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Ausgabe:

1932 Nr. 4

Spalte:

78

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schulz, Alfons

Titel/Untertitel:

Geistige Strömungen im Alten Testament 1932

Rezensent:

Wendel, Adolf

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 4.

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Tag und nachtgleiche 587; wenn wie es wohl wahrscheinlicher
ist, sein Vater im Sommer oder Herbst
starb, ist 586 das Jahr der Eroberung der Stadt.

Der Verfasser scheint auch die Schwierigkeiten einer
Datierung des Exodus auf das Ende des 13. Jahrhunderts
nicht ins Auge gefaßt zu haben. Hier trifft ihn
freilich kein zu harter Vorwurf; die Erwähnung der beiden
Städte in Ex. 1, 11 ist den meisten Forschern entscheidend
erschienen und man hat sich nicht vergegen- i
wärtigt, daß die ganze Theorie einzig und allein an der
Ursprünglichkeit dieser beiden Namen hangt. Der Sinn
des Textes erfordert sie aber nicht und sie können sehr
wohl von einem Abschreiber eingefügt sein, dessen
archäologischen Kenntnisse besser waren als seine historischen
. In jeder anderen Hinsicht haben wir Belege
für ein erheblich früheres Datum. Der Durchzug durch
das Rote Meer wird nicht diskutiert, nicht einmal eine
Andeutung der verschiedenen Möglichkeiten, und über
die Lage des Sinai wird nicht viel mehr gesagt. Möglich
, daß Prof. Jirku sagen will, die entscheidende Frage
sei nicht: „Wo geschah es?", sondern „Was geschah
dort?", aber ein Student hat ein Recht darauf zu er- ]
fahren, daß es darüber verschiedene Meinungen gegeben
hat. Dagegen sind die Schwierigkeiten der Berichte
über den Sanherib-Zug klar dargelegt und scharf ins
Auge gefaßt, aber über die nicht minder verwickelte
Frage der Syrerkriege Davids ist entschieden zu leicht
hinweggegangen.

Manche der weitergreifenden Fragen — die wirk- ]
liehe Geschichte — sind gut herausgearbeitet. Die Bedingungen
der Weltpolitik, die die Entstehung der Monarchie
ermöglicht haben, sind ausgezeichnet dargelegt
und die Bedeutung der Organisation Salomos ist gut be- j
handelt. Doch wir können uns des Eindrucks nicht erwehren
, daß Prof. Jirku es unterlassen hat, den zentralen
Charakter der israelitischen Geschichte bis zum Exil zu j
betonen, ja, daß er ihn meist völlig aus dem Auge verloren
hat. Das ist der dauernde Widerstreit zwischen I
den beiden Theorien der Gesellschaft und der menschlichen
Beziehungen. Dem Nomadentum auf der einen j
Seite, wie es die israelitischen Eindringlinge aus der !
Wüste mitbrachten, und dem des seßhaft bebauten Landes
auf der anderen. Der Widerstreit dieser beiden Lebensanschauungen
, der intensiv demokratischen und der j
streng monarchischen bildet den Schlüssel zu Israels
innerer Geschichte. Darin liegt die Bedeutung der
Thronbesteigung Salomos: sie ist der Triumph der Ge- j
walt des Königs über die des Volkes. Gerade weil die i
Propheten als ein „Orden" zu dieser alten Tradition
stehen und von Zeit zu Zeit durch neue Zuflüsse von
der Steppe aus verstärkt werden, stehen sie auf der
Seite des Volkes gegen die willkürliche Despotie. Das
ist die Bedeutung der Ahija-Episode in der Jerobeam-Er-
zählung, des Protestes "des Elia gegen die Vergewaltigung
des Naboth, der prophetischen Revolution gegen
den nichtisraelitischen Einfluß der Isebel in Kirche und j
Staat, und von vielem dergleichen in der Geschichte |
des Volkes. Am weitesten geht in dieser Hinsicht die
Versäumnis, den tiefen sozialen und wirtschaftlichen Umschwung
zu betonen, der zwischen 850 und 750 a. C.
Platz greift, durch den der alte kräftige bäuerliche
Grundeigentümer durch den Großgrundbesitz verdrängt
wurde, der sein Land durch Sklaven oder Pächter bearbeiten
ließ. Dies Beiseitelassen heißt den Sinn der Geschichte
der späteren Monarchie beiseite lassen, und es
ist zu bedauern, daß Prof. Jirku es nicht zureichend be-
handelt, denn sein Werk als Stück der Geschichtsschreibung
leidet ernstlich darunter.

In der Druckanlage benutzt Prof. Jirku geschickt
die verschiedenen Schriftarten; es bedeutet für den Studenten
einen großen Vorteil, daß er auf den ersten
Blick die für das Werk des Autors wichtigsten Punkte
übersehen und die Grundlinien des Ganzen erfassen
kann. Es mag nicht unangebracht sein zu hoffen, daß
er Gelegenheit findet, sein Buch neu zu schreiben und

die Elemente von bleibendem Werte einem Buche einzufügen
, auf das sich Studenten verlassen und das sie
zugleich benutzen können.
Cardiff. Th. H. Robinson.

