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Ausgabe:

1932

Spalte:

602-603

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Achelis, Hans

Titel/Untertitel:

Römische Katakombenbilder in Catania 1932

Rezensent:

Campenhausen, Hans

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60!

Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 26.

602

derer ist es, die sich überhaupt zur Wählerliste anmelden
, und von ihnen kommt dann nur ein Bruchteil. Wobei
man freilich gegen das Kirchenvolk gerecht sein
soll: so aristokratisch das meist herrschende Siebwahlsystem
ist, so unvolkstümlich ist es. Und Unzählige
empfinden es einfach als unbillig, daß sie sich zur
kirchlichen Wählerliste noch besonders anmelden sollen,
während sie in die kirchliche Steuerliste ohne ihr Zutun
aufgenommen werden; mit der Zahlpflicht sollte, so
scheint es ihnen, das Wahlrecht selbstverständlich gegeben
sein!

Eine sehr wichtige, von Troschke begreiflicherweise
(da er die Tatsache im üanzen mehr berichtet als erörtert
) nicht in ihrer ganzen Bedeutung hervorgehobene Tatsache
ist, daß die Kirchen sich der Bevölkerungsverschiebung
vom Dorfe in die Städte nicht angepaßt haben,
zum guten Teil auch nicht anpassen können, die im letzten
Jahrhundert eingetreten ist. Von 100 Gemeinden
entfallen in Altpreußen auf die Dörfer 77,7%, auf die
niittleren Orte 19,9, auf die Großstädte 2,4%; dabei
wohnt mehr als ein Viertel unseres evangelischen Volks
in Großstädten! Nun haben ja die meisten Großstadtgemeinden
mehrere Pfarrer, und für die bessere kirchliche
Versorgung namentlich Berlins ist in den letzten
Jahrzehnten viel geschehen. Dennoch bleibt es dabei:
unser Volk wurde überwiegend zum Stadt- und Industrievolk
, die Kirche aber blieb überwiegend agrarisch, und
manche Kirchenverfassungen geben den Dorfgemeinden
ein unverhältnismäßiges Übergewicht über die städtischen
. Natürlich hat dies alles seine Folgen auch in der
Frage nach der politischen Haltung der evangelischen
Kirchen. Das statistische Amt des Kirchenbundes würde
die Arbeiten, die es bereits geleistet hat, aufs Verdienstlichste
ergänzen, wenn es jenen Sachverhalt in der Verteilung
der Pfarrer auf Dörfer, Mittel- und Großstädte
auch für diejenigen Gebiete, für die das noch nicht geschehen
ist, planmäßig klarstellen wollte; eine noch nicht
vollständige Zusammenstellung findet sich im Heft 6/7
S. 74 f.

Von Interesse sind in diesem Heft weiter u. a. die
Angaben über die Patronate (es gibt keine mehr in der
Pfalz, Oldenburg, Schaumburg-Lippe und nur ganz wenige
in Rheinland-Westfalen und einigen kleinen Landeskirchen
), über die Anzahl der Pfarrer (bekanntlich hat
die katholische Kirche verhältnismäßig viel mehr Kräfte
für die Seelsorge) und die der Studenten der Theologie
(das bedenkliche Wachstum ihrer Zahl in der letzten
Zeit, ihr Steigen bis auf 8000 im Sommer 1932, das
den Bedarf um mehr als 4000 überschreitet, konnte in
diesem Heft noch nicht dargestellt werden), die Übersicht
über ihre Herkunft d. h. die Berufe ihrer Väter,
endlich über die neben den Pfarrern stehenden Kräfte
(Diakone, Diakonissen; aus Häusern des Kaiserswerther
Verbandes sind es fast 25 000; die Evang. Diakonie-
vereine und andere sind hier leider nicht einbezogen).

Das letzte Heft gilt den Äußerungen des kirchlichen
Lebens (Kirchenvisitationen und -wählen, Gottesdienstbesuch
, Beteiligung am Abendmahl, Taufe usw., Seelsorge
, Liebestätigkeit). Über die Ergebnisse der Zählungen
der Kirchenbesucher urteilt Troschke sehr besonnen.
Die Zahl der im evangelischen Deutschland heute noch
gebrauchten landeskirchlichen Gesangbücher mag rund
50 betragen. Die Beteiligung am Abendmahl, die von
1862 bis 1930 stark zurückgegangen ist (in Sachsen
von 72 auf nur 22%!), richtet sich nicht etwa einfach
danach, ob Stadt oder Dorf, sondern es gibt Gegenden
mit herkömmlich gutem Abendmahlsbesuch (besonders
auch einige reformierte) und solche mit seit langer Zeit
schlechtem, wie das Gebiet um die Unterelbe (Oldenburg
und das Fürstentum Lübeck noch nicht 10<y<>, Schleswig
-Holstein 12). Die Zahl der Taufen ist immer noch
nicht ungünstig, es werden noch mehr als 9/10 aller von
evangelischen Müttern geborenen Kinder getauft. Sehr
stark ist dagegen der Rückgang der Zahl der Trauungen:
von den rein evangelischen Ehen wurden in Berlin noch

1901—05 fast 65% getraut, 1926—30 aber nicht mehr

42»/o, von den Mischehen 1901—05 noch 28o/0, 1926—30
nur noch 92/3°/o. Günstiger ist wiederum die Zahl der
am Religionsunterricht teilnehmenden Schüler höherer
Schulen; abgemeldet waren in Preußen 1926 nur 2,11 o/o
(und darunter waren ohnehin religionslos 0,58).

