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Ausgabe:

1932 Nr. 2

Spalte:

542-543

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kramer, Gustav

Titel/Untertitel:

Die Stellung des Präsidenten Ludwig von Gerlach zum politischen Katholizismus 1932

Rezensent:

Lerche, Otto

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641 Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 23._642

Lessingschen Ideintitätstheologie mit mystisch-theolo- j statten Dennoch ist das Ergebnis auch für ihre Arbeit
gischer und philosophischer Spekulation von Tauler bis ; entscheidend als Einsicht in eine wesentliche Seite Les-

1 sings, die beide angeht. Die Literaturwissenschaft hat sie
gerade in den letzten Jahren am Problem der zweideutigen
Stellung Lessings zur Sturm- und Drang-Haltung
gespürt und diskutiert.

Bederkesa bei Bremerhaven. Werner Kohlschmidt.

Leibniz und fcope wird dabei an Zitaten aus dieser Lite
ratur erörtert. Hierhin gehört auch Lessings Vorstellung
von dem stetig wirkend sich bewegenden, in unendlich
vielfältiger Stufenfolge sich explicierenden Gotte, der,
auch als Kosmos sich ausgebend und einziehend1, immer
wieder sich selbst gebiert.

In diesem Zusammenhang sind neu und einheitlich
verständlich nun auch die Werke des Alters. Die „Erziehung
des Menschengeschlechts" erscheint nun als die
Anwendung der Lessingschen „Geschichtsmetaphysik auf
einen Spezialfall", und zwar durch das aller Mystik so
geläufige Mittel allegorischer Interpretation. Der „Nathan
" erweist sich als zu diesem Bereich gehörig, wenn
die Identifikation von Menschen- und Gotteswillen, wie
s'e an einer nicht unwichtigen Stelle darin vollzogen
wird, in ihrer grundsätzlichen Bedeutung erkannt wird.
Auch die Ringparabel, metaphysisch gedeutet, spricht
dem eigenen religiösen Willen nur Hilfskraft, nicht erregende
Kraft zu. Die Grundhaltung gegenüber dem
Willensproblem ist doch die, daß der Mensch das
»Beste muß". In diesem Bereich läge nun auch die innere
Begründung des Lessingschen Spinozaverhältnisses, das
Lgg. von den Voraussetzungen bis zu Jaoobi hin verfolgt
, und zwar in einem durchaus interessanten Rückbe-
zuge auf das Spinozabild, das Lessing vorfand (an den
Beispielen Bayle und Dippel). Lessings freundliches
Urteil über Dippels Spinozaverständnis erweist sich damit
als von innen her begründet, eben von der Prämisse
des denkenden, wollenden und schaffenden Gottes aus.
Wirklich ergibt sich nun ein heller, „einfacher" Sinn der
Jacobi-Gespräche, ihre Einfügung in die Lessingsche
Denkhaltung ganz ohne Zwang, eine einleuchtende Herausformung
der sicher echten Schichten darin. Die innere
Richtung dieser Schichten, die Lgg. bis in den Ton der
Lessingschen Ausrufe, bis in Jacobis summarischste Wiedergaben
verfolgt, geht in der Tat mit dem vorgezeichneten
Denktypus des Mystikers weithin überein.

Innerhalb dieser Denkhaltung gewinnt nun auch der
Kampf um die Reimarusfragmente seine sinnvolle Stelle:
eben als notwendige Tat der von Lessings Denken her
gegebenen Ethik. Lessings Geschichtsbild setzt notwendige
Aktivität der berufenen Einzelnen voraus (hinter
und in denen ja Gott selbst steht). Davon empfängt ja
die Entwicklung ihre Lebendigkeit, ihren Plan, ihre Anstöße
. Lessings theologischer Kampf ist also die persönliche
Praxis etwa zu der in der „Erziehung" theoretisch
angedeuteten Entwicklungsanschauung. Er ist der
geforderte verantwortliche Eingriff des selbstbewußten
Menschen in das Weltgeschehen, als Wahrheit oder
als Irrtum gottbedingt. Er entspringt einer Anschauung
von der Zeitsituation, die im übertragenen Sinne an das
Apokalyptische grenzt.

Das Buch Lggs. hat eine schon durch die betont
schlichte und konzentrierte Form und die sachliche Interpretationsweise
überzeugende Schlagkraft. Die Auswahl
und Behandlung der Probleme, die Entwicklung ihrer
Geschichte im Dasein Lessings, stellt am Schluß vor
eine Gestalt, deren zum Teil durchaus noch fragwürdige
geistige Gründe nun um ein Bedeutendes freier liegen
und ein von überraschend eindeutigen Kräften bewegtes
Denkbild hinter allen Masken zeigen.

