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Ausgabe:

1932 Nr. 4

Spalte:

81-83

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Freundorfer, Joseph

Titel/Untertitel:

Die Apokalypse des Apostels Johannes und die hellenistische Kosmologie und Astrologie 1932

Rezensent:

Windisch, Hans

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 4.

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dies für die Schlier'sche Untersuchung wichtige Glied
aus der Beweiskette herausgebrochen, so wird seine
ganze Untersuchung einigermaßen problematisch, seine
Methode muß anfechtbar erscheinen, es ergibt sich ein
Bild, dessen Grundlage unsicher ist.

So dankbar demnach die Zusammenstellung analoger
Begriffe und Vorstellungen ist, so wenig ist damit
im letzten Grunde schon entschieden. Der entscheidende
Gesichtspunkt auch für die zeitliche Ansetzung einer
Schrift ist die Grundtendenz und der sachlich-theologische
Gehalt. In dem vorliegenden Fall besagt die
Frage nach dem Heilsinhalt des Epheserbriefes mehr
als die nach den Begriffen. Da zeigt sich m. E., daß
der Epheserbrief dem nt. Schrifttum naher steht als
dem gnostischen. Nicht darauf kommt es an, daß
Begriffe, die in der Gnosis eine Rolle spielen, und
Vorstellungen, die wir als mythologisch beurteilen, im
Epheserbrief vorkommen, sondern wie sie in dem Zusammenhang
der Darlegung heilsinhaltlicher Gedanken
gebraucht sind.

Berlin Johannes Sch n ei der.

Freundorfer, Priv.-Doz. Dr. Joseph: Die Apokalypse des
Apostels Johannes und die hellenistische Kosmologie und
Astrologie. Eine Auseinandersetz. m. d. Hauptenjebn. d. Unters.
Franz Bolls: „Aus der Offenbarung Johannes". Freiburg i. Br.:
Herder & Co. 1929. (XIII, 148 S.) gr. 8°. = Biblische Studien
23. Bd. 1. H. RM 6-.

Diese aus der Schule Joseph Sickenberger's hervorgegangene
Studie will in kritischer Auseinandersetzung
mit Franz Boll's „materialschwerer Untersuchung
" Aus der Offenbarung Johannis (1914; vgl.
ThLZ. 40, 274 Bousset) die gewichtige Frage erörtern,
„ob wirklich so nahe Beziehungen zwischen der Apk.
und der kosmologischen und astrologischen Literatur des
Hellenismus vorhanden sind, daß die Visionen der Apk.
nur noch als literarische Umdichtungen kosmischer und
astraler Verhältnisse verstanden werden können". In
vier Kapiteln behandelt der Verf. die Schalen- und Posaunenvision
, die Heuschreckenvision, die apokalyptischen
Reiter und das apokalyptische Weib (c. 12).

Für die Schalen- und Posaunenvision (c. 16 und 8) scheint
mir der Vf. erwiesen zu haben, daß zwischen den beiden Reihen der
Apk. und den mikro-makrokosmischen Siebenerschemas, die Boll herangezogen
hat, dem einen, das sich in der Schrift des (Ps.-)Hippokrates
riepi EßöopüÖorv findet, dem anderen, das in dem Mythus von Urmenschen
in der slawischen Henochapokalypse (c. 30) vorliegt, keine
literarischen und auch keine überlieferungsgeschichtlichen Beziehungen
bestehen. Gewiß liegen einige Ähnlichkeiten vor: in der Apk. wird
Meer zu Blut, in den anthropologischen Mythen ist das Blut aus Tau
geworden; den Engeln am Euphrat (Apk. 8) entspricht in Henoch „die
Schnelligkeit der Engel". Aber die Beziehungen sind doch beiderseits
ganz anders gemeint, und sonst gehen die Motive auseinander und die
Prinzipien der Teilung sind beiderseits ganz verschiedene. Richtig bemerkt
auch der Vf., daß man bei den Plagen der Apk. zunächst an die
ägyptischen Plagen des Exodusbuchs erinnert wird. Er stärkt übrigens
das Zutrauen zur Wissenschaftlichkeit seiner Kritik, wenn er prinzipiell
Betont (S. 20 f.), auch der Gelehrte, der . . die Überzeugung vom wahren
visionären Charakter der apokalyptischen Visionen festhalte (d. h. der
römische Katholik), sei mit nichten gezwungen, in unserem Falle jede
Bekanntschaft des Sehers mit dem Adamsmythus und jede Beeinflussung
durch ihn von vornherein abzulehnen (S. 126 wird diese Erklärung freilich
wieder stark eingeschränkt; desgl. 140).

Methodisch wäre es aber wohl richtiger gewesen,
der Verf. hätte zunächst einmal die beiden Reihenpaare
je für sich untersucht. Dann hätte er allererst feststellen
können, daß jedenfalls beiderseitig ein bestimmtes
Schema, eine bestimmte Siebenertradition zugrunde
liegt, die nur eben in je zwei verschiedenen Varianten
(Apk. 8 und 16 — Hippokrates und Henoch) überliefert
ist. Die Schalenvision ist entschieden eine freie Variante
zur Posaunenvision oder beide sind freie Varianten eines
überkommenen Grundschemas, mögen die Variierungen
reflektiv-literarisch, vielleicht durch Vermischung mit anderen
Plagenreihen, oder, wie neuerdings Joh. Schneider
(Die Erlebnisechtheit der Apk. des Joh.) glaubhaft zu
machen versucht hat, aus eidetischen Schauungen des
Apokalyptikers entstanden sein. Auch zwischen den

