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Ausgabe:

1932 Nr. 3

Spalte:

64-65

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Till, Walter

Titel/Untertitel:

Osterbrief und Predigt in achmimischem Dialekt 1932

Rezensent:

Bauer, Walter

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 3.

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So wandeln sich die Aussätzigen in Leute mit Hautkrankheiten
unter dem Einfluß psychischer Wirkungen,
der kranke Vater des Publius (act 28, 8) hatte vielleicht
eine nervös geartete Enteritis, welche dysenterieähnliche
Symptome aufwies; Bartimäus (Marcus 10, 46ff.) litt
an hysterischer Blindheit. Die Erzählungen von den
Totenauf erweckungen beruhen auf Laienurteilen. In
Wirklichkeit dürfte es sich in den meisten Fällen um
Zustände von Starre gehandelt haben, welche man gerade
bei Hysterie findet (S. 64 f.). Diese Vereinfachung
der Krankheiten dient einem doppelten Zweck: sie erweist
Jesus als einen auch vor dem Forum der Medizin
anzuerkennenden Psychotherapeuten (veredelte Form des
Exorzismus S. 87) und ermöglicht gleichzeitig in den
meisten Fällen die Anerkennung der Historizität der
einzelnen Geschichten. Man wird diese Methode und
ihre Ergebnisse auch dann nicht immer billigen können,
wenn uns der Verfasser aus der Geschichte glaubhaft zu
beweisen sucht, daß in urchristlicher Zeit die ganze Einstellung
des religiösen Denkens „hysteriegünstig" gewesen
sei, die dauernde Unruhe gerade in Galiläa und
die Ausbreitung dieser Krankheit auf primitiver Bildungsstufe
aber als wichtige Argumente hinzukämen.
Daß sich Jesu Zeitgenossen bei der Feststellung von
Todesfällen gerade in den Fällen geirrt haben sollen, wo
er eine Erweckung vornahm, wird dem positiver eingestellten
Forscher nicht einleuchten. Und wer zu radikaleren
Ergebnissen durchaus geneigt sein kann, wird doch
bei der Lektüre leise Bedenken nicht los. Mit Hilfe einer
medizinischen Literatur, die mir nicht immer den neuesten
Stand der Forschung zu repräsentieren scheint, wird
das N. T. besser verstanden, als es sich selbst verstanden
hat, während die Rettung der Historizität auf rationalistischer
Basis doch nur eine scheinbare ist. Zum wirklichen
Verständnis dieser Volksmedizin wäre eine Skizze
der damaligen Fachmedizin, zumal wenn es sich um eine
medizingeschichtliche Untersuchung handeln soll, unentbehrlich
. Die Konfrontierung antiker, primitiver Vorstellungen
mit den Mutmaßungen moderner Mediziner
reicht hier nicht aus. Was ich hier meine, findet man angedeutet
in den Bemühungen August Bier's um ein Verständnis
des Hippokrates (Münchener medizinische
Wochenschrift 1930, besonders Nr. 49 u. 51). Wenn
hier ein hervorragender Mediziner nur mit Hilfe gebildeter
Fachphilologen in das von Hippokrates eigentlich
Gemeinte hineinzudringen vermag und dennoch die
Identifizierung seiner Fachausdrücke mit gleichartigen,
modernen Vorstellungen ungemein schwierig ist, so
empfindet man diese Schwierigkeit gegenüber der Laien-
medizin des N. T. noch viel stärker. Ohne einen breiteren
medizingeschichtlichen Hintergrund werden wir da
nicht weiter kommen. Und so bleibt denn, auch nach
dieser gewiß dankenswerten Zusammenstellung, welche
im Einzelnen viel Anregung bietet, noch vieles zu tun.
Jena. Erich Fascher.

Gregory, Th., d. d.: Mercy and Faithfulness. Studies in the
Gospel according to St. John. London: J. Clarke & Co. o. J.
(191 S.) 8°. 5 sh.

Dies Buch enthält 23 Meditationen über johanne-
ische Themata. Eine feinsinnige Charakterisierung des
Evangeliums geht voraus: sein Wesen ist simplicity,
trotzdem es viel Kontroverse enthält. Das Thema der
ersten Betrachtung Lowliness and Glory (zu 1,1—12.
14) und die Ausführung ist bestimmend für das ganze
Buch. Der Verf. meidet lange theologische Darlegungen
. Mit kurzen Worten trifft er den religiösen
Sinn seiner Texte. Sinnig webt er historische, auch persönliche
Erinnerungen in seine Erläuterungen ein. Wer
eine Probe praktisch-religiöser Schriftbetrachtung von
einem englischen Theologen lesen will, greife zu diesem
Buche. Für Predigten und Bibelstunden ist manches
daraus zu lernen.
Kiel. H. Windisch.

Theiler, Willy: Die Vorbereitung des Neupiatonismus.

