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Ausgabe:

1932 Nr. 22

Spalte:

514-515

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meyenberg, A.

Titel/Untertitel:

Leben Jesu-Werk. III. Bd 1932

Rezensent:

Dibelius, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 22.

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•st nicht schwierig, zur Erzählung vom Tode des Täufers
aus den älteren Kommentaren den Namen Censorinus
herzusetzen (S. 221), aber D. möge doch einmal die
Hochschüler von Dillingen fragen, wer denn das eigentlich
war.

Weshalb erfahren wir S. 29 von Wilkes Buch von
1838 den Titel, aber den des gleichzeitigen und mindestens
gleichwertigen Werkes von Weiße nicht? Und
Wenn H. J. Holtzmann im selben Zusammenhang den
größeren Ur-Markus empfiehlt, so tut er es doch nicht
•n dem Handkommentar, der als einziges seiner Werke
(S. 39) genannt wird, sondern in seiner grundlegenden
Arbeit über die synopt. Evangelien von 1863, deren
Titel zu nennen sich im ganzen Bande keine Gelegenheit
fand, wie denn auch Weizsäcker keine erheblichere Rolle
spielt als Warschauer. Stoßen wir dann S. 124 auf
einen Kampfhausen, der ebenso im Register wiederkehrt,
so läßt sich kaum noch die Frage zurückdrängen, wie
weit D. eigentlich die Autoren, deren Namen er in ebenso
verschwenderischer wie regelloser Fülle über uns ausschüttet
, selber kennt. Man verstehe mich nicht falsch. Ich
habe vollste Sympathie, wenn man der verwerflichen Überproduktion
auf ntl. Gebiete gegenüber zu der Selbsthilfe
greift, vieles nicht zu lesen, und verstehe, daß man auf D.s
Standpunkt dazu neigt, in erster Linie nichtkatholische
Literatur zurückzustellen. Was ich meine ist nur dies:
in ein Werk wie die Bonner Bibelerklärung darf nur
Aufnahme finden, was die Verfasser durch eigene Lektüre
wirklich kennen. Denn sie befinden sich doch in
der selten glücklichen Lage, weder Vollständigkeit anstreben
noch abgründige Gelehrsamkeit dartun zu
müssen.

Vollständigkeit hätte man allenfalls bei der Übersicht
über die älteste Überlieferung erwarten dürfen, besonders
bei einem Autor, der sich zu dem höchst anfechtbaren
Grundsatz bekennt: „Eine richtige Beurteilung
muß wie bei allen literarkritischen Fragen vom
Zeugnis des Altertums ausgehen" (S. 13). Aber wir
vernehmen nichts von den alten Evangelienprologen, die
Donat. de Bruyne in die gelehrte Forschung eingeführt
hat, wie denn dieser ausgezeichnete katholische Gelehrte
gänzlich übergangen wird. Auch die jüngeren, sog.
monarchianischen, Prologe habe ich nirgends erwähnt
gefunden.

Bei anderem, was berücksichtigt wird, muß ich urteilen
, daß ein völliges Verschweigen ein richtigeres Bild
gegeben hätte. In einem Synoptikerkommentar kann man I
vielleicht die Mandäer ganz auf sich beruhen lassen.
Unmöglich aber ist es, die hingebende Arbeit, die auf
diesem Gebiet von hervorragenden Gelehrten geleistet
worden ist, einfach wegwischen zu wollen durch den
Hinweis auf eine, ganze zwölf Seiten umfassende, Abhandlung
Lietzmanns mit dem Resultat: „Für das Verständnis
des Urchristentums geben sie nichts aus" (S. i
40). Noch verblüffender ist freilich die Geschwindigkeit
, mit der die Formgeschichte, für die übrigens nur
Dibelius und R. Bultmann verantwortlich zeichnen, erledigt
wird (S. 32). Zehn ganze Zeilen des schweren
Bandes fallen auf sie mit dem Schluß: „Was die Formgeschichte
erarbeitet hat, gehört auch angesichts der
Verbindung von Form- und Sachkritik mehr ins Gebiet
der Glaubwürdigkeitsfrage der Ew." Mit frohen Hoffnungen
wendet man sich daher dem folgenden Kapitel
zu, das die Überschrift trägt: „Die geschichtliche Glaubwürdigkeit
der drei älteren Ew." Doch die Erwartung,
hier etwas Näheres über die Formgeschichte zu vernehmen
, ist trügerisch. Mit jener Zauberformel hat D.
offenbar den ganzen formgeschichtlichen Spuk beschworen
. Er ist für immer zerstoben.

