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Ausgabe:

1932 Nr. 20

Spalte:

468-470

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schanze, Wolfgang

Titel/Untertitel:

Luther auf der Veste Coburg 1932

Rezensent:

Scheel, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 20.

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die ja inzwischen, im Januar 1932, erfolgt ist. Wieweit
jedoch dieser Veröffentlichung ein Verdienst daran zukommt
, entzieht sich unserer Beurteilung.

Das Werk, das zunächst — nach einer kurzen Biographie
— die geistige und dann die geistliche Größe
Alberts zu schildern unternimmt, und zwar erstere bei
dem Naturforscher, dem Philosophen und dem Theologen
, tritt nicht mit dem Anspruch auf, die wissenschaftliche
Forschung durch neue Tatsachen zu bereichern,
obwohl auch die Wissenschaft dafür dankbar sein muß,
daß hier die Bedeutung Alberts an vielen Punkten klarer
und eindrücklicher herausgearbeitet worden ist, als es
bisher der Fall war, sowie dafür, daß die Ergebnisse
der bisherigen Forschung zusammengefaßt werden. Dabei
ist es verständlich, daß der Verfasser in seinem Urteil
im wesentlichen auf den Vorarbeiten fußt. Seine
Kritik richtet sich meist gegen Einseitigkeiten der monographischen
Darstellungen, zu Unrecht jedoch öfters
gegen deren Herausstellung von Fehlern Alberts, die
irgendwie erklärt oder weginterpretiert werden. Den
Gipfelpunkt dieses Verfahrens stellt der Satz dar: „Albert
der Großmütige mußte schreiben, wie er geschrieben
(hat! Warum fehlt hier und an einer Anzahl anderer
Stellen die Copula?). Selbst die Mängel seiner Werke
künden die Vollkommenheit des Verfassers" (S. 227).
Es ist schade, daß durch diese Tendenz, die besonders
in dem Schlußteil — der übrigens voll unnötiger Wiederholungen
ist — in so auffallender Weise hervortritt, daß
aus der wissenschaftlichen Darstellung ein Hymnus auf
den zukünftigen Heiligen zu werden droht, die Freude,
die man an dem ersten Teil des Werkes hat, sehr beeinträchtigt
wird. Dennoch dürfen seine oben erwähnten
Vorzüge darüber nicht vergessen werden.

Der Druck ist sauber. Nur einige Druckfehler sind
mir aufgefallen: S. 63 animalicus statt animalibus; S.
111 fehlt vor „auch" und S. 112 hinter „verwerfen"
das Anführungszeichen. Das „St." vor Albert auf S. 223
muß als Fehler bezeichnet werden, wenn es auch heute
richtig wäre.

Ich scheide von dem Buch mit herzlichem Dank an
den Verfasser für wissenschaftliche Klärung und persönliche
Bereicherung.
Okarben (Oberhessen). J. F. Laun.

Sengpiel, Oskar: Die Bedeutung der Prozessionen für das
geistliche Spiel des Mittelalters in Deutschland. Breslau:
M. & Fi. Marcus 1932. (V, 144 S.) gr. 8°. = Oermanistische Ab-
handlgn. begr. von K. Weinhold, fortgef. von F. Vogt, hrsg. von W.
Steller, 66 Fi. RM 9-.

Als das deutsche Schauspiel des Mittelalters (in
der Hauptsache Weihnachts-, Oster- und Passionsspiele)
um 1300 mehr und mehr aus dem Rahmen der Liturgie
herausgetreten und nicht weiter an den Raum der Kirche
gebunden war, bot sich in der Form der Prozession eine
Möglichkeit der Fortentwickelung, die von vorn herein
nicht ohne Gefahr für das feste dramatische Gerüst war.
Und nun stellte sich etwa gleichzeitig in der Feier des
Fronleichnams, die nach ihrer zweiten Einsetzung, seit
1316 den Charakter einer theophoren Prozession annahm
, ein neues großes Kirchenfest ein, das hinter der
Weihnachts- und Passionszeit nicht zurückstehn wollte,
ohne doch für die dramatische Ausgestaltung stofflich
ein eigenes Geschehnis der Heilsgeschichte mitzubringen.
So ergab sich die doppelte Situation, daß einmal das neu
aufkommende Fronleichnamsspiel zu weitgehender Anleihe
besonders bei den Oster- und Passionsspielen gezwungen
war, und anderseits diese Dramen unter den
Einfluß des Fronleichnamsspiels gerieten, das doch im
wesentlichen prozessionalen Habitus trug. Und die Gefahr
einer Vermengung lag hier um so näher, als man
sich wohl kaum an irgend einem Orte den kostspieligen
Doppelluxus einer Passions- und Fronleichnamsaufführung
gestatten konnte.

