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Ausgabe:

1932 Nr. 18

Spalte:

412-414

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Frazer, James George

Titel/Untertitel:

Mensch, Gott und Unsterblichkeit. Gedanken über den menschlichen Fortschritt 1932

Rezensent:

Benckert, Heinrich

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 18.

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diese Wendung vom unbedingten Glauben ans Obernatürliche, nämlich
an die jungfräuliche Geburt Jesu, wobei er die Fassung bei Lukas gar
nicht berücksichtigt, wie er überhaupt der Fassung der Seligpreisungen
bei Matthäus die größere Ursprünglichkeit zuweist. — Unter der Überschrift
„Das Gesetz" spricht Buonaiuti S. 385—389 über Gesetz,
Glaube, Hoffnung und Liebe im Hinblick auf die Person und die
Lehre Pauli.

Kirchengeschichtliches. Altertum. H. Koch stelltS. 122
bis 132 und 313 bis 335, seine Untersuchungen über „Das Nachleben
Cyprians in der altchristlichen Literatur", zunächst
in Afrika (siehe RR. VI, 1930, S. 304-316 u. S. 492-501) fortsetzend,
die Nachwirkungen des cyprianischen Schrifttums bei L a c t a n z und
bei Optatus von Mileve heraus, die in der Ausgabe des ersteren von
Brandt-Laubmann weitaus nicht vollständig, in der Ausgabe des letzteren
von Ziwsa überhaupt nicht verzeichnet sind. Es zeigt sich zugleich,
daß die cyprianische Sprache auch auf die von Optatus aufgenommene
Aktensammlung abgefärbt hat. — A. Pincherle, der in RR. VI, 1930,
S. 15 — 38 seine Abhandlung über „ ,Das Jahrzehnt der Vorbereitung'
des hl. Augustinus (386—396)" mit der Würdigung seiner schriftstellerischen
Tätigkeit bis zum Werk De vera religione (um 390) begonnen
hatte, schildert in der Fortsetzung S. 30—52 Augustins Entwicklung bis
zur Schrift Contra Adimantum (etwa 394) und zeigt, welchen Begriff
vom Christentum als Erlösungsreligion er sich in dieser Zeit gebildet
hat, faßt also hauptsächlich seine Gedanken über Sünde, Erlösung,
Werk Christi, Willensfreiheit ins Auge. Seinem S. 45 A. 1 ausgesprochenen
Wunsch nach Feststellung, wann Augustin zum ersten Mal Cyprian
gelesen habe, bin ich inzwischen nachgekommen, und die Untersuchung
hierüber liegt bei der Schriftleitung der RR.: die erste sichere Spur
einer Bekanntschaft Augustins mit Cyprian findet sich, wenn ich mich
nicht täusche, in der Vaterunser-Erklärung des Werkes De sermone
Domini in monte um 393. — S. 193 — 201 erklärt Buonaiuti „Die
,Tragödie' des Nestorius" aus rassischen Gegensätzen (Syrer gegenüber
den Griechen in Ägypten und Kleinasien) und aus begriffsgeschichtlicher
Verschiedenheit (oticua und üxtöaTaoic) und er wirft einen kurzen Blick
auf die Geschichte des Nestorianismus. — L. Salvatorelli zeichnet
S. 410—449 „Die religiöse Sittlichkeit im Italien des 5. Jahrhunderts"
aufgrund der Schriftsteller dieser Zeit (Petrus Chrysologus, Maximus von
Turin, Leo I, Arnobius d. J.), aber auch der Märtyrerlegenden, Sakramentarien
und Inschriften: die Wertung der guten Werke, Gebet, Fasten
und Almosen, die Stellung zu den sozialen Zuständen der Zeit, Armut,
Sklaverei, Ehe und Jungfräulichkeit, Ausblick auf die Dinge der Endzeit
mit stark irdischen Farben, Auferstehung, Einsatz der Religion zu zeitlichen
Bedürfnissen, Stellung zu Staat und Kaisertum. Manche der hier
zum Wort kommenden Anschauungen, z. B. über den Wert der guten
Werke, namentlich des Almosens (S. 415 ff.), und hier wieder besonders
seine Schätzung als eine Art (zweiter) Taufe (S. 418 f.), gehen aber
weiter zurück und sind zum Teil von Cyprian (de opere et eleemosynis)
angeregt. Bezüglich des Anfangs von Lohn und Strafe (S. 432) wäre
nicht auf Ambrosius, sondern weiter auf Tertullian zurückzugreifen. Die
Darstellung ist übrigens ein Abschnitt aus einer „Storia religiosa d'Italia",
die bei Laterza in Bari erscheinen wird, und vielleicht steht das, was
ich vermisse, in den hinweggelassenen Anmerkungen.