Schulz, Alfons: Geistige Strömungen im Alten Testament.

Breslau: O. Borgmeyer [1931]. (67 S.) 8°. RM 1—.

Ein schlichtes und nettes Büchlein praktischer Tendenz
, dem man seinen Weg in weite Volkskreise nur
gönnen und wünschen kann! Hinderlich wird ihm dabei
allerdings sein etwas pompöser, unpassender und irreführender
Titel sein, für dessen Wahl vielleicht Kittels
„Gestalten und Gedanken in Israel" unbewußt Paten
gestanden haben.

Eine Sache selbst, so wie sie ist, verstehen lehren,
ist stets die wirkungskräftigste Apologetik. So gibt es
ja mancherlei Versuche, „Prachtstücke", „Kernstücke",
„Perlen" des A. T., mit und ohne Erläuterungen, als
werbende und klärende Textbücher ins Volk zu bringen.
Die vorliegende knappe und kommentierte Auswahl, die
„Proben aus dem A. T. für einen weiten Leserkreis"
geben will, wird sich zu verschiedenster Verwendung
eignen: für kirchliche Häuser, für interessierte Vereinsjugend
, als Geschenk an Werdeetappen des Lebens, als
billiges Textbüchlein zur Behandlung des A. T. in den
Sekunden höherer Schulen, als feiner und sachlicher
Mahner für dem A. T. ablehnend Gegenüberstehende.
Mögen die Pfarrer dazu beitragen, daß unserem Volke
solche Schriften in die Hand kommen, die der urtümlichen
Wucht der Bibel gerecht werden wollen; sie
wirken doch viel Besseres als unsachliche Traktätchen,
die bei Freunden ohne Förderung, bei Feinden aber
ohne jede Wirkung bleiben. Es ist des vorliegenden
Schriftchens Absicht, Verständnis für das alttestament-
liche Schrifttum zu pflegen und dadurch Achtung und
Liebe zu wecken. Geht es doch von der Voraussetzung
aus, „daß es viel wertvoller ist, statt weitschweifig und
gelehrt über das A. T. zu reden, das A. T. lieber selbst
reden zu lassen und es . . . wirken zu lassen". Die treffenden
Nietzsche-Worte über das A. T., die das Vorwort
erwähnt, hatte auch Hermann Gunkel einst seiner Schrift
„Was bleibt vom A. T.?" als Motto vorgesetzt.

Den Inhalt bilden zu einem Viertel Propheten —,
zu drei Vierteln Psalmen-Texte. Die Auswahl sucht anscheinend
dem ästhetischen und religiösen Maßstab in
gleicher Weise gerecht zu werden. Über ihre Ergebnisse
im Einzelnen wird sich natürlich in allen Sammlungen
streiten lassen; so hätte ich den 73. Psalm gerne unter
den „Liedern der Gottesfreude" gesehen. Die Sprache
der Übersetzung versucht geschickt, der des Originals zu
folgen, ohne deshalb undeutsch zu werden. Es ist sogar
ein kraftvoll-wuchtiges Deutsch. Stellenweise ist die
— nicht überall auf gleicher Höhe stehende — Übersetzung
wirklich prachtvoll; besonders gefällt mir die
Wiedergabe des 29. Psalms. Die Erläuterungen sind
sehr einfach und trotz ihrer Knappheit geeignet, zu rechtem
Nachempfinden anzuregen.

Ober-Breidenbach i. Hessen. Adolf Wendel.

Dölger, Prof. Dr. Franz Joseph: Antike u. Christentum. Kulhir-
u. religionsgeschichtl. Studien. Bd. I, H. 1. Münster i. W.: Aschendorff
1929. (vii, 80 S. u. 10 Taf.) gr. 8°. rm 5—.
Dieses Heft mit einer Reihe interessanter Spezial-
abhandlungen ist bei mir liegen geblieben, weil ich auf
die Fortsetzung wartete, die mir aber nicht zugegangen
ist. Es handelt sich um „eine Zeitschrift, die vom Herausgeber
allein bestritten wird". Das erste Heft enthält
vor allem einen Aufsatz über die Brotstempel bei Heiden
und Christen; darin findet sich eine Untersuchung über
den Glauben an Hygieia-Brote und seine christliche
Nachwirkung, eine Mahnung, die Brotstempel mit stilisierten
Fischen nicht deshalb schon für christlich oder
gar eucharistisch zu halten, die Deutung des in Eisenberg
(Pfalz) gefundenen Tonplättchens als eines frühchristlichen
Brotstempels mit der Inschrift „ad pane-