Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1932 Nr. 1

Spalte:

450-453

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thust, Martin

Titel/Untertitel:

Sören Kierkegaard. Der Dichter des Religiösen. Grundlagen eines Systems der Subjektivität 1932

Rezensent:

Geismar, Eduard

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

449 Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 19. _ 450

arbeitet. Klings Abhandlung ist demnach nicht als seiner Führung. Aber wie diese dem Menschen geeine
historische Untersuchung gedacht, sondern als ein geben und gewahrleistet ist, wie der Mensch sich von ihr
systematischer Vergleich zwischen Luther und Lessing, i erfassen laßt, danach fragt Lessing nicht. So führen
Dann freilich ist der Titel des Buches „Lessings Bedeu- (uns die Lessingischen Gedanken in letzter Konsequenz
tung für die Geschichte und den Neuaufbau der Christ- zu Luther. Und wieder stehen w i r vor einer Synthese.

Uns! Wir! Wie wenig ist wiederum mit einer solchen

Hchen Ethik" nicht gerechtfertigt. Diese Fassung läßt , Uns! Wir! Wie wem
entschieden eine Hinelnstellung lessings in den Ent- | Feststellung gewonnen

wicklungszusammenhang der christlichen (also nicht
nur evangelischen!) Ethik erwarten, nicht nur einen
"lageren Vergleich zweier Größen, die als Exponenten
ihrer Zeit herausgegriffen werden. Denn was kommt
tei solchem Vergleich heraus?

. Klinge zeigt zunächst, wie Luther das Wesen des
sittlichen Lebens als das ins Übernatürliche verklärte,
fL h. unter dem Gesichtspunkt des Verantwortlichkeits-
bewußtseins auf Gott bezogene irdische Leben bestimmt,
d.aß „Du solt einen Gett ehren" die oberste Norm des
sittlichen Handelns für ihn sei und daß er trotz alles
Sündenpessimismus gegenüber der Welt durch die klar
•rfaßte Aufgabe, Gott zu ehren, den Antrieb zu einer
Positiveren Beurteilung der Schöpfung und einer daraus
folgenden Pflichtenerkenntnis innerhalb der göttlichen
Schöpfungsordnung gewinnend, den Weg aus der Ge-
s'nnungsethik zur Werkethik, die zugleich Individual-und
Sozi.dethik ist, findet. Darauf wird in Unterschied oder
Synthese zu Luther Lessings ethische Position — inbe-
2"g auf Wesen und Norm des Sittlichen, sowie seine
Anschauung vom Menschen — erörtert. Indem Lessing
o"ie sittliche Offenbarung historisch betrachtete, sie als
gottgewirktes sittliches Werden und Steigerung des sittlichen
Empfindens und Denkens im Menschen ansah,
kam er nahe an die Lösung heran, schreckte aber aus
2citgeschichtlicher Belastung relativistisch befangen vor
o*ct letzten Konsequenz, der absoluten Normativität der
Offenbarung, zurück. Weil w i r aber diese Konsequenz
2u ziehen vermögen, führt für uns ein Weg von Lessing
hin zu Luther, bei dem theonome und autonome
Ethik kein Widerspruch mehr sind. In dieser Erkenntnis
vollzieht sich die erstrebte Synthese von Lessing und
Luther oder Aufklärung und Reformation. „Wir sind1
imstande, bei Luther das bei Seite zu lassen, was durch
allzu starre Bindung an den Buchstaben der Schrift uns
(im Text steht: und) den Zentralpunkt seiner Ethik verhüllt
(hier fehlt ein Komma!) und können Lessings Ethik
ergänzen und sie so vor dem Zerfließen bewahren."
Was ist mit einer solchen Konstruktion für die Lessingforschung
gewonnen? Was hilft es, daß wir Lessings
Ethik ergänzen können? Lessing übernahm, wie der
Verf. im Weiteren ausführt, nicht unbesehen das Grunddogma
der Aufklärung von der natürlichen Güte des
Menschen, der gegenüber das Böse nur einen Schwächezustand
darstellte; er schilderte in Gestalten wie Mari-
nelli oder dem Patriarchen im Nathan die Dämonie des
Bösen und mühte sich um die Frage: Wie kann der an

sich gute Mensch schlecht handeln?, während Luther j schnitt II: Die Stellung Lessinr/s zu im
vor-der umgekehrten Schwierigkeit stand: Wie kann das j Es wird aber in ^^^3^1
Pute in einer vom BÖWir bämschtal dn« | etzt um ein anderes Problem h3£S?& RrL?

