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Ausgabe:

1932 Nr. 24

Spalte:

565-567

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heuer, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Warum fragen die Menschen warum? Erkenntnistheoretische Beiträge zur Lösung des Kasualitätsproblems. 2., völlig neu bearb. Aufl 1932

Rezensent:

Brunner, Peter

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 24.

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möglich und theologisch brauchbar ist Gesetz ^ Bewußtseinsinhalte zerfallen in Erlebnisin-
richtig, daß das erste Aprion die ™j«g« . h lte und in Qedächtnisinhalte. Ein Erlebnisinhalt liegt
gegenstandhchung se^ daßes also fg^fZ™ so ' da vor, wo ein Gegenstand vor uns steht und von uns
irgendwie um die J-bjekt-Objekt ^£nu"S S • i wahrgenominen wird, wo die Wirklichkeit selber (und
ist hiermit der „Stoff" doch Kreits in ein ^ nicht" eine Vorstellung von ihr) im Bewußtsein wach
gezogen, das der Vernunft entspringt un ^ ] ^ ^ ^ 0edächtnisinhalten gehört daSj was
nicht mehr freigelassen wird, so aar> w h ^ ^ Din wissen. Unser Wissen von den Dingen
mehr möglich ist, überhaupt von ,,«°« '. dj Allein- liegt in den Begriffen (Allgemeinvorstellungen) vor.
die Vernunft hat mit ihrem ersten Akt bereitswe a ie^ ; ^ ^ ^ Gegenstand benennen, also den Erlebherrschaft
an sich gerissen. Dort wo ue ^ . nisinhalt gegenständlich deuten, wenden wir Begriffe auf
nunftgemaß ich" sagt oder „es , rsx o . , Q tänd an Daraus ergeben sich wichtige Folge-
£bnis^ I ^feh-ü **£ Begriff sind..bestünmte Eigenschaften

Vernunft als der in sich geschlossene Zirkel laßt sich
nicht „gebrauchen", sie zieht alles unwiderstehlich in
ihren beherrschten Kreis. Vollends aber muß deutlich
sein, daß der Theologie bereits entscheidend präjudiziell
ist, wenn wir Gott nur in der Vergegenstandlichung

mitgedacht. In der gegenständlichen Deutung des Erlebnisinhaltes
werden die Eigenschaften des Begriffes auf
den Gegenstand selber übertragen. Daher erwarten wir,
daß die Gegenstände in Zukunft ein solches Verhalten
zeigen werden, das unserem begrifflichen Wissen von

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denken, erkennen können. Es mag ja sein, daß wir nicht i ihnen entspricht. Damit ist die erste Voraussetzung der
anders denken können, aber das eben wird uns zum Ver- | Kausalfrage aufgewiesen: sie steckt nicht in dem Er-
häncrnis, weil nun Gott nicht als der freie Herr, sondern | lebnisinhalt als solchem, sondern wird erst dann wach,
als &die 'Snitze unsers Systems der Vernunftobjekte er- wenn der Erlebnisinhalt an Hand der Begriffe oee-en-

scheint. Die Unterscheidung zwischen formaler und materialer
Vernunft glückt also philosophisch und theologisch
nicht, weil bereits die formale Vernunft über ihr
Recht hinausgreift und das System präjudiziert. Und
nun läßt sich der Spieß, den Jelke bereits gegen die
Dialektiker offensichtlich umgedreht hat, wiederum gegen
Jelke wenden; und es müßte gefragt werden: ist nicht
gerade dort, wo man von der Verkehrtheit der ganzen
(auch der formalen) Vernunft weiß und nun — eben
weil man einmal ohne die Vernunft auch theologisch
nicht denken kann — dies schartige, mißratene Werkzeug
nimmt wie es ist, im vollsten Bewußtsein damit
nichts rechtes zustande bringen zu können, ist nicht gerade
dort die christliche Bescheidung der Vernunft, die
Buße, die die Vernunft tun muß, echter, als dort wo
man sich dieser radikalen Einsicht versagt und immer
noch versucht, wenigstens etwas Gutes an diesem schadhaftem
Mittel ausfindig zu machen, und sich dann auf
dies Gute verläßt und sich in ihm gesichert fühlt. Eben
weil Barth weiß, daß es mit der ganzen Vernunft
nichts ist und daß er sie doch nicht entbehren kann,
eben darum kann er ja mutiger und unbefangener „vernunftsgemäß
" reden als einer, der der Vernunft noch ein
letztes Recht wahren will. Denn jeder muß wissen,
daß hinter jener Unbefangenheit die radikale Kritik über
die Vernunft steht, die gerade nie aus der Vernunft kommen
kann, sondern allein aus der Offenbarung. Die
Vernunft, die sich selbst kritisiert, bleibt bei einer Teilkritik
, die einen bescheidenen Rest — und sei es die
„formale Vernunft" — stehen läßt um ihrer selbst willen.
Die Vernunft, die sich durch die Offenbarung richten
läßt, ist ganz gerichtet, nun aber eben darum auch aufs
neue in ihr einstweiliges Amt eingesetzt. Es werden sich
von hier aus auch andre Möglichkeiten der Lutherinterpretation
in bezug auf dieses Problem auf tun.

