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Ausgabe:

1932 Nr. 23

Spalte:

545-546

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Festschrift zum 75jährigen Bestehen des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckelscher Stiftung I. u. II. Band 1932

Rezensent:

Rengstorf, Karl Heinrich

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 23.

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Rede In wie hohem Maße ab°r Kaiser und Kaiserin an j Sophie und Religionswissenschaft. Unter dem Gesamttitel „Das Judentum
allem geistio-en Leben um Protestantenverein und Vorbe- und die geistigen Strömungen der Neuzeit" behandelte der erste Teil,
reit ,?Jz. ß rT c • i i> !TJoIc +p!1 nahmen da- erschienen 1929, die Renaissance. Hier folgt der zweite, die Zeit der
reitungen des Ey. Sozialen Kongresses ™nrtmen ida f fkläru umfassend (s. 97_25i) „nd damit die Zeit, die „die mittd-
von spurt man in diesem Buche so gut wie nichts.
Wölbe nennt im Literaturverzeichnis auch die Memoiren
der Henriette Schräder. Vermutlich handelt es sich um
das Buch von Mary S. Lyschinska: Henriette Schrader-

altcrliche Lebensform der jüdischen Gemeinschaft zerbricht nnd die
jüdische Gemeinschaft politisch, wirtschaftlich und geistig unlöslich mit
dem Leben Europas verbindet" (S. 103), darüber hinaus aber auch die
Periode, in der die wissenschaftliche Auseinandersetzung des Abendlandes
Brevmann "ihr Leben aus Briefen und Tagebüchern j mit dem Judentum beginnt, die noch keineswegs abgeschlossen ist. So

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(2 Bde. 1922) — das der Verfasser aber wohl garnicht
in der Hand gehabt hat, denn sonst würde er nicht auf
die Idee verfallen, Henriette Schräder als Engländerin
zu bezeichnen. In dem Buche der Lyschinska ist vielfach
das, was man bei Wölbe vergeblich sucht, schon
v°r zehn Jahren eingehend dargelegt, und was Wölbe
anscheinend erstmalig mit dem Reiz der Neuheit bietet,
das steht da schon in erschütternder Klarheit: unerhört
schlechtes Verhältnis Wilhelms II. zu seiner Mutter,
Einspinnung von Kaiser und Kaiserin in liberalistische
Und fortschrittlich-freisinnige Ideologie unter kritikloser
Übernahme englischer Vorbilder auf die keineswegs entsprechenden
preußisch-deutschen Verhältnisse. Allerdings
ist das Ganze hier und da mit neubeigebrachten
archivalischen Quellenstellen belegt. Die Disziplinierung
Sydows ist nur bis zur peinlichen Hälfte mitgeteilt: davon
, daß der Evangelische Oberkirchenrat in Berlin das
harte Urteil der Amtsentsetzung aufhob und sich auf
einen Verweis beschränkte, ist fataler Weise nicht die
Rede.

Leipzig. Otto Lerche.

Festschrift zum 75jährigen Bestehen des Jüdisch-Theologischen
Seminars Fraenckelscher Stiftung. I.u.II. Bd. Breslau:
M. & H. Marcus 1929. (IV, 356, 148 u. III, 404, 67 u. 12* S.)
gr. 8°. je RM 20—.

Das im Jahre 1854 gegründete Jüdisch-theologische Seminar in
Breslau, das älteste deutsche Rabbinerseminar, konnte 1929 auf ein
75jähriges Bestehen zurückblicken. In dieser Zeit hat es für das deutsche
Judentum und weit darüber hinaus als die wissenschaftliche Ausbildungs-
und Arbeitsstätte der theologischen Führer der jüdischen Orthodoxie
eine bedeutende Rolle gespielt und spielt sie noch. Unter seinen
Schülern sind Männer wie Wilhelm Bacher und David Kaufmann
zu nennen, die die wissenschaftliche Arbeit auch jenseits ihres
eigentlichen Fachgebietes reich befruchtet haben, und sogar Hermann
Cohen, der Marburger Philosoph, hat hier eine Zeitlang jüdische
Studien getrieben. Zu den Dozenten haben u. a. Heinrich Graetz,
der Verfasser einer berühmten elfbändigen „Geschichte der Juden", und
der spätere Bonner klassische Philologe Jacob Bernays gehört. Von
den derzeitigen Mitgliedern des Lehrkörpers hat sich vor allem Isaak
Heinemann, neuerdings auch Honorarprofessor an der Breslauer
Universität, als Herausgeber der deutschen Philo-Übersetzung und durch
seine Arbeiten zur hellenistischen Philosophie einen Namen gemacht.

