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Ausgabe:

1933 Nr. 17

Spalte:

309-311

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kittel, Gerhard

Titel/Untertitel:

Die Religionsgeschichte und das Urchristentum 1933

Rezensent:

Bertram, Georg

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309

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 17.

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in 5 Paragraphen die urchristliche Anschauung vom
Segen: 1. Der Segen Gottes und Christi. 2. Menschliches
Segnen, Gruß und Segenswort. 3. Die Seligpreisung
. 4. Gott und Christus als Gegenstand des Segnens.
5. Segen und Segnung im urchristlichen Kultus. — Es
folgen 7 weitere Paragraphen über den Fluch: 6. Der
Fluch Gottes. 7. Das Strafwunder. 8. Die Weherufe.
9. Der religiöse und kultische Fluch. 10. Die Verfluchung
. 11. Verfluchung und Lästerung Gottes und Christi
. 12. Die Selbstverwünschung und der Eid. — In
einer Schlußbemerkung werden sodann die Ergebnisse
zusammengefaßt.

Das Buch ist durch eine sichere Beherrschung des
ganzen Stoffes ausgezeichnet. Durch seine große Sachkenntnis
war es dem Vf. auch möglich, nicht nur bei
Untersuchungen zu einzelnen Stellen stehen zu bleiben
, sondern ein Gesamtbild über sein Thema zu entwerfen
. So bietet seine Arbeit beides: interessante Auseinandersetzungen
zu wichtigen Stellen des N.T. und der
urchristl. Literatur, die von Segen oder Fluch handeln
— und eine Gesamtübersicht über Stellung und Bedeutung
von Segen und Fluch im Urchristentum. — Einzelheiten
hervorzuheben, verbietet mir hier der Raum. Am
wesentlichsten erscheint mir der Nachweis, daß der
Gottes- und Christussegen im Urchristentum prinzipiell
eschatologisch gedacht ist und nur durch Christus schon
Gegenwart werden kann. — Interessant ist auch die Darlegung
, wie der Gedanke des Fluches Gottes im Urchristentum
stark zurücktritt und lieber anderen Ausdrücken
für den Gerichtsernst Gottes Platz macht. —
Für alles weitere muß ich auf das Buch selbst verweisen.
Göttingen._H. Seesemann.

Kittel, Gerhard: Die Religionsgeschichte und das Urchristentum
. Gütersloh: C. Bertelsmann [1932]. (160 S. m. 46 Abb.) gr. 8°.
= Vorlesungen der Olaus-Petri-Stiftung, geh. i. d. Universität Uppsala
26.-29. Okt. 1931. RM 5- ; geb. 6—.

Die Aufgabe der religionsvergleichenden Forschung
ist die „Herausarbeitung der Konturen des Eigenen der
Religionen". Dementsprechend fordert das Thema: die
Religionsgeschichte und das Urchristentum die Herausarbeitung
der Eigenart des Urchristentums gegenüber
den Religionen der Umwelt. Kittel erreicht dieses Ziel
in vier Vorlesungen über den hellenistischen Synkretismus
, die Religion des Judentums in der urchristlichen
Zeit, die religiösen Begriffe und Ausdrucksformen der
urchristlichen Religion und schließlich das Urchristentum
im Lichte der Religionsgeschichte. In der ersten
Vorlesung stellt der Verfasser mit eindringendem Verständnis
auf Grund der literarischen Quellen, der Denkmäler
und der einschlägigen Literatur das Wesen und
die Erscheinungsformen des hellenistischen Synkretismus
dar, Orientalischer Geist und griechische Form verbinden
sich hier, um dem gesamten Kulturgebiet der
Mittelmeerwelt und des Vorderen Orients eine relativ
einheitliche religiöse Prägung zu verleihen. In der grae-
cobuddhistischen Kunst wie in den Kultbildern der Isis-
und Serapis-Religion und des Mithrasdienstes läßt sich
zum Teil auf Grund von archäologischen Forschungsergebnissen
der jüngsten Vergangenheit (deutsche Tur-
fanexpedition und Mithraskultbild von Dieburg) die Entstehung
der Mischformen beobachten. An einer großen
Anzahl von dem Text eingefügten Bildern aus dem Gebiet
der hellenistischen Religionsgeschichte wird das
Ineinander verschiedener Kulturen anschaulich gemacht.
Bei der Mannigfaltigkeit der Formen überrascht die
Einheit des Inhalts: der solare Monotheismus und die
individualistische Form des Mysteriums machen die synkretistische
Religion zur universalistischen, weil schließlich
alle ihre Ausprägungen in den verschiedenen Kulten
derselben Not und Sehnsucht begegnen wollen, die gegenüber
der pessimistischen Weltanschauung der Zeit
nach Heil und Rettung verlangt.

