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Ausgabe:

1932 Nr. 6

Spalte:

125-129

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weiser, Artur

Titel/Untertitel:

Glaube und Geschichte im Alten Testament 1932

Rezensent:

Hempel, Johannes

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 6.

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Günther kennt nur eine „Rassenseele" und diese ist ihm
die letzte Triebkraft auch aller religiösen Gedanken
und Strömungen; dieser Eindruck verstärkt sich immer
mehr bei der Lektüre seines Buches. Auch die großen
Gestalten der Propheten erklären sich ihm aus der
„Neigung der vorderasiatischen Rasse zum Verkunder-
tum" (S. 123). Hier fehlt Günther wie so manchem anderen
nichttheologischen Forscher (vgl. Ed. Meyer) das
zum Verständnisse solcher Erscheinungen notwendige
religiöse Sensorium. Er fühlt es eben nicht, daß uns
in den großen Propheten Israels eine Welt entgegentritt
, die mit „vorderasiatischen" oder „orientalischen"
oder „nordischen" Rasseeinschlägen nichts mehr zu tun
hat; daß hier nicht die Form des Schadeis entscheidend
ist (man denke an Luthers ausgesprochen slavische Gesichtszüge
!), sondern die Tatsache, daß eben der eine
und einzige Gott sich gerade in diesen Mannern geoffenbart
hat. Von da aus erklärt sich auch Gunthers völliges
Mißverstehen des Gottes Jahwe (S. 119 f. — Hier tragen
freilich ein gut Teil Schuld seine theologischen Autoritäten
!); seine Anschauung vom Sündenbewußtsein im
Alten Testament, das ihm nur der Ausdruck eines
„schlechten Gewissens" ist (S. 176); seine Wertung
des Monotheismus, in dem er nur „Unduldsamkeit"
gegenüber anderen Göttern sieht (S. 193. 317). Hierin
hegt ein schwacher Punkt in der sonst äußerst wertvollen
Arbeit von Günther, die die Beantwortung historischer
Fragen der ältesten Geschichte Israels in dankenswertester
Weise fördert.

Breslau.__Anton Jirku.

Weiser, D. Artur: Glaube und Geschichte im Alten Testament.

Stuttgart: W. Kohlhammer 1931. (VIII, 99 S.) gr. 8°. = Beiträge
z. Wiss. v. Alten u. Neuen Testament. Begr. v. R. Kittel. Hrsg. v.
A. Alt u. G. Kittel. 4. Folge, H. 4. (Der ganz. Slg. H. 55).

RM. 4.50.

„Das Ineinander von Glaubensvorstellung und Geschichtswirklichkeit
" zu erarbeiten, das sich im A.T. dem
theologischen Beobachter in spezifischer Eigenart aufdrängt
, ist das lohnende Ziel, das sich Weiser für seine
vorliegende Schrift gestellt hat. Sie gliedert sich ihm
von selbst in zwei, in der Ausführung freilich recht ungleich
ausgeführte Stücke: die historische Aufgabe und
das theologische Problem. Im ersten Teile wird zunächst
an einigen Beispielen (Befreiung aus Ägypten, Persön-
lichkeit^Davids, Exil) gezeigt, in welcher Weise die Geschichte
auf den Glauben wirkt. Die hier vorgetragenen
Beobachtungen sind richtig gesehen und die aus ihnen
gezogene Folgerung unangreifbar und wichtig, daß die
alttestamentiichen Glaubensaussagen nicht „als auf einer
Ebene liegend aus sich selbst heraus ohne Rücksicht auf
den Gang der Geschichte theologisch gedeutet werden
können". Es erhebt sich aber doch gegen ihre Einzelausführung
im Gesamtzusammenhang des Weiserschen
Buches ein erhebliches Bedenken: die Mehrdeutigkeit des
Wortes „Geschichte". In diesem Abschnitt wird „Geschichte
" ganz naiv gebraucht für das „Geschehen" an
sich, für das Sichereignende in seiner Tatsächlichkeit und
seinem Hereinbrechen. Nun ist es aber nicht so, daß Geschehen
in diesem Sinne Glauben schafft, vielmehr
geschieht das nur dort und dann, wo das Sichereignende
sofort seine Deutung von einem vorausgegebenen Glauben
her findet; oder um es anders auszudrücken: nicht
das „Geschehen" übt den entscheidenden Einfluß auf
den Glauben, sondern die „Geschichte" in dem Sinne,
wie W. sie später definiert, als „geistgewordenes" Geschehen
. Indem W. hier zunächst mit einem naiven,
theologisch-philosophisch ungeklärten Begriff der „Geschichte
" arbeitet, verbaut er sich selbst den Weg zum
Verständnis der von ihm an sich zutreffend beobachteten
Tatsachen. Analoges gilt von der Antithese, der Darstellung
des Einflusses des Glaubens auf die Geschichte,
der an den Beispielen des Bundesgedankens, der Entstehung
des Königtumes und der Neugründung der Gemeinde
durch Esra—Nehemia verdeutlicht wird. Wiederum
ist an den Tatsachen selbst kein Zweifel; die Be-

