Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1932 Nr. 6

Spalte:

135-136

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Viller, Marcel

Titel/Untertitel:

Aux Sources de la Spiritualité de Saint Maxime. Les Oeuvres d’Evagre le Pontique 1932

Rezensent:

Dörries, Heinrich

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

136

Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 6.

136

brachen von der ideengeschichtlichen wie der literarischen
Tradition; verführt doch z. B. den Verf. seine Vorstellung
von der Starrheit des antiken Typos dazu, in
jeder biegsamen Wendung einen Beweis für die Unabhängigkeit
B.s von der Formenüberlieferung zu entdecken
. Was wirklich zutrifft, daß nämlich Basilius überkommenes
Gut selbständig verwertet, braucht in dieser
Allgemeinheit kaum noch bewiesen zu werden, und ist in
seiner Besonderheit auch jetzt noch nicht klar präzisiert.

Die eigentümliche Mischung von Pedanterie und
Phantastik, die dem Buche eignet, läßt die große Sorgfalt
, mit der der Verf. arbeitet (nur der Übersetzung ist
sie nicht überall zugute gekommen!), sich ins Unwegsame
verlieren. Ist es schon übertrieben, zu sagen, Basilius
sei als literarische Persönlichkeit „noch völlig unbekanntes
Land" (S. 5), so ist jedenfalls hier kein Zugang
geöffnet, es zu erforschen.

Göttingen. H. Dörries.

V III er, M. S. J.: Aux Sources de la Spiritualite de Saint
Maxime. Les Oeuvres d'Evagre le Pontique. Toulouse: Apostolat
de la Piere 1930. (65 S.) gr. 8°. = Extrait de la Revue d'Ascetique
et de Mystique Tom. XI, Avril-Juillet 1930.

Daß Origenes der morgenländischen Kirche ein unvergängliches
Erbe hinterließ, an dem Gegner und
Freunde fast gleichmäßig teilhaben, ist bekannt. Erst
langsam aber wird die Vermittlerrolle deutlich, die dabei
dem Begründer des origenistischen Mönchtums, Eua-
grius Ponticus, zugefallen ist. Nachdem Bousset
die Abhängigkeit des Euagrius von Origenes nachgewiesen
hat, geht jetzt Viller den Beziehungen nach, die über
zwei Jahrhunderte hin den Bekenner-Abt M a x i m u s
mit Euagrius verbinden.

Die inhaltliche kleine Schrift unterzieht sich an
Hand des Boussetschen Schemas ihrer Aufgabe mit solcher
Umsicht und Sachkenntnis, daß das Ergebnis als
gesichert gelten darf: das Wesentliche seiner Lehre und
das Gerüst seines Systems hat der große Mystiker nicht
von Gregor v. Nazianz oder Dionysius Areopagita, die
man sonst als seine Lehrmeister nennt, sondern von
Euagrius überkommen. Der einflußreichste Theologe
des VII. Jahrhunderts ist bei dem häretischen Mönch,
den er selbst namentlich verurteilt, in die Schule gegangen
. — Dies Resultat ist bedeutsam, aber nicht so
befremdend, wie es die entschuldigenden Worte V.s erscheinen
lassen. Bemerkenswert ist doch das Argument,
mit dem der gelehrte Jesuit die dogmatische Harmlosigkeit
des von ihm entdeckten Verhältnisses für die Orthodoxie
des Schülers erhärtet: les sacrifices quil a faits
toute sa vie ä la verite, le don complet de lui-meme
pour la doctrine des deux volontes et des deux
fvEovEiai nous assurerit de la parfaite rectitude de sa
pensee (S. 50); wäre nicht auch der Ketzer Euagrius
bereit gewesen, für die von ihm erkannte Wahrheit mit
seinem Leben einzustehen, und gilt der Beweis auch für
die unmittelbaren Euagriusschüler, die nitrischen Orige-
nisten, die Märtyrer ihrer Überzeugung wurden?

Im einzelnen ist der Weg, der von Euagrius zu
Maximus führt, noch nicht überall bestimmt. Gewiß darf
man ja nicht erwarten, daß die Übereinstimmungen, die
beträchtlich genug sind, sich Satz für Satz wiederfinden;
mag er oft noch den Wortlaut seines Vorbildes durchschimmern
lassen, so schaltet Maximus ebenso oft doch
ganz frei mit dessen Gedanken. Die Abweichungen wären
doch noch begreiflicher, wenn es bereits eine Eua-
grius-Schule gab, die die Ideen ihres Meisters in verschiedenen
Brechungen weiterleitete und Maximus auch
diese Abwandlungen gekannt hat. Mit Nilus (cf. Viller,
S. 55) sind auch Marcus Eremita, Diadochus v. Photike,
Ps.-Hesychius und andere auf ihre Beziehungen zu Euagrius
zu untersuchen. Dabei ist dann zugleich die Cen-
turien-Literatur zu bearbeiten, die Euagrius in der Kirche
eingebürgert hat, die aber mit der Form auch vieles
von dem ursprünglichen Inhalt weitergab. So besteht der
Wunsch nach der Erhellung auch der Mitte einer Entwicklung
, deren Ende uns der Verf. so vortrefflich bezeichnet
hat.

