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Ausgabe:

1933 Nr. 14

Spalte:

244-245

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, Hans

Titel/Untertitel:

Das Bodenrecht im Verfassungsentwurf des Esra 1933

Rezensent:

Meinhold, Johannes

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243

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 14.

244

nordische Saga-Literatur bei den alten Germanen
in ihrer verschiedenen Stellungnahme zu der ihnen gebrachten
christlichen Religion erkennen. Aus dem (Leipzig
1924 erschienenen) Werke Walter Becks „Das Individuum
bei den Australiern", das bekanntlich der Ansicht
entgegentritt, daß den Naturvölkern der Individualitätssinn
abgehe, Kapital für sich schlagend, zieht dann
Andrae (S. 33—63) unter scharfer Ablehnung Levy-
Brühls (L'äme primitive, 1927) und seines prälogischen
Primitiven, „jener wunderlichsten aller modernen Mythen
" (S. 34), die Frühformen der Religion in
Betracht, um zu finden, daß auch die Naturvölker
nicht aus einer gleichartigen Masse von Individuen bestehen
, die alle denselben religiösen Glauben hegen und
dieselben religiösen Handlungen in derselben seelischen
und geistigen Einstellung ausführen. Deutlich bleibe:
In dem Maße wie hier wirklich etwas vorliegt, was in
annähernd derselben Bedeutung, die das Wort für uns
hat, Religion genannt werden könne, finden wir auch
schon auf dieser Stufe den Gegensatz zwischen Frommen
und Gleichgültigen, zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen
(S. 63). Also: Der Gegensatz zwischen
Glauben und Unglauben so alt wie die Religion
selbst.

Aus dieser Tatsache nun aber wird gefolgert: Von
einer allgemeinen, bei allen Menschen
gleichen Veranlagung für Religion kann
keine Rede sein. Der vorhandene Gegensatz muß
letztlich seinen Grund haben in einer angeborenen Verschiedenheit
der einzelnen, ein Gedanke übrigens, der
schon bei Plutarch aufdämmert, der konsequenterweise
den Atheisten gegenüber keine Bitterkeit bekundet, nicht
daran denkt, ihnen einen schlechten Charakter zuzuschreiben
, sondern ihre Ansicht nur als eine Irransicht
bemitleidet (S. 22). Erst auf S. 64 wird die Frage aufgeworfen
was eigentlich „Anlage" bedeutet, und die
Antwort bekommt man eigentlich erst auf S. 72 zu lesen:
die Fähigkeit, eine psychische Funktion auszuführen,
insofern diese Fähigkeit in einer dem Subjekt angeborenen
Beschaffenheit begründet ist. „Macht man", heißt
es S. 74. „mit dem Gedanken Ernst, daß die Religion
ihrer menschlichen Seite nach eine psychologisch bestimmbare
Form menschlichen Geisteslebens sei, so kann
man der Annahme nicht entgehen, daß sie wie jede andere
seelische Funktion ihren Grund auch in einer Anlage
in dem oben angegebenen Sinne habe." S. 75 wird
resümiert, es dürfte klar sein, erstens, daß die Religion
dem normalen Menschen immer in irgend einem Maße
prinzipiell lernbar sei, zweitens, daß man bei keinem
Menschen von einem absoluten Mangel an religiöser
Begabung sprechen könne. Wohl aber wird man
voraussetzen müssen, daß bei vielen Menschen die religiöse
Anlage so tief unter den Nullpunkt fällt, daß sie
unter den in ihrer Umgebung und Erziehung gegebenen
Umständen nicht in merkbarem Grade aktualisiert werden
konnte.

Auf der gleichen Seite stößt man von Zeile 25 ab auf ein Schriftsatzdurcheinander
, aus dem nicht recht klug zu werden ist. Auch sonst
hat man sprachlich mancherlei zurechtzurücken. Gern stelle ich mich dem
Herrn Verf., der, unserer deutschen Sprache sich bedienend, uns zu
Dank verpflichtet, zur Verfügung, wenn er für eine etwa nötig werdende
Neuauflage Korrektordienst sich wollte gefallen lassen. Die Corrigenda
hier zu notieren hätte wenig Sinn. Berichtigt seien nur einige Zahlen.
S. 26, Z. 6 ist Jer. 15:18 zu lesen (statt 17 : 18); und in Z. 8 Jer. 17 : 14
(statt 15 : 18). Auf S. 28, Z. 1 lies Hiob 21 : 14-15 und auf Z. 8 ist
Ps. 15: 1 zu ändern in Ps. 14: 1. In der Fußnote S. 68 ist Starbuck
zu lesen statt Starbuch.

Leipzig. H. Haas.

Kittel, Prof. Dr. Rudolf: Gestalten und Gedanken in Israel.

Geschichte eines Volkes in Charakterbildern. 2. verb. Aufl. Leipzig:
Quelle & Meyer [1932]. (XI, 536 S.) 8°. geb. RM 12—.

