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Ausgabe:

1932 Nr. 23

Spalte:

535-537

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hübner, Arthur

Titel/Untertitel:

Die deutschen Geißlerlieder. Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters 1932

Rezensent:

Wolff, Ludwig

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 23.

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Hübner, Arthur: Die deutschen Geißleriieder. Studien zum i
geistlichen Volksliede des Mittelalters. Berlin : W. de Gruyter & Co.
1931. (III, 263 S. u. 4 Taf.) gr. 8°. RM 14-; geb. 16-.

Das Buch des Berliner Germanisten, der auch durch
volkskundliche Arbeiten bekannt ist, kann in gleicher
Weise die Aufmerksamkeit des Deutschphilologen wie
des Theologen wecken. Als philologisches Werk hat '■
es grundsätzliche Bedeutung dadurch, daß es die volkskundliche
Methode, die an den Volksüberlieferungen der
Neuzeit ausgebildet ist, auf Denkmäler mittelalterlicher i
Dichtung überträgt, die man bislang zu Unrecht von den
Gesichtspunkten der Kunstdichtung betrachtet hatte.
Wenn es dadurch dem Wesen und den Absichten dieser
Werke besser gerecht zu werden vermag, so reichen
Blick und Zielsetzung doch über diese Einzeldenkmäler
hinaus: von einem günstigen Ausgangspunkt aus unter-
nimmt es einen Vorstoß in das Dunkel, das sich naturgemäß
über die Anfänge des geistlichen Volksliedes wie
jeglicher Volksdichtung breitet. Mit dieser Fragestellung
geht das Werk natürlich auch den Theologen an, der |
der kirchlichen und religiösen Entwicklung unseres Volkes
zugewandt ist; insbesondere aber hilft es ihm zu
einem besseren und schärferen Bilde jener großen Bewegung
, die sich in den Geißlerfahrten so erschütternd
offenbart. Die Auffassungen, die Hugo Pfannenschmid
im Jahre 1900 aufgestellt hat („Die Geißler des Jahres
1349 in Deutschland und den Niederlanden, mit besonderer
Beziehung auf ihre Lieder", in dem Werk von j
P. Runge „Die Lieder und Melodien der Geißler des j
Jahres 1349 nach der Aufzeichnung Hugos von Reutlingen
"), erfahren hier eine vielfältige Berichtigung.

Die Lieder und ihr Werden sind zwar der eigentliche
Gegenstand der sehr gründlich und bedachtsam
vorwärtsschreitenden Untersuchungen. Gerade als Volksdichtung
, von Wellen emporgetragen, die unser Volk bis
in seine Tiefen ergriffen und durchfluteten, sind aber die
Geißlerlieder, mehr noch als andere Werke, nur aus der
Kenntnis ihrer Tage und der bewegten geistigen Gemeinschaften
zu verstehen, in deren Leben sie nicht als
selbstgenügsame Kunstwerke sondern als Gemeinschaftsäußerungen
und dienende Glieder ihre Aufgabe
zu erfüllen hatten. So behandelt Hübner in einem umfangreichen
Kapitel zuerst Grundlagen und Voraussetzungen
. Aus umfassender und genauer Kenntnis der
Quellen, denen er noch verschiedene bisher noch nicht
bekannte oder verwertete Zeugen zugesellen kann, gibt
er in kurzer Erörterung der wesentlichen Fragen eine
eindringliche Schilderung des Geißlertums und führt
gerade in der Auseinandersetzung mit den Anschauungen
Pfannenschmids, der bei seiner Theorie von einer festen,
einheitlichen Organisation mit antikirchlichen Zielen und
Lehren das Volkhafte in seiner wogenden Bewegtheit
ganz verkannt hat, zu einer schärferen Erfassung der
Bewegung. Bei den italienischen Geißlern vom Jahre
1260 setzt er ein, und so kehren die Untersuchungen
des Buches immer wieder zur Frage nach der Vorgeschichte
des deutschen Geißlertums von 1349 und den
etwaigen Zusammenhängen mit den Vorläufern in Italien
zurück. H. zeigt, daß die deutschen Geißlerstatuten
sich mit Satzungen der italienischen Bruderschaften in
einer Weise berühren, die auf fortgesetzte Beeinflussung
von Italien deuten kann; er zeigt, daß die Liturgie sich
auf die Geißlerpredigt stützt, insbesondere auf den Himmelsbrief
, der in ihrem Mittelpunkte steht, und daß die
deutschen Geißler mit der Berufung auf den Himmelsbrief
offenbar italienischem Vorbild folgen. Er prüft die
geschichtlichen Zeugnisse über das Geißlerlied auf ihre
Aufschlußkraft, gerade im Hinblick auf die Frage eines
durchgehenden Zusammenhangs vom Jahre 1260 bis
zur deutschen Liturgie von 1349 und den ndl. Formen,
die sich trotz selbständiger Züge unmittelbar daran anschließen
, und er kann es im Einzelvergleich wahrscheinlich
machen, daß der deutschen Liturgie wesentliche
Anregungen aus Italien gekommen sind. Völlig gesicherte
Ermittlungen werden hier dadurch behindert,

daß die Dichtungen, die uns von den beiden Seiten überliefert
sind, wesentlich verschiedenen Schichten angehören
; un&erm Volksgesang steht mit der breiten Masse
der italienischen Disziplinatengesänge das literarische
Gesellschaftslied gegenüber, während die wildgewachsenen
Vorstufen dort nicht erhalten sind.