Göttiiigen. ' H. Dörries.

Bibliotheca Mariana medii aevi, textus et disquisitiones. Collectio
edita cura instituti theologici Macarensis (Dalmatia) Fase. I: Ioannis
de Polliaco et Ioannis de Neapoli Quaestiones disputatae de Immaculata
coneeptione beatae Mariae virginis ed. Carolus B a I i c O. F. M.
Sibenici: ex typographia Kaeic 1931. (LIV, 110 S.) 8°.

Das erste Heft eines großen literarischen Unternehmens
liegt vor uns. Es handelt sich um eine Sammlung
aller mittelalterlichen Lehrdarstellungen über die
Jungfrau Maria. Die Sammlung soll beginnen mit Jo-
i hannes Damascenus und bis zum Abschluß des Tridenti-
nums reichen. Sie scheint sich nur auf die wissenschaftliche
Erörterung der Mariologie erstrecken zu sollen
und die vielen homiletischen Äußerungen über Maria
beiseite zu lassen. Letzteres ist verständlich, aber trotzdem
zu bedauern, denn gerade aus diesen praktischen
! mariologischen Ausführungen gewinnt man ein Bild von
der Bedeutung Marias in dem mittelalterlichen Leben.
Die mittelalterlichen Texte sollen den besten Handschrif-
; ten entnommen werden. Neben diesen Texten werden
Untersuchungen über die in jenen vorgetragene Lehre
einhergehen. Der durch seine verdienstvollen Studien
über den Text des Duns Scotus bekannte Franziskaner
Balic hat das vorliegende erste Heft dieser Bibliothek
bearbeitet. Es ist richtig, daß die mittelalterliche Mariologie
zu manchen anderen Lehren jener Zeit in engem
! Zusammenhang steht, wie der Verfasser hervorhebt. Da-
| zu kommt, daß wir eine Fülle neuer Texte kennen zu
j lernen hoffen, die mit dazu beitragen werden, unser Bild
von dem mittelalterlichen Denken zu vervollständigen.
; Der Verfasser legt zunächst die Grundsätze dar, nach
j denen die Texte gestaltet werden sollen. Man wird ihm
j in dem Vorgetragenen durchaus zustimmen können. Es
sind im wesentlichen die gleichen Grundsätze, wie sie
G. Stählin in seiner Editionstechnik vorgetragen hat.
Der vorliegende Band bietet uns eine bisher unge-
i druckte und eine an einem ziemlich versteckten Ort
i gedruckte Quästion über die unbefleckte Empfängnis
der Maria dar. Die erste dieser Quästionen
rührt her von Johannes von Pouilly (gest. gegen
' 1321), die zweite hat den Dominikaner Johannes
j von Neapel (er lebte noch 1336) zum Verfasser.
Beide Quästionen sind mit größter Sorgfalt auf
Grund eines umfänglichen handschriftlichen Materials
kritisch ediert. Irrungen oder auch Druckfehler sind
i mir nicht aufgefallen, außer dem ho anstelle von hoc
Seite 49 Zeile 15, wo aber in dem mir vom Verfasser
i übersandten Exemplar ein kleines c mit Bleistift eingetragen
ist. Mit Recht hat der Verfasser diesen beiden
ausschließlich der Frage der unbefleckten Empfängnis
der Maria gewidmeten Quästionen eine Abhandlung über
j die geschichtlichen Voraussetzungen zum Verständnis
i dieser Lehre vorausgeschickt. Bekanntlich hat die Theo-
! logie des 13. Jahrhunderts die unbefleckte Empfängnis
| nicht vertreten, da durch sie nicht nur die Allgemeinheit
| der Erbsünde, sondern auch die Geltung des Erlösungs-
I Werkes für alle gefährdet zu sein schien. Man berief sich
S dabei auf Augusün, Anselm, Bernhard und vor allem
; auf das Lehrbuch des Lombarden. Um die Wende des
13. bis 14. Jahrhunderts beginnt sich eine andere Anschauung
geltend zu machen. Heinrich von Gent in seinem
15. Quodlibet faßt die Möglichkeit einer nur momentanen
Berührung der Maria durch die Erbsünde
' ins Auge und versucht sie in längeren logischen Erörterungen
zu rechtfertigen. Dann folgt Duns Scotus mit
seinen für die Folgezeit maßgebenden Erörterungen der
Frage, wiewohl er selbst zu einer wirklichen Bejahung
der unbefleckten Empfängnis nicht gelangt. Die beiden
Autoren, deren Bekanntschaft wir jetzt machen, befinden
j sich in einem eigentümlichen Schwanken hinsichtlich der
neuen Theorie. Tradition und Verstand halten sie von
einer Zustimmung ab. Andererseits ist eine gewisse
innere Sympathie für die Lehre zwischen den Zeilen zu