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Ausgabe:

1933 Nr. 12

Spalte:

218-219

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wach, Joachim

Titel/Untertitel:

Typen religiöser Anthropologie. Ein Vergleich der Lehre vom Menschen im religionsphilosophischen Denken von Orient und Okzident 1933

Rezensent:

Merkel, Franz Rudolf

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 12.

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wendet wird, sucht er ihn durch Besinnung auf das
Wesen evangelischen Glaubens zu klären. Nur im Glauben
, in dem unsere Gotteskindschaft wiederhergestellt
wird, gehen uns die Augen auf für Umfang und wahre
Natur unserer Erlösungsbedürftigkeit.

Sie besteht in der Vergänglichkeit unseres Daseins,
dem sich kein letzter Sinn auftut. Sie äußert sich in der
Fremdheit zwischen Mensch und Mensch, auch wenn
sie sich noch so innig lieben; sie liegt besonders zwischen
Mensch und Welt. Sie drückt als Mangel mannigfachster
Art, den wir nicht beheben können. Unruhe
und Weltangst verlassen uns nie ganz. Und unsere
Sünde gewinnt im Urzweifel über unser Hehrstes Macht,
über unsere Vernunft, indem wir es für möglich halten,
daß die von uns der Welt gegebenen Ordnungen gut
seien, obwohl sie immer wieder durcheinander stürzen.

In diesen Zustand der Erlösungsbedürftigkeit ist die
gesamte Schöpfung gefallen. Das schöpfungsmäßige
Gutsein ist in Sünde verkehrt worden. In ihr kann der
unerlöste Mensch, der Mensch ohne Glauben, immer nur,
auch mit dem besten Willen, dem Chaos dienen. Verzweiflung
über die Sinnlosigkeit seines Daseins muß
ihn immer wieder umfangen, auch wenn er um Sinngebung
ringt.

Wer von Gott den Glauben geschenkt bekommt, der
ist aus dem Zustand der Erlösungsbedürftigkeit in den
Zustand der Erlöstheit versetzt. Glauben haben aber
heißt, in Jesus Christus unsere Ebenbildlichkeit erschauen
und damit wiedererlangen. Gewiß nicht in dem
Sinne, daß wir den Ordnungen dieser Welt entnommen
wären, aber doch in dem entscheidenden Sinne, daß
wir seinsmäßig verändert worden sind, indem wir neue
Lebensmöglichkeiten innerhalb dieser Ordnungen erlangen
, wodurch eben auch unser Schicksal in das göttliche
Erlösungswalten eingeordnet wird, das durch diese
Ordnungen hindurch, unter deren beständiger Aufhebung,
die Schöpfung dem Erlösungsziele zuführt.

Im Glauben schauen wir die Gestalt Christi, des
göttlichen Welterlösers, haben teil am Erlösungswirken
Gottes und sind vollkommen, so viel oder wenig wir
auch tun. In ihm leben wir aus Vollmacht heraus, durch
unsere Seinsveränderung in pneumatische Teleologie erhoben
, wissen um die Wahrheit, wenn auch nur im
gläubigen Schauen und leben wahres Leben, trotz aller
Vergänglichkeit in dieser Welt. Denn wir sind Erlöste,
denen die Sünde vergeben worden ist und Auferstehung
verheißen.

„Eine so verstandene Erlösungslehre", schließt der
Verf., „trägt der Tatsache der menschlichen Spontaneität
Rechnung — sie macht den Menschen nicht zu
einer Marionette — und sie bewahrt andererseits vor
dem widerspruchsvollen Gebilde einer Selbsterlösungs-
lehre. Im Glauben ist die subjektive und die objektive
Seite der Erlösung als Einheit enthalten. Die Tatsache
des Glaubens ist der Ausdruck des göttlichen Erlösungswirkens
, der Inhalt des Glaubens ist das Bewußtsein des
auf mich gerichteten Erlösungswirkens. Wenn die Erlösung
nur ein jenseitiges Geschehen und ihre Erfahrung
nur nach dem Tode möglich wäre, so wäre der
Glaube nichts anderes als die Selbstbefriedigung des
metaphysischen Bedürfnisses. Der Glaube ist jedoch nur
dann gegen den Verdacht der Illusion geschützt, wenn
er auf Erfahrungen aufruht" (47).