Berlin: Weidmannsche Buchhdlg. 1930 (IX, 166 S.) gr. 8°. = Pro-
blemata. Forschungen z. klass. Philologie. Unter Mitwirkg. v. L. Deubner,
E. Fraenkel, E. Norden, O. Regenbogen, K. Reinhardt, P. v. d. Mühll
hrsg. v. P. Friedländer, O. Jachmann, F. Jacoby, H. 1. RM 10—.
Im ersten Teil seiner Untersuchungen, deren Grundstock
eine bei der philosophischen Fakultät der Universität
Kiel 1927 eingereichte Habilitationsschrift bildet,
sucht Theiler, von dem 58. u. 65. Briefe Senecas ausgehend
, an einigen das Sein und die Ideen betreffenden
Fragen die Kenntnis der vorneuplatonischen Philosophie
aufzuhellen, d. h. jener platonischen Überlieferung oder
Platodeutung, woraus der Neuplatonismus erwachsen
| ist. Unter Heranziehung von Albinus, Apuleius, Chalci-
dius, Philo, Maximus Tyrius, Basilius kommt er auf
Antiochus von Askalon als vermutliche Quelle der betreffenden
Auffassungen. „Antiochus ist dadurch, daß er
j der imposanten skeptischen Episode der Akademie das
j Ende bereitete, der Begründer des Piatonismus der
I Kaiserzeit geworden, der im ganzen ein wenig ruhm-
I volles Dasein führte, bis Plotin der Bewegung zu neuem,
glänzenden Leben verhalf" (S. 38). Der zweite Teil befaßt
sich mit Plotin und sucht seine Beeinflussung
durch Gedanken des Posidonius nachzuweisen. Der
dritte Teil zeigt „Gestaltungen und Umgestaltungen
poseidonischer Lehre" bei den Neuplatonikern, Mark
Aurel, in der Hermetik und bei Augustin. Die Darlegungen
Theilers, deren durchs Dickicht führende Wege
an Ed. Norden und namentlich an Reitzenstein erinnern
, enthalten naturgemäß viel Mutmaßliches und
Fragliches, verraten aber große Belesenheit und gediegene
Schulung und verdienen die Beachtung philo-
| logischer, philosophischer und theologischer Kreise. Wie
schon erwähnt wurde, kommen auch Basilius (S. 23 ff.)
und Augustin (S. 128 ff.) in den Kreis der Betrachtung.
S. 132 beleuchtet Th. das augustinische confessio im
Sinne von Lobpreis an dem fi|ivetv und eüa.oyeIv der hermetischen
Literatur. Bemerken möchte ich nur, daß das
von ihm herangezogene ElopoA.ovEToöm der Psalmen umgekehrt
auch vom Sündenbekenntnis verstanden wurde,
wie Cyprian, Testim. III, 114 (182, 9 Härtel), ep.
55, 17 (636, 8) u. c. 29 (647, 13), zeigt. S. 129 u.
133 spielt die Vorstellung vom doppelgeschlechtlichen
Gott herein. Zur Homilie des Basilius noöoexe azmniä
(S. 105) siehe jetzt O. Ring, Drei Homilien aus der
Frühzeit Basilius des Großen, Paderborn 1930, S. 134 ff.
Zu A. G. 17, 28 und verwandten Gedanken (S. 133)
vgl. auch Cypr. ad Donat. 4: Dei est omne, quod possu-
mus, inde vivimus etc. Zum extendere S. 134 wäre vielleicht
an das ejiejcteivöpevoc, in Phil. 3,13 zu erinnern. S.
146 A. 2 wird das Bild, das Ps.-Dionysius in De div.
nom. 3, 1 für die Wirkung des Gebetes wählt, und das
ich in meinem Buche über ihn (1900, S. 184 ff.) erörtert
habe, auch bei Simplicius und Clemens von
Alexandrien nachgewiesen und die Vermutung geäußert,
daß es auf Posidonius zurückgehe. S. 148f.: zu „Glaube
, Liebe, Hoffnung".

Sprachfehler S. 125: „Diese Theogonie, in der statt die Götter und
Herren Begriffe handelnd in der Zeit auftreten", u. S. 46: „nach der
szenischen Einleitung, in der sich an Plato geübte Kunst, römische
Staatsgesinnung und allgemein menschliches Fühlen zu harmonischem
Ganzen zusammenschließt" (statt: zusammenschließen).

München. Hugo Koch.

Till, Prof. Dr. Walter: Osterbrief und Predigt in achmimischem
Dialekt. Mit Übersetzg. u. Wörterverz. Leipzig: Dieterich 1931.
(III, 51 S. u. 1 Taf.) gr. 8°. = Stud. z. Epigraphik u. Papyruskunde.
Hrsg. v. F. Bilabel, Bd. II, Schrift 1. RM 6.50.

Der Papyrus, der hier herausgegeben und übersetzt
ist, gehört der Wiener Nationalbibliothek (Kopt.
10 157), wurde in Achmim gekauft und ergab nach
mühseliger Zusammensetzung einer großen Zahl von
Bruchstücken eine beiderseits beschriebene Rolle von 78
cm Länge und 28 cm Breite. Auf der einen Seite steht
eine Predigt, die hauptsächlich zum Frieden mahnt, auf
der anderen — mutmaßlich von der gleichen Hand ge-