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Ausgabe:

1932 Nr. 2

Spalte:

29

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thomsen, Peter

Titel/Untertitel:

Palästina und seine Kultur in fünf Jahrtausenden. Nach d. neuest. Ausgrabgn. u. Forschgn. dargest. 3., völlig neubearb. Aufl 1932

Rezensent:

Bauer, Walter

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29

Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 2.

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len sollen; vielleicht wäre T. bei seinem kritisch gerichteten
Geist dann zu anderen Ergebnissen gekommen.
Wohl aber konstatiere ich mit Genugtuung, daß T. die
„Original-Prophetie" — wenn auch nur fingiert — aus
der Manassezeit stammend wissen will. Aus nunmehr
über zwanzigjähriger Beschäftigung mit den Hes.-Pro-
blemen ist mir je länger je mehr deutlich geworden, daß
Hes. kaum Exilsprophet gewesen sein kann (vgl. Jose-
phus und Davidson mit ihren gewundenen Erklärungen;
Hölscher), und daß als Zeit seiner Wirksamkeit die Regierung
Manasses manches für sich hat. Die „Löwen"
in Hes. 19 (wie es immer noch geschieht) auf die letzten
Könige Judas zu deuten, wirkt doch wie eine häßliche
Ironie! Und ähnliche Argumente lassen sich noch mannigfach
beibringen. Diese Auffassung, die neuerdings
von ganz unabhängiger Seite eine Bestätigung gefunden
hat (Smith), finde ich auch bei Torrey. Und wenn man
den letzten Schluß des Verfassers (Hes. ein Pseudepi-
graph aus ganz später Zeit) auch nicht wird mitmachen
können, so meine ich, wird seine Arbeit doch weithin anregend
und befruchtend wirken. Das rechne ich T. als
besonderes Verdienst an und darin sehe ich die große
Förderung der Hes.-Forschung durch seine Arbeit, daß
die Wissenschaft ihre Meinung wird nachprüfen müssen
und sich ganz ernstlich und ganz scharf die Frage wird
vorzulegen haben, ob Hes. wirklich ein Exilsprophet gewesen
sein kann oder ob er nicht vielmehr in frühere
Zeit (Manasse?) anzusetzen sein wird.
Berlin-Frohnau. Curt Kühl.

Thonisen, Prof. Dr. Peter: Palästina und seine Kultur in
fünf Jahrtausenden. Nach d. neuest. Ausgrabgn. u. Forschgn. dar-
gest. 3., völlig neubearb. Aufl. Leipzig: J. C. Hinrichs 1931. (120
S. tu. 8 Abb. i. Text u. 34 a. 16 Taf.) 8°. = Der Alte Orient. Ge-
meinverständl. Darstellgn. Hrsg. v. d. Vorderas. Aeg. Ges., 30. Bd.

kart. RM 3.60; geb. 5.50.
Thomsen hat seine 1909 und 1917 in großen Auflagen
erschienene kurzgefaßte Darstellung der Kulturgeschichte
Palästinas vornehmlich auf Grund der Grabungen
und der sonstigen lokalen Forschung jetzt zum
drittenmal ausgehen lassen. Es ist sehr erfreulich, daß
so der Erfolg einen Mann belohnt, der wie wenig
andere sich um diese Dinge bemüht und ihnen entsagungsvolle
Arbeit — man denke nur an die vier
Bände seiner Palästinaliteratur — gewidmet hat. Die
neuen Ausgaben, besonders auch diese letzte, sind verglichen
mit ihren Vorgängerinnen, stark erweitert und
bereichert, entsprechend den Fortschritten, die gemacht
worden sind teils in Beibringung neuen Stoffs, teils
durch seine Einordnung in den Zusammenhang der gesamten
morgenländischen Geschichte. Die Schrift Th.s
geht auf Gemeinverständlichkeit aus. Wer nach der genaueren
wissenschaftlichen Begründung fragt, wird auf
des Verfassers Beiträge zu M. Eberts Reallexikon der
Vorgeschichte verwiesen. Dem Verständnis dienen Zeichnungen
, Querschnitte und Grundrisse im Text sowie
eine Anzahl Tafeln mit Abbildungen am Schluß.

Nachdem die beiden ersten Kapitel über die Geschichte
der Forschungen in Palästina und die Mittel
zur zeitlichen Bestimmung der Funde berichtet haben,
VCb °ilgen die KaPitel 3—7 die palästinische Kulturge-
*~a-C u durcn Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, die
uidisch-hellenistische Zeit und die römisch-byzantinische
Zeit.

Wem es um einen Überblick zu tun ist oder wer
eine erste Einführung wünscht, um dann weiterzugehen,
kann sich keine bessere Führung wünschen, als sie ihm
von Th. in dieser seiner neuesten Schrift geboten wird.
Göttingen. W. Bauer.

