erfahren wird, Gnade
zugleich ist, die uns im exklusiven Sinn von Gott
schlechthin abhängig machen will (cf. dazu auch meine
Einleitung zu Luthers de servo arbitrio in der Münchener
Lutherausgabe Bd. V, 1923). Im Glauben und allein in
ihm steht Luther also vor der Möglichkeit, den Tod in
seiner harten Wirklichkeit und metaphysischen Bedeutsamkeit
zu durchleben, ohne ihm zu verfallen.

Es ist hier nicht möglich, im Einzelnen die Vielseitigkeit
der Analysen Stanges zu beleuchten. Daß es sich
in Luthers Theologie um W i r k 1 i c h kei t s religion
handelt und nicht um fromme Ideologie und Jenseitsspekulation
, wird durch seine Schrift scharf herausgearbeitet
. Vielleicht würde ich noch grundsätzlicher hervorheben
, was Verf. S. 88 und Anm. 1 betont, daß für
Luther Gott in der Person Christi „in seiner wahren
Gestalt" erscheint, von dem aus darum allein der Zorn
Gottes wirklich „gläubig" zu verstehen ist, wie das Gesetz
letztlich nur aus dem Evangelium heraus.

Münster i. W. Fr. W. S c h m i d f.

Jagoditsch, Rudolf: Das Leben des Protopopen Awwakutn

von ihm selbst niedergeschrieben. Übersetzung a. d Altrussischen
nebst Einleitung u. Kommentar. Berlin: Ost-Europa-Verl. 1930.
(VIII, 227 S.) 8°. = Quellen u. Aufsätze z. russischen Geschichte!
Hrsg v. K. Stählin. X. Bd. RM 9—.

Awwakum ist der führende Geist der russischen altgläubigen
Bewegung des 17. Jahrh., der Raskolniken,
die sich gegen den offenen Bruch der russischen Kirche
mit der mittelalterlichen Tradition wandte. Der der
russischen Kirchen- und Kulturgeschichte Fernerstehende
ist leicht geneigt, diese Bewegung nur als eine starre
Reaktion anzusehen, die sinnlos am Alten festhält und
fanatisch sich dem Neuen widersetzt. J. zeigt aber in
seiner Einleitung, daß in diesem Kampf kulturhistorische
Prozesse von weitestem Ausmaße vor sich gehen, wenn
man die Bedeutung der in sich geschlossenen nationalreligiösen
, rein metaphysisch orientierten mittelalterlichen
Kultur Rußlands richtig wertet und nicht vorn
gegenwärtigen westeuropäischen Standpunkt aus als pri-
n itiv verächtlich abtut. Hinter den gegen diese Kultur
Sturm laufenden Kräften aber, deren Führer der 1652
auf den Moskauer Patriarchenstuhl gekommene Metropolit
Nikon ist, steht der abendländische humanistische
Geist der Freiheit und Selbstherrlichkeit des Menschen.
In solchem Zusammenhang gewinnt dann erst die Selbstbiographie
, die Awwakum in seiner Verbannung im Kerker
von Pustosersk am nördlichen Eismeer niederschrieb,
ihre Bedeutung. Sie bietet dann nicht nur die Geschichte
seines Lebens, seiner Kämpfe und Leiden, sondern schildert
darin als ein auch für die russische Sprach- und
Literaturgeschichte wichtiges Dokument den Todeskampf
der altrussischen Kultur. Die auf Awwakurns Autogramm
fußende, aber auch zwei aridere Handschriften mit von
ihm selbst verfaßten Redaktionen berücksichtigende Übersetzung
ist von einem Kommentar begleitet, der die
theologischen Quellen nachweist und russische Gebräuche
und Ausdrücke erläutert.

Breslau. H. Lot her.

Pastor, Ludwig Freiherr von: Geschichte der Päpste im Zeitalter
des fürstliehen Absolutismus von der Wahl Benedikts XIV. bis
z. Tode Pius' VI. (1740- 1799). 2. Abt. Klemens XIV. (1769 bis
1774). 1.—7. Aufl. Freiburg: Herder & Co. 1932. (X, 440 S.) 8°.
= Geschichte d. Päpste seit d. Ausgang d. Mittelalters. Mit Benutzung
d. Päpstl. Geheim-Archives u. vieler and. Archive bearb. 16. Bd.

RM 9.40; Lwd. 13.— ; Hldr. 15.80.

Verständnis des heutigen Menschen, der von dem Todes- ' Der neue wertvolle aus Pastors Nachlaß unver-
schicksal schwer betroffen ist (cf. etwa Heidegger), kann j kürzt herausgegebene Band der Geschichte der Päpste
Luthers Ringen damit von exemplarischer Bedeutung verbreitet viel neues archivalisches Licht über die Aufwerden
, so wenig Luther uns unsere Lebensnot einfach ab- j hebung des Jesuitenordens durch den Franziskanerpapst

nehmen kann. Der theologische Charakter Luthers
bewährt sich darin, daß er gemäß seinem Grundsatz, ut
bona et mala referamus ad unum Deum (S. 51, Anm. 2),

Klemens XIV. (Breve: Dominus ac Redemptor Noster
vom 21. Juli 1773), über seine Vorgeschichte und seine
Folgen, sowie über die umstrittene Persönlichkeit des