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Ausgabe:

1932 Nr. 7

Spalte:

148-153

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von

Titel/Untertitel:

Der Glaube der Hellenen. Bd. I 1932

Rezensent:

Pfister, Friedrich

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 7.

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lästen (Kap. XXII f.). Besonders eingehend wird der
Haupttempel Esagila und der dazugehörige Stufenturm
(Kap. XV ff.) besprochen. Am Schluß ist ein Kapitel
angehängt, das die wichtigsten Urkunden über Babylon
— darunter 57 Keilschrifturkunden in Übersetzung und
z. T. auch in Umschrift — darbietet (Kap. XXIV). Die
Darstellung wird durch zahlreiche Tafeln unterstützt;
bisher unbekannte Keilschriftdokumente werden in Auto-
graphie oder Lichtdruck dargeboten.

Die epigraphische Forschung kann die archäologische
Schwester dadurch unterstützen, daß sie sie lehrt
die aufgedeckten Grundrisse zu benennen, den Zweck der
Gebäude zu bestimmen und das Leben aller Art, das
sich um sie und in ihnen abspielte, zu ihrem Teile aufzuhellen
. Darüber hinaus kann sie der Grabung Hinweise
darauf geben, wo etwa noch vermißte wichtige
Bauwerke zu suchen sind. Über Vermutungen kommt
sie aber dabei nicht hinaus, das letzte Wort hat immer
der Ausgrabungsbefund zu sprechen. Diese Grenze hat
Unger nicht immer eingehalten. Über seine Rekonstruktion
der Befestigungs- und Toranlagen urteilt der kompetenteste
Fachmann, Wetzel, in dem Werke „Die Stadtmauern
von Babylon", zu dem Unger einen Beitrag beigesteuert
hat, der einen Teilauszug aus dem vorliegenden
Buche darstellt: er könne sich Ungers Auslegung in den
Punkten nicht anschließen, die mit den Ausgrabungsbefunden
nicht übereinstimmen. Das schließt einen prinzipiellen
Einwand gegen Ungers Methode ein, dem ich mich nur
anschließen kann. Besonders kraß kommt er z. B. darin
zum Ausdruck, daß Unger glaubt, die Dombartsche Rekonstruktion
des Babelturms dadurch verbessern zu müssen
, daß er ihm geböschte Wände gibt. Die Ausgräber
haben zu wiederholten Malen versichert, daß die Ausgrabung
davon nichts zeige, und das ist in dieser Frage
das einzig Entscheidende. Unger hätte die Grenze zwischen
dem Sicheren und dem nur Erschlossenen schärfer
ziehen müssen.

Der Wert der Ungerschen Aufstellungen muß sich
im Philologischen bewähren. Den Grad der hierbei erreichten
Zuverlässigkeit dürfen wir an den beigegebenen
Texteditionen, Transkriptionen und Übersetzungen messen
. Zu meinem Bedauern muß ich feststellen, daß es
daran recht viel zu tadeln gibt. Die Autographien
der Abschnitte der Stadtbeschreibung auf Tafel 41—49
können nicht gerade als Meisterwerke gelten. Ein Vergleich
von Tafel 44 mit der früheren Publikation desselben
Textes bei Reisner Sumerisch-babylonische Hymnen
Nr. V. und dem Lichtdruck Wiss. Veröff. der DOG.
48 Taf. 82 fällt unzweifelhaft zu Gunsten Reisners aus.
Die Ungersche Autographie auf Tafel 43 gibt, wie der
Lichtdruck ibd. zeigt, ein ganz falsches Bild von der
Raumverteilung des Originals. Das ist nicht irrelevant,
vielmehr hängt davon ab, wie viel ergänzt werden muß.
Z. B. fehlt in der Z. 1 in Wirklichkeit doppelt soviel,
als die Autographie angibt. Wenn man ein weites Herz
hat, kann man das als Schönheitsfehler allenfalls hingehen
lassen. Bedenklicher ist es schon, wenn man feststellen
muß, daß die Umschrift ausgesprochen liederlich
ist. Ich verkenne die Unbequemlichkeiten unserer
Umschriftsweise durchaus nicht, aber wenn einmal nach
Thureau-Dangins System transkribiert wird, dann bitte
konsequent. Zuweilen — nach welchem Prinzip? —
hat es der Verfasser vorgezogen, die silbenweise Umschrift
durch eine gebundene Umschrift zu ersetzen. Sogar
ein gemischtes Verfahren kommt vor; in Nr. 26 ist
die Ergänzung gebunden, der erhaltene Text silbenweise
transkribiert, und auch das wieder nicht konsequent.
Die gebundene Umschrift sollte man bei der Darbietung
von Texten vermeiden; wenn man sie aber doch anwen-
wendet, dann schließt das ein, daß man auch die Längezeichen
richtig setzt. Bei Unger sind sie allzu oft gesetzt,
wo sie nicht hingehören, oder fehlen, wo sie stehen
sollten. Die eckigen Klammern, die Ergänztes einschließen
, sind ebenfalls nachlässig behandelt. Sehr störend
ist die Gewohnheit, Ideogramme in der erforderlichen
Lesung zu geben und sie in einer Syllabierung
zwischen runden Klammern zu wiederholen. Das führt
zu einem heillosen Wirrwarr, sobald die runden Klammern
mit den eckigen zusammentreffen. Die Über-
| Setzungen des Verfassers geben sich oftmals viel
j zu sicher, sie sind nicht frei von groben Irrtümern. An
Beispielen nenne ich etwa Folgendes: li-bu-ur „er möge
stark sein" ist nicht lilbur „er möge alt werden" (S. 243
G 6); ibratu bedeutet einen Raum und ist nicht dasselbe
i wie manzazu (S. 244 H 20/22); die „Suklu-Elle, deren
Zahl mit Bezug auf Ernteertrag ist" (S. 247 K 17, 21)
bleibt rätselhaft, da ist die Lesung und Übersetzung von
i Thureau-Dangin („afin d'en produire le compte") doch
; zweifellos viel besser; astene'e-sinäti „ich sorgte immer
! für sie" (von se'ü) leitet U. von sanü „sich ändern" (u.
| obendrein „verändern!) ab. In den Übersetzungen assy-
; rischer Briefe häufen sich die Fehler so, daß man sich
i fragen muß, ob denn U. das Vorhandensein der Arbeit
' von Ylvisaker, die diesen Dialekt vom gleichzeitigen
babylonischen scheidet, verborgen geblieben ist. Da wird
; nasüni (28 Vs. 15) übersetzt durch „haben wir herausgezogen
" statt durch „sie sind hergebracht worden",
j annaka „hier" (29 Vs. 20) wird mit dem Worte für
I „ich" verwechselt, das ass. annuku lautet, sa allikanni
I (29 Rs 2) wird noch nicht einmal als Relativsatz erkannt
; mä (ibd.) hat nichts mit der satzverbindenden
Partikel -ma des Babylonischen zu tun, sondern leitet
i eine direkte Rede ein; udina lä (ibd. Rs 4) bedeutet
| „noch nicht".

