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Ausgabe:

1933 Nr. 17

Spalte:

308-309

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brun, Lyder

Titel/Untertitel:

Segen und Fluch im Urchristentum 1933

Rezensent:

Seesemann, Heinrich

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 17.

308

Christus das Sterben Jesu real erlebt (das soll sich aus
dem Zusammenhang von 2. Kor. 4,16 ff. mit 5, lff. ergeben
).

Ein 2. religionsgeschichtlicher Teil des 5. Kapitels
sucht dann diese Kultform des Paulus als einzigartig
aufzuweisen. Eine Übersicht über die verschiedene Deutung
des Glaubens in den verschiedenen Richtungen des
Judentums zeigt, daß der Glaube des Paulus weder ein
Werk noch philosophische Seinserkenntnis ist, sondern
auf Gottes Wunderwirken beruht, also einzigartig sei.
Auch im Zukunftsglauben zeigt das Judenrum überall
die Bindung an die eigene Leistung und das Gesetz, während
die Mysterien nicht zu einer genügend gewissen
Hoffnung führen. Bei Paulus aber ist die Hoffnung
felsenfest gewiß, weil sie auf das tägliche Sterben mit
Christus aufgebaut ist. „Die Leidensgemeinschaft mit
dem gekreuzigten-gegenwärtigen Christus ist... die Ur-
und Grundform seines Christus- und Gotterlebens. Sie
ist also (!) das Bekehrungserlebnis" (S. 200).

Erst nachträglich werden dann mit diesem Ergebnis
die Aussagen des Paulus und der Apostelgeschichte
über die Bekehrung verglichen. Wo Paulus vom Erleben
des geschichtlichen Christus spricht, meine er
immer das Erlebnis des Kreuzes (das ergebe sich aus
Phil. 2,5—11 und dem Zusammenhang von 2. Kor. 4,6
mit 4, 7 ff.). Auch die mit Vorsicht zu gebrauchenden
Berichte der Apg. bestätigen dieses Erlebnis des Kreuzes.
Als Gesamtergebnis ergibt sich dann, daß Paulus als
Jude im Pharisäismus nicht findet, was er sucht, was
ihn zu Depressionen führt (4. Makk. und die volkstümlichen
Mysterien „werden dabei nicht ohne Einfluß
Paulus gewesen sein"). Die Offenbarung im Zeugnis
der jungen Christen erweckt Paulus, wie sich in der Verfolgung
des Stephanus zeigt. Die Wesensform des Paulus
wandelt sich so in die religiöse Erlebnisform: durch
Leiden und Sterben zum Leben.

Ich habe den Beweisgang des Vf.'s so ausführlich
referiert, damit sich der Leser eine Vorstellung machen
kann, inwiefern diese Arbeit wirklich alles bisher Geleistete
überbietet. In Wirklichkeit leidet das Buch an
einem vollständigen Mangel gesunder exegetischer Methode
. Schon die psychologischen Resultate des
2. und 4. Kapitels werden durch Addition der verschiedensten
Anschauungen und Zitate gefunden. Die eigentlich
historische Arbeit aber entspringt nicht der Exegese,
sondern einem psychologischen Postulat. Weil nach
K.'s psychologischer Analyse jede Bekehrung die eigentliche
Kultform eines Menschen herausstellt, darum hat
man den geschichtlichen Vorgang der Bekehrung mit
der Erforschung dieser Kultform schon gefunden. Daß
moderne psychologische Methoden auch einfach auf antike
Texte angewandt werden könne, die nicht mit psychologischem
Interesse oder auch nur mit Interesse an
dem eigenen Erleben geschrieben sind, wird einfach behauptet
. Aber was viel bedenklicher ist: die Kultform
des Paulus wird nun nicht gefunden durch sorgfältige
Exegese der in Betracht kommenden Texte, sondern
durch ein dem Leser gänzlich unklares Nebeneinanderstellen
von Texten und Interpretationen der verschiedensten
Exegeten. Durch gewaltsamste Zusammenhangskonstruktionen
(vgl. die Behandlung von 2. Kor. 4,16 ff.
5, lff. als Beweis für die Gründung der Zukunftshoffnung
auf die Leidensmystik) wird der Gedanke der
Leidensgemeinschaft als die alleinige Form des religiösen
Denkens des Paulus hingestellt. Die Wirklichkeit
des jweüna wird überhaupt nicht berührt. Und verfehlt
scheint mir auch der Versuch, aus der Abweichung der
Glaubensanschauungen des Paulus von denen der Umwelt
den Beweis zu entnehmen, daß in dieser abweichenden
Anschauung sich die Kultform des Paulus und damit
das Bekehrungserlebnis zeige.

