Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1932 Nr. 19

Spalte:

448-450

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Klinge, Gerhard

Titel/Untertitel:

Lessings Bedeutung für die Geschichte und den Neuaufbau der christlichen Ethik 1932

Rezensent:

Aner, Karl

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

447

Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 19.

448

liehen Glaubens" (S. 18). Die Annahme der immaculata
coneeptio sieht er durch parabiologische Erscheinungen
„erleichtert" (S. 20). Das ist katholischer Rationalismus
, aber nicht evangelische Theologie.

Es soll freilich auch gar keine evangelische Theologie
sein. Heiler will ja fortschreiten zu „einer wahrhaft
katholischen Theologie, wie sie ein Athanasius
und Basilius, ein Augustinus und Thomas von Aquino in
Übereinstimmung mit der ganzen Schrift und der ganzen
Tradition" (S. 285) gelehrt haben. Wenn das das Ziel
ist, dann hat der evangelische Theologe freilich nichts
mehr zu sagen.

Neben diesen Aufsätzen theologisch-grundsätzlicher
Art enthält der Sammelband eine Reihe von historisch
- re fe r ie re n de n Beiträgen. So z.B. die
konfessionskundlich wie kirchengeschichtlich wichtigen
Berichte „Reformkatholizismus und Modernismus", „Die
religiösen Bewegungen im römischen Katholizismus der
Gegenwart" u. a. Diese Berichte sind sehr lesenswert.
Auch die Beiträge über den „Anglokatholizismus" und
die Lausanner Bewegung enthalten gute Beobachtungen
und verarbeiten sehr viel Material.

Freilich zeigen diese Aufsätze einen Kirchenbegriff,
der der strengen Klarheit entbehrt und die Auseinandersetzung
schwierig macht. Wie Heilers „ganzer Christus"
die verschiedenartigsten Züge trägt, so ist auch seine
„ganze Kirche" eine Zusammenfassung von allem, was
sich christlich nennt, „die betende und feiernde Kirche
der 1900 Jahre" (S. 11). Diese unsichtbare Kirche soll
als die eine „katholische" Kirche sichtbar gemacht werden
. Heiler hat die Hoffung, daß das römische System
nach einer „Ausweitung" strebe. Wenn das richtig ist,
dann ganz gewiß nicht in Heilers Sinn. „Wenn die
katholischen Christen ihn (Luther) als den gottgesandten
Propheten und Evangelisten der göttlichen Gnade lieben
und ehren werden, und wenn umgekehrt die evangelischen
Christen ihn als den einseitigen ,Häretiker' unter
die Autorität der Gesamtkirche stellen werden, wenn die
einen das Prophetisch-Evangelische an ihm mit Freuden
begrüßen und die andern das ,Häretische' mit Entschlossenheit
abstoßen werden, dann wird die Bahn zur
Wiedervereinigung der getrennten Kirchen im Lande
Luthers frei sein. Und dann wird die Zeit wiederkommen
, da Katholische und Evangelische gemeinsam das
Reformationsjubiläum begehen werden, wie sie es schon
1817 in Tübingen getan haben!" (S. 259). In welcher
Welt lebt der, der so etwas schreiben kann!

Schweren Herzens legt man das Buch aus der Hand.
Man möchte dem Mann, der es herausgegeben hat, den
Respekt entgegenbringen, auf den sein Ernst und seine
liebenswerte Innerlichkeit Anspruch hat. Man möchte
die Mission anerkennen, die ein so tiefes und feinsinniges
Verständnis des außerprotestantischen Kirchentums
an der evangelischen Theologie haben sollte. Aber wenn
das Erbe Martin Luthers in dieser Weise verleugnet
wird, dann bleibt nur die bestimmte Abgrenzung übrig.

Heiler ist ein Einsamer. Er ist jedenfalls nicht
der genuine Vertreter ökumenischen Geistes innerhalb
des evangelischen Deutschlands. Wäre er das, so wollten
wir mit der ökumenischen Bewegung nicht einen Tag
länger zu tun haben. Hier ist — man verzeihe das harte
Wort — ökumenische Charakterlosigkeit. Und es ist
nicht schwer, vorauszusagen, wo diese Theologie einmal
mit innerer Notwendigkeit enden wird.

Berlin. Otto Dibelius.

Schneider, Dr. Wilhelm: Die Quaestiones disputatae de
Veritate des Thomas von Aquin in ihrer philosophiegeschichtlichen
Beziehung zu Augustinus. Münster i. W.:
Aschendorff 1930. (V, 97 S.) gr. 8°. = Beiträge zur Gesch. d. Philos.
u. Theol. des Mittelalters. Texte u. Untersuchgn. begr. von C. Baeumker.
In Verbdg. mit F. Ehrle u. a. hrsg. von M. Grabmann. XXVII. Bd.
3. H. RM 5.20.

