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Ausgabe:

1932 Nr. 18

Spalte:

414-415

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reusch, Richard

Titel/Untertitel:

Der Islam in Ost-Afrika mit besonderer Berücksichtigung der muhammedanischen Geheim-Orden 1932

Rezensent:

Strothmann, Werner

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 18.

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zers: vor allem aus „The Golden Bough" und „Tote-
iq971 and Ex°gam>'"- Die englische Ausgabe erschien
h ü eme Übersetzung veranstaltet wurde, ist

aurchaus verdienstvoll, weil dieser Band, zu dem Fr. nur
ehe Uberschriften zu den 4 Teilen und den 177 Abschnitten
neu hinzugetan hat, einen knappen Überblick über
Oes Verfassers Forschungen gibt. Die Auswahl aus dem
Gesamtwerk fand unter dem Gesichtspunkt statt, daß
unter Fortlassung des ausgebreiteten Tatsachenmaterials
die allgemeineren Schlüsse und Theorien zusammengetragen
werden sollten. Wohltuend die Bescheidenheit
rr.'s in der Wertung aller Theorien, die vorübergehend
sfien, während die Tatsachen das Beständige darstellten
(VIII).

, Unter diesen Umständen kann es sich hier natürlich
nicht um eine sachliche Auseinandersetzung mit den
einzelnen Forschungsergebnissen Fr.'s handeln. Das verbietet
auch der reiche und vielseitige Inhalt: 1. Teil:
Die Erforschung des Menschen. Hier werden die Vorfragen
nach der formalen (wissenschaftstheoretischen)
Seite hin erledigt wie nach der Stoffseite hin; also wird
gehandelt über die Entwicklung des menschlichen Geistes
und die Möglichkeit seiner Erforschung ebenso wie
über die Bedeutung des Wilden für die Erforschung der
Menschheit. II. Teil: Der Mensch in der Gesellschaft.
Fr. trägt seine Anschauungen über Entstehung und
«fesen des Totemismus und seiner Folgen (Ackerbau,
Viehzucht, Gesellschaft) und der Exogamie und der Ver-
Wandtschaftssysteme vor. III. Teil: Der Mensch und
aas Übernatürliche: es geht um Magie und Zauberei, um
pötter und Religion. IV. Teil: Der Mensch und die
Unsterblichkeit: wir hören von der Stellung des primitiven
Menschen zum Tod, von seinem Seelenglauben
und seinem Unsterblichkeitsglauben, von Sterblichkeit
Oer Götter, von ihrer Opferung und ihrem Erlösungstod.

Der Band ist indessen viel reicher, als mit diesen
Paar Stichworten gezeigt werden kann. Er geht allerdings
auch oft in die Breite, und die Methode der Zusammenstellung
führt zu lästigen Wiederholungen: wie
°ft z. B. wird mit fast den gleichen Worten die Wirkung
des klassifikatorischen Verwandtschaftssystems dargetan
(86—89, 97, 115). Man darf sich auch nicht dadurch
stören lassen, daß mitten in einem Teil Vorworte zu
Büchern (z. B. 30, 40) erscheinen, oder daß man plötzlich
auf eine Anrede in der zweiten Person stößt, weil
der betr. Abschnitt einer Rede entnommen ist. Sachlich
jst der Band durchaus ein einheitliches Ganzes, in der
Form ist er alles andere mehr.

Für uns lohnt es sich vor allem auf die hinter Fr.'s
Forschung stehende Philosophie zu achten. Damit werden
wir gerade diesem Sammelband auch am ehesten
gerecht, weil er eben die allgemeinen Schlüsse enthält.
»Die Idee des Fortschrittes der Menschheit hat meine
Gedanken erfüllt und meine Forschungen geleitet" (52).
Dieser grundlegende Fortschrittsglaube führt einmal
zu dem ganz allgemeinen Gedanken einer ewigen Entwicklung
. Wir erreichen nie die ewig vor unserem Andringen
zurückweichende Wahrheit, wir kommen ihr nur
juimer näher (51/2). Was ist dann aber Wahrheit überhaupt
noch? Nun, „die Hvpothese, von der sich herausstellt
, daß sie am besten arbeitet" (157). Damit ist an
der Wahrheitsfrage vorbeigeredet, und nur die Erkenntnis
historischer oder anderer Wirklichkeit erfaßt. Sodann
: zu dem konkreten Entwicklungsdogma. In die
fheorie von der kontinuierlichen organischen Entwickjung
wird die der geistigen Entwicklung eingebettet.
Noch konkreter: der Weg der Menschheit führt geistig
von der Magie über die Religion zur Wissenschaft. Dadurch
wird für Fr. der hohe ethische Optimismus möglich
, der in der Forschung ein Werkzeug zur Förderung
des Fortschrittes (4) — der übrigens den Menschen
glücklicher, jedoch auch nüchterner machen wird (17) —
sieht. Aber es offenbart sich hier als Grundfehler eine
Arigleichung des Geistes an die natürliche Entwicklung.
Gewiß ist das für die Forschung ein möglicher Gesichtspunkt
, z. B. die Religion als Werk des Menschen, allen
Geist als in natürlicher Entwicklung begriffen zu sehen.
Der Geist hat aber noch eine andere, seine eigentliche
Wesensseite: Geist ist Setzung, Geist ist Wille, Geist ist
Freiheit; Geist kann man darum nur in der Entscheidung
beikommen. Wenn man von der Chemie des Geistes