Mit einem Wort: es gilt überall von dieser sehr
fleißigen und verständigen Arbeit, die sich auch durch
sorgfältige Literaturbenutzung auszeichnet, daß aus den
„toten" Zahlen Leben quillt.

Nur ganz wenige Irrtümer und Druckfehler notiere ich im Interesse
der Benutzer: Heft 8/9 S. 15 oben st. Hessen L Nassau ; H. 6/7 S. 121 :
Präsident des evang. Bundes ist nicht der Unterstaatssekretär a. D. (Peter)
Conze (der Vors. des Reichselternbundes), sondern der Ministerialdirektor
a. D. (Friedrich) Conze. Wenn Heft 2/3 S. 6 Anm. in Hannover neben
1427049 Lutheranern und 136736 Reformierten 1 056499 Evangelische
gezählt sind, so hat eben eine Million nicht angegeben, zu welcher der
beiden hier vorhandenen evangelischen Landeskirchen sie gehören wollen.
Qewil! die meisten zur lutherischen, aber wie vielen ist dieser innerprotestantische
Unterschied unwesentlich, gleichgiltig! Nun begreift man
angesichts dieser großen Zahl, daß gerade hier zwischen beiden Kirchen
allerlei schwierige Verhandlungen über die Zuteilung dieser .Evangelischen
" nötig wurden. Ebd. S. 20 ist die Rede von 9 % griechischer
Katholiken in Polen ; das sind meist Russen, die sich selbst aber nicht
als griechisch-katholisch, sondern als orthodox bezeichnen.
Kiel. H. Malert

Achelis, Hans: Römische Katakombenbilder in Catania.

Mit 24 Textabb. u. 24 Taf. Berlin: W. de Qruyter & Co. 1932.

(V, 31 S.) Lex. 8°. = Studien z. spätantiken Kunstgeschichte i. Auftr.

d. Dtsch. Archäolog. Instituts hrsg. v. H. Lietzmann u. O. Roden-

waldt, 5. geb. RM 28—.

In den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts wurde
von zwei eifrigen Benediktinern in Catania in Sizilien
ein Museum begründet, dessen archäologischer Bestand
mit der gewohnten Skrupellosigkeit jener Zeit aus ganz
Italien herbeigeschafft wurde. Dazu gehörten auch 37
altchristliche Fresken, die aus Katakomben entfernt wurden
und für die Forschung seitdem nahezu verschollen
waren. Es muß daher mit größter Dankbarkeit begrüßt
werden, daß es Hans Achelis, der schon vor fünf
| Jahren auf den hervorragenden Wert dieser Stücke nachdrücklich
hinwies, nunmehr gelungen ist, die ganze
Sammlung aufzunehmen und auf 24 ausgezeichneten,
grauen Tafeln der wissenschaftlichen Welt zugänglich
zu machen. Es handelt sich, wie schon Kirsch erkannt
hatte, aber erst jetzt schlagend erwiesen wird, durchweg
um Fresken römischer Herkunft, die wohl ausnahmslos
aus der Domitillakatakombe stammen und zum Teil
sogar aus deren ältesten Partien aus dem zweiten
(ersten?) Jahrhundert. Darunter befinden sich Darstellungen
, die noch von Bosio (1632) an ihrem ursprünglichen
Platz kopiert worden sind, so daß dessen vielgeschmähten
Reproduktionen für die Bestimmung der Herkunft
und der späteren Restaurationen hier mehrfach
sehr wertvoll werden. Kaum ein Stück dürfte heute von
Restaurationen ganz frei sein, und vieles, wenn nicht das
Meiste wird bei dem Versuch der gewaltsamen Entfernung
überhaupt in die Brüche gegangen sein. Es ist
unter diesen Umständen sehr willkommen, daß der Herausgeber
nicht nur in einem einleitenden Kapitel die allgemeinen
Zustände der Katakomben und die Methoden
ihrer Beraubung im 18. Jahrhundert sehr anschaulich
illustriert, sondern auch die einzelnen Gegenstände Stück
für Stück einer kurzen Erläuterung unterzieht und dabei
die öfters ganz verständnislosen Ergänzungen des Restaurators
notiert, der z. B. Tänien in einen Blütenstengel
und die drei Magier in blonde Jungfrauen verwandelt
hat. Fast zu jedem Bild sind jetzt engverwandte
Darstellungen aus den bekannten römischen Katakomben
nachgewiesen und zum Vergleich im Text mit abgebildet,
so daß man manchmal geradezu von der Hand eines und
desselben Dekorateurs zu reden imstande ist. Wichtige
ikonographische Neuerungen scheinen nirgends vorzuliegen
, und auch eine künftige kritische Untersuchung
der Einzelheiten wird in dieser Hinsicht schwerlich
große Überraschungen bringen. Angesichts der Tatsache,