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Ausgabe:

1932 Nr. 25

Spalte:

576-578

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thieme, Karl

Titel/Untertitel:

Die Augsburgische Konfession und Luthers Katechismen auf theologische Gegenwartswerte untersucht 1932

Rezensent:

Meyer, Joh.

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 25.

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Neumarkt, inhaltlich mit der humanistischen und religiösen
Kultur am Hofe König Wenzels und seiner zweiten
Gemahlin Sophie zusammenhängt und wie die nach
Schlesien, Meißen und Thüringen, anderseits nach Franken
ausstrahlende, später an den Nieder- und an den
Oberrhein hinüberspringende Kulturbewegung des
Luxemburgischen Böhmen seit 1891 der Hauptgegenstand
seiner Forschungen über das Werden der deutschen
Sprache und Bildung ist, dann steht man geradezu
andächtig vor dieser in ihrer Verbindung von minutiöser
Einzelforschung mit souveräner Stoffbetrachtung und
Großzügigkeit klassisch deutschen Gelehrtenarbeit.

Es ist im Rahmen einer Besprechung kaum möglich
, einen Begriff zu geben von der Fülle von sicherem
Wissen, feinen originalen Beobachtungen und einnehmenden
Ahnungen, die B. vor uns ausschüttet. Der flüchtige
Leser wird vielleicht den Eindruck haben, daß B. stark
mit Vermutungen arbeitet. B. scheint mit solchen Lesern
zu rechnen, wenn er S. 26 ausdrücklich bemerkt: „Keine
historische Forschung, die über die Oberfläche hinausdringen
will, kann wissenschaftlich begründeter Vermutungen
entraten". Daß B.s Vermutungen begründet
und wohl überlegt sind, daß er sich und andern dabei
auch nicht verhehlt, was dagegen spricht, wird jeder zugeben
. In der Regel bewährt sich jede Vermutung, je
mehr er und der von ihm geführte Leser sich damit beschäftigt
. Z. B. scheint gleich betreffs des Dichters die
Hypothese Kniescheks, der 1877 den Dialog herausgegeben
hat, näherliegend, daß er nämlich in einem der
beiden Saazer Stadtschreiber loh. Tepla und Joh. Sitbor
(vielleicht eine Person vgl. S. 403ff.) zu suchen sei,
und die B.s fernerliegend, daß er mit Joh. Pflug von
Rabenstein (die Familie stand in nahen Beziehungen zu
Saaz) identisch sei. Er tritt von Mai bis Juli 1384 in den
Urkunden der Reichskanzlei unter König Wenzel als
Registrator auf; es war nach dem oben Wiedergegebenen
für B. wichtig, ihn in Beziehung zu den Hofkreisen bringen
zu können. B. erwägt auch die Möglichkeit, daß
dieser Kanzleibeamte und der Dichter identisch seien mit
einem jungen Herrn Pflug von Rabenstein, der Novize
in einem Kloster war, dieses verlassen wollte und im
September 1381 von dem Prager Erzbischof Joh. von
Jenzenstein in einem Briefe zurechtgewiesen wurde; dieser
junge Herr müßte dann in die Welt zurückgekehrt und
im Weltklerus oder im Laienstand zu einer Stellung gekommen
sein; die Erwägung dieser Möglichkeit veranlaßt
B. zu einer glänzenden Gegenüberstellung der asketischen
Gedankenwelt des Joh. von Jenzenstein und der
mehr dem Diesseits, der Weltfreude und irdischen Liebe
zugewandten des Ackermanndichters. Die hier geschlagenen
Brücken erscheinen einem zunächst, wie gesagt,
ziemlich luftig; die Persönlichkeit des Dichters tritt aber
immer bestimmter heraus, anderseits klärt sich die Um-
schicht jenes jungen Adligen, und damit wächst die
Wahrscheinlichkeit der Identifizierung. Später erwägt
B. auch noch die Identifizierung des Dichters mit dem
deutschen Taboritenprediger Joh. von Saaz, „einem weithin
wirkenden Träger jener englischen Welle reformatorischen
Geistes, die in der Konzeption des Piers
Plowman (s. u.) auch die Phantasie des Ackermanndichters
befruchtet hat" (S. 389), und mit einem Bürger
Joh. von Saaz, der 1432 als Vertreter der Taboriten
neben einem solchen der Hussiten auf das Basler Konzil
entsandt wurde. Doch scheiden diese beiden Möglichkeiten
für B. sogleich aus.