Es ist immer noch eine umstrittene Frage, wie sich

die beiden Hauptquellen der Philosophie des Aquinaten,

der Aristotelismus und der Augustinismus, zu einander
verhalten. An die Stelle allgemeiner Behauptungen hat
G. von Hertling zum ersten Male für eine Einzelschrift,
die Summa Theologiae, eine methodische Untersuchung
gesetzt (Augustinuszitate bei Thomas v. A., in: Historische
Beiträge zur Philosophie, hrsg. von Endres 1904,
S. 97 ff.). Das Gleiche unternimmt nun Sehn, für eine
der frühesten Schriften des Thomas, die Quaestiones
disputatae de Veritate, die zwischen 1256 und 1259 entstanden
sind. Sch. kommt zu dem Ergebnis, daß Thomas
, der auch in dieser Frühschrift schon durchaus im
Sinne der aristotelischen Philosophie eingestellt sei, doch
den Augustin als maßgebende Autorität behandle und
daher überall, wo seine Meinung von der Augustins abweiche
, sich damit behelfe, jenen umzudeuten (S. 93).

Im Ganzen wird man Sehn, in dieser Folgerung zustimmen können.
Stärker hätte wohl noch auf den grundlegenden Unterschied in der
Ontologie hingewiesen werden müssen (z. B. S. 8—14). Esse bedeutet
für Augstin etwas ganz anderes als für Thomas. Bei der Frage nach
dem intelligiblen Lichte (S. 18 f.) würde man wahrscheinlich durch die
Unterscheidung von Ungeschaffenheit und Unmittelbarkeit weiterkommen.
Daß nach Aug. die Sinneswahrnehmung in sich falsch sein könne,
scheinen mir auch die S. 41 angeführten Zitate nicht zu beweisen; sie
besagen nur, daß die Sinneswahrnehmung die Voraussetzung für die Möglichkeit
eines Fehlurteils der mens abgibt. Das Verhältnis von ratio
superior und inferior (S. 54 ff.) ist nur scheinbar bei Th. und Aug. gleich.
Das Deduci der inferior bezeichnet bei Th. einen logischen Schluß, bei
Aug. ein genetisches Verhältnis. Die Deutung der memoria bei Aug.
als habituelles Selbstbewußtsein (S. 59) bringt nicht genügend zum Ausdruck
, daß Aug. darauf hinweisen will, daß die mens mit allen ihren
Fähigkeiten sich immer zur Verfügung hat. Schließlich scheint es mir,
daß von der Behauptung, Aug. lehre für dieses Leben keine unmittelbare
Gottesschau, angesichts Conf. IX, 10, no. 25 und anderen Stellen,
die Exstase ausdrücklich ausgenommen werden muß.

Sch. folgt in seiner Untersuchung nicht dem Gange
der Quaestiones disputatae de Veritate, (von denen er

J nur 1, 3, 10 und 11 ausführlicher heranzieht), sondern
er behandelt die Probleme innerhalb eines systematischen
Aufrisses: Erkenntnislehre (S, 5—43), Psychologie (S.
44—73) und Gotteslehre (S, 74—92). Das gibt ihm die

! Möglichkeit, gewisse Gedankenkreise der beiden Autoren
im Zusammenhange zu entwickeln und zu vergleichen.
Durch diese Methode wird eindrucksvoller als durch eine
fortlaufende Untersuchung der Quaestiones die These
Hertlings, Grabmanns und vor allem Gilsons bestätigt,
daß Thomas in Augustin den Piatonismus treffen will.
Aber freilich leistet die vorliegende Untersuchung für die
gestellte Frage auch nur den Dienst einer Vorarbeit. Es
geht ja nicht nur darum, zu wissen, worin sich Thomas

! von unserem geschichtlich geschulten Verständnisse Au-

j gustins unterscheidet, sondern auch um die Frage, wie
weit Thomas von dem Augustinismus seiner Vorgänger
abweicht und wo er seine „unaugustinische" Interpretation
Augustins von jenen übernommen hat. Es bedarf
ferner einer Untersuchung, wie weit Thomas auch über
die direkte Erwähnung Augustins hinaus noch in der

| augustinischen Tradition steht. Erst durch solche im
eigentlichen Sinne historisch-genetischen Untersuchungen

| wird es möglich sein, ein sicheres Urteil über den Augustinismus
des Thomas abzugeben.

I Münster i. W. Otto Piper.

i Klinge, Gerhard: Lessings Bedeutung für die Geschichte
und den Neuaufbau der christlichen Ethik. Münster i. W.:
Helios-Verl. 1930. (VII, 133 S.) gr. 8°. = Universitas-Archiv, Bd. 35-
Literarhist. Abt. Hrsg. v. J. Schwering u. G. Müller, Bd. 6. RM 6—.
Als das Problem seiner Arbeit bezeichnet der Verfasser
die Frage, ob eine Synthese zwischen Reformation
und Aufklärung möglich sei. An der Möglichkeit dieser
Synthese hängt für ihn das Schicksal des Protestantismus
j (S. 130). Diese Frage sei nicht lösbar auf historischem
Weg, durch Aufzeigung der Entwicklungszusam-
menhänge zwischen beiden Epochen, sondern nur indem
i man den zentralgedanklichen Gehalt beider Zeiten als
zwei verschiedene in sich geschlossene geistige Einheiten
ansieht, sie gegenüberstellt, durch einander ergänzt
und schließlich die höhere Einheit beider heraus-