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Ausgabe:

1932 Nr. 5

Spalte:

114-115

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Duhm, Hans

Titel/Untertitel:

Der Weg des modernen Menschen zu Gott 1932

Rezensent:

Schowalter, August

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 5.

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der protestantische Bruder anders denkt als er, und der
Protestant wird daraus entnehmen, daß vieles, was er als
katholisch angesehen hat, gar nicht katholisch ist, und
daß vieles, was er für spezifisch protestantisch gehalten
hat, zugleich gut katholische Wahrheit ist".

Es ist ein Buch fürs Volk und soll den Weg zur
Verständigung ebnen durch rein sachliche Aufklärung; es
will nur den Tatbestand darlegen, ohne etwas im strengen
Sinn zu beweisen", also objektiv sein. Der V. ist
auch sicher überzeugt, aus evangelischen Lehrbüchern
loyal den evangelischen Glauben dargestellt zu haben,
und vermeidet jede Gehässigkeit und absichtliche Entstellung
, aber daß er gar nicht unparteiisch sein kann,
zeigt deutlich seine Einleitung. Die katholische „Einfühlungsfähigkeit
" haben wir doch durch die Jahrhunderte
hindurch gespürt und spüren sie noch, wenn wir
z. B. im Großen Katechismus von Deharbe, der in der
Nähe von Holzapfel gedruckt wird, lesen, daß die
„freche kirchenfeindliche Neuerungssucht" im Reformationszeitalter
, dieses „beklagenswerteste Übel", sich „wie
eine ansteckende Seuche verbreitete" und daß die Entstehung
unserer „Sekte" ein „Abfall von der Kirche
Christi" ist, oder wenn wir die Geschichte dieser Kirche
unter den Überschriften erzählt bekommen: „Uneinigkeit
ihrer Anhänger, Verfolgung der Kirche. Die Friedensversuche
der Kirche von den Irrlehrern zurückgewiesen
. Religions- und Bürgerkriege. Die Ausbreitung des
Unglaubens" (im Katech. für die Diözese Speyer z. B.
hier und da gemildert). Wie oft habe ich in meiner und
H.'s bayrischer Heimat ganz unbefangen und ohne beleidigende
Absicht von „Christen und Protestanten" reden
hören! S o ist katholisches Volk vielfach Generationen
hindurch erzogen worden. Wir freuen uns, wenn
man jetzt ein brüderliches Verhältnis pflegen will (was
ja auch sonst in Einzelfällen geschehen ist), aber man
darf nicht von vornherein die Schuld für die bestehende
Spannung auf uns laden. Und das geschieht doch, wenn
man erklärt, dem Katholiken die evangelische Lehre
richtig darstellen zu wollen, um ihm die Unterschiede
zum Bewußtsein zu bringen, den Protestanten aber über
seine unrichtige Auffassung von der katholischen
Lehre belehren zu wollen; oder wenn man schreibt
(S. 2): es wäre gegen die „antikatholische Einstellung"
der Protestanten nichts einzuwenden, „wenn der Protestant
sein Urteil fälle, nachdem er die katholische Religion
kennengelernt, wie sie ist. Aber gerade hier liege
der Punkt, der jedem (!) ehrlich (!) denkenden Deutschen
tiefsten Schmerz bereitet". Es sind also doch ausschließlich
die Protestanten, die schuld sind an den Mißverständnissen
, Spannungen und Spaltungen! Auch in
die Gegenüberstellung der evangelischen und katholischen
Auffassung von der Reformation, wie sie H. gibt,
bat sich allerhand persönliche Polemik eingeschlichen;
die evangelische Auffassung soll auch den Satz enthalten,
daß „am deutschen Wesen nun alle Welt genesen soll",
und die katholische (soll das wirklich die allgemeine,
Populäre, doch so unwissende und indifferente katholische
Auffassung sein oder die H.'s?) die Behauptung,
daß Luther uns die schlimmste üewissensbedrückung gebracht
habe, „indem er (!) den Landesherren die Be- i
Stimmung der Religion ihrer Untertanen überließ", und
daß er die Mißbräuche in der Christenheit leider nicht be- j
seitigt und religiös betrachtet dem Christentum ebenso
schweren Schaden zugefügt habe wie politisch betrachtet
dem Deutschtum.