Den Welt-anschauenden Lessing in seiner ganzen geschichtlichen
Lebendigkeit (und Einmaligkeit) mit der
Zuordnung zum Denktypus des Mystikers zu erfassen,
ist nicht die Leistung des Buches, aber auch nicht sein
Anspruch, da es seinen eigentlichen Abgrenzungswert
durchaus auf den Bereich des Denkens bezieht. (So
will auch der Verfasser persönlich sein Buch verstanden
wissen.)

Und in der Tat würde die Vereinfachung der Geschichtlichkeit
des Mystikers in der „penkform" dem

Schlags, Willibrord: Johann Michael Sailer „der Heilige einer
Zeitwende". Nach seinen Bekenntnissen und Schriften dargest. Wiesbaden
: H. Rauch [1931]. (247 S. m. Abb.) 8°. RM 4—; geb. 5—.
Das in der katholischen Kirche allezeit besonders
lebendige Bedürfnis nach Heldenverehrung, das immer
nach neuen Anregungen ausschaut, wendet sich zur
Feier seines Hundertjahrtages auch Johann Michael
Sailer, dem „Heiligen einer Zeitwende" zu. Sailer
steht kirchengeschichtlich im Mittelpunkte jener katholischen
Erweckungsbewegung, aus der Männer wie Boos,
Goßner, Lindl und andre hervorgingen und die alles
andre nur nicht eigentlich römisch-katholisch war. Aber
die offizielle Betrachtung deckt bei der Säkularfeier alles
dieses mit dem Mantel des Vergessens zu, und so macht
man aus dem gedankentiefen und evolutionär wegweisenden
Professor und Bischof einen braven Durchschnittstheologen
und hausbacken-biederen Pfarrer. Wohl ist
hier und da von den Vorwürfen, die gegen Sailer erhoben
wurde, die Rede. Aber diese Vorwürfe, Bedenken gegen
Sailers theologische Richtung, bewegen sich um Aufklärung
und Iltuminaten. Auch als Sailer seines Lehramtes
in Dillingen entsetzt wurde, handelte es sich nach
Schlags nur um diese beiden Dinge. Davon, daß Sailer
bahnbrechend für ein neues Verständnis evangelischer
Grundwahrheiten innerhalb der römischen Kirche gewesen
war, merkt man in dieser Zusammenfassung
nichts.

Gewiß, was Schlags da aus dem reichen Schrifttum
Sailers mitteilt, ist erbaulich und wertvoll, hier und da
auch nicht uninteressant. Wenn Sailer aber nicht mehr
wäre als der von Schlags geschilderte theologische und
erbauliche Schriftsteller, dann gäbs heute keinen Anlaß,
seiner zu gedenken. Trotz aller Einschränkungen bietet
aber das Büchlein eine brauchbare Einführung in das
Leben und die geistige Welt des Regensburger Bischofs.
Im Anschluß an Auszüge aus der Selbstbiographie und
reichliche Mitteilungen aus seinen Schriften wird sein
Lebensgang und seine geistige Entwicklung chronologisch
aufgebaut; das Buch schließt mit einem Literaturverzeichnis
.

Leipzig. Otto Lerche.

Krämer, Gustav: Die Stellung des Präsidenten Ludwig von
Gerlach zum polltischen Katholizismus. Breslau: M. & H.
Marcus 1931. (VI, 64 S.) EX. 8°. = Histor. Untersuchungen, hrsg. i.
Auftr. d. Direktoren d. hist. Seminars d. Univ. Breslau v. E. Korne-
mann, H. 10. RM 3.60.

Die vorliegende Arbeit, anscheinend eine Dissertation
, kommt zur rechten Zeit, um in diesen außerordentlich
bewegten Wochen einen Beitrag zur Psychologie
des politischen Katholizismus zu liefern, der zwar
nur vom Gesichtsfelde einer Person aus geschrieben ist,
der nur das politische Betätigungsfeld des Präsidenten
Ludwig von Gerlach behandelt, der aber doch zu weitesten
Kreisen aufklärend und ernüchternd sprechen kann
und soll. Denn darüber sollte sich jeder evangelische
Deutsche im Innersten klar geworden sein, daß es einfach
unerträglich ist, wenn das Schicksal des Reiches,
das mehr als zwei Drittel nichtkatholische Staatsbürger
birgt, vom Wohlwollen des politischen Katholizismus
abhängig sein soll. Ebenso wie es töricht wäre, Deutschnationale
und Großagrarier, Deutschvolksparteiler und
Schwerindustrielle, Sozialdemokraten und Arbeiter als
Synonyma zu behandeln, so ist es ganz unerträglich, die
Glieder der römisch katholischen Kirche in Deutschland
mit dem Zentrum gleichzusetzen. Der im Zentrum verTheologen
und dem "Literaturgeschichtler die einfache j körperte politische Katholizismus führt sich aber als
Übernahme der Klassifikation in ihre Bereiche nicht ge- j Sachwalter des Gesamtkatholizismus des Reiches auf