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Ausgabe:

1932 Nr. 22

Spalte:

523-524

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schwindel, Kurt

Titel/Untertitel:

D. Jakob Reihing. Ein Beitrag zur Geschichte der Gegenreformation 1932

Rezensent:

Alt, Karl

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 22.

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rose gewesen sein; ja ihre Qualen unter der Zuchtrute
ihres Beichtvaters Konrad von Marburg sollen sich nur
als Masochismus erklären lassen. In ihrer virtuosen
Kunst zu leiden, als grausames Objekt eines unmenschlichen
, sadistischen Kerkermeisters glaubte sie am besten
an der Sicherung ihrer Seele, an ihrer „Selbstbrechung"
zu arbeiten. So entsteht, wie Herrn. Hoffmann in einem
Breslauer Vortrage fein ausgeführt hat, „das Ecce homoBild
einer geknickten, gebrochenen Frauenseele, der die
Flucht in Passionsmystik und Aussätzigenpflege der
einzige Ausweg ist aus der Tyrannei eines sadistischen
Seelenführers, ein Ausweg zwischen Verzweiflung und
Ekstase" (Schlesierland, Jg. 1931, Schweidnitz, Nr. 40).
Viele Beobachtungen sind neu, verblüffend, auch richtig;
manche Urteile überspitzt, wie die Behauptung, die Heiligsprechung
sei ein Zufall der Familienpolitik, gut die
Ausführungen über ihre Vereinsamung auf der Wartburg,
die Gegnerschaft des Adels und die Parallelen zum hl.
Franziskus. Manches paßt nicht in das düstere Bild,
wenn die Heilige z. B. das schöne Wort spricht: „Ich
habe es euch immer gesagt, daß wir die Menschen fröhlich
machen müssen". Das Elisabethheft der „Franziskanischen
Studien" (18. Jg. Münster 1931) bringt einige
Aufsätze über Elisabeths Verehrung in Ungarn, ihre
Beichtväter Rodeger und Konrad von Marburg und ihre
Stellung als Tertiarin, die ergänzend herangezogen werden
können. Nicht unerwähnt bleibe noch, daß die „modernen
Wissenschaftler", von . denen B. gelegentlich
spricht, deren psychoanalytische Deutungen ablehnen:
vgl. H. Hermelink, Die heilige Elisabeth im Licht der
Frömmigkeit ihrer Zeit (Marburg 1932), 28 und H.
Frick, Was verbindet uns Protestanten mit der heiligen
Elisabeth? 2. Ausgabe, Tübingen 1931 (Sammlung gem.
Vorträge 156), S. 16 und 24. — Bescheiden wir uns
daher mit dem Urteil Alb. Haucks (K. G. 4, 889): „Wir
kennen die Wirklichkeit nicht, sondern wir sehen wie
durch gefärbte Gläser. Über Elisabeth besitzen wir nicht
eine Zeile, in der sie geschildert wird, wie sie war, sondern
was wir hören, hören wir von solchen, die ein
Interesse daran hatten, sie als Heilige erscheinen zu
lassen".

Breslau. Wilhelm Dersch.

Schwindel, Dr. phil. Kurt: D. Jakob Reitling. Ein Beitrag z.

Oesch. d. Gegenreformation. München: Chr. Kaiser 1931. (XI, 175 S.)

gr. 8°. = Einzelarbeiten a. d. Kirchengesch. Bayerns, hrsg. v. Verein

f. bayr. Kirchengesch, unter verantwortl. Schriftleitung v. D. Claull u.

D. Schornbaum, XIII. Bd. RM 7.50.

Im Juli 1613 ist der Erbgraf Wolfgang Wilhelm
von Pfalz Neuburg heimlich zum Katholizismus übergetreten
. Im November desselben Jahres verehelichte er
sich mit Magdalena, der Schwester des Bayernherzogs
Maximilian, des Hauptes der katholischen Liga. Ein
Jahr lang spielt Wolfgang Wilhelm vor seinem hochbetagten
Vater und seinem Lande weiterhin den Protestanten
. Um ihm dabei gegenüber seiner evangelischen Umgebung
ein entsprechendes Gegengewicht zu geben, erhält
seine Gemahlin in dem Professor der Philosophie
und Doktor der Theologie Jakob Reihing S. J. einen
ebenso gelehrten wie fanatisch katholischen Hofprediger,
der es versteht, den jungen Fürsten in die römische
Lehre einzuführen und — nach dessen öffentlichem
Übertritt am 25. Mai 1614 — die Gegenreformation in
der evangelischen Pfalzgrafschaft Neuburg mit meisterhafter
Klugheit als Prediger und Schriftsteller durchzusetzen
. Was letztere Tätigkeit anlangt, so rechtfertigt
Reihing in einem über 300 Seiten starken Buch mit dem
Titel Muri civitatis sanetae (1615) die Konversion
des Landesfürsten. Um aber auch die bibelfesten
Landeskinder, soweit sie noch nicht zwangsbekehrt oder
ausgewandert waren, zum Übertritt zur katholischen
Kirche zu gewinnen, schreibt der unermüdliche Reihing
eine vielgerühmte Gegenschrift gegen das unter den
Neuburger Protestanten weitverbreitete evangelische
Handbüchlein des kursächsischen Hofpredigers D. Matthias
Hoe und gibt sie als „katholisches Hand-