Kittels „Gestalten und Gedanken in Israel", die
3 Jahre nach des Verfassers Tode hier in 2. Auflage vorliegen
, bedürfen nicht erst einer besonderen Einführung.
Sie haben sich ihren festen Platz in dem für weitere

Kreise bestimmten, in den Geist des A.T. einführenden
Schrifttum erobert (Vgl. die Besprechung der 1. Aufl.
in ThLZ. 1927 Sp. lOlff.).

So ist es zu begrüßen, daß eine Neuauflage des
Buches vorgelegt wird. Die Bezeichnung als 2. verbesserte
Auflage darf nicht irreführen. Es handelt sich
im großen Ganzen um einen Neudruck der 1. Auflage,
in dem nur ganz vereinzelt auf Grund der Notizen in
Kittels Handexemplar leichte Änderungen vollzogen sind.
F. Baumgärtel hat sie besorgt. So sind etwa, um einen
glatter lesbaren Text zu erzielen, kleine Umstellungen
vorgenommen (S. 149 f.), durch den Gang der Zeit Überholtes
ist gestrichen (der Wunsch nach Neuaufnahme
der Grabung in Sichern S. 192). Offenbar in Berücksichtigung
der Kritik Hempels (Gott und Mensch im A.T.
S. 100. Anm. 1) wird S. 241 der Satz der 1. Auflage, der
die prophetische Haltung als „ein im höchsten Maße
aktives Sichfinden in Gott' beschreibt, unterdrückt. In
den am Schluß des Bandes gesammelten Anmerkungen
sind die Literaturangaben durch Hinweise auf die seit
1925 erschienene Literatur ergänzt, vor allem ist von
S. 389 (Deuterojesaja) ab häufiger auf des Verfassers
3. Teil der „Geschichte des Volkes Israel" verwiesen.

All diese Änderungen halten sich in kleinstem Rahmen
, schärfer eingegriffen ist nur in das Kapitel: Esra
und Nehemia. Daß die erste Grundsteinlegung des
2. Tempels nun schon in die Zeit des Cyrus verlegt wird,
nicht erst ins Jahr 520, ist ein Nebenpunkt. Der Angelpunkt
der Umarbeitung dagegen liegt in der vom Verfasser
selbst noch im 3. Teil seiner Geschichte des Volkes
Israel vollzogenen anderen Einordnung von Neh. 8,
das als Teil der Geschichte Esras erkannt und zwischen
Esr. 8 und 9 eingeordnet wird. Das hat eine wesentliche
Verschiebung des Geschichtsbildes zur Folge, indem
von einem Zusammenwirken von Esra und Nehemia
nun nicht mehr die Rede sein kann. — Die Umarbeitung
geht aber auch hier äußerst pietätvoll vor sich,
indem weitgehend Stellen aus der „Geschichte des Volkes
Israel" im Wortlaut übernommen sind.

Eine von Baumgärtel auf Grund der Ausführungen
Kittels angelegte Zeittafel, die synoptisch die Geschichte
Israels mit den Geschichtsdaten der Nachbar-Großreiche
zusammenstellt, ergänzt das Werk in willkommener Übersicht
.

Die Anm. 29 a., auf die S. 41 verweist, fehlt. Es dürfte darin auf
Alt: Der Gott der Väter hingewiesen sein. S. 499 Anm. 59 ist das
falsche Zitat der 1. Aufl. übernommen, es ist natürlich an 1. Sam. 23—31
gedacht. S. 515 Anm. 33 ist beim Verweis auf S. 512, Anm. 26 der
verschobenen Seitenzahl der 2. Aufl. nicht Rechnung getragen, lies S. 516
Anm. 26.

Göttingen. W. Z i m m e r 1 i.

Schmidt, Hans: Das Bodenrecht im Verfassungsentwurf des
Esra. Sein Sinn, seine Entstehung, seine Geschichte. Rede anläßlich
d. Verfassungsfeier am 11. 8. 1932 geh. i. d. Aula d. Vereinigten
Friedrichs-Univ. Halle-Wittenberg. Hailea. S.: M. Niemeyer 1932.
(29 S.) 8°. = Hallische Universitätsreden, 56. RM 1.40.

Diese als 56. der Hallischen Universitätsreden erschienene
Ansprache wurde anläßlich der Verfassungsfeier
am 11. August 1932 in der Aula der vereinigten
Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg gehalten.

Die Rede Schmidts geht davon aus, daß es doch der
brennende Wunsch der Krieger im Felde war, nach der
Heimkehr ein Stück deutschen Landes als ihr eigen zu
haben, ein Wunsch, eine Sehnsucht, die vielfach in den
Reden der verfassunggebenden Versammlung zu Weimar
aufgenommen und ausgedrückt wurde. Und dabei wurde
auch mit klaren Worten auf die „sehr vernünftigen
Grundsätze der Bodenreform im Alten Testament" hingewiesen
(von dem Abgeordneten Sollmann). Dieser
Hinweis gab dem Verfasser den Anlaß, bei der Verfassungsfeier
1932 diese Gedanken einmal einem größeren
Kreise vorzuführen. Und er tat gewiß recht daran.
Es handelt sich um die Esrareform und die mit ihr verbundenen
Gedanken betr. Heimstätte und Bodenreform.
I Esra, ein hoher Kanzleibeamter des Königs Artaxerxes,