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Ausgabe:

1933 Nr. 11

Spalte:

203-204

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Richter, Julius

Titel/Untertitel:

Die evangelische Mission in Fern- und Südost-Asien, Australien, Amerika 1933

Rezensent:

Witte, Johannes

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203

Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 11.

204

nen sollte und auch Bismarck aus ihnen die entscheidende
Kraft holte. Neben ihnen holte Bismarck recht viel
innere Kraft aus den „Täglichen Erquickungen für gläubige
Christen", und im Kriegswinter 1870/71 waren die
Psalmen seine ständige Begleitung. Aus kurzen Notizen
in den Handexemplaren ersieht man, in wie hohem
Maße Bismarck aus dieser täglichen Lektüre Andacht,
Sammlung und Zielgebung für den christlichen Staatsmann
ziehen konnte. Bismarck ist, was M. nicht am
Beispiel darlegt, wie Gustav Adolf das Urbild eines
christlichen, und zwar eines evangelischen Staatsmannes,
dem Staatsdienst nichts anderes als Gottesdienst ist, der
aus dem evangelischen Ethos heraus so handelte, wie er
handelte, weil er nicht anders handeln konnte. M. erläutert
das im gleichen Hefte der „Zeitwende" an dem
besonders bemerkenswerten Gegenstande der „Emser
Depesche", aus der Verblendung und Unwissen immer
wieder eine „Fälschung" Bismarcks gemacht haben. Auf
das von M. über dies Thema in Aussicht gestellte Buch
darf man gespannt sein. —

Wie sehr im Übrigen Bismarck vom Geiste der Brüdergemeine
und auch von ihrem Kirchenbegriff ergriffen
war, geht aus seinem Verhalten gegenüber der organisierten
Kirche hervor. Ein Schlaglicht bietet da die Unterhaltung
zwischen dem Kreuzzeitungsredakteur Wilhelm
Freiherrn v. Hammerstein und dem Reichskanzler
am 18. April 1887, über die der konservative Politiker
berichtet: „Bismarck zeigte überhaupt eine entschiedene
Abneigung gegen die organisierte evangelische Kirche
und meinte, daß er sich lieber zu den böhmischen
Brüdern zurückzöge, worauf ich ihm offen erklärte,
daß ein solcher Subjektivismus wohl einem Manne in
seiner Stellung persönlich erlaubt sein könne, für die
Förderung der objektiven Aufgaben der Kirche und des
Christentums in der Masse des Volkes aber völlig unbrauchbar
sei." (HansLeuss: Hammerstein. 1905, S. 52.)
Berlin. _Otto Lerche.

Richter, Prof. D. Julius: Die evangelische Mission in Fern-
und Südost-Asien, Australien, Amerika. Gütersloh: C. Bertelsmann
1932. (XII, 488 S.) gr. 8°. = Allgem. Evang. Missionsgesch.
Bd. V, H. 2. RM 16—.

Mit diesem Band ist nun Richters große, evangelische
Missionsgeschichte abgeschlossen. Richter hat damit
ein Werk vollendet, wie es als Arbeit eines einzelnen
Mannes in der Missionsliteratur seinesgleichen nicht hat.
Für alle deutschen Missionskreise ist dies Werk von
unüberbietbarem Wert. Nun kann sich jeder über den
Stand der Mission in der ganzen Welt orientieren, leicht
und zuverlässig. Aber auch für die Theologie ist dies
große Werk von hoher Bedeutung. Es wird ja auch bei
uns die Zeit kommen, in welcher man nicht nur auf die
Vergangenheit sieht und auf die Vorgänge in den christlichen
Ländern, sondern auch auf die lebendige Gegenwart
und auf die ganze Welt. Dann wird Richters Werk
voll zu Ehren kommen als Geschichte der jungen Kirchen
in aller Welt im 19. und 20. Jahrhundert. Schade,
daß man in der deutschen Theologie und auch in den
deutschen Kirchen soviel weniger weltoffen ist für die
ganz großen Weltaufgaben als in den angelsächsischen
Ländern. Ich glaube, dort schätzt und kennt man Richters
Werk fast mehr als bei uns.

Dieser letzte Band ist nun leider allzu kurz ausgefallen
, unter der Not der Zeit Die Missionsgeschichte
Japans auf 83 Seiten! Das ist natürlich nur ein kurzer
Überblick. Nun, man muß das in Kauf nehmen. Das
Buch hat doch Vorzüge genug. Wer weiß bei uns etwas
von den unzähligen Inselgruppen im Stillen Ozean? Man
kennt kaum die Namen der Inseln. Mit unsagbarer
Zähigkeit hat Richter den Stoff über die Mission in diesen
entlegenen Gebieten gesammelt. Und wer weiß
etwas über evangelische Mission in Mittel- und Süd-
Amerika? Und welche großen, kulturellen Kräfte dort
vom Protestantismus ausgehen? Es ist hier natürlich
unmöglich, den gesamten Inhalt des Buches recht zu würdigen
. Wer von uns könnte da auch nachprüfen? Aber