Angesichts dieser Vergangenheit lag es für das Seminar nur zu
nahe, das Jubiläum mit einem Hervortreten an die Öffentlichkeit zu begehen
. Nachdem man ihr bei den früheren Jubiläen durch Darstellungen
seiner Geschichte einen Einblick in die hier gepflegte Art, zu lehren
und forschen, bereits ermöglicht hatte, schien es dies Mal geraten, mit
einer wissenschaftlichen Veröffentlichung im engeren Sinne aufzuwarten.
Dazu veranlaßte das Kuratorium des Seminars noch besonders der
Wunsch, nach einer Zeit, in der sein Bestand durch den Krieg und
seine Folgen, vor allem die Vernichtung aller Stiftungen, ernstlich gefährdet
war, „der Judenheit und der Welt zu zeigen, dall es lebt und
wirkt. Die Verbundenheit der Gegenwart mit der Vergangenheit sollte
dargetan werden. So reifte der Entschluß, eine Festschrift zu veröffentlichen
, die Beiträge der Dozenten und ehemaliger, mit dem
Rabbinatszeugnisse des Seminars entlassener Hörer enthält." Diese Festschrift
liegt nun in zwei stattlichen Bänden von zusammen fast 1000
Seiten vor. Ihr Inhalt mag im folgenden kurz umrissen werden.

Der erste Band vereinigt je eine größere Abhandlung der vier
derzeitigen Mitglieder des Lehrkörpers. J. H e i n e m a n n hat den ersten
Teil einer umfangreichen Arbeit über „Philons griechische und jüdische
Bildung" beigesteuert, in der er zunächst Philos „Lehre vom Tempelwesen
und vom Eid" untersucht (S. 3 - 96). Die Fortsetzung erschien I oew<-"Kuug lesen, im iieoraiscnen len enancn bietet A
. <-i.—t—r</^ rt^ <*.m;„,„ f,-,„ 1Q9Q und umfaßt vor allem die Feier- I lWlen' eine Ausgabe des Toseftatraktats Horajot mit ausführlichem Korn

hat gerade die Zeit von Descartes bis hin zu Moses Mendelssohn für
den jüdischen Religionsphilosophen etwas besonders Anziehendes. Daß
Mendelssohn und Spinoza mit größerer Breite behandelt werden als die
christlichen Denker, ist bei dem Ziel der Arbeit selbstverständlich. — Von
„Studien zur vormosaischen Gottesvorstellnng" legt J. Rabin, Dozent
für A.T. und jüdische Geschichte, den ersten Teil vor, der der „Untersuchung
der entwicklungsgeschichtlichen Grundlagen" gewidmet ist
(S. 253 — 356). Schon in dieser Anlage kommt die Spitze der Arbeit
zum Vorschein, die sich gegen die Anschauungen und Methode der
christlichen Alttestamentler richtet. In ständiger Auseinandersetzung mit
den Versuchen, den polytheistischen Grundcharakter der altisraelitischen
Gottesanschauung nachzuweisen, betont R. die Einheitlichkeit des religiösen
Erlebnisses der ältesten Zeit mit dem weiteren Ziel, dessen monotheistische
Art aufzuzeigen. Im Zusammenhang damit wird die Literar-
kritik als unentbehrliche Voraussetzung für die Aufhellung des religionsgeschichtlichen
Problems scharf abgelehnt. Die Arbeit ist symptomatisch
für die gegenwärtige Lage, in der eine eigene jüdische Bibelwissenschaft
sich mit starkem Selbstbewußtsein anschickt, neben die christliche zu
treten, und zwar mit dem offen ausgesprochenen Anspruch, ihr doch
wohl durch die geschichtliche und persönliche Verflochtenheit mit dem
Stoff in der Beurteilung der Tatsachen überlegen zu sein. Die Übersetzung
des A.T. von Rosenzweig und Buber ist durchaus hier einzuordnen
. Vielleicht bringt eine künftige Zeit mehr Zusammenarbeit beider
Seiten, als sie wenigstens in den grundsätzlichen Fragen jetzt vorhanden
und vielleicht auch möglich ist. — Den Beschluß des Bandes
macht der Talmudist M. Guttmann mit einer Abhandlung über
„Palästina in Midrasch und Talmud" fTÄDITI WTTD3 biOVJ" —tN).
(tsrrt"p). Hier ist das einschlägige Material unter bestimmten Gesichtspunkten
gesammelt und geordnet und damit allen, die auf landeskundliche
und landesgeschichtliche Fragen beim Studium der spätjüdischen
Literatur stoßen, ein dankbar begrüßtes Hilfsmittel zur Orientierung
über den Stoff geboten. Leider fehlt zu diesem Teil ein Inhaltsverzeichnis
. Noch angebrachter wäre ein ausführliches Register gewesen
, um die Schätze, die die Arbeit birgt, möglichst bequem zugänglich
zu machen. Sie enthält viel mehr, als der bescheidene Titel vermuten
läßt; denn die geographischen Fragen, die man zunächst als
eigentlichen Gegenstand der Darstellung erwartet, stellen nur einen
Bruchteil dar; neben ihnen ist alles, was mit Palästina zusammenhängt,
ebenfalls behandelt.

