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Ausgabe:

1933 Nr. 14

Spalte:

260

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hainz, Joseph

Titel/Untertitel:

Das religiöse Leben der weiblichen Jugend 1933

Rezensent:

Knevels, Wilhelm

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259

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 14.

260

hungert zu der dänischen und deutschen Qeisteswelt gelegt
wird. Außer dem gedruckten Material sind auch
ungedruckte Quellen, namentlich das Familienarchiv von
H. L. Martensen benutzt worden. Als Beilage sind Briefe
von Martensen an H. N. Clausen und F. C. Sibbern
aus dem Familienarchiv und der Kopenhagener Universitätsbibliothek
mitgeteilt.

In Flensburg 1808 geboren hat M. auf der Metro-
politanschule in Kopenhagen in jugendlichem Alter eine
religiöse Erweckung durch J. C. Lindberg, den Waffenbruder
des jungen, konservativen Grundtvig, eine humanistische
und ästhetische Beeinflussung durch Henrich
Steffens Buch „von der falschen Theologie und dem
wahren Glauben" erlebt. Das Streben nach einer Synthese
des religiösen und spekulativen Interesses hat ihn
schon seit dem Konfirmationsalter beschäftigt. Nach den
Studentenjahren auf der Kopenhagener Universität, wo
namentlich der Philosoph F. C. Sibbern auf den jungen
Theologen einwirkte, hat er sich auf eine Reise ins
Ausland begeben, die 2 Jahre in Anspruch nahm. Es
ist der Abschluß seiner Wander- und Lehrjahre. In Berlin
ging er eine geistige Krise durch, eine Folge der
bisherigen einseitig intellektuellen Entwicklung. In Heidelberg
lernte er Meister Eckarts Predigten kennen. In
München, der dritten Station dieser Reise, machte er
die Bekanntschaft von Fr. Baader, dessen Streben nach
einem Ausgleich von Glauben und Wissen zu Ms. religiös
-spekulativer Seele und seinem wissenschaftlichen
Ziel paßte. Im Kloster Mölk lernte er Lenaus Faust
kennen, und in Wien entstand nun seine Abhandlung
über diese Dichtung, eine Apologie der christlichen Faustidee
bei Lenau und eine Kritik von Goethes Pantheismus.
Nach einem kurzen Aufenthalt in Paris kehrte M. in
seine nordische Heimat zurück, schrieb, stark von Baader
beeinflußt, seine Licentiatenabhandlung und begann 1837
Vorlesungen zu halten, wurde 1841 außerordentlicher
und 1850 ordentlicher Professor an der Kopenhagener
Universität. 1854 fand seine akademische Tätigkeit durch
seine Ernennung zum Bischof von Seeland ein Ende.
Davon wird der zweite Band handeln.

1840 gab er sein Werk über Meister Eckart heraus,
der theologischen Fakultät in Kiel in Dankbarkeit für
den ihm verliehenen Dr. theol. h. c. gewidmet. Es folgte
1841 sein Grundriß der Moralphilosophie, stark beeinflußt
von Rosenkrantz und Hegel. 1849 erschien sein
erstes Hauptwerk, die christliche Dogmatik; die Einflüsse
dänischer und deutscher Theologen und Philosophen
werden auch hier von Arildsen klar dargelegt.
(Sibbern, Dorner, Schleiermacher, Baader.)

Die literarische Produktion Martensens in seiner
Bischofszeit (1854—1881) sind alle erwachsen auf der
Grundlage, welche er in seiner christlichen Dogmatik
gelegt hatte. Es sind teils Auseinandersetzungen mit
dem Grundtvigiasnismus, mit der Philosophie von Rasmus
Nielsen und mit der katholischen Kirche, die durch
das Grundgesetz von 1849 wieder in Dänemark allgemein
zugelassen war. 1871 und 1878 erschien sein
zweites Hauptwerk, die christliche Ethik, sein originellstes
Werk. Zusammen mit der Dogmatik von 1849
enthält es eine umfassende christliche Welt- und Lebensanschauung
.

Im Alter ist er dann noch einmal zu den mystischen
und theosophischen Studien seiner Jugend zurückgekehrt
und hat 1881 sein Buch über Jacob Böhme hinausgehen
lassen, dessen Wert nicht im Historischen, sondern
im Dogmatischen zu suchen ist.

Das Werk von Arildsen über H. L. Martensen gibt
die erste umfassende Darstellung seines Lebens, seiner
Entwicklung und seiner Bedeutung als Theologe. Er hat
damit der Wissenschaft einen wertvollen Dienst erwiesen
. Man darf darauf gespannt sein, was der zweite
Band über die Wirksamkeit von M. als Bischof zu berichten
hat.

Hadersleben. Th. O. Achelis.

Hainz, Dr. phil. Joseph: Das religiöse Leben der weiblichen
Jugend. Ein Beitrag z. Religionspädagogik a. Grund einer Umfrage
bei ehemaligen kathol. Schülerinnen höherer Lehranstalten. Düsseldorf:
Pädagogischer Verlag 1932. (XVI, 320 S.) gr. 8°. geb. RM 12.50.

