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Ausgabe:

1932 Nr. 20

Spalte:

478

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ovink, B. J. H.

Titel/Untertitel:

Philosophische Erklärung der platonischen Dialoge Meno und Hippias Minor 1932

Rezensent:

Breithaupt, G.

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477

Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 20.

478

Demgegenüber berührt es doch eigenartig, wenn
«er Verfasser im neuen Vorwort sagt, daß ihn die Kritik
seines Buches „wenig gefördert" habe, und wenn er sicli
der kritischen Auseinandersetzung mit den gemachten
Einwänden entzieht durch kurzen Hinweis auf zwei- seiner
Zeitschriftenaufsätze, die ja gerade wieder der Gegenstand
des Widerspruches geworden sind. So ganz
nngefördert durch die Kritik ist der Verf. aber gar nicht
geblieben, sein Kulturbegriff hat sich doch ganz erheblich
verschoben. Hieß es in der ersten Auflage, Kultur
sei „restlos" aus dem Wesen des Menschen zu erklären,
so ist dies „restlos" jetzt gestrichen und ein über den
•Menschen hinausliegender Kern der Kultur zugestanden,
oen der Verf. in den Werten sieht, die dem Menschen
»gegeben" sind. Damit ist freilich nicht, wie der Verfasser
meint, die „idealistische" Auffassung von Wert
und Wertung aufgegeben, sondern nur ein Zerrbild berichtigt
, das man dem Idealismus untergeschoben hat.
Das dürfte der Verf. von seinen idealistischen Kritikern
gelernt haben, und das ist recht viel.

Freilich hätte die Wandlung im Kulturbegriff, der
doch weithin die Grundlage für das ganze Buch abgibt,
nun zwangsläufig auch eine Revision der religionsphilosophischen
und religionspädagogischen Anschauungen
nötig" gemacht. Davon ist nichts zu spüren. Es bleibt
•bei der Kritik des „subjektivistischen" Religionsunterrichts
und bei der Forderung, der Religionsunterricht
solle den Schüler in die „Entscheidung" stellen, wobei
das eigentümliche Schillern in diesem Begriff auch in
der neuen Auflage nicht überwunden worden ist. Entweder
ist der Begriff im pietistischen Sinne gemeint,
dann erliegt er Böhnes eigenen Bedenken gegen den
pietistischen Religionsunterricht, der Mensch wolle das
leisten, was Gott allein tun könne, oder der Begriff
meint nur ein dienendes Vorbereiten für Gottes Werk, ]
dann entfällt die Kritik am humanistischen Unterricht, |
der dasselbe gewollt und in den Grenzen menschlicher
Möglichkeit geleistet hat.

Wenn weiter vom Religionsunterricht auch in der
neuen Auflage wieder gefordert wird, daß er in die glatte
Entwickelung der jungen Menschen von Gott her die
große Störung bringen solle, so bleiben all die gemachten
Einwände unberücksichtigt, daß die Erziehung den
jungen Menschen in den Entwickelungsjahren gerade
vor „Störungen" möglichst bewahren solle. Und wenn
Bohne beim Religionsunterricht der Kleinen mit Entstellungen
der wesentlichsten Wahrheiten des Evangeliums
rechnet, dann — darauf geht er wiederum nicht
ein — wird sein ganzer Ansatz zerbrochen. Er tut dann
das, was der humanistische Unterricht auch getan hat,
daß er den Gegenstand den Gesetzen und Notwendigkeiten
der Psychologie unterstellt, also — um in seiner
Sprache zu reden — subjektiviert.

Wenn aber der Religionsunterricht, wie Bohne ihn
will, den Schülern das Wort Gottes sagen soll, so
kann ich zustimmen. Nichts anderes wollte auch der
angeklagte humanistische Unterricht, nämlich Gott lebendig
werden lassen in der ganzen Lebendigkeit und
Fülle seiner Offenbarung in Menschentum und Geschichte
. Wenn aber mit so betonter Schärfe das Wesentliche
der neuen Richtung im Sagen des Wortes Gottes
gesehen wird, dann müßte hier auch ganz klar und eindeutig
zwischen einer statischen und einer dynamischen
Auffassung des Wortes Gottes unterschieden werden.
Die ganze Frage bleibt auch in der zweiten Auflage
ungeklärt.