Wenn schon die Gegenüberstellung der Gedankenwelt
des Joh. von Jenzenstein und des Ackermanndichters
den theologischen Leser lebhaft interessieren muß,
so noch mehr das folgende Kapitel über die Abweichungen
des Dichters vom kirchlichen Dogma und
Kultus im Schlußgebet, das er für das Seelenheil der
eben verstorbenen geliebten Frau zu Gott emporschickt:
Verwerfung der Marien- und Heiligenverehrung und des
Fegefeuers, Annahme einer Präexistenz der menschlichen
Seele, ferner die Ausführungen über die Eschatologie

der Dichtung, über ihren Zusammenhang mit der allegorischen
Dichtung William Langlands von 1362, die
B. als einen wirkungsvollen Vorklang der Lehre Wiclifs
bezeichnet, endlich über das Verhältnis des Streitgesprächs
zum Hussitismus. Aus dem „Schlußergebnis"
S. 392 f. hebe ich nur heraus, daß nach B. die Dichtung
„älter ist als Hussitismus oder gar Taboritentum und
daher frei von deren Einflüssen, sie vielmehr reformatorisch
gereinigte und vertiefte Frömmigkeit, die älteren
böhmischen Regungen und gleichzeitigen englischen verwandt
ist, mit literarischen Elementen der werdenden
Renaissance verbindet".

Unter den Exkursen ist der gehaltvollste der fünfte:
„Zur Vorgeschichte der Ackermanndichtung" und daraus
wieder der letzte Abschnitt über die Satansprozesse
und den Prozeß Belials gegen Christus des Jacob von
Teramo.

Zwickau i. Sa. O. C1 e m e n.

Thieme, Prof. Dr. Karl: Die Augsburgische Konfession und
Luthers Katechismen auf theologische Gegenwartswerte untersucht.
Gießen: A. Töpelmann 1930. (XVI, 272 S.) gr. 8°. RM 13 — ; geb. 15—-
Bei einer Jubiläumsschrift über die Augustana darf
man sich nicht wundern, daß sie über die rein historische
Interpretation hinaus deren Gegenwartsbedeutung klarlegt
. Dabei hat Thieme einerseits von vollständiger
Kommentierung abgesehen und sich darauf beschränkt,
umstrittene theologische Gegenwartsfragen ins Licht der
Augustana zu rücken — z. B. kirchlicher Lehrzwang und
kirchliche Laienrechte, Trinitäts- und Zweinaturenlehre.
Glaube und Dogma, Glaube und Rechtfertigung, Begriff
und Wesen der Kirche als des Subjekts der Lehre des
Evangeliums. Andrerseits hat er auch Luthers Katechismen
an entscheidend wichtigen Stellen in seine Untersuchung
einbezogen, z. B. bei der Frage nach Gott (objektiv
) und Glaube (subjektiv), was bei der engen sachlichen
Zusammengehörigkeit zu billigen ist. Überall erarbeitet
er sich seine Ergebnisse in Auseinandersetzung
mit anderen Theologen, sei es der vergangenen Generation
wie Ritsehl, Harnack und Sohm oder der Neueren
wie Kattenbusch, Holl, Barth, Brunner, Wobbermin und
Hirsch. Trotzdem ist das Buch, da es die lateinischen
Zitate verdeutscht, auch für gebildete Nichttheologen geschrieben
, wenngleich diese manchmal Schwierigkeit haben
werden, den dialektischen Gedankengängen des Verf.
zu folgen. Denn mit bemerkenswerter philologischer
Genauigkeit und unter Heranziehung eines keineswegs
allgemein bekannten reformatorischen Schrifttums bahnt
sich Thieme seinen Weg. Hier wird jeder Theologe,
auch wo er nicht zustimmen sollte, Anregung zu neuem
Durchdenken der Fragen erhalten.

In einer kurzen Buchbesprechung ist es nicht möglich
, die Maßstäbe kritisch zu erörtern, nach denen der
Verf. den einzelnen Positionen der Augustana oder auch
der Katechismen theologische Gegenwartswerte zubilligt
oder abspricht. Natürlich sind die Maßstäbe dogmatischer
Art; sie werden gebildet von einem immer wieder
geltend gemachten „Neuprotestantismus" aus, der sich
im Laufe der Untersuchung als unitarisch (S. 187)
bestimmte Christlichkeit ausweist und gegenüber allem
Katholisieren (auch der Hochkirchler), allem die Bibelkritik
ablehnenden Fundamentalismus, allem einseitigen
Theozentrismus (vgl. etwa S. 6. 21. 22. 36. 44 u. ö.)
eine evangelische Ökumenizität vertritt. Nach diesem
Maßstabe wird entschieden über theologische „Höchstwerte
" oder bedingte und begrenzte Werte oder Mangel
an Gegenwartswert oder, was die schlimmste Zensur
darstellt, „Religionsfehler" (letzteres z. B. bei dem „antiökumenischen
" Geiste der Invariata und bei Luthers
Theorie vom Kinderglauben).

Offenbar liegt dem Verf. daran, alle unberechtigten
I Berufungen auf die Augustana von rechts oder links zU-
| rückzuweisen, alle Modernisierungen zu bekämpfen, durch
| welche eine Reihe von Theologen den Abstand zwischen
I sich und der Augustana verdecken. Den Fundamenta-
! listen gesteht er zu, daß sich leider („jammerschade",