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Ausgabe:

1932 Nr. 26

Spalte:

596-597

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hotzelt, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Familiengeschichte der Freiherren von Würtzburg 1932

Rezensent:

Schornbaum, Karl

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 26.

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tens bestehe aber die Gefahr, daß Evangelium und Politik
in eine allzuenge Verbindung gebracht würden, daß
„für alle Personen und Handlungen einer evangelischen
Partei das Evangelium verantwortlich gemacht werde".
Die geschichtliche Linie, auf der sich der V. D. befinde,
weise auf den Aktivismus der Schwärmer der Reformationszeit
, Luther habe demgegenüber abgelehnt, „konkrete
politische oder wirtschaftliche Maßnahmen und
Forderungen im Namen des Evangeliums aufzustellen"
und die Einzelregelung dieser Fragen den „Weltverständigen
" überlassen. Nötig seien „evangelische Männer
und Frauen von ernster Sachkenntnis in allen Parteien".

Diese Argumente haben mich in keiner Weise überzeugt
. Denn erstens: was Luther betrifft, so wünschte
ich, es wäre heute in Deutschland jemand da, der „vom
Boden des Evangeliums aus" so energisch in die Einzelfragen
der Politik und des öffentlichen Lebens hinein^
reden könnte, wie er das getan hat. Alle diese Dinge
haben irgend etwas mit der Ethik, oder besser: mit der
Sünde zu tun und wo das der Fall war, hat Luther das
Wort keineswegs den „Weltverständigen" überlassen.
Grundsätzlich darf man also vom Evangelium sehr wohl
in die politischen Einzelfragen hineinreden, — wenn
man es kann, wozu, wie ich F. gern zugebe, nicht
bloß „guter Wille", sondern auch sehr viel Sachwissen
gehört. Zweitens: angenommen, „wir" hätten in den
anderen Parteien die Männer und Frauen von ernster
Christlichkeit, die „wir brauchen", wie sollen sie sich
denn durchsetzen, wenn sie keine Verbindung miteinander
haben und vielleicht auch von Parteiwegen nicht haben
dürfen, wo doch die Partei heute ein Gott ist, der angebetet
sein will? Ich kann nicht einsehen, weshalb es
verkehrt sein soll, wenn sich Christen zusammentun, um
eine Sache, die sie gemeinsam angeht, gemeinsam zu beraten
und gemeinsam zu fördern. Brauchen sie dazu ein
Programm? Es kommt darauf an, was man darunter
versteht. Ein Programm kann bei einer politischen Partei
dieselbe Funktion haben wie die Schminke bei einer
Schauspielerin. Derartige Programme sollen Christen
nicht haben. Ein Programm kann aber auch bedeuten,
daß man Auskunft gibt darüber, was nach Meinung der
Partei in dieser oder jener Hinsicht in der nächsten
Zeit zu geschehen habe und wie es zu geschehen habe.
In diesem Falle ist es nichts anderes als eine kurze
Zusammenfassung dessen, was man auf Grund eindringlichen
Studiums der Verhältnisse und ernster Gewissens-
prüfung für richtig und tunlich hält. Wenn das für Christen
nicht möglich wäre, dürften wir Theologen ja auch
keine Ethik schreiben. Ich sehe ferner nicht, warum sich
Christen nicht auf Grund ihres Glaubens über politische
Einzelfragen sollen einigen können. Sie sollen darüber ja
nicht — wie wir Professoren, die wir ebendeswegen auch
nie einig werden — ex prinzipiis darüber reden, sondern
im Blick auf eine bestimmte Situation, die
gerade diese oder jene Frage akut macht. Da kann man
z. B. sehr wohl prinzipiell Monarchist oder sonst etwas
sein und sich doch mit Rücksicht auf die Situation, in der
diese oder jene Frage akut wird, ganz anders entscheiden
. Das heißt nicht, diese Dinge nach der politischen
und wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit, wir Deutsche sagen
, nach „Opportunität" entscheiden, sondern aus Gründen
der Verantwortung für das, was daraus wird, wenn
man mit seinem Programm oder seinen Prinzipien durch
Dick und Dünn will, und aus Gründen der Rücksicht auf
den Nächsten. Es mag sein, daß Außenstehende das
eine mit dem anderen verwechseln können, da es ja
nicht möglich ist, die Motive zu erkennen, aus denen
heraus jemand gehandelt hat. Aber darum soll man
sich als Christ nicht kümmern. Schließlich aber: man
sollte keine zu große Angst davor haben, daß das Evangelium
, ich würde lieber sagen, Christus, für die Sünden
seiner Anhänger verantwortlich gemacht werden. Christus
hat seine eigene Art sich zu wehren. Er hat offenbar
auch keine Sorge deswegen gehabt, daß seine Jünger,
wenn sie mit ihrem Pfunde wuchern, Bankerott machen

könnten, wohl aber davor, daß sie ihr Licht unter den
Scheffel stellen — und daß das Salz dumm wird.