Das Programm, nur Darstellung zu geben,
läßt sich bei solchen Voraussetzungen gar nicht durchführen
, die Darstellung wird unwillkürlich immer Kritik
der einen und Verteidigung der anderen Seite. So wird
S. 27 behauptet, in der Praxis käme „jede einzelne
Richtung im Protestantismus auf das katholische Auslegungsprinzip
" hinaus, indem „die Häupter jeder Richtung
die H. Schrift in einem ganz bestimmten, ihnen
richtig scheinenden Sinne auslegten und sich dann bemühten
, ihre Anhänger von der Richtigkeit ihrer Auslegung
zu überzeugen". Ist das katholisches Auslegungsprinzip
? S. 45 wird es als das „vielleicht böseste
Erbstück, das „die Reformatoren des 16. Jahrh. sowohl
wie die Begründer späterer Sekten" hinterlassen haben,
das odium Papae, der „Haß gegen den Papst" bezeichnet
. „Gleichgültig, ja übelwollend" stehen die meisten
Protestanten den großen Papstgestalten gegenüber, der
Katholik aber „kann mit freudigem Stolz darauf hinweisen
, daß seine Glaubensüberzeugung durch die Geschichte
glänzend bestätigt wird". Ist es wirklich rein
sachliche und dem Frieden dienende Darstellung, wenn
S. 49 zu lesen ist: „Die Reformatoren haben zur Empörung
gegen die bisherige kirchliche Autorität aufgerufen
und ihren Anhängern die ,evangelische Freiheit'
verheißen. Das war leicht (!). Nach Zerschlagung der
kirchlichen Autorität sahen sie sich genötigt, den Glauben
ihrer Anhänger auf ein totes Buch zu gründen, und
das war schwieriger"? Ich zitiere noch einige Sätze aus
dem gleichen Geist: „Das, was der Protestant Kirche
nennt, ist himmelweit verschieden von dem, was die
Kirche in den Augen des Katholiken ist. Welche Auffassung
aber die schriftgemäße (die des „toten Buches"!)
ist, das kann jedermann aus dem N. T., aus den Worten
des Herrn und aus den Berichten der Apg. unschwer (!)
ersehen" (S. 60). „Bei den Protestanten geht die ganze
Bedeutung der Eucharistie in der Kommunion auf, da
sie ja eine Gegenwart Christi vor oder nach dem Genüsse
nicht anerkennen" (S. 113). „Wenn man gesagt
hat, die Ehelosigkeit des Priesters sei etwas Naturwidriges
und Unmögliches, so läßt sich das verstehen von
einem rein materialistischen Standpunkt aus, der die Befriedigung
des Geschlechtstriebes als etwas für jeden
Menschen Notwendiges ansieht" (S. 136). „Man kann
(!) doch den berechtigten Kern der Heiligenverehrung
nicht in Abrede stellen. Unzählige haben es schon erfahren
, wie wohltätig ein gut geschriebenes Heiligenleben
den religiösen Eifer beeinflußt" (auch eine Begründung
!) (S. 154). „Wer auf dem Standpunkt steht,
daß dies (seil, die Bußeleistung für die Sünden) nicht
nötig ist, wird das kirchliche Fassen nicht begreifen, so
wenig (!) wie das paulinische Wort 1. Kor. 9,27".

Summa Summarurn: wir haben hier eine katholische
Propagandaschrift in neuer Form. Die Zeit für
eine objektive Würdigung des Protestantismus durch einen
guten Katholiken ist offenbar noch nicht gekommen,
und selbst die objektive Gegenüberstellung einzelner
„Lehrstücke" würde noch nicht zum Verständnis führen,
weil der Geist des Protestantismus nicht immer im Wortlaut
steckt.

Berlin. A. Schowalter.

Duhm, D. Hans: Der Weg des modernen Menschen zu Gott.

München: E. Reinhardt 1931. (198 S.) 8°. RM 4.50; geb. 6.50.
Erneuerter und vertiefter Rationalismus unter religiöser
Selbstbeschränkung auf das Gebiet, das der ratio
zugänglich ist. Das Thema des Buches wird direkt nur
im letzten Kapitel behandelt. Es schildert zunächst den
Weg, den die ältere Religion zu Gott suchte, dann den
„völlig anderen", den das Mysterium des Todes Jesu
das Christentum zu gehen zwang. Das historische Christentum
aber ist das Christentum des Paulus, nicht das
Christentum Christi und „geht von einer Gottesvorstellung
aus, die schon die Propheten Altisraels überwunden
hatten . . . und die Jesus selber gänzlich fremd
war" (S. 135). Daß der Mensch den Weg zu Gott
über das „Christentum" und mit seiner Hilfe suche, hat
Jesus nicht gefordert (S. 152—155). Darum ist „der
Weg Jesu der rechte Weg auch noch für den modernen
Menschen" (S. 156). Der Weg zu Gott geht nicht über
die richtige Erfassung und Gestaltung der Gottesidee,
zu der wir gar nicht imstande sind, sondern über die
richtige Anfassung der Aufgaben, die er uns stellt im
Kampf mit der Natur, mit unserer Natur und im Ausgleich
mit den Brüdern. Dabei trägt uns „der Glaube,
daß an der Spitze der Welt ein Gott von gutem