! buch" von 1171 Seiten im Mai 1620 heraus. Aber ge-
j rade die intensive Beschäftigung mit der hl. Schrift, die
I diese Widerlegung nötig machte, bringt den Jesuiten
Reihing zu der Erkenntnis der Wahrheit des evangelischen
Schriftverständnisses und so geschieht das Un-
j glaubliche und daher viel Aufsehen Erregende, daß der
| Führer der Gegenreformation und gefeierte Hofprediger,
] Literat und Disputator D. Reihing — selbst evangelisch
wird. Noch muß er als Mitglied der Gegen-
I reformationskommission den Abschluß der Tragödie mit*
ansehen, wie sich vom 3.-5. Januar 1621 die Evangelischen
Neuburgs endgültig zur Auswanderung oder zum
Übertritt entscheiden mußten, dann verläßt er am 6. Jan.
selbst das nun ganz rekatholisierte Land. Er flieht über
I Ulm nach Stuttgart an den Hof des Herzogs Johann
Friedrich und findet schließlich im Tübinger Stift Llnter-
j kunft. Ein Jahr nach seinem feierlichen Übertritt erhält
er eine Professur für Kontroverstheologie an der Tübinger
Hochschule. Neben gewichtigen theologischen
| Werken, die sich in steter Auseinandersetzung mit seinen
meist jesuitischen Gegnern und Verdächtigern vor allem
mit der Lehre von der Schrift und der Kirche befassen,
widerlegt er in der „Retractation" (1626) auf
mehr als 1500 Oktavseiten sein eigenes katholisches
Handbuch in einer ungemein sachlichen
Verteidigung der evangelischen Heilslehre, die heute
noch tiefsten Eindruck auf den Leser hinterläßt.

Dr. Schwindel versteht es nun in seiner Schrift über
Reihing auf Grund sorgfältigster Quellenarbeit das Lebensbild
und die Wirksamkeit dieses Konvertiten darzustellen
und gegenüber allen unhaltbaren Verdächtigungen
und Verdunkelungen, die der Aufsehen erregende Fall
Reihing besonders bei seinen ehemaligen Ordensbrüdern
hervorrief, den historisch und psychologisch durchschlagenden
Beweis zu liefern, daß „Reihings Leben
ein Zeugnis von der Wahrheit des evangelischen Schriftverständnisses
" ist und somit victoria verbi veritatis verbürgt
. Bedauerlich ist an dem Buch nur das Fehlen eines
Registers und der unverhältnismäßig hohe Preis, der
eine wünschenswerte Verbreitung erschwert.
Ansbach. K. Alt.

Müller, Joseph Th.: Geschichte der Böhmischen Brüder.
3. Bd.: Die polnische Unität 1548-1793. Die böhmisch- mährische
Unitiit 1575—1781. Herrnhut: Missionsbuchhandlung 1931-
(450 S.) gr. 8°. geb. RM 10—.

Mit diesem Band liegt M.'s Werk abgeschlossen vor.
Von der Periode größter Ausdehnung der Unität führt
die Darstellung über die Erringung der Religionsfreiheit
in Böhmen bis zur Zeit der Zerstreuung, des Sterbens
und der Weiterwirkung von Resten der Unität.
Das Schicksal der Brüder war in den einzelnen Gebieten
verschieden, auch die Beziehungen zu anderen Evangelischen
waren mannigfaltig und zeigen verschiedene
Unionsversuche, die nur z. T. von Erfolg begleitet waren.
Damit ist die ständige Bezugnahme der Darstellung auf
die Geschichte der ev. Kirche in Böhmen, Mähren und
Polen gegeben.

M. beginnt (6. Buch: Die Brüder in Preußen und
Polen 1548—1628 S. 1—156) mit den preußischen Gemeinden
, die, aus Auswanderungen entstanden, kaum
25 Jahre bestanden haben, weil wirtschaftliche Schwierigkeiten
und die Intoleranz der Lutheraner sie zu weiterer
Wanderung zwangen. Dagegen erreichte die Unität
in Polen eine hohe Blüte, die auf ihrer Werbekraft
beruhte. Nur in Großpolen entstanden eigene Gemeinden
. In Kleinpolen schien es eine Zeit lang fast so, als
sollte das brüderische Bekenntnis und Kirchentum durch
Vereinigung der kleinpolnischen Evangelischen mit den
Brüdern in Großpolen herrschend werden. Die Vereinbarungen
wurden aber nicht durchgeführt. Ebensowenig
hatten Laskis Bemühungen um ein einheitliches
ev. Bekenntnis das gewünschte Ergebnis. Nachdem in
Großpolen die Versuche der Lutheraner, die Brüder zum
Anschluß an die A.C. zu bewegen, gescheitert waren,
kam erst angesichts der von katholischer Seite drohen-