Berlin.___Dietrich Bonhoeffer.

Heuer, Wilhelm: Warum fragen die Menschen warum? Er-

ständlich gedeutet ist. Wieso?

2. Wenn das Verhalten des Gegenstandes unserer
Erwartung entspricht, dann ist unsere Deutung richtig.
Treten aber Erlebnisinhalt und Wissen in einen Gegensatz
, dann sind wir der Überzeugung, daß etwas nicht
stimmt. Denn in dem Gegensatz zwischen erwarteten
und tatsächlich erlebten Eigenschaften meldet sich die
Kontrarität gleichartiger Sinnesempfindung, die uns verbietet
, jenen Gegensatz ruhig hinzunehmen. Gehören die
erwartete und die tatsächlich erlebte gegensätzliche
Eigenschaft der gleichen Klasse an, handelt es sich also
um konträre Eigenschaften, dann kann es sich nicht
mehr um einen und denselben Gegenstand handeln.
Wir verlangen den unbekannten Gegenstand kennen zu
lernen, auf den die unerwartete Eigenschaft zurückgeht;
darum stellen wir die Kausalfrage.

3. Damit sind die Elemente gegeben für die kausale
Überlegung, die etwa so verläuft: a) Wir deuten den
Erlebnisinhalt auf Grund unseres begrifflichen Wissens,
b) Wir schließen daraus auf das zukünftige Verhalten
der Gegenstände, c) Wir vergleichen die Erwartung
mit dem tatsächlich eintretenden Erleben, d) Im Falle
eines Gegensatzes zwischen Erwartung und Erleben müssen
wir den gegensätzlichen Erlebnisinhalt als Ausdruck
eines uns noch unbekannten Gegenstandes ansehen, nach
dem unser „Warum?" fragt.

4. Diese kausale Überlegung wurzelt ihrerseits in
dem Nicht-verstehen-können. Etwas verstehen heißt, den
Erlebnisinhalt als ein aus unserem Wissen logisch erschlossenes
Resultat ansprechen können. Kann der Erlebnisinhalt
nicht aus den als vorliegend erachteten Realitäten
erschlossen werden, dann verstehen wir den
Vorgang nicht. Aus diesem Nicht-verstehen-können heraus
fragen wir solange nach der tatsächlich vorliegenden
Realität, bis Erlebnisinhalt und begriffliches Wissen in
ein logisch einwandfreies Verhältnis gebracht sind. Sachlich
ist diese Überlegung mit der kausalen Überlegung

tanrtntatoeoret^ <*■ Kausalitätsproblems 2., I identisch,

völlig neu bearb. Aufl. Heidelberg: c.Winter 1929. (xi. 321 s.) rm 7-. 5. Die allgemeinste Form der kausalen Überleguno-

Die erste Auflage dieses Buches erschien 1921. Sie liegt im Trägheitsgesetz vor. Es besagt, daß ein sich

ist m W. in dieser Zeitschrift nicht besprochen worden, selbst überlassener, von jeder fremden Einwirkung ab-

Diese zweite Auflage ist, abgesehen von den beiden ersten geschlossener Gegenstand in seinem Sosein beharren

Kapiteln, völlig neu gearbeitet. Das Thema, das der j muß. Verändert er sich, weist er nacheinander konträre

Verf sich gestellt hat, ist sehr fesselnd. Er will die für j Eigenschaften auf, so sind wir gezwungen nach dem

die Erforschung der Wirklichkeit bedeutsamste Frage, X zu suchen, das die konträre Eigenschaft hervorge-

die Kausalfrage, selber kausal erklären. In 12 Verhältnis- j rufen hat. Das Trägheitsgesetz weist am deutlichsten

mäßio selbständigen Abhandlungen weist er die Veran- j auf die Kontrarität der Sinnesempfinduno- hin, weil in

lassuhgen, Bedingungen, Gründe und Ursachen auf, die j ihm das Bewußtsein der Kontrarität bis zur Forderuno-

zur Stellung der Kausalfrage führen. Trotz mancher des Beharrens gesteigert ist.

Überschneidungen und Wiederholungen wird ein klarer 6. In 3 bis 5 macht sich der kausale Denkzwano-
Gedankengang erkennbar, der Schritt für Schritt immer geltend. Er gründet letztlich in der Nötigung, Erlebnis^
tiefer an die Wurzeln der Kausalfrage heranführt. Die ; inhalte auf Realitäten zu beziehen. Diese Notierung bewichtigsten
Stufen dieses Abstieges in die Gründe sind ruht auf der den Erlebnisinhalt ständig begleitenden