Bei diesen Proben lasse ich es bewenden. In dem
i ganzen Buche herrscht eine bedenkliche Unsicherheit
im Philologischen. Das ist sehr zu bedauern, denn der
Stoff ist dankbar. Jegliches Verdienst sei dem Werke
; mit dieser Kritik nicht abgesprochen. Aber gerade als
! Philologe fühle ich mich verpflichtet, einen strengen
; Maßstab anzulegen. Denn wer die Partei der Philo-
| logen gegen die Archäologen nimmt, wie der Verfasser,
sollte sich sehr in Acht nehmen, daß seine eigenen philo-
; logischen Leistungen nicht in der Hand der Archäologen
j zur Waffe gegen die Philologen werden.

Marburg/Lahn.__Albrecht O ö t z e.

Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Der Glaube der
Hellenen. Bd. 1. Berlin: Weidmannsclie Buchhdig. 1931. (VII,
412 S.) 8°. RM 20—.

Als ich die Besprechung dieses Buches übernahm,
: weilte sein Verfasser noch unter den Lebenden. Ich hatte
gehofft, mich wiederum über Prinzipienfragen der Religionswissenschaft
im Anschluß an dies Werk mit ihm,
wenn auch nur kurz, auseinandersetzen zu können, wie
ich es schon einmal (Philo!. Wochenschr. 1926, 281 ff.)
anläßlich seiner beiden Berliner Sitzungsberichte von
i 1925 (Die griechische Heldensage) getan habe. Damals
betraf es die Erforschung des Mythos. Doch jetzt, wo
der Verfasser, der wie noch niemand seit dem Bestehen
der klassischen Philologie die antiken Quellen im einzelnen
wie in ihrer Gesamtheit so genau kannte und überblickte
, mitten aus der Arbeit abgerufen wurde, mag es
als Gebot der schuldigen Ehrfurcht erscheinen, am Grab
den Degen, mit dem man kämpfte, in Trauer und Dankbarkeit
vor dem Genius zu senken und mit der Klage
| um den Toten den Dank zu verbinden für das, was er
| uns gegeben, und das Gelöbnis abzulegen, in seinem
Sinn, nach unsern Kräften, weiterzuarbeiten. — Aber
über dem Grab rauscht das Leben. Und wer dies letzte,
I in Wahrheit lebendige und persönlich bekennende Buch
; liest, der vergißt den Tod, und lebendig steht die große
: Persönlichkeit vor ihm. Und sie wirkt auf ihn, wie sie
I in aller Zukunft wirken wird, so lange es eine Altertumswissenschaft
gibt. Und was lebendig wirkt, schafft wie-
j der neues Leben; und Leben heißt in der Wissenschaft
; — nicht blinde Zustimmung, was ihren Tod bedeutete,
sondern selbständiges Forschen und Kritik, selbst wenn
! sie einmal in die Irre führen.

So mag auch jetzt das Buch, das ich als letzte Gabe
i aus seiner Hand noch empfing, hier angezeigt werden,