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Ausgabe:

1932 Nr. 21

Spalte:

483-485

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, Hans

Titel/Untertitel:

Die Erzählung von Paradies und Sündenfall 1932

Rezensent:

Wendel, Adolf

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 21.

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In der Einleitung stellt R. diejenigen Züge zusammen
, die die Oesamtauffassung der Persönlichkeit des
Moses betreffen, während das eigentliche Buch das Leben
des Moses von Vorgeschichte und Geburt an bis
zum Tode zum Gegenstand hat. Den Theologen interessiert
daran z. B.: Moses ist Gerechter, Frommer, Prophet
, Priester und König, Herr, Vater, Lehrer, alle
Schätze der Weisheit sind in ihm vorhanden. Er ist
Wundertäter. Er beherrscht 70 Sprachen, d. h. die Sprachen
sämtlicher Völker. Aber auch von menschlichen
Schwächen ist er nicht frei. Ist er für Pharao „Gott",
so steht doch Gott über ihm. Schon am Tage seiner
Geburt konnte der Knabe auf seinen Beinen gehen und
mit seinen Eltern sprechen. Dasselbe wird z. B. von
Buddha erzählt. Auch seine „löwengleiche Kraft" (S.
62) erinnert z. B. an Buddha. Moses ist der treue Hirte,
der das Verirrte sucht und zurückbringt. Moses opfert
sich für Israel. Er fürchtet sich vor dem Tode. S. 143
berichtet er über sein Leben z. B.: „Ich stieg empor und
betrat den Weg des Himmels, führte Krieg gegen die
Engel und empfing das Gesetz aus Feuer". Mit einem
Kuß nimmt Gott seine Seele. S. 148 heißt es: „Manche
sagen, daß Moses überhaupt nicht gestorben sei, sondern
daß er im Himmel stehe und bediene".

R.s Buch hat als Materialsammlung seinen Wert,
ebenso durch die reichhaltigen Quellennachweise und
Hinweise auf die bereits vorhandene englische, französische
, italienische, deutsche, lateinische Literatur.

Leipzig. Paul F i e b i g.

Schmidt, Hans: Die Erzählung von Paradies und Sündenfall.

Tübingen: J. C. B. Mohr 1931. (54 S.) 8°. = Sammig. gemeinverst.
Vorträge und Schriften a. d. Gebiet d. Theologie u. Religionsgesch.,
154. RM 1.80; in Subskr. 1.50.

Bezüglich des Verständnisses von Gen. 2 u. 3 ist
vor 6 und 5 Jahren, wesentlich in der „Christi. Welt",
ein erbitterter Kampf zwischen Vertretern der „religionsgeschichtlichen
" und der „dialektischen" Theologie aus-
gefochten worden. Die Methode sowie manche Folgerungen
in dieser Auseinandersetzung waren von einer
Seite aus so unerquicklich, daß man den besorgten Ruf
eines christlichen Blattes durchaus begreifen mußte, ob
denn die Kirche nicht eingreifen wolle. Schmidt erkennt
nun (S. 53 f.) jede der Betrachtungsweisen in jenem,
naturgemäß ergebnislos verlaufenen, Streit ihr Recht zu,
stellt sich aber entschieden und kraftvoll auf die Seite
der rein historischen Methode.

In Gen. 2, 4 —3, 24 sind zwei urspr. von einander getrennte Erzählungen
zu lösen: 1. Die Erschaffung des Weibes; 2. Der Baum im
Gottesgarten. Die erste, „erdhaft und bäuerlich", will aus palästinens.
Bauernhorizont heraus eine geistvolle Antwort darauf sein, warum „es
den Mann so unwiderstehlich zum Weibe zieht". „Das hat seinen Grund
darin, daß sie eigentlich ein Teil seiner selbst, daß sie von seinem Fleisch
und von seinem Bein genommen ist" (S. 12). In der zweiten Geschichte
, von einer ganz anderen Stimmung getragen, war urspr. nur
vom „Baum der Erkenntnis" die Rede; sie wandelt das gleiche Thema
ab, die Entstehung der sinnlichen Liebe (S. 22). Mit der gewaltsamen
Aneignung des Wissens um das Geschlechtsgeheimnis, etwas Göttlichem,
hat der Mann zugleich die Kunst erlangt, den Acker zum fruchtbaren
Feld zu machen (S. 24). Die Erkenntnis bezieht sich nicht auf „gut
und bös", sondern im ursprünglicheren Wortsinn auf das, was „lustvoll
und (d. h. u. zugleich) leidvoll" ist, das ist die Liebe. Als lebenschaffender
kann der Gott dieser Erzählung nicht Jahwe sein; es ist Baal. Es
handelt sich um aus Kanaanäischem Bereich von Israel übernommenes
Gut. Beim „Baum des Lebens" handelt es sich um eine Parallele, somit
eine dritte Erzählung, die mit den beiden andern zusammengeflochten
ist. Sie will ebenfalls das gleiche Thema behandeln, indem sie
von einem Baume spricht, der den Menschen die Kraft gibt, zu zeugen
und zu gebären" (S. 33). Der 'ed. in 2, 6 ist der „Regenwolkenhimmel",
aus dessen Ehe mit der „Mutter Erde" einst die Menschen entstanden
gedacht sein werden.