Aber über alle diese Punkte ließe sich noch streiten,
wenn der Vf. über die Frömmigkeit des Paulus im allgemeinen
handeln wollte. Aber gänzlich unmöglich ist,
daß K. die eigentlichen Texte über die Bekehrung des j

Paulus erst nachträglich zur Nachprüfung heranzieht,
wobei sich als Folge eine exegetische Vergewaltigung
der Texte einstellt, da die gewonnenen Resultate nun
in die Texte hineingelesen werden müssen. Dabei fällt
charakteristischerweise bei der Besprechung die vorher
genannte Stelle 1. Kor. 15,8 unter den Tisch; es wäre
wohl auch sehr schwer gewesen, in diesen Text die Erfahrung
des Kreuzes hineinzulesen. Umso erstaunter ist
man dann, am Ende des Buches ein Bild von der Bekehrung
des Paulus zu finden, das haargenau der vorher
so bekämpften moralistischen Auffassung der Bekehrung
entspricht. Dafür, daß Paulus vor der Bekehrung
schwere Verzweiflung erlebte, wird ohne jede Begründung
einfach wieder Rm. 7 angeführt, dessen Exegese
S. 67 für später versprochen, aber nicht gegeben wird;
der angebliche Einfluß von 4. Makk. und den Mysterien
(Hinweis auf Apul.Met. XI) entbehrt jeder textlichen
Grundlage. Was Paulus aber selber von seiner Bekehrung
berichtet, daß eine Erscheinung des Herrn ihn berufen
habe, fällt gänzlich weg, da „keinesfalls schon
Raumerlebnisse von der Gegenwart Gottes Bekehrung
wirken" (S. 58). D. h. der Vf. konstruiert die Bekehrung
von einer psychologischen Theorie aus, verwendet
unkritisch alte, von ihm selbst abgelehnte Vorstellungen
und mißachtet die eigenen Angaben des Paulus. Unter
diesen Umständen können auch die interessanten Ausführungen
über die Kultform des Paulus und1 die fleißigen
religionsgeschichtlichen Zusammenstellungen wohl
kaum an dem Urteil etwas ändern, daß dieses Buch trotz
seiner großen Ansprüche die Erkenntnis des Werdens
der paulinischen Frömmigkeit nicht wirklich fördern
kann.

Das Buch ist reich an Fehlern und Ungenauigkeiten. S. 133 wird
aus 2. Kor. 11,24 entnommen, daß Paulus 4 mal die „Viermalneunund-
dreißig" erhalten habe; im Text steht aber: 5mal die Neununddreißig!
S. 146 soll die Verfolgung der thessalonischen Gemeinde nach 1 Thess.
2, 16 ff. von ungläubigen Juden ausgehen; aber die Stelle redet sehr
deutlich von heidnischen Volksgenossen. S. 159,3 ist Windischs Behandlung
von 2. Kor. 4, 16 gänzlich falsch verstanden. S. 170,1 wird
„Mekh zu Num 21" zitiert, was es bekanntlich nicht gibt; entstanden
ist die Konfusion offenbar, weil Schlatter (Der Glaube, 4. Aufl. S. 30)
im Zusammenhang mit einem Mekh-Zitat Num 21 anführt. S. 188 ist
die falsche Pluralform tyirD statt Dinro gebildet; auch fehlt dort
jeder Beleg für die Vorstellung, Busse und gute Werke seien Ö^frö
gegen das Strafgericht. S. 189 ist trotz der besseren Einsicht auf S.
188,9 von einer pisikta statt einer piska die Rede. S. 208, 1 wird das
Sprichwort Apg. 26, 14 zuerst bei Euripides belegt, es findet sich aber
schon bei Pindar und Aischylos.

Unglaublich ist die ungenaue Art des Zitierens. S. 52, 1 wird für
ein Lutherwort angegeben „Weimarer Ausgabe 40". S. 110,4 wird
Wabnitz zitiert, obwohl im Text von J. Weiss die Rede war. S. 122,3;
170,4; 171,3 fehlt bei Strack-Billerbeck die Bandangabe: III. S. 125
fehlt in dem Zitat Gal. 6,12 das wichtige Wort „wollen". S. 170
unten heißt es „in dem zitierten Ausspruch des Eleasars"; der Ausspruch
folgt aber erst S. 171. S. 171,6 steht Sap. statt 4 Makk. Philo
wird S. 173 ff. immer mit „S." zitiert, obwohl die Paragraphen von
Cohn-Wendland gemeint sind (S. 175 treten plötzlich sogar die Zeilenzahlen
der ed. maior auf, und S. 173,9 fehlt bei de spec. leg. die
Buchangabe I). Apuleius wird S. 178,4 u. 190 nach den Seitenzahlen
der älteren Ausgabe von Oudendorp statt nach Helm und mit Kapitelzahlen
zitiert. S. 187, 7 wird behauptet, Wünsche habe die Midraschim
Rabbot herausgegeben (!) und übersetzt. S. 201 werden die Stellen für
die Bekehrung bei Paulus zusammengestellt und mit Heitmüllers Urteil
autorisiert, dabei wird aber Eph. 3, 3 zugefügt, das bei Heitmüller nicht
steht. S. 208 steht Apul. Buch X, 1 statt XI. Boussets Rel. des Judentums
, Wendts Apostelgeschichte, Lietzmanns Handbuch werden in älteren
Auflagen zitiert, ohne daß das gesagt würde. Ganz unklar ist S. 133,
wo zu 1 Gem. 5, 6 angefügt wird „vgl. Lietzmann". — Sehr unschön
scheint mir das nach 2 Kor. 4, 10 gebildete und mehrfach begegnende
Wort «Jesusnekrose".

Zürich. Werner Georg Kümmel.

Brun, Lyder: Segen und Fluch Im Urchristentum. Oslo: J.
Dybwad in Komm. 1932. (144 S.) Lex. 8°. = Skrifter utgitt av det
NorskeVidenskaps-AkademiiOslo. II. Hist.-Filos.Kl. 1932. No. 1. Kr. 9-.
Nach einer Einleitung über „Segen und Fluch im
AT. und im Spätjudentum" behandelt der auch in
Deutschland durch eine Reihe von kritischen Untersuchungen
gut bekannte Osloer Neutestamentier zunächst