j zwei anthropologischen Mythen liegt ein Traditionszusammenhang
vor. Dann hätte die Frage zur Erörterung
| kommen müssen, ob das von Johannes benutzte Grundschema
auf den anthropologischen Mythus zurückzu-
t führen sei oder nicht. Eine Elementenlehre blickt auch
in der Apok. deutlich hindurch: Erde — Meer — Flüsse
— Sonne und Gestirne, aber eine 4-Elementenlehre; denn
in den Plagen 5 bis 7 kann man nur mit Mühe drei neue
, Elemente herausschälen. Sollte aber doch eine 7-Ele-
I mentenlehre auch in der Apok. zugrundeliegen, so wäre
j es eine selbständige, von dem Schema des Hippokrates
und Henoch unabhängige Tradition. Und daß sie zugleich
ein anthropologisches mikrokosmisches Schema
gewesen sein sollte, ist nicht zu erweisen (anders W.
Bousset in seiner Rezension des Boll'schen Buches in
i dieser Zcitschr. 1915).

Die Beschreibung der Heuschreckenplage hatte Boll aus dem
; Sternbild des Skorpion und seiner Umgebung und aus den astralen
j Kentaurenabbildungen, wie sie sich bei den Babyloniern finden, abge-
j leitet. Fr. lehnt auch diese Erklärungen ab, findet es schon a priori
unwahrscheinlich, daß der Apokalyptiker von der Heuschreckenvision des
Joel bis zu den Sternen und Planisphären gegangen sei, gibt aber
1 schließlich zu, daß der Seher von Patmos in seinem Gedächtnis solche
Bilder aus der heidnischen Uniwelt aufgespeichert getragen haben mag.
Ich würde noch stärker betonen, daß einige Züge (Menschenantlitz,
Frauenhaar) sich am besten aus jenen babylonischen Darstellungen der
j Kentaurenschützen erklären lassen (auch die „fünf Monate" können damit
zusammenhängen), daß der Skorpion der fünfletzte der Tierkreisbilder
im Sonnenzyklus ist — wenngleich die 5 gewiß auch eine runde
Zahl sein kann (vgl. dazu noch G. Kittel Rabbinica). Dagegen scheint
die Hereinziehung des „Altar-Sternbildes" mit seiner mittelalterlichen
i Deutung und die der astrologischen Interpretation des „Todsuchens und
nicht Findens" 9, 6 auch mir allzu künstlich. Hier sind die Darlegungen
Fr.'s überzeugend.

Die vier apokalyptischen Reiter (c. 6) mit ihren Attributen hatte
Boll aus den vier Tierkreisbildern Löwe, Jungfrau, Wage, Skorpion abgeleitet
. Daß die Ableitung ihre Schwierigkeiten hatte, hatte er sich
selbst nicht verhehlt. Der erste Reiter ist eigentlich der „Schütze", der
aber im Sternbild erst auf den Skorpion folgt; der zweite Reiter ist
keine „Jungfrau", u. s. w. Schwierig ist auch die Beschränkung auf
4 Gestalten (statt 12). Fr. weist noch weitere Unstimmigkeiten auf, zeigt
an der Hand vielfacher astrologischer Tabellen, daß die vier genannten
Heimsuchungen keineswegs für die vier Tierkreisbilder charakteristisch sind,
da sie überall vorkommen: sogar die Hungersnot und die Unterscheidung
von Korn- und Wein- oder Ölernte ist kein spezifisches Merkmal der
„Wage", ebensowenig ist das Jahr der Jungfrau ein typisches Kriegsjahr
und das des Skorpions ein typisches Pestiahr. Fr. glaubt dann die ganze
astrologische Interpretation ablehnen zu müssen und die Figuren und
ihre Attribute aus den altstl. Vorbildern (Sach und Ex) und aus naheliegenden
volkstümlichen Motiven ableiten zu können.

Ich glaube auch hier, daß mit der scharfsinnigen,
sachkundigen Kritik des Verf.s die astrologische Erklärung
nicht abgetan ist. Wenn viele Gelehrte jedenfalls
! für die „Wage" die Benutzung des Tierkreiszeichens zu-
! gestehen, dann ist die Folgerung, daß auch hinter den
| anderen Figuren Tierkreismotive stecken, nicht unbe-
| rechtigt, sondern die einzig mögliche. Der Apokalyptiker
hat sie nur eben sehr frei verwendet; aber die vier Bilder
des Schützen, der Jungfrau mit dem Schwert (die er
natürlich in einen Reiter verwandeln mußte), der Wage
1 und des Skorpion mit ihren Attributen, die nur eben
promiscue auch an andere Bilder angeschlossen werden,
schimmern noch deutlich durch. Die Beschränkung auf
4 Bilder war durch die profetischen Traditionen gegeben
.

Für die Vision der Frau und des Drachen
(c .12) endlich hatte Boll eine mythologische (Isis-
Horus-Typhon) und eine astrologische Erklärung gegeben
(Jungfrau, Schlange, Adler). Fr. will auch hier
| nur mit der Möglichkeit rechnen, daß „dem h. Johannes
irgend eine bildliche Darstellung der Flucht der Leto
vor dem Drachen Python bekannt war; besser sei es
aber, zu sagen, daß die äußeren, plastischen Züge der
Vision, soweit sie nicht spontan sind, aus der allgemeinen
Volkspoesie stammen und einfach folkloristisch
sind" — als ob Volkspoesie und Folklore nicht auch aus
dem Mythos vielfach gespeist wären, wie denn auch die
ähnliche Unterscheidung zwischen orientalischer, besonders
biblischer Vorstellungswelt (die nach seiner Mei-