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Ausgabe:

1932 Nr. 3

Spalte:

61-62

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grünenthal, O.

Titel/Untertitel:

Das Eugenius-Psalterfragment 1932

Rezensent:

Hofmann, Erich

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 3.

62

Im Einzelnen ist seine Gedankenführung: die folgende: I. Die Übertragung
einer Religion von einer Rasse auf eine andere ist nur möglich
bei der Glaubensvoraussetzung der Einheit des Menschengeschlechtes.
Dieser Menschheitsbegriff ist nicht im griechischen oder germanischen
Denken, sondern ausgerechnet im A. T. verankert. Germanisierung und
Romanisierung des Christentums sind Beweise für die Möglichkeit einer
Neuverbindung von Volkstum und Religion. II. Was hat aber nun in
diesem Bunde die beherrschende Stellung? Die Wirklichkeit gibt Beweise
für beide Möglichkeiten. III. Gerade in Israel war das Zusammengehörigkeitsbewußtsein
durch die Religion begründet; diese ist die
schöpferische Bindekraft und muß es sein. IV. Die Religion muß die
Grenze des Volkstums sein; V. Die Religion muß die Kritik des Volkstums
sein. Beides liegt wieder faktisch im A. T. vor.

Die Bedeutung der HempeTschen Schrift liegt
darin, daß sie wuchtige und packende Leitsätze hinwirft.
An Sellins temperamentvolle und geharnischte Ausführungen
erinnernd, rütteln die seinen auf und zwingen
zum Durchdenken: Volksreligion oder Weltreligion —
das ist ja unsere eigene brennende Olaubensfrage! So
versteht es H., zur Besinnung Kreise aufzurufen, die
ernstlich aus christlichem Glauben oder deutschem Empfinden
heraus das A.T. meinen ablehnen zu müssen und
sich mit der Frage „fertig" wähnen. Man spürt aus
dieser Schrift die volle ungestüme Schaffenskraft des
Forschers, der aber planvoll weiß, wofür er letztlich
wirkt. In wenig Sätzen Gedankenreichtum und Gedankenwucht
— eine echte Hempel-Schrift! Ihre Kraft liegt
gerade darin, daß sie nur eine, aber die Kernfrage herausgreift
: Volkstum und Religion. Das ist das Bedeutsame
, daß er gerade die am A.T. sich entladende Kritik
hinsichtlich überspannten Volksgefühls in das Lager
der Völkischen trägt. So spricht er das angeklagte A.T.
frei und macht es zum Richter des Klägers! Israel gerade
ist durch seine Religion befreit worden von der
Sünde der Vergötterung der Rasse. Zum Menschheitsgedanken
im A.T. möchte ich übrigens auf die schönen
Ausführungen von Michael Guttmann hinweisen: Das
Judentum und seine Umwelt, 1927. Hempels Schrift
ist verlebendigt und veranschaulicht durch seinen weiten
Blick für weltgeschichtliche Parallelen sowie persönliche
Eindrücke aus dem modernen Palästina. Es wäre zu
wünschen, daß gerade in völkischen Kreisen das Schriftchen
publik würde; möchten etwa Pfarrer es in solche
Häuser ihres Bekanntenkreises bringen!

Eines muß freilich berücksichtigt bleiben, daß Hem-
pel wesentlich die Höhepunkte des A.T. zu seinem Beweismaterial
macht, wie sie uns in der Gedankenwelt
der Erzähler, Gesetzgeber und vor allem der Propheten
vorliegt. Das wird man ihm wahrscheinlich zum Vorwurf
machen, wenn er auch betont (S. 14), daß „wir
hier noch nicht auf den Höhen der Offenbarung sind".
Ober-Breidenbach i. Hessen. Adolf Wendel.

Grflnenthal, Prof. Dr. O.: Das Eugenius-Psalterfragment.

Mit Erläuterungen hrsg. Heidelberg: C. Winter 1930. (III, 47 S.)
8°. = Sammig. slavischer Lehr- u. Handbücher, hrsg. v. A. Leskien t
u. E. Berneker. III. Reihe: Texte und Untersuchungen, 6. RM 2.50.
Das Eugenius-Psalterfragment war 1863 von Srez-
nevskij in den Nachrichten der Petersburger Akademie
herausgegeben worden. Die Ausgabe war ungenau, zudem
in Deutschland nicht eben leicht zu erreichen. So
ist es zu begrüßen, daß Grünenthal jetzt eine berichtigte
Neuausgabe veranstaltet hat, bei der er außer den
1925 veröffentlichten Untersuchungen der Grinkova auch
die Hilfe des Leningrader Professors Serebrjanskij
nutzen konnte, der den Abdruck mit der Originalhand-
schnft verglich. Wir freuen uns, daß wir einen guten,
handlichen Text bekommen haben, der in Universitäts-
ubungen sicher gern Verwendung finden wird.

Grünenthal berechnet seinen Text aber auch gerade
für Anfänger, namentlich für solche, die durch eigenes
Studium in das Kirchenslavische eindringen wollen.
Hierfür halte ich weder den Text noch die gebotenen
Erläuterungen für besonders geeignet. Zudem kommt
durch diese Nebenabsicht etwas Zwiespältiges in das
Büchlein.