Der zweite Band vereinigt 20 Arbeiten von ehemaligen Schülern
des Seminars, darunter Männern, die selbst seit langem „Meister" geworden
sind. Alle Gebiete der jüdischen Wissenschaft haben in Teilausschnitten
Behandlung gefunden. Neben Fragen der Bibelwissenschaft —
M. Katten, Genesis Kapitel 41 (S. 151-171); L. Levy, der Prophet
Maleachi (S. 273-284) — werden solche aus dem Gebiete des Spätjudentums
— A. Guttmann, das Problem der Misnaredaktion aus
den Sätzen Rabbis in Misna und Tosephta synoptisch beleuchtet (S. 95
bis 130; Fortsetzung früherer Arbeiten, siehe ThLZ 1930 Sp. 31); M.
Gaster (London), die 313 Gebote und Verbote der Samaritaner (S. 393
bis 404 und S. 35— 67 des hebr. Teils); D. Simonson, Eigentümliche
Namen (S. 367—371) — erörtert. Probleme der jüdischen Religions-
philosophie behandeln u.a. J. Guttmann (Berlin), Levi ben Gereons
Theorie des Begriffs (S. 131 — 149) und J. Lewkowitz (Berlin), der
Eigengehalt der religiösen Begriffe (S. 285—293), sowie A. Lö w en -
stamm , Hugo Grotius' Stellung zum Judentum (S. 295—302). M. Dienemann
bespricht kritisch, aber mit grundsätzlicher Bejahung der Grundhaltung
„Klausners Jesuswerk" (S. 45—59). J. El bogen (Berlin) beantwortet
die Frage „Wie steht es um die zwei Rezensionen des Scherira-
briefes?" in dem Sinne, daß wir es nicht mit zwei Rezensionen zu tun
haben, sondern mit zwei Gruppen von Textzeugen für dieselbe Überlieferung
(S. 61-84). Zwei umfangreiche Beiträge betreffen die neuere
Geschichte der Juden in Deutschland: A. Kober schreibt über „Rheinische
Judendoktoren, vornehmlich des 17. und 18. Jahrhunderts" (S. 173
bis 236), S. Silberstein über „Die Familiennamen der Juden unter
besonderer Berücksichtigung der gesetzlichen Festlegung in Mecklenburg"
(S. 303-366); hier kann man auch allerlei über die jüdische Wanderbewegung
lesen. Im hebräischen Teil endlich bietet A. Schwarz

im Jahresbericht des Seminare für 1929 und umfaßt vor allem die Feiertagsgesetze
. Inzwischen ist dann kürzlich auch das ganze Werk im Verlag
der Festschrift unter dem obigen Titel erschienen. Es bringt die
seit langem erwünschte Sammlung und Sichtung des gesamten Materials
und führt darin wie in den Ergebnissen weit über Ritter's „Philo und

mentar (S. 1 - 33).

So enthält selbst bei Berücksichtigung der Ungleichmäßigkeit der
Beiträge auch dieser Band eine ganze Reihe von Arbeiten, über die man
sich mit der Jubilarin herzlich freuen kann, weil sie nicht nur beweisen,

ZZ^ir^ ^ ^^'^^ den ^troßsten der ' <* «ie ehemaligen Schüler der Wissenschaft treu geblieben sind, so,
ganzen Festschrift halten. - Ebenfalls einen Teil einer größeren Unter- : de™ auch an lhretn Teile eine Federung unserer Erkenntnis bedeuten.

suchung hat A. Lewkowitz geliefert, der Vertreter für Religionsphilo-

Tübingen. Karl Heinrich Rengstorf.