Von ganz anderer Art ist J. Sickenbergers
Auslegung der Korintherbriefe und des Römerbriefs.
Von der ersten Seite an sieht man sich jener wohltuenden
Genauigkeit in den Einzelangaben gegenüber, deren
Fehlen bei Dausch so aufreizend wirkt. Nie verläßt
einen das sichere Empfinden, daß Verf. sich genau überlegt
hat, was er sagt, und sich nicht auf den Wogen
rechtgläubiger Rederei sanft davontragen läßt. Deshalb
ist man erbötig, sich belehren zu lassen und freut sich
dankbar, unter Leitung eines wohl unterrichteten und
methodisch geschulten Mitforschers die Dinge einmal
von der anderen Seite zu sehen. Daß man vielfach nicht
mitgeht, besonders da, wo die „Religionsgeschichte"
hineinspielt, ist zu selbstverständlich, um besonders erwähnt
zu werden. Dem von ihm ins Auge gefaßten
Zweck dient S. in mustergültiger Weise.
Güttingen. W. Bauer.

Meyenberg, Dr. A.: Leben Jesu-Werk. III. Bd. (Lfg. 1—4.) Luzern:
Räber&Cie. 1928—1932. (VII, 1851 S.) gr. 8°. RM24-; geb. 28—.
Schon zweimal habe ich an dieser Stelle über das
merkwürdige und ungefüge Werk berichtet, das nun mit
dem in vier Lieferungen erschienenen dritten Bande
sein Ende erreicht hat. Dieser Band soll eigentlich die
Geschichte der Leben Jesu-Forschung von Strauß bis
zur Gegenwart enthalten, und dann noch einen historischen
Abschnitt über das Leben Jesu bieten. Aber der
Verf. bleibt sich selbst treu, und wie in den früheren
Bänden schaltet er auch hier allerlei ein, Grundsätzliches
oder Historisches, wie sich die Gelegenheit im
Verlauf seiner der Forschung gewidmeten Darstellung
bietet. Wir stehen am Anfang des dritten Bandes bei
David Friedrich Strauß, der bereits am Ende des zweiten
Bandes behandelt war. Aber die Fortsetzung bleibt zunächst
aus, und der Verf. benutzt den Anlaß zu einem
sich über dreihundert Seiten erstreckenden Exkurs über
die Wunderfrage. Diese Ausführung ist grundsätzlich
an Thomas von Aquino orientiert; besonderer Wert wird
gelegt auf die Bewahrung der Naturordnung neben dem
Wunder („fiunt praeter ordinem communiter servatam
in rebus"); das Wunder werde durch das Kausalgesetz
erkannt; es existiere nicht etwa nur für solche, die das
Kausalgesetz nicht kennen. Auch dies wird gegenüber
modernisierenden Behauptungen betont, daß Jesus nicht
als der Arzt geschildert werde, der die Natur beobachte
und sich ihr vorsichtig und bedächtig anpasse, sondern
immer als der seines Erfolges sichere, der mit Wort
und Wink zu heilen verstehe. In den letzten Abschnitten
wird das Wunder als sinnvolle, absichtsreiche und zweckmäßige
Tatsache der Übernatur hingestellt und die Erkennbarkeit
des Wunders, auch im Blick auf neuere
Wunderberichte hervorgehoben.

Ein anderer größerer Exkurs ist in das Kapitel
über die eschatologische Auffassung des Lebens Jesu
eingelegt. Er behandelt das Judentum zur Zeit Jesu und
das Verhältnis von Weissagung, Erfüllung und Eschato-
logie. In diesem Zusammenhang wird besonderer Wert
darauf gelegt, daß das Urchristentum nicht aus der spätjüdischen
Äpokalyptik verstanden werden könne. Daß
bei solcher Gelegenheit der Thron des Papstes als
die Erfüllung der Weissagung vom Thron Davids (Lk.
1, 32. 33) hingestellt wird, soll doch nicht verschwiegen
werden. Kleinere Exkurse, eingeschoben in die Behandlung
der Markus-Hypothese, gelten der Speisungsgeschichte
und dem messianischen Selbstbewußtsein. Und
während dort Fragen der Evangelienkritik mit der Überschau
über die Kritiker verbunden werden, steht umgekehrt
mitten in der Darstellung der Geschichtlichkeit
Jesu, bei Gelegenheit des Josephuszeugnisses (das M.
für echt hält!), ein Nachtrag über Eisler, Couchoud,
Unamuno, Klausner, Edersheim und Nielsen.

Der Gang durch die Leben - Jesu - Forschung seit
Strauß, also der eigentliche Hauptteil des Buches, erweckt
das Interesse des Lesers gerade dort, wo M. sich
nicht an Schweitzers Darstellung hält, sondern in selbständigerweise
das katholische Urteil zur Geltung bringt.
Das ist z. B. der Fall, wenn er unter dem Stichwort
„Positive Markushypothese" die beiden Konvertiten,
Wilke und Gfrörer, lobend erwähnt, und wenn er bei
den katholischen Jesus-Darstellungen Papini nur mit
eingeschränktem Lob bedenkt; denn wenn Papini nicht