Der Text bringt außer dem Bibeltext auch den Anonymuskommentar.
Das ist selbstverständlich, da die Handschrift beide bietet. Aber in den
Erläuterungen wird mit bewußter Beschränkung nur der Bibeltext berücksichtigt
, ja dem Anfänger wird von der Lektüre des Kommentars
abgeraten. Er solle lieber die Bibeltexte in Leskiens Handbuch vornehmen
, wo er auch grammatische Paradigmata finde. Die Erläuterungen
erklären Vers für Vers, geben viel Grammatisches, reichlich viel Sprachvergleichendes
, aber sie sind nicht vollständig. Da ein Glossar nicht
beigegeben ist, hätte jedes Wort erklärt werden müssen. Das erste
Wort z. B. lautet jako; in den Erläuterungen ist es übergangen, ein
Glossar gibt es nicht. Woher soll der Anfänger wissen, was das Wort
bedeutet? Soll er etwa in dem großen abg.-griech.-lat. Wörterbuch von
Miklosich nachschlagen ? Gut, er fände es im Glossar des Leskienschen
Handbuches. Aber wie steht es mit Wörtern wie )utrbnjevati jes. 26, 9
wo die Erläuterungen nur geben : „zu ju*rbnib ,opv>eioc' Jutro' ,Morgen'."
Für dieses Verbum muß der Anfänger bestimmt Miklosichs Wörterbuch
wälzen. Auch die Präpositionen sind vielfach übergangen. Weniger ins
Gewicht fällt, daß oft nicht die deutsche Bedeutung gegeben ist, sondern
das griechische Aequivalent aus der Vorlage, der Septuaginta.

Es ist auch fraglich, ob der Anfänger just mit einem russisch-
kirchenslavischen Text beginnen soll, der z. B. die im Altbulgarischen
hart endenden Personalendungen der 3. Sg. und Plur. erweicht hat,
statt mit einem altbulgarischen.

Ist schon die Sparsamkeit, die kein Glossar bewilligte, zu bedauern,
so wäre auch ein Verzeichnis der verwendeten grammatischen Abkürzungen
erwünscht gewesen. Wird jeder Anfänger nsgmsc oder gsgmscntr. richtig
als Nom. sing. masc. bezw. Gen. sing. masc. und neutr. auffassen?

Um zusammenzufassen: Die neue Ausgabe ist erwünscht
, sowohl für den Forscher als auch als Grundlage
für Universitätsübungen, bei denen sie Abwechslung
in die beschränkte Zahl der Texte bringen kann. Für
den Anfänger oder Selbstlerner empfiehlt sich die Ausgabe
weniger. Dagegen könnte sie der Student nach dem
ersten Semester, in dem er ins Altbulgarische eingeführt
ist, mit Nutzen zur Ferien-Privatlektüre benutzen, wobei
die Erläuterungen eine Wiederholung der bereits bekannten
grammatischen Erklärungen darstellen würden.
Göttingen. Erich Hof mann.

F e n n e r, Pfr. Dr. Friedrich: Die Krankheit im Neuen Testament.

Eine religions- u. medizingeschichtl. Untersuchung. Leipzig: J. C.
Hinrichs 1930. (116 S.) 8°. = Untersuchungen z. N.T., H. 18.

RM 9—; geb. 11.40.

Der Verfasser dieser Studie, welche im Jahre 1928
der Je naer theologischen Fakultät als Dissertation vorgelegen
hat, möchte einen Versuch zur Lösung einer
Aufgabe liefern, die der verewigte Adolf v. Harnack
bereits 1892 aufgestellt hat, nämlich die Aussagen des
N. T. über die Krankheit zusammenhängend darzustellen.
Dieses Unternehmen ist natürlich sehr schwierig, weil
die spärlichen Angaben gewisser Krankheitssymptome,
welche obendrein noch auf primitiven Vorstellungen beruhen
, keine exakte Feststellung der Krankheit selbst erlauben
. Der Autor hat seine Situation auf der einen Seite
dadurch kompliziert, daß er bei der Betrachtung der
Einzelerzählungen eine Auseinandersetzung über die Ergebnisse
der Formgeschichte mit eingearbeitet hat, in der
Regel, um gegenüber radikalen Ergebnissen von Bultmann
und Dibelius die Historizität einzelner Geschichten
zu retten, offenbar weil er befürchtete, durch Zerstückelung
der Erzählungen ein einheitliches Krankheitsbild
zu verlieren. Das geht so weit, daß selbst die Erzählung
vom besessenen Gerasener für geschichtlich
möglich gehalten wird, weil „auch im Tierreiche Paniken
möglich sind und ganze Herden von Haustieren infolge
von Paniken im Wasser zugrunde gegangen" sind. Anlaß
zu dieser Panik war dann freilich, daß sich der
Kranke in einem heftigen Paroxysmus auf die Schweineherde
gestürzt oder sie sonstwie stark erschreckt habe,
womit die Konzession Jesu an die Dämonen, welche die
Gesamtdeutung der Geschichte ja so schwierig macht,
ausgelassen bzw. durch ein rationalistisches Motiv ersetzt
wird. Andrerseits hat sich F. die Sache zu leicht
gemacht. Um es kurz zu sagen: Der Verfasser bemüht
sich, unterstützt von moderner medizinischer Literatur,
von der Damaskusvision des Paulus an bis zum Kranken
mit der verdorrten Hand, dem Wassersüchtigen und der
verkrümmten Frau, alles auf Hysterie zurückzuführen.