Piper gelingt es in dieser Schrift ausgezeichnet, die
Grundgedanken seines theologischen Neurealismus zu
vermitteln. In seinen „Grundlagen der evangel. Ethik"
(Gütersloh 1928/30) hat er das mit dem Rüstzeug eines
großangelegten Werkes tun können. Hier äußert er sich
auf knappem Raum. Es dürfte aber weniger an der
Kürze der Schrift liegen, daß der Leser sich mit gesammelter
Aufmerksamkeit verhalten muß, als an der
Theologie des Verfassers. Der theologische Neurealismus
erfordert für manchen unter uns, nicht bloß für
die ältere Generation, ein solches Umstellen, um sich

seiner Sicht der Wirklichkeit zu erschließen, daß es
j Mühe kostet, ihn zu erfassen. Aber sie lohnt sich sehr.
Gerade bei Piper ist diese neue Art des Theologisierens
bis an den Rand mit echtem Leben gefüllt, sodaß auch
noch die scharfsinnigsten Zergliederungen davon durchrennen
sind. Das ist wohl der Grund, weswegen seine
Schriften bei aller wissenschaftlichen Strenge so er-
! baulich wirken.

Wien. Johannes Möldner.

Wach, Joachim: Typen religiöser Anthropologie. Ein Vergleich
der Lehre vom Menschen im religionsphilosophischen Denken von
Orient und Okzident. Tübingen: J. C. B. Mohr 1932. (42 S.) 8°.
= Philosophie u. Geschichte. Eine Sammlung v. Vorträgen u. Schriften
a. d. Gebiet d. Philos. u. Gesch., 40. RM 1.50; in Subskr. 1.20.
J. Wach, dem wir schon die philosophie- und geistesgeschichtliche
Studie: ,Die Typenlehre Trendelen-
burgs und ihr Einfluß auf Dilthey' (1926) verdanken,
legt uns hier eine religionswissenschaftliche Studie vor,
worin mit kurzen markanten Strichen ,ein Vergleich der
Lehre vom Menschen im religionsphilosophischen Denken
von Orient und Okzident' gezogen wird. Wie sich
innerhalb der Geisteswissenschaften eine eigene Disziplin
: ,die philosophische Anthropologie neu konstituiert"
hat, so möchte mit seinen prägnanten Ausführungen der
Verfasser hier Hinweise geben für „ein religionssystematisch
im Zusammenhang noch nicht recht behandeltes
Kapitel der vergleichenden Religionswissenschaft." Von
einer Charakterisierung der griechischen Anthropologie
ausgehend, wird dann die Auffassung vom Menschen in
den nicht ohne jene zu denkenden drei großen Offenbarungsreligionen
, dem Christentum, Judentum, Islam
skizziert, um dann in großen Grundzügen die Auffassung
und Bewertung des Menschen im philosophischen Denken
Indiens und Ostasiens anzuschließen. Auf wenig
Seiten bietet sich uns eine Fülle von Anregungen, werden
Richtlinien gezeigt für weitere typologische Untersuchungen
. So wenn der Verfasser feststellt, daß die
Platonische Lehre vom Menschen eingebaut erscheint
„in das Gesamtgefüge eines mythisch-religiös fundierten
Spekulationszusammenhangs", während „der nicht
weniger metaphysisch interessierte Aristoteles entschlossen
von der Erfahrung her sein System aufbaut" und
damit auch der Lehre vom Menschen „als erster großer
Wissenschaftler des Abendlandes" der Anthropologie
und Psychologie eine empiristische Grundlage sicherte.
Oder wenn er den Neuplatonismus sowohl „der ethnischen
Herkunft seiner Vertreter wie dem Geist nach
als die ungriechischste Denkerschule der Antike" bezeichnet
, deren „Anthropologie fast mühelos in den
Zusammenhang orientalischer Spekulation gerückt" werden
könne. Sie „ist — echt orientalisch — kosmologisch
bestimmte Soteriologie. Der Akzent fällt auf die Grenzsituationen
des Daseins (Ekstasis), auf seine Transzen-
dierung". Um der Aktualität willen hätten vielleicht
bei dem Hinweis auf den Einfluß der griechischen Geistesentwicklung
auf die mittelalterlich-christliche, jüdische
und arabische Anthropologie die Gründe einer
NichtÜbernahme des griechischen I^bensgefühls kurz herausgehoben
werden dürfen, die ja sicherlich in der Gestaltung
der Anthropologie der abendländisch-monothe-

| istischen Philosophie mitgegeben waren. Auch die These,
daß es „nur im Bereich der drei Offenbarungsreligionen
den Philosophen als Märtyrer" gegeben habe, wird in
dieser Allgemeinheit kaum aufrecht zu erhalten sein.
Treffend weist Wach noch auf die für die Anthropologie

I Vorderasiens durch H.H.Schaeder herausgehobene grundlegende
Idee des ,Adam Kadmon', des vollkommenen
Menschen' hin, die ihre eigenartige Prägung in der gno-
stischen Anthropologie gefunden habe. Deren eigentumliches
Schwanken „zwischen autosoterischem und hete-
rosoterischem Aspekt" bei der Betrachtung und Bewer-

; tung des Menschen und seiner Wirkungsfähigkeit stellt
für das orientalische Denken überhaupt ein äußerst wichtiges
Problem dar: der „von einem universellen Traum-

I empfinden getragene Akosmismus" der Inder hat eben-