Trotzdem sei auch jetzt wieder gern anerkannt, daß
das Buch durch den Ernst der Problemstellung und
durch die lebendige Fülle praktisch-pädagogischer Einsichten
außerordentlich anregend wirkt und daß der
Versuch, die dialektische Theologie für die praktische
Arbeit flüssig zu machen, sicherlich lohnend ist und
unternommen werden muß. Ebenso muß aber gesagt
werden, daß er in diesem Buch gescheitert ist: Im

Unterricht müssen wir psychologisch sein, Psychologie
und dialektische Theologie aber schließen sich aus. Sehr
ernst stimmt auch die in diesem Buch wieder offenkundig
werdende Neigung der neuesten Theologie, an den Einwänden
der Gegner als belanglos vorüber zu gehen.
Heißt das in der „Wirklichkeit" stehen? Wenn die
reiche Fülle ernst gemeinter Kritik, die wahrhaftig vom
Willen voranzukommen getragen war, den Verf. „wenig
gefördert" "hat, dann dürfte das doch wohl zu einem sehr
großen Teil am Verf. selber liegen.
Düsseldorf. Kurt Kesseler.

Ovink, Dr. B. J. H.: Philosophische Erklärung der platonischen
Dialoge Meno und Hippias Minor. Amsterdam: H. J.
Paris 1931. (XI, 206 S.) gr. 8°. RM 9.50; geb. 11.50.

Der Verfasser bekennt sich im Vorwort zu der neueren
Theologie und Philosophie und nennt als seine
Lehrmeister Brunner, Delekat, Knittermeyer, H. Herrigel,
Tillich, während er vorher im Banne des Marburger
Neukantianismus gestanden habe. Sein Standpunkt ist
demgemäß, „daß die Philosophie sich nicht vermessen
darf mit Anwendung des Begriffs der Totalität und Kontinuität
alles Seienden sich aus der Welt des Bedingten
gleichsam zum Absoluten erheben zu wollen", sondern
„daß eine . . . ganz nüchtern verfahrende kritische Untersuchung
der Grundbegriffe alles menschlichen Erkennens
die einzige Philosophie ist, die mit dem Lebensbewußtsein
des christlichen Glaubens sich verträgt, weil sie
nicht, wie sonst aller aus dem enthusiastischen Eros
theoretikos quellender Idealismus, unausweichlich zu einer
pantheistischen Mystik führt". Unter diesem Gesichtspunkt
erklärt er zwei platonische Dialoge, den
Menon, der die Frage nach der Lehrbarkeit der Tugend
aufwirft und der mit dem vorläufigen Ergebnis schließt,
die Tugend müsse wohl durch eine göttliche Fügung zu den
Menschen kommen, falls sie überhaupt zu ihnen komme,
und den kleineren Hippias, in dem Sokrates, ausgehend
von einem Vergleich des Achill und Odysseus, zeigt,
daß der wissentlich Fehlende besser sei als der unbewußt
Fehlende, ein Satz, gegen den sein eigener Finder
Bedenken nicht unterdrücken kann. So nimmt es nicht
wunder, wenn die Analyse der beiden Schriften von Begriffen
wie ewiges Leben, Glaube, Gnade, Sünde (s. das
Sachregister) beherrscht wird, wenn von dem „ganz Andern
" die Rede ist, das für Piaton „die einzige echte
Realität" war, und wenn Roe VIII 14 ff. herangezogen
wird. Spricht Piaton von der göttlichen Schickung, Oeüx
polpa, durch die im Menon die Politiker zu göttlichen
Männern, Oeioi uvSpe?, werden — wie im Jon die Dichter
zu Dichtern —, so wird aus dieser göttlichen Gabe
(Begabung: v. Wilamowitz) unter der Feder des Verfassers
die göttliche Gnade; hält Piaton seine Lehre von
der Wiedererinnerung für wahr (<5 iyio juotevcov äXriöei
elvai), während er dem eristischen Satz, man könne
nicht suchen, was man nicht wisse, nicht folgen zu
können erklärt, so bekommt dieser Glaube einen christlichen
Akzent. Besonders ist es die Frage nach dem
Bösen, dem Philosophos in uns und seinem Widersacher,
dem Sophistes, die den Verfasser beschäftigt, die Frage:
„Können wir lediglich durch unsere eigene Aktivität uns
vom Bösen (das doch zum „Wesen" unserer Seele gehört
) „erlösen"? Oder würde hier nicht doch jene
•9-eia poipa (göttliche Schickung) mitwirken müssen?"
Auf sie hin wird Piaton, man möchte fast sagen, geprüft
. So anregend diese tief und ernst angelegten Erörterungen
auch sein mögen, es ist die Frage, ob eine
solche weltanschaulich gebundene Auffassung dem Verständnis
Piatons dient, und so bleibt es zweifelhaft, ob
das Buch des niederländischen Gelehrten, das zudem
noch an überaus vielen Druckfehlern, auch Abweichungen
vom deutschen Sprachgebrauch leidet, den gewünschten
Leserkreis finden wird.

Northeim. O. Breit hau pt.