So sehr auch das Judentum in den Strudel der syn-
kretistischen Religionsbildungen hineingezogen wird, es j
bleibt trotz aller Mischbildungen an seinen Grenzen und

trotz der Übernahme hellenistischer Ausdrucksformen
selbst durch die Orthodoxie schließlich doch im guten
und bösen Sinne isoliert. Kittel wendet sich in der
zweiten Vorlesung mit Recht sowohl gegen eine zu
scharfe Unterscheidung des palästinischen von dem hellenistischen
Judentum als auch gegen die zu starke Betonung
der Hellenisierung des Judentums. Schon in
seinen 1926 erschienenen Arbeiten: Die Probleme des
palästinensischen Spätjudentums und das Urchristentum,
und: Urchristentum, Spätjudentum, Hellenismus, hatte
er namentlich gegen Bousset und Greßmann die Bedeutung
der rabbinischen Quellen für das Verständnis
der urchristlichen Zeit unterstrichen. Jetzt hat er die
Auseinandersetzung in positiver Darstellung zuende geführt
: So stark synkretistisch die Erscheinungsformen
des Judentums bis in die Kreise der Frommen hinein
gewesen sein mögen, der Kern des alttestamentlichen
Gottesglaubens blieb unberührt, und die jüdische Synagoge
, die den Wortgottesdienst an die Stelle des Opferkultes
setzt, hat statt eines Gottesbildes den Thora-
schrein, und bezeugt damit symbolisch die gehorsame
Beugung unter die Offenbarung des Wortes im Gesetz
auch gegenüber aller im Hellenismus gefährlich andringenden
Menschenweisheit (vgl. auch hier die Abbildungen
). Ein Blick auf das Judentum als Missionsreligion
hätte das so gezeichnete Bild wohl noch vervollständigt
. Neben der Fülle der Propagandamögliclr-
keiten, die selbstverständlich ausgenutzt werden, steht
die echte Mission, die nicht äußerlich Judentum, sondern
innerlich Gottesgehorsam fordert und die gerade in ihrer
Auseinandersetzung mit dem Heidentum die Ausdrucksformen
der christlichen Frömmigkeit schafft, von denen
die dritte Vorlesung so anschaulich handelt.

Die gewählten Beispiele,-bo%a, ü?.i)üeiu, x6ap.os und das
aramäische Lehnwort 'abba, beweisen die Notwendigkeit
eindringlicher semasiologischer Forschung und zeigen
die Mannigfaltigkeit der sprachlichen Bildungen
und Umbildungen bei der Einkleidung der biblischen
Religion in das griechische Sprachgewand. Ist die Sep-
tuaginta hier auch in weitem Maße Wegbereiterin der
christlichen Mission, so schlägt das Neue Testament
doch auch neue und selbständige Wege der Begriffsentwicklung
ein. Andrerseits ist das Christentum so wenig
synkretistische Religion wie das hellenistische Judentum
. Die Offenbarung ist die des Wortes, die man hört
und der man gehorcht. Das Schauen ist eschatologi-
sche Gabe, die in Christus jeweils Gegenwart wird.

Damit ist der Ansatz gegeben, von dem aus die
Eigenart des Urchristentums zu bestimmen ist. Zwar
nehmen Juden und Heiden ihre religiöse Haltung und
ihre religiösen Bedürfnisse natürlich mit hinein in die
christliche Gemeinde, in die sie eintreten, und die neu-
testamentlichen Schriften zeigen die Befriedigung dieser
Bedürfnisse wie die Abwehr der damit gegebenen Gefahren
. Auch an der Grenze des Christentums entstehen
ja synkretistische Bildungen wie etwa ein jüdisch-astrologisch
-christliches Mysterium, wie es im Kolosserbrief
vorauszusetzen ist. Das Urchristentum steht demgegenüber
auf der streng eingehaltenen Linie des biblischen
Gottesglaubens und tritt auch dem Judentum, das mehr
und mehr zur Religion der Leistung wurde, entgegen
als der Glaube des Sünders an den heiligen Gott, der
sich in Christus als der richtende und als der vergebende
offenbart. Als Religion der Leistung aber steht das Judentum
nach Kittel nun doch auf der Seite der agierenden
Kulte der hellenistischen Welt. Nur sofern es Träger
der alttestamentlichen Offenbarung der schlechthinnigen
Erwählung des Volkes durch Gott ist (dieser Gedanke
hätte vielleicht noch schärfer herausgearbeitet werden
sollen) steht es in heilsgeschichtlicher Kontinuität mit
der Botschaft des Neuen Testaments. In Auseinandersetzung
mit Bultmann und Holl prägt Kittel die Formel,
die das Geschehen, von dem das Neue Testament spricht,
theologisch zum Ausdruck bringen soll. Das Geschehen
von Golgatha ist nicht Symbol wie die naturmythisch