Mittelalter. Buonaiuti führt in seinem Aufsatz „Joachim
von Floris und Elias von Cortona" (S. 53—59) eine Stelle
aus der Expositio in Apocalypsin des calabrischen „Sehers" an, worin
ein friedliches Bekehrungswerk durch die Predigt an Stelle des bewaffneten
Kreuzzuges angekündigt wird, und er zieht daraus Linien zum
Missionsgedanken des hl. Franz und seine Fortsetzung durch Elias von
Cortona, sowie zur Gegnerschaft der joachimitischen Spiritualen gegen
kriegerische Kreuzzüge. — E. Benz, „Die Messianität des hl.
Benedikt. Beitrag zur Geschichtsphilosophie des
Joachim von Floris" (S. 336—353), vergleicht die um Benedikt
von Nursia sich bewegenden geschichtsphilosophischen Gedanken Joachims
mit denen, die ein Zeitgenosse, der Mönch Odo von Canterbury, in
einem Briefe an den Novizen Adam entwickelt, und stellt ihre Übereinstimmungen
und ihre wesentlichen Unterschiede fest. Bei der Fassung
des Mönchtums als eines die Taufe ablösenden und sie an Wert überragenden
„sacramentum cucullae" bei Odo wäre auf die altchristliche
Mönchsliteratur und auf den durch Denifle entfachten Streit um die
„Mönchstaufe" bei Luther zu verweisen. Auch wäre vielleicht einmal zu
untersuchen, ob nicht von der im christlichen Altertum vielfach auftretenden
Forderung der Ehelosigkeit für alle Getauften (vgl. die Schrift
Karl Müllers) Linien zur Vorstellung vom „dritten Reich" (oder bei Odo
vom „vierten Testament") als dem Zeitalter der Mönche hinführen. —
E. Garin, ,,L' .analogia' di Giuseppe Butler" (S. 242—254),
nimmt Butler, einen der bedeutendsten englischen Moralisten in der
1. Hälfte des 18. Jahrhunderts — S. 24 heißt es zwar irrtümlich
„settecento" —, der in neuerer Zeit ebenso einen Chor von Anklägern
wie von Bewunderern, darunter Newman, gefunden hat, gegen den Vorwurf
des Skeptizismus in Schutz und betrachtet seine Lehre, daß der
Mensch mit seinem Verstand in den höchsten Fragen zwar keine unbedingt
sichere Erkenntnis, aber doch eine Wahrscheinlichkeit gewinnen
könne („Analogie zur allgemeinen Erfahrung") als einen Gegenstoß
gegen die unbegrenzte Zuversicht und den „rosigen Optimismus" der