Dies soll keine Werberede für den C. V. D. sein, sondern
es heißt: man soll die Möglichkeit des Schwimmens
nicht bestreiten, solange man noch garnicht im Wasser
gewesen ist.

Dresden. Friedrich Delekat.

Hotzelt, Dr. Wilhelm: Familiengeschichte der Freiherren
von Würtzburg. Freiburg i. Br.: Herder & Co. 1931. (XVI, 802
S. m. 17 Taf., 1 Kte. u. 1 Stammtaf.). 4°. geb. RM 20—.

Das Geschlecht der Freiherren von Würtzburg gehört
| der Geschichte an; sein letzter männlicher Sproß, Edmund
, ist am 2. August 1916 an den im Kampfe für
sein Vaterland erhaltenen Wunden gestorben. Die Anfänge
des Geschlechtes führen zurück in die Hohenstaufenzeit
nach Würzburg. Der Mord, den Boto II.
von Rabensburg an Bischof Konrad von Querfurt 1202
mit einem Spießgesellen Heinrich Hund von Falkenberg
beging, ward Anlaß, daß er sich nach Thüringen wenden
mußte. Erst der Erwerb von Rothenkirchen (1358 bis
1667 im Besitz der Familie) und Mitwitz (1575 bzw.
1594) führte es wieder nach Franken zurück, wo es
nunmehr als Glied des Ritterkantons Rhön-Werra bis
zum Jahre 1806 die Reichsunmittelbarkeit behauptete.
Man kann nicht sagen, daß der alte Stamm sich überlebt
gehabt hätte; wenn naturgemäß auch die letzte Zeit eine
schärfere Erfassung der einzelnen Persönlichkeiten ermöglichte
, gerade da treffen wir auf so manches charaktervolle
, über den Durchschnitt herausragende Familienglied
. Die vielen Seitenlinien waren schon in früherer
Zeit dem Kampf ums Dasein erlegen. 226 Familienglieder
zählt der Stammbaum derer von Würzburg von
Gottfried dem Älteren (1094—1144) bis zum letzten
Sproß, der edlen Freifrau Annie Freifrau von Cramer-
Klett. Erst bei den letzten Gliedern nehmen wir besondere
staatsmännische oder militärische Fähigkeiten
wahr; große geistige Führer waren diesem Geschlechte
nicht beschieden. Daher das viele Kämpfen um zeitlich
Hab und Gut unter den einzelnen Zweigen, das gewiß
auch das frühe Aussterben so vieler Linien bedingte.
Geistiges, ja auch religiöses Interesse scheint wenig
Platz gehabt zu haben. Wieviele auch dem geistlichen
Stande sich widmeten, es scheinen recht materielle Gesichtspunkte
dabei eine ausschlaggebende Rolle gespielt
zu haben — bei der Not der Familie nur allzu begreiflich
. Auch das einzige Glied der Familie, das die Bischofswürde
erreichte, Veit von Würzburg (1519—1577),
macht darin keine Ausnahme; er war ein echtes Kind
seiner Zeit, lebte offen im Konkubinat. Erst die Übernahme
des hohen Kirchenamtes gab ihm eine ernstere
Richtung, wie der Verfasser treffend hervorhebt. Dieses
alles erklärt wohl auch die Haltung, die die Familie zu
der religiösen Trennung in Deutschland einnehmen
ließ. Domdechant Joh. Veit (1674—1756), noch von
dem prot. Pfarrer zu Mitwitz getauft, war es wohl, der
durch seine finanzielle Hilfe die Rückführung des prot.
Stammes zur kath. Kirche bewirkte, des Stammes, in
dessen Nachkommen nun sich die Familie noch manches
Jahrhundert fortsetzen, ja ihre bedeutendsten Glieder
erleben sollte.

16 Jahre hat der Verfasser sich seiner Aufgabe gewidmet
; weithin hat er seine Forschungen ausgedehnt bis
nach Venedig, um möglichst Material zu gewinnen. Aber
er ist auch der Gefahr entronnen, von demselben unterdrückt
zu werden. Noch mehr, er zeichnet Wirklichkeit
I und keine Idealgestalten. Die Wahrheit ist ihm oberstes
| Gesetz. So wird das Buch unbewußt zu einem Spiegel-
S bild der verschiedenen Zeiten der deutschen Geschichte;
! besonders läßt es Blicke tun in die Geschichte der
| Reichsritter in Thüringen und Franken. Dies Beispiel
wird typisch sein für viele andere. Nur einem Wunsche
sei noch Ausdruck gegeben: die Arbeit erfordert eine
i Ergänzung in der Geschichte der Herrschaften Rothen-
I kirchen und Mitwitz; neben die Familiengeschichte sollte