Es soll nicht bestritten werden, daß Klinges Ausführungen
über Lessings Ethik im Einzelnen feine Beobachtungen
buchen. Aber leider kommen sie infolge
der gesuchten Problematik, in die sie eingebettet sind,
nicht voll zu ihrer Geltung. Widerspruch erheben muß
ich gegen die Deutung der „Erziehung des Menschengeschlechts
", als handle es sich hier wirklich um Erziehung
, nicht um Entwicklung. Klinge verkennt, daß
Lessing nur exoterisch von Offenbarungserziehung redet.
Was die Erziehungsschrift unter dem Bild einer
supranaturalen Offenbarung beschreibt, müssen wir als
immanente Vernunftentwicklung auf primitiver Stufe, da
man noch die irrtümliche Vorstellung besonderer göttlicher
Eingriffe hegte, verstehen (vgl. meine „Theologie
der Lessingzeit" Kap. VIII. Die Ablösung der Neolo-
gie durch den Rationalismus). Sehr beachtlich scheint
mir die Rezension H. Mulerts in: Zeitschrift für die gesamte
Staatswissenschaft, hrsg. von G. Brodnitz, 91.
Band, 3. Heft 1931, die den Vorwurf der Nichtberücksichtigung
von Lessings Umwelt erhebt und drei ethische
Gedanken Lessings nennt, auf die Klinge kaum eingehe
— und doch konstituiere die Proklamation dieser drei
Grundsätze (das Gute tun, weil es das Gute ist —
Wahrheitsforschung statt Autoritätsglaubens — Toleranz
gegen jede ehrliche Überzeugung) Lessings hauptsächliche
Bedeutung in der Geschichte der Ethik wie der
des protestantischen Christentums.

Wollte man auch den Vergleich zwischen Luther und
Lessing, den Klinge anstellt, als fruchtbar anerkennen,
so scheint doch seine Darstellung nicht ausgereift. Zum
mindesten ist die Korrektur allzu flüchtig gelesen. Ohne
eine Registratur der Druckfehler anlegen zu wollen (wie
„ja die" statt „jede" S. 122 Schlußzeile), sei auf Stellen
aufmerksam gemacht, wo offenbar Worte bzw. Satzteile
ausgefallen sind. So S. 128 Z. 7 von oben hinter
„stärken"; S. 16 Zeile 20 von oben vor „Gogartens"; S.
117, Zeile 15 von unten zwischen „sahen" und „aufgehoben
". Die Verweisung von 5. 116 Anm. 3 auf S. 45
wird dort nicht realisiert; gemeint ist S. 56. Mancherlei
andere Unebenheiten scheinen auf das Konto des Autors
zu kommen. So Ni&olai, Tröltsch, „Die" statt „Diese"
(S. 130 Zeile 6 von unten). Im Inhaltsverzeichnis ist die
doppelsinnige Verwendung des Wortes „Problem" zu
monieren. Das „Problem unserer Arbeit" ist die Synthese
zwischen Reformation und Aufklärung. Gleichwohl
liest man als Inhaltsangabe von Abschnitt I: Die reformatorische
Behandlung dieses Problems, von Ablebendigen
Macht werden? Dm tiefreichenden Unter
schiede sollen nicht verkannt werden: für Lessing ist die
Güte des Menschen selbstverständliche Voraussetzung
für Luther nur auf Grund einer besonderen Gnadentat

Wesen und Normen des Sittlichen. Sehr leicht hat es
sich endlich der Autor gemacht, wenn er so häufig das
Wort „mancher" gebraucht. Vgl. S. 4: „Wenn manche
seiner Warnungen von unserer Theologie und Ethik ver-

lankengänge hatten für standen und befolgt worden waren, waren diese m a nGottes
realisierbar. Luthers ueoairag w Erlösertat, eher Gefahr ausgewichen, der sie unterlegen sind."
Lessing keine Bedeutung. Weder «-^ existierten für I Bitte: welche Warnungen? welcher Gefahr? S. 11:
noch überhaupt das Erlosungspromeni ^ h bd Luther M manches ZU sichten, ist man-
ihn. Allein Lessing reflektierte gar ™ führten Men. , c h e s Alte stehen geblieben". Sehr bequem - also
liehen Menschen, sondern über aen % ^■Mtten Endes ! Gemeinplatz. S. 130 war sich wiederum Lessing über
sehen. Dieser wird so geführt ua ^ Schopferj die Qefahr manches Gedankens sehr klar,
immer das Gute tun muß. »»«• w/ • t in diesen i viel Karl Aner-
daß ich muß, das Ernste muß, Wenn ich JA mesen __-

Schranken selbst soviel Fehltritte . jassen Thust, Martin: Sören Kierkegaard. Der Dichter des Religiösen,

geschehen, wenn ich mir ganz allemi c , H] eines Systems der Subjektivität. München: C. H. Reck

wäre? einer blinden Kraft überlassen ware dm sichi naen urum ^ ^ g) 8„ rm 30-; geb. 24—

keinem Gesetz richtet?" (Vorrede zu K W. j ^ vorliegende ßuch über s Ki€rkegaard will nicht

^li^^tJ^^^^^^ " dk Aufgab£ 1ÖSen' hist0riSche" Kierkegaard genau