H. gibt weiterhin nach den Handschriften und unter
sorgsamer Prüfung der Überlieferung sämtliche deutschen
Liedertexte und Liedbruchstücke in den verschiedenen
Fassungen, die auf uns gekommen sind. In seinem
Buche haben wir von nun ab die allein maßgebende Ausgabe
, in der manche Versehen und Flüchtigkeiten der
Vorgänger berichtigt werden; so muß eine Fassung der
Liturgie, die bislang nach der Meinung Hoffmanns von
Fallersleben für niederländisch galt, sich als niederdeutsch
erweisen. Für die Melodien bleibt man freilich
noch auf das Runge'sche Buch angewiesen (wobei aber
die Beobachtungen und Feststellungen H.'s zu vergleichen
sind), doch geben vier gute Faksimiletafeln einen
wertvollen Eindruck von der Gestaltung des Musikalischen
in den Aufzeichnungen Hugos von Reutlingen.

Durch eingehende Betrachtung der Dichtungen rückt
H. ihren Charakter ins rechte Licht. Er weist das geläufige
Versgut und die herkömmlichen Formeln nach, er untersucht
die Darstellungsart und den musikalischen, strophischen
und inhaltlichen Aufbau und kommt zur Aufdeckung
der verschiedenen Schichten, die sich neben- und
ineinanderschieben. So wird es deutlich, wie die Lieder
allmählich zu der überlieferten Form zusammengewachsen
sind, das Volksliedhafte tritt als das Entscheidende
hervor, und im Vergleich der verschiedenen Fassungen
kann noch unmittelbar etwas von diesem Leben,
dem Zusammensingen und Zersingen, sichtbar werden.
Den Volksliedcharakter, von dem sich nur die wallonische
Form der Liturgie als kunstmäßige Individualdichtung
abhebt, beleuchtet H. weiter durch den Vergleich mit der
inhaltlich nah verwandten und mit volksmäßigen Elementen
arbeitenden großen Tageweise Peters von Arberg.
Die Berührungen dieser Dichtung mit der Geißlerliturgie
scheinen mir allerdings nicht ausreichend, um einen unmittelbaren
und bewußten Zusammenhang zu beweisen,
ich halte es nicht für gerechtfertigt, das Lied von 1356
ins Jahr 1349 zurückzuversetzen und bin also von dem
freilich sehr verlockenden Gedanken, daß es als Gegenstück
entstanden wäre, nicht überzeugt. Die verschiedenen
Ebenen geistlicher Liederdichtung werden hierdurch
und durch den Vergleich mit anderen Stücken aber jedenfalls
deutlich, und H. kommt fraglos mit Recht zu der
Forderung, daß man in Überwindung herkömmlicher
Unklarheiten einer bei der weltlichen Dichtung schon
üblichen Gliederung entsprechend vom geistlichen Volksliede
im eigentlichen Sinne, wie es die Geißlerlieder
darstellen, das geistliche Gesellschaftslied zu sondern
hat, das im Hinblick auf das Kunstlied von meistersingerischer
Haltung nach seiner Art und seinen Trägern eine
Mittelstellung einnimmt.

Mit den Gesichtspunkten und Erkenntnissen, die an
den Geißlerliedern bewährt und gewonnen sind, wendet
H. sich im letzten Abschnitt seines Buches, der den
dichtungsgeschichtlich wichtigsten Ertrag der Untersuchungen
enthält, zu den vorausliegenden Jahrhunderten
. Er folgt den wichtigsten Stufen in der langsamen
Entwicklung des Pilger- oder Fahrtenliedes von den unscheinbaren
Stufen des Anfangs an (merkwürdigerweise
ist der sich hiermit nah berührende Aufsatz von H.
Fränkel, Aus der Frühgeschichte des deutschen Endreims
, Zeitschrift für deutsches Altertum 58, S. 41/64 unbeachtet
geblieben), und er betrachtet Erzeugnisse aus
dem Bereich der Kunstdichtung, in denen Formen aus
der Sphäre der Volksdichtung benutzt werden, das Ezzo-
lied und die beiden Kreuzlieder Walthers, die man vielleicht
auch jener Mittelgruppe der „geistlichen Gesellschaftsdichtung
" zuzurechnen hätte.

H. bezweifelt es, daß die Lieder Walthers zum Gesang des Kreuzheers
geworden sind. Das aber scheint mir doch sicher, daß wenigstens