es erfüllt mit größtem Vertrauen für das ganze Buch, daß
ich da, wo ich nachprüfen kann, inbezug auf Japan,
so gut wie nichts zu kritisieren, aber viel zu loben habe.
Die wichtigsten Perioden der Geschichte und1 die bedeutsamen
Probleme der heutigen Mission sind fein und
scharf herausgearbeitet worden. Auch die früher beliebte,
einseitige Kritisierung der Ostasien-Mission ist vermieden
durch sachlichen, anerkennenden Bericht. Nur eines hätte
gerade in einem deutschen Buch nicht so stehen sollen.
Es ist nur ein leiser, aber deutlicher Ton allzu scharfer
Kritik an der Politik Japans. So mag ein Amerikaner
schreiben, aber kein Deutscher sollte so tun. Wie müßte
man dann erst schreiben über die Politik der „christlichen
" Völker gegenüber China und über die Behandlung
der deutschen Missionen durch die „christlichen"
Völker! Und über die Behandlung Deutschlands durch
diese Völker! Warum also dies scharfe Urteilen über
Japan? Und Japan hatte wirklich z. B. in Korea und
in Japan selbst allerhand Grund zum Mißtrauen gegen
einen Teil der Missionare aus Amerika. Man sollte
auch offener, als es bei Richter geschieht, zugeben, daß
die „Erweckungs-Bewegung" in Korea tatsächlich in
starkem Maße durch die politischen Hoffnungen auf
Amerika gestützt war. Und man muß da draußen im
Osten die amerikanischen Missionare reden gehört haben
! Da mußten solche Hoffnungen aufsteigen. So einfach
und harmlos, wie Richter es darstellt, liegen die
Dinge leider nicht. So harmlos sind eben die Angelsachsen
da draußen nicht. Und überhaupt nicht.
Wie haben ihre Missionare doch gegen Deutschland gehetzt
! John Mott selbst ist eben doch in Rußland gewesen
als Mitglied einer politischen Kriegs-Kommission,
die Rußlands letzten Widerstand gegen Deutschland
aufpeitschen sollte! Und diese selben Missionsmänner
sollten nun den Japanern gegenüber engelrein und harmlos
sein? Bei dem schroffen, bis in die Tiefe gehenden
Gegensatz zwischen Japan und U. S. A? Die Japaner
hatten schon Grund zum Mißtrauen. Und haben es
heute noch, auch im eigentlichen Japan. Man denke an
die Rolle, die die amerikanischen Missionen gegenüber
dem Sturz des Kaisertums in China gespielt haben.
Das gibt zu denken. Und die Japaner können denken. So
wird auch leider die Bearbeitung der Schulfrage etwas
schief. Römer 13 gilt auch für die japanische Regierung
. Es ist nur ihre Sache, wie sie das Schulwesen in
ihren Ländern ordnen will. Wenn der Mission das so
nicht paßt, mag sie in andere Länder gehen. Da ein
halbes Märtyrertum der Mission sehen wollen, ist Unrecht
. Aber das sind nur Kleinigkeiten, die man so in
Einzelheiten des Buches gern anders hätte.
Berlin.____J. Witte.

Schjelderup, Harald, und Kristian Schjelderup: Über
drei Haupttypen der religiösen Erlebnisformen und ihre
psychologische Grundlage. Berlin: W. de Gruyter 8c Co. 1932.
(IV, 108 S. m. 3 Abb.) gr. 8°. RM 6—; geb. 7—.

Der Norweger Kristian Schjelderup hat vor einigen
Jahren eine auch in deutscher Übersetzung (Verlag Walter
de Gruyter u. Co., Berlin, 1928) veröffentlichte
„religionspsychologische Untersuchung" über ,Die Askese
' herausgegeben, die s. Z. in seinem Heimatland
eine starke Bewegung hervorrief. Wie der Verfasser damals
schon durch die Wahl dieses Themas „einen Begriff
von der Fruchtbarkeit der Gesichtspunkte geben
wollte, welche die psychoanalytisch-orientierte Psychologie
der Religionsforschung zur Verfügung stellt", so
soll die vorliegende Untersuchung, die „durch Chr.
Michelsens Institut für Wissenschaft und Geistesfreiheit
in Bergen (Norwegen) gefördert" wurde, das erst in
jüngster Zeit mehr beachtete Problem religiöser Typenstruktur
namentlich auch nach der religionsgeschichtlichen
Seite hin, unter psychoanalytischem Gesichtspunkt
neu beleuchten. Die Untersuchung ist derart
angelegt, daß zunächst 11 psychoanalytische Analysen
vorgeführt werden und daraus dann sich drei Grundformen
der religiösen Einstellung ergeben, die als „Vater-