Den größten Teil des Buches nehmen die beantworteten
Fragebogen ein, und in ihnen liegt sein Hauptwert.
Die angefügten Bemerkungen des Verfassers sind mehr
eine (allerdings sehr geschickte) Zusammenstellung und
Zusammenfassung als eine Durchdringung und Deutung
; und die Einordnung in psychologische Typen —
energetisch, romantisch, naiv, depressiv, sympathisch,
oppositionell, erotisch, intellektuell und spätreif — ist
zu schematisch, als daß sie zum Verständnis der Fülle
des Lebens, das unter sie gefaßt ist, etwas beitrüge.
Die Eigenart des Verfahrens von Hainz besteht darin,
daß nicht die Jugendlichen selbst befragt werden, sondern
Erwachsene (meist 3—12 Jahre, nachdem sie die
Schule verlassen haben) über ihre Jugend. Zweifellos,
kann aus der Distanz manches besser beurteilt werden,
und die „Erinnerungsmethode" hat mindestens neben
der „Bekenntnismethode" ihr Recht, wenn wir auch nicht
einsehen, daß die Fehlerquelle der Erinnerungstäuschung
ziemlich ausgeschaltet sei (S. XII). Die Annahme, daß
ehemalige Schülerinnen höherer Schulen, zumeist Abiturientinnen
, eine gute Fähigkeit zur Selbstbeurteilung
und zur Darstellung besitzen, erwies sich als richtig
. Unter den 130 abgedruckten Antworten (160 liefen
ein — auf 560 ausgesandte Fragebogen) sind viele, die
in jeder Hinsicht bedeutungsvoll und beachtenswert sind.
Den Fragebogen kann man als recht geschickt abgefaßt
bezeichnen; auszusetzen hätte ich nur, daß die sehr
ausführlichen Fragen zuweilen etwas von der Beantwortung
vorwegnehmen bzw. diese in eine bestimmte
Richtung lenken. H. fragt nach der religiösen
Entwicklung, nach Glaubenszweifeln oder
-Schwierigkeiten und deren Überwindung, nach den
Stützen der Glaubenstreue, nach Schwierigkeiten im praktischen
religiösen Leben, nach der religiösen Erziehung
durch die Eltern, nach dem Religionsunterricht und danach
, wie er nach Meinung der Befragten sein sollte,
u. a.

Den Inhalt kann man bei einem solchen Werk nicht angeben. Man
kann nur jedem evangelischen Pädagogen empfehlen, es gründlich zu
studieren. Vieles wird auch für die evangelische weibliche Jugend zutreffen
; anderes zeigt uns das Eigenartige des katholischen Typs, z. B.
daß — umgekehrt wie bei uns — die kirchlichen Übungen meistens
auch dann noch festgehalten werden, wenn erhebliche Glaubenszweifel
und -Störungen bestehen. Erwähnenswert ist, daß der Mehrzahl der
Schülerinnen der Religionsunterricht durchaus nicht genügte; sie wünschen
ihn konkreter, anschaulicher, freudiger, positiver, milder; sie verlangen
Eingehen auf ihre Fragen und Nöte (Fragekasten, seelsorgerliche
Beratung), Aufgeschlossenheit für die moderne Welt, Unterlassen von Spott
und Ironie, vor allem eine geeignete und würdige Lehrerpersönlichkeit
. Angenehm berührt es, daß auch die schärfste und freimütigste
Kritik an Kirche, Priestern und Religionslehrern abgedruckt wird (Ausdrücke
wie geistiger Tiefstand, Fanatismus, bloße Negation, Ratlosigkeit
gegenüber Lebensfragen, zumal sittlichen Fragen, Blutleere, Prüderie
sind recht häufig!) Der Gesamteindruck bestätigt die Ansicht des Verfassers
, daß das 14.—16. Lebensjahr eine gefühlsmäßige Verinnerlichung
der Religion, das 16.—18. Jahr eine intellektuelle Auseinandersetzung
mit der Religion zu bringen pflegt.

Heidelberg. Wilhelm Knevels.

Die deutsche evangelische Heidenmission. Jahrbuch 1933 der
vereinigten deutschen Missionskonferenzen. In ihrem Auftrage hrsg.
v. P. Dr. Walter Frey tag. Hamburg [13, Alsterchaussee 11]: Verl.
d. Dtsch. Evang. Missionshilfe 1933. (104 S.) gr. 8°. RM 1—.

Das neue Jahrbuch gibt neben der Bücherschau
(Schlunk) und dem Überblick über die deutsche, evangelische
Weltmission im Jahre 1932 (Laiblin) eine stattliche
Anzahl sehr anregender Aufsätze. Emil Brunner
(Zürich) schreibt über die Bedeutung der missionarischen
Erfahrung für die Theologie; die Theologie bedarf
dieser Erfahrung, weil unsere Kirchen hier in
der Christenheit immer mehr den Charakter von
Missionskirchen bekommen. Pfarrer Pfisterer schil-