i obachtungen W.'s lassen sich mit Leichtigkeit vermehren
und noch allgemeiner als Erklärungsprinzip der Ge-
! schicke Israels fruchtbar machen (vgl. meine Schrift:
I Altes Testament und völkische Frage). Aber auch hier
gilt es, sich des wirklichen „Ineinanders" bewußt zu
sein. Unsre Berichte sind ganz überwiegend nicht einfach
j Mitteilungen von Geschehenem, sondern von „geistge-
I wordenem" Geschehen, — wie W. das an späterer Stelle
i selbst andeutet. Das gilt vor allem von den Berichten
I über das Werden des Königtums, die sämtlich — mit
j Recht betont das W. auch für die Grundschicht der Reihe
Sam. I. 8 u. 10,17 ff. — die Königswahl des Saul als
gottgeleitet darstellen. Nun aber erhebt sich gerade an
der Zwiespältigkeit der Überlieferung (Offenbarung an
j und durch den Gottesmann: Los) die Frage, wieweit
I nicht die Betrachtung rückschauend die Ereignisse umgestaltet
hat. Daß das aktuelle Charisma des Recken als
Legitimation und Berufung durch den Gott gilt, ist
I sicher; fraglich aber, wieweit das Spezifisch-Neue, die
; institutionelle Ausgestaltung der charismatischen Führung
, in irgend einer Form religiös motiviert ward, und
| vollends, ob diese Form spezifisch israelitisch war. W.
j übersieht, daß ja doch die Königswahl durch den Gott
sowohl in Ägypten (Winkorakel des Amon, vgl ZAW
1922,110 ff.) als bei den Hetitern (Thronbesteigungsbericht
des Hattusi!) begegnet! Ich kann meine Aus-
i einandersetzung auch so formulieren: indem W. den Einfluß
des Glaubens auf die „Geschichte" und den Einfluß
der „Geschichte" auf den Glauben an verschiedenen
statt an denselben Beispielen aufzuzeigen versucht, hat
er sein eigenes Ziel, das „Ineinander" beider Größen
aufzuzeigen, nicht zu erreichen vermocht und seine, wie
j ich ausdrücklich wiederhole, weithin wertvollen Einzel-
j Beobachtungen um ihre entscheidende Bedeutung ge-
I bracht.

Der zweite Teil gliedert sich wieder in zwei Hälften,
deren erste die Geschichte als Problem des Glaubens
herauszuarbeiten unternimmt. Ist Geschichte „geistgewordenes
" Geschehen, so bedeutet für das A.T. „Geschichte
" genauer ein „Sehen und Darstellen der Einzelereignisse
in der Perspektive einer ganz bestimmten
Ideologie, die diesem Einzelgeschehen erst einen letzten
Sinn verleiht und dadurch dieses Geschehen seiner Isolierung
entreißt und es innerlich durch ein übergreifendes
Band zusammenbindet. Die Existenz und der Vergleich
des Jahwisten, d^s Elohisten und des Priesterkodex,
oder die Gegenüberstellung der Samuel- und Königsbücher
mit dem Werke des Chronisten läßt ebenso sehr
die Tatsache solchen ideologischen Denkens, wie anderseits
zugleich auch die Verschiedenheit der Ideologie der
Geschichtsauffassung und -Darstellung hervortreten".
I Damit ist für die Erkenntnis des Wesens der alttesta-
I mentlichen Geschichtsauffassung Entscheidendes präg-
[ nant zum Ausdruck gebracht, die Tatsache, die für die
! Fragen der Quellenscheidung im Hexateuch und den
„vorderen Profeten" nicht deutlich genug betont werden
kann, daß wir es mit Reihen zu tun haben, die ideologisch
bestimmt und durch die Verschiedenheit ihrer
Ideologie gegeneinander abgegrenzt sind. Es ist außerordentlich
erfreulich, daß W. hier Erkenntnisse seines
schönen Buches über die Genesis weiterführt und
i fruchtbar macht. Zugleich aber wird sofort ein Be-
denken lebendig: die Definition legt das Schwergewicht
! darauf, daß das Einzelgeschehen nicht als Einzelgeschehen
stehen bleibt, sondern mit anderem Einzelge-
j schehen zu einer höheren Einheit zusammengebunden
I wird. Damit wird ein Moment zum tragenden gemacht,
i dessen Bedeutung innerhalb des Selbstbewußtseins des
| A.T. erst zu untersuchen wäre, nicht aber einfach vorausgesetzt
werden darf. Nicht das ist, um schärfer zu
präzisieren, die Frage, ob innerhalb des A.T. größere
Zusammenhänge von ganz bestimmten Glaubensideologien
ausgebi.det worden sind; auch das bestreite ich
| nicht, habe es vielmehr immer wieder betont, daß in der
I Herstellung eben dieser größeren Zusammenhänge eine