Die Fragen, die sich dem Literarhistoriker hier aufdrängen
, sind natürlich längst als solche erkannt: so
von Teiel Mansholt in seiner Marburger Dissertation

über das Künzelsauer Frlsp. (1892), von Ernst W. Zim-
i mermann in der Göttinger Dissertation über die oberhessische
Spielgruppe (1909). Dazu tritt noch eine Marburger
Doktorarbeit von Dora Franke über das sog.
j Innsbrucker Frlsp. (1921), die nur in Maschinenschrift
i existiert und, wie sie mir unbekannt geblieben ist, auch
Sengpiel erst zugänglich wurde, nachdem er seine Arbeit
in der Hauptsache abgeschlossen hatte: die erste Monographie
, welche das ganze Problem eindringend und gewissenhaft
behandelt und uns nun erst die Schwierigkeiten
dieses Literaturgebietes recht deutlich erkennen
| läßt, Schwierigkeiten die nur zum Teil in der Dürftigkeit
! der Überlieferung liegen. Gewiß ist S. über alle seine
i Vorgänger (ich habe nur einige angeführt) hinausgekom-
| men, aber er verschweigt nicht, daß auch durch ihn keine
der Einzelfragen völlig widerspruchslos gelöst ist.

Was das einzige auf uns gekommene unanfechtbare
; Fronleichnamsspief des Mittelalters, das Künzelsauer
! von 1479 (von dem wir seit 1926 eine Ausgabe von A.

Schumann besitzen) angeht, so stehn sich über den drei-
| tägigen Aufführungsmodus und dessen bühnentechnische
; Bewältigung jetzt drei recht verschiedene Auffassungen
j gegenüber. Dem Egerer Spiel von 1480, das Milchsack als
I „Fronleichnamsspiel" (1881) herausgab, hat man diesen
Charakter geradezu bestritten: S. geht nicht so weit, aber
i auch er gibt zu, daß es „als Ganzes" kaum je am Fron-
! leichnamsfest aufgeführt wurde. Und schließlich: die ost-
1 mitteldeutsche (aber nicht thüringische!) Fronleichnair.s-
dichtung eines Ms. vom J. 1391, die man seit dem Herausgeber
Monc (1839) nach dem Aufbewahrungsort der
J Handschrift irreführend als „Innsbrucker Frlsp." zu
bezeichnen pflegt, trägt sicher keinen prozessionalen,
i aber auch so wenig dramatischen Charakter, daß man
! ernstlich versucht war, sie aus dem Repertoire des mit-
j telalterlichen Schauspiels ganz auszuschalten. Der Ver-
I such von Dora Franke, sie im Gegensatz dazu „zum
Ausgangs- und gleichzeitig zum Höhepunkt der Ent-
wickelung der Fronleichnamsspiele" zu machen, ist gewiß
mißglückt, aber S. würdigt die Konkurrentin gleichwohl
, indem er gewisse Ergebnisse sehr gut in den
eigenen Versuch einreihen kann, eine „Entwickelung"
aufzuzeigen, welche dem „Zustand" der einzelnen Spiele
gerecht wird, der „dramentechnisch auf der einen Seite
von der Prozession, auf der andern Seite von dem Büh-
nenspiel bedingt ist".

S. verfolgt die Geschichte des Fronleichnamsfestes
von seinem ersten Aufkommen bis zur Gegenwart (hier
ohne eigene Studien), die Geschichte der Fronleichnamsspiele
bis zu den (niederrheinischen) Ürdinger Texten
von 1671—1691. Er zieht dafür auch alle im Druck bequem
zugänglichen Zeugnisse für die Prozession heran
und behandelt im Schlußkapitel noch einige andere „pro-
I zessionale Spiele". Dabei ist ihm freilich ein verdrießlicher
Irrtum passiert, der zum Glück nicht zu falschen
i Schlußfolgerungen führen konnte: S. 26ff. gibt er die
} Beschreibung einer Fronleichnamsprozession bei Burkard
Waldis „Das Päpstisch Reych" (1555), hat aber übersehen
, daß dies Werk nur eine deutsche Umreimung von
Thomas Naogeorgs hexametrischen „Regnum Papisti-
cum" ist, wo sich die betr. Stelle im IV. Buch, S. 153
bis 155 der Editio princeps von 1553 findet.

Göttingen. Edward Schröder.

Schanze, Dr. Wolfgang: Luther auf der Veste Coburg. Ge

schichtliche Darstellg. — Coburger Luther-Brevier. Coburg: A. Roßteutscher
1927. (X, 136 S.) 4°. = Coburger Heimatkunde und
Heimatgeschichte, 2. Teil, H. 6. Pappbd. RM 3.20.

Diese in der Sammlung „Coburger Heimatkunde und
Heimatgeschichte" erschienene Schilderung des Aufenthaltes
Luthers auf der Coburg im Jahre 1530 erörtert,
wie verständlich, die örtlichen Verhältnisse besonders eingehend
. Hier liegen auch die Verdienste der Arbeit.
Der Verfasser ist sich selbst dessen bewußt, daß es eine
„mißliche Sache" sei, „einen Kuchen nochmals vorzusetzen
, aus dem die Rosinen längst herausgelesen"
seien. Etwas überschätzt freilich m. E. der Verfasser