i (169), von seiner Embryologie (20), von seiner Analyse
als Zerlegung in Teile und Wiederzusammensetzung
(11/12) spricht, dann ist man dem wahren Geist noch

! sehr ferne. Schließlich hat man heute klar erkannt, daß
die Annahme einer wesentlichen Ähnlichkeit des mensch-

■ liehen Geistes und einer kontinuierlichen Entwicklung
vom primitiven Geist zur modernen Kultur rein dogmatisch
ist. Auch nicht durch Tatsachen zu stützen, sobald
man wirklich den Geist, und nicht irgend ein
Naturprodukt in Betracht zieht. Trotz alledem wird es
gerade für den Theologen und gerade heute wichtig
sein, sich von Fr. z. B. vor Augen führen zu lassen, daß
alles geistige Geschehen, daß auch die Religion sich über
natürlichem Fundament erhebt. Das ist für die Ethik
und für die Dogmatik von Bedeutung. Daß Fr.s Theorien
im einzelnen sehr umstritten sind, etwa die vom
Zeitalter der Magie, vom Animismus als einer primitiven
Philosophie, vergessen wir dabei nicht.

S. 131, Zeile 26: System. S. 200: Umstellung der
letzten 5 Zeilen.

Berlin-Nikolassee. H. Benckert.

Reusch, Richard: Der Islam in Ost-Afrika mit besonderer Berücksichtigung
der rnuhammedanischen Geheim-Orden. Leipzig: A.
Klein [1931]. (XII, 360 S. m. 1 Bilde d. Verf.) 8°. RM 8—; geb. 10-.
Der Verfasser ist im Kaukasus aufgewachsen und
lernte in seiner Jugend den Islam dieses Gebietes kennen
. Während seiner siebenjährigen Missionstätigkeit in
Ostafrika trat ihm ein andersgearteter Islam entgegen.
Diese Verschiedenheit und die Tatsache, daß sich die
Religion Muhammeds unter den Afrikanern so rasch
ausbreitet — das Tanganyika Territory zählte 1924
1 276 000 Muslime und 1930 schon 2 10Ö000 —, veran-
laßten R. zu einem eingehenden Studium des afrikanischen
Islam.

Das Buch beginnt mit einer geschichtlichen Übersicht
über die Verbreitung des Islam in Afrika, der
durch zwei Einfallstore in diesen Erdteil gelangte:
Ägypten und Zansibar. Außer den zahlenmäßig am
stärksten vertretenen Gruppen der Sunniten finden sich
auch schiitische Gemeinschaften, zu denen R. mit Unrecht
auch die Ibaditen und Alawiten rechnet. Als
Eigentümlichkeit des afrikanischen Islam werden Heili-

genverehrung und das ausgedehnte Ordenswesen, insbesondere
deren Geschichte und Organisation ausführlich
behandelt. Als Missionar erkennt R., daß der Einfluß
des Islam in diesen Gegenden auf der hohen Anhängerzahl
der Orden beruht. Die in diesen Kreisen herrschende
eschatologische Stimmung macht einerseits die
Lage reif für eine neue Mahdi-Bewegung, andererseits
schafft sie die Bedingungen für die Aufnahme des
Christentums.

R. gibt einen anschaulichen Bericht vom afrikanischen
Islam besonders dort,wo er von eigenen Erfahrungen
spricht. Er hat keine Mühe gescheut, Regierungsbeamte
und Muhammedaner auszufragen, und
selbst an den Gebetsübungen der Derwische teilgenommen
, sodaß er hier über ein umfangreiches mündliches
und auch schriftliches Material verfügt, in das

j ein Europäer so leicht keinen Einblick gewinnt' Für die
geschichtlichen Teile dagegen hat der Verfasser, da er in
Afrika fernab von wissenschaftlichen Arbeitsstätten weil-

i te, nur wenig Literatur benutzen können. — Die RGG
wird stets nach der 1. Aufl. zitiert, ohne daß dies angemerkt
wäre —. So vermißt man schmerzlich ein Eingehen
auf die Anschauungen von Massignon, Nicholson
und H. H. Schaeder über die Entstehung des Sufismus.
Der Einfluß des Christentums auf diese asketische

; Bewegung wird etwas zu gering angesetzt. Neuerdings