Bacon, Benjamin W., D. D. Litt. D.. Studies in Matthew. London
: Constable & Co. 1930. (XVI, 533 S.) gr. 8°. geb. 18-sh.
B. W. Bacon, jetzt Prof. emeritus an der Yale Uni-
versity, veröffentlichte im Jahre 1925 ein umfangreiches
Buch über das Markusevangelium, das in dieser Zeitschrift
nicht angezeigt worden ist (The Gospel of Mark:
its Composition and Date. Yale University Press). Darin
versuchte er alle verfügbaren äußeren und inneren
Kriterien für die Datierung und Quellenbenutzung des
I Mk. zusammenzustellen (Mk. beruht auf einer petrini-
| sehen Erzählung, der zahlreiche Q-Texte in ultrapaulini-
scher Fassung beigemischt sind; Abfassungszeit nach 80).

Von den dort angewendeten Fragestellungen aus
führt B. in dem vorliegenden Band seine Vorarbeiten für
eine kritische Darstellung Jesu weiter. Seine Hauptanliegen
bei der Untersuchung des Mt. sind dabei folgende
beiden: er will die falsche Anwendung der Papias-
! notiz auf einen Urmt oder auf Q bekämpfen und zeigen,
daß Mt. nicht apostolisch und darum auch nicht ohne
weiteres die beste Quelle für die Darstellung Jesu ist.
Er untersucht daher in erster Linie die Tradition über
Mt., in zweiter Linie die Quellen des Mt. Das Buch ist
infolgedessen eingeteilt in 4 große Teile, die nacheinander
eine allgemeine Einleitung (Tradition und Quellen
), eine besondere Einleitung in die einzelnen Teile des
Mt, eine Übersetzung mit Angabe der Quellen und Erörterung
der sachlichen Themen der einzelnen Teile des
Mt. darbieten. Eine Reihe von Exkursen über Einzelfragen
bildet den Schluß.

Im ersten Abschnitt sucht B. zunächst den Wert
der bekannten Papiasnotiz über Mt. zu bestimmen (über
die Mk.notiz handelt die Einleitung seines Mk.buches).
Papias bezieht sich ohne Zweifel auf unser kanonisches
Mt.-Ev. Er will nur erklären, warum das Buch des
Apostels Mt. in Griechisch geschrieben ist, und verweist
dafür auf die in Syrien übliche Sitte des mündlichen
Targum, für dessen Existenz das hebräische Na-
zaräerevangelium Zeuge ist. Papias hatte nur die Überschrift
x«tu Marftatov als Tradition, die er erklären will.
In einem Exkurs weist B. schlagend nach, daß td Xöyia
im 2. Jahrh. nichts Anderes bezeichnen könne als
„Orakel des Herrn"; es ist also nicht Titel des von
Papias benützten Buches, sondern Inhaltsbeschreibung.
Daß Papias sich auf die Logienquelle beziehe, ist also
; reine Phantasie. Man möchte nur wünschen, daß dieser
( klare Beweis endlich alle Versuche, bei Papias etwas
Anderes als den kanonischen Mt. zu finden, zum Schweigen
bringe.

Nun erhebt sich die Frage: woher kommt der
Titel xaxd Matttaiov? B. nimmt an, er sei eine Folgerung
aus Mt. 9, 9; doch sei wiederum der Name Mt. in 9, 9
I aus 10, 3 gefolgert; in 10, 3 aber sei 6 teXtivii? ur-
| sprünglich Glosse zu Jakobus, Sohn des Alphäus, wie im
westlichen Text von Mk. 2, 14 der Zöllner heißt. Die
Veranlassung für die Folgerung aus Mt. 9, 9 auf den
Verfasser aber sei die Tatsache, daß das von Epipha-
nius benutzte Hebräerev. den Mt. direkt anredet und
darum den Titel Marttuiov erhielt. Von diesem Evangelium
wurde der Titel auf das kanonische Evangelium
übertragen. Ein Konzil in Rom im Jahre 120 rezipierte
Mt. unter diesem Titel. Dieses Konzil erschließt B. mit
i Streeter aus einem syrischen Text des 5. Jahrhunderts.

In der Frage der apokryphen Evangelien vertritt B. in einem besonderen
Exkurs die Behauptung, daß das von Epiphanius erwähnte Ev.
der Nazaräer identisch sei mit dem Hebr.-Ev. des Origenes, aber auch
eine apokryphe Darstellung von Aposteltaten umfaßte. Eine Berücksichtigung
der Forschungen von Waitz (bei Hennecke Ntl. Apokryphen,
2. Aufl.) hätte vor solchen wilden Konstruktionen bewahren können.

Im 2. Teil geht B. auf die Fragen nach Quellen
und Datierung ein. Er stellt dabei die Behauptung auf,

I daß das Mt.-Ev. als ein neues Gesetz in „5 Büchern

I gegen die Juden" abgefaßt sei. Die gleichen Verse 7,28;
11, 1; 13, 53; 18, 1; 26, 1 bezeichnen die Buchschlüsse;
innerhalb der Bücher bildet jeweils der erzählende Teil

| die sachliche Einleitung zu den 5 Reden. Einen Beleg
für diese These findet B. in einem angeblich aus dem
2. Jahrh. stammenden Gedicht, das R. Harris veröffentlicht
hat (Testimonies II, HO). Diese 5 Bücher nun sind
zusammengearbeitet aus Mk. und der 2. Quelle (=s)

I unter Verwendung anderen Materials aus judenchrist-