Deisten. — R. Fedi, „Die ,beste Religion' des Terenz
Mamiani" (S. 527-534), faßt die religiösen Gedanken dieses Gesinnungsgenossen
eines Gioberti und Rosmini kurz zusammen und be-
, trachtet sie als einen Mittelweg zwischen verschiedenen gegensätzlichen
j Richtungen. — Ausgehend von dem Grundsatz, daß ein Mensch nicht
nach seinen an entgegengesetzten Enden sich bewegenden Gedanken und
Handlungen, sondern nach der Zusammenfassung, nicht nach Anfang
und Ende seines Lebensweges, sondern nach seiner Fülle und Besonder-
, heit beurteilt werden müsse, zeigt Maud Petre, „Die Religion
j des Lamennais" (S. 133 —146), gewisse religiöse Grundzüge auf
(Weltflucht und Geistigkeit, Streben nach höheren Daseinsformen, innere
Unruhe und Qual, Betonung der Pflichten vor den Rechten), die den
■ heißblütigen Franzosen durch allen Wechsel seiner Anschauungen be-
j gleiteten, und daß er an dem Übermaß von Forderungen scheiterte, die
! er an die Kirche stellte. „Er nahm sie beim Wort und verließ sie, als
; das Wort versagte." Das erinnert an den treffenden Satz, mit dem
J. Schnitzer sein glänzendes Werk über Savonarola schließt: „Christentum
und Kirche wollen — das lehrt die Geschichte des großen Frate
auf jedem Blatt — nicht beim Wort genommen sein." — Dieselbe
Dame schildert S- 202—213 ihre „Beziehungen z u F. von Hügel"
in deren Verlauf dieser zuerst anspornte, dann Zügel anlegte, und sie
würdigt die Hauptzüge seines Geistes und Werkes mit Seitenblicken auf
Lamennais. — Die Ausführungen „L'angoisse de F. von Hügel
(S. 1—24) sind ein Abschnitt aus den inzwischen erschienenen dreibändigen
„Memoires pour seroir ä l'histoire religieuse de notre temps
von A. L o i s y: der berühmte französische Gelehrte erzählt hier die
Wechselfälle seiner Beziehungen zu dem heimgegangenen Modernisten,
„qui fut grand et par l'esprit et par l'action, en son infirmite", und er
will zeigen, „commes ses idees avaient ete solidaires de sa mentalite,
et sa mentalite solidaire de sa nervosite", was namentlich zum Ausdruck
komme in seinem Kampfe für die Wirklichkeit der Überwelt, gegen den
vermeintlichen reinen „Immanentismus und Agnostizismus" Loisys unter
dem Einfluß Marcel Heberts. - S. 260—263 aber betrachtet Buonaiuti
unter dem Titel „L'incubo di Alfredo Loisy" das genannte
Werk von 2000 Seiten als eine „Vorwegnahme des Tales Josafat",
und er wendet sich gegen gewisse Auslassungen des Verfassers. Bezüglich
seiner Urkundensammlung bemerkt B. spöttisch, daß Loisy sie wohl
schon begonnen habe „an demselben Tage, an dem er das Licht der
Welt erblickt" habe. Es ist bedauerlich, aber aus verschiedenen Gründen
erklärlich, daß die Beziehungen dieser beiden Gelehrten trotz der schicksalhaften
Wirkung, die das Auftreten des Älteren für die Geisteshaltung
und den Lebensweg des Jüngeren hatte, sich nicht freundlicher gestalten
konnten. — Eine andere Luft weht in dem Nachrufe, den F. Heiler
S. 481—496 seinem verewigten väterlichen Freunde und Lehrer, dem
schwedischen Erzbischof Söderblom, widmet: in Verehrung und
Liebe zeichnet er ein lebendiges Bild vom Lebensgang und Lebenswerk
des edlen Mannes und feiert ihn als einen „Gelehrten, Bischof und
Heiligen".

„Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen." Das gilt auch
vom vorliegenden VII. Band der Ricerche Religiöse mit seinen Abhandlungen
, den Bücherbesprechungen und auch den kleineren Ährenlesen
und Bemerkungen, die hier nicht aufgeführt werden können.

München. Hugo Koch.

Frazer, James Georg: Mensch, Gott und Unsterblichkeit.

Gedanken über den menschlichen Fortschritt. Autorisierte Übersetzg.
a. d. Englischen v. Dr. H. Frank u. Dr. A. Thal heimer. Anmerkungen
v. Dr. H. Frank. Leipzig: C. L. Hirschfeld 1932. (XVI,
364 S. m. 1 Bildn.) 8°. RM 6.80 j geb. 8.50.

Die Reklame des Verlages für dies Buch ist nicht
I sympathisch: der Umschlag sieht wie der eines sensatio-
; nellen Kriminalromans aus. Ein guter Verlag sollte
doch auf die Angemessenheit von Form und Inhalt
| achten. Und in diesem Buch gibt es nichts Sensationelles
. Der Verlag bezeichnet es auf der Innenseite des
Umschlages als „eine wahre Bibel für j'edermann".
Der Leser möge selbst entscheiden, wie geschmackvoll
das ist. Doch zur Sache!

Schon der Originaltitel kann etwas irreführend erscheinen
. Um wieviel mehr erst der Untertitel auf dem
Umschlag: „Ehe, Gesellschaft, Magie, Religion von der
Urzeit bis heute." Darum geht es ja aber gar nicht in
diesem Buch, das doch nur den primitiven Menschen und
die primitive Gesellschaft darstellt, mit ganz gelegent-
! liehen Ausblicken auf die Gegenwart. Überhaupt handelt
es sich hier nicht um ein neues Buch, um eine neue
Untersuchung des großen englischen Religionswissenschaftlers
und Folkloristen, der nun bald' 80 Jahre alt
; wird, sondern um eine durch seine Frau angeregte und
ausgeführte Zusammenstellung einzelner, immer genau
zitierter Stücke aus den früher erschienenen Werken Fra-