Auf dieses Verständnis der Paradies- und Sündenfallgcschichte deutet
nun auch eine Reihe von Anspielungen innerhalb des A.T. auch bildliche
Reminiszenzen. So: Hes. 28, 12ff., Hi. 15,7. Der bab. bekannte
und sog. „Sündenfallzylinder". Gen. 6, 2—4.

Eine Betrachtung der weiteren Geschichte dieser Erzählungen,
wie sie in der alttest. Literatur sich spiegelt, zeigt, daß sie weder von
den Propheten noch Psalmisten verwandt wurden. Dies Fehlen von

Nachwirkungen ist aus dem Gefühl für den kanaanäischen Ursprung zu
: begreifen. Erst von der Zeit der Deuteronomisten an las man diese
Geschichten als solche von der Entstehung der Sünde, als solche von
der „Erbschuld" erst im späten Judentum; so blieb es später im Christentum
. Die Idee der sexuellen Askese hat in der Ineinssetzung von
„Sünde" und „geschlechtl. Vereinigung", wie sie nun nach der Sünden-
fallgeschichte nahelag, ihren Ursprung.

Kaum einem der heutigen Vertreter alttest. Wissenschaft
ist es wie Hans Schmidt gegeben, einmal den
Sinn solcher Erzählungen intuitiv zu erfühlen, ohne
dabei der Phantasie zu verfallen, und dann in ansprechender
, geradezu künstlerischer, Form zu schreiben,
ohne der wissenschaftlichen Strenge Abbruch zu tun.
In schlichter Klarheit und fesselnder Darstellungsweise
j ist Schmidt eigentlich stets auch für Laien verständlich,
j auch wenn er Hochwissenschaftliches erörtert. Diese
Gabe, lebendig zu schauen und lebendig schauen zu
lassen, unterstützt durch die Eindrücke aus eigenem
Palästina-Aufenthalt, verbindet sich mit der, Gleiches
j in allem Zeitgeschehen zu erfühlen, das seiner Dar-
! stellungsweise die Wärme des Mit-Erlebens verleiht;
! dem Forscher dient ein Künstlerauge, aber auch ein
Priesterherz.

In Anbetracht dieser packenden und bestechenden
Darstellungs-Form ist es schwer, zur inhaltlichen Würdigung
die kritische Selbstbesinnung wachzuhalten; der
Genuß solch einer Lektüre läßt es geradezu undankbar
erscheinen, sachlich zu prüfen. Aber bei aller Verehrung
darf sich der Rezensent dieser Aufgabe nicht
entziehen.

In der Ablösung der Erzählungsfäden von einander,
zumal der Herausschälung einer „Parallele" inmitten
des Textes (2,8 u. 15; 3,18—21,23), durch die
Ezechiel-Stelle in der Tat viel Wahrscheinlichkeit in
ihrer Berechtigung erhaltend, bekundet sich immer wieder
der hohe Wert der literarhistorischen Methode.
Auch die Ausschälung der 1. Geschichte ist in ihrem
wiederhergestellten Text wohl fundiert. Gerade hinsichtlich
der modernen Phase der Theologie kann auf
die Notwendigkeit der Unterscheidung zwischen Ur-Sinn
und Spät-Form einer Geschichte nicht oft und lebendig
genug hingewiesen werden.

Nun ist es aber die Frage, ob der Verf. die Grenz-
I pfähle der historischen Etappen unserer Geschichte weit
genug von einander abgesteckt hat. Die zweite Erzählung
in der gegebenen Deutung steht und fällt mit dem
Verständnis der Worte für „gut und bös". An keiner
der angeführten sonstigen alttest. Stellen nun (S. 26 f.)
scheint mir der von Schmidt verteidigte Sinn „lustvoll
i und leidvoll" einwandfrei festzustehen, bestimmt nir-
l gends der von „1. und zugleich 1." Vgl. dazu übrigens:
f Max Weber, Religionssoziologie, III, S. 234. Deutlich
bezeichnet das Wort an so und so viel Stellen den sittl-
I Unterschied. Es ist richtig und scharfsinnig aufgezeigt,
j daß das Material dieser 3 Geschichten auf das Thema
i „Entstehung der Liebe" hinweist. Ist das aber der Zweck
schon der ersten israelitischen Prägung? Oder
glaubt der Verf., daß der Stoff „unbesehen" übernommen
i wurde? So glaube ich, daß im Großen und Ganzen die
| Deutung der vorliegenden Abhandlung wohl für die
| kanaanäische Vorstufe zutreffen mag, nicht aber für die
! israelitische Umformung, und zwar schon die älteste.
Hier schon bekundet sich „der Sieg des israelitischen
Geistes über den Kanaans", den Sch. erst in den späteren
Umdeutungen (S. 51) sehen will. Entgegen Sch.
wird daran festzuhalten sein, daß es dem israel. Erzähler
! eben nicht auf die Liebe, sondern auf die Sünde ankam,
; wenn auch das Wort nicht vorliegt. Ist die Sündenfallge-
; schichte nicht ein, geradezu paränethisches, Musterbeispiel
für die Grundgedanken und somit die Eigenart der
israel. Frömmigkeit? Gott als Herr befiehlt; Menschen
gehorchen nicht; da bestraft er sie mit Schärfe für alle
Zeiten. Sollte wirklich — für den isr. Erzähler — die
„Substanz" der Verfehlung, nicht diese selbst, die Haupt-
I sache gewesen sein?