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Ausgabe:

1932 Nr. 17

Spalte:

396-401

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gibb, H. A. R.

Titel/Untertitel:

The Damascus Chronicle of the Crusades 1932

Rezensent:

Strothmann, Rudolf

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 17.

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gekommen sein mögen, sie durch die kürzeren Formeln
zu ersetzen. Schw. beantwortet diese Frage mit der
sehr ansprechenden Vermutung, daß es wahrscheinlich
Leo I. gewesen sei, der eine Herausgabe der Briefe
seines Vorgängers Colistin I. in Sachen des Nestorius
veranlaßt habe, wobei nach seiner Weisung der Name
des Papstes, wie der des Kaisers in den Kaiserbriefen,
vorangestellt und die Grußformeln weggelassen worden
seien. Außerdem erklärt er die auffallende Tatsache,
daß sich in den Sammlungen der Briefe Leos nach dem
Osten kein über den 17. VIII. 458 hinausgehendes Stück
findet, daraus, daß der Papst selbst noch eine oder mehrere
Sammlungen seiner Briefe mit denselben Änderungen
angeordnet habe. Und so habe sich dieser Brauch
bei den Sammlern dann fortgepflanzt.

Von den alten Ausgaben (S. XXXI ff.) spendet der
scharfe Kritiker der auf den Index gekommenen des
Oratorianers Paschasius Quesnel (1675) hohes Lob,
ohne ihre Schwächen zu verschweigen. Auch die Ausgabe
der Brüder Ballerini (1753/57) wird nach ihren
Licht- und ihren Schattenseiten gewürdigt. Der Karmelit
Cacciari aber, der 1753—55 ebenfalls 2 Bände herausbrachte
, erhält wegen seiner unbefugten Angriffe auf
die andern Herausgeber die verdienten Hiebe. Schw.
selbst entschloß sich aus triftigen Gründen, seine neue
Ausgabe nicht auf die dem Konzil vorausgegangenen
Briefe Leos zu beschränken, sondern nur die Dekretalen
auszuschließen, die alten Sammlungen aber in ihrem
Bestand zur Geltung zu bringen. Die reichhaltigste ist
die nach dem Kardinal Grimani benannte, die auf einer
einzigen, jetzt in der Bibliothek Mazarin zu Paris unter
Nr. 1645 befindlichen Handschrift beruht, und Schw. ist
nach Quesnel der einzige, der diese Handschrift selbst
herangezogen hat, nachdem Cacciari sich nur eine Abschrift
hatte besorgen lassen und die Brüder Ballerini
ihren Text nur durch die Ausgabe Quesnels kannten
und nicht genügend schätzten (S. XXIV u. XXXXIII).
Diese Sammlung bringt Schw. an erster Stelle (S.
1—131), und indem er stets auch die übrigen alten
Sammlungen nach ihren verschiedenen Handschriften
berücksichtigt, bietet er einen zuverlässigen Text dieser
Briefe. Dann folgen die Sammlungen von Regensburg,
Monte Cassino und Corvey, wobei die schon in der vorigen
Sammlung enthaltenen Briefe nur nach ihren
Titeln bezeichnet, die andern im Wortlaut gegeben werden
, hierauf noch ein Brief Leos aus der Sammlung
Quesnels und zwei Briefe an Leo, einer von den Kaisern
Valentinian III. und Marcian, einer von Bischof Anato-
lius von Konstantinopel, aus der sog. Sammlung der
Kirche von Thessalonich, über die Schw. in der Festschrift
für den verstorbenen Rieh. Reitzenstein 1931, S.
137—159 gehandelt hat. Ein übersehener Brief Leos
an Bischof Anatolius aus der Sammlung Quesnels ist
in einem „Epimetrum" der Praefatio S. XXXXIII ff.
nachgetragen. Die reichhaltigen Indices stellen die Briefnummern
dieser Ausgabe mit denen des 1. Bandes der
Ballerinischen Ausgabe zusammen, verzeichnen die Briefempfänger
, die Abfassungszeiten, die Briefe an Leo, die
Überbringer der Briefe, die Schriftstellen und Anführungen
aus Kirchenvätern, die Personen- und Ortsnamen,
die dignitates imperii, kirchliche Dinge und bemerkenswerte
Wörter. Das Ganze wieder ein Werk, das den
Meister lobt und die Wissenschaft zu bleibendem Dank
verpflichtet.

Schw. hat nicht bloß die wörtlich angeführten Schriftstellen, sondern
auch Anspielungen und Schriftwendungen am Rande angemerkt. Zu
letzteren gestatte ich mir einige Ergänzungen zu geben: p. 5,31 —
Eph. 2,20; p. 13,13 — I. Cor. 15,45; p. 10,18 u. 13,22 u. 36,2
u. 111,23 — Phil. 2, 6 f.; p. 13,24 — Rom. 8,3; p. 33,29 —
I. Cor. 16,13; p. 44,27 — Mt. 7,14 (vgl. p. 85,1); p. 51,15 —
Rom. 12,15 (+ Cypr. de laps. 4 p. 239,25 Härtel oder ep. 17,1
p. 521,5); p. 61,7 — Prov. 22,28; p. 77,25 — Jes. 66,2 (vgl.
Cypr. Testim. III, 5 p. 117, 16 u. ö.); p. 79, 34 — Luc. 2,40 u. 52;
p. 93,21 - Rom. 6,4; p. 110,26 — Mt 7, 15; p. 137, 16 — Eph.
5,8; p. 149,20 — Apoc. 17,8 u. a. Im Verzeichnis der „Res eccle-
siasticae" S. 190 f. könnte vielleicht auch die Kinderkommunion (p. 34, 29)

! angeführt sein, und unter den „Vocabula" S. 191f. das pervadere, per-
| vasio und pervasores (p. 96, 32; 109,13 u. 17; 112,5) im Sinne von
i Eindringen, Eindringling, p. 64, 11 muß es am Rande heißen 453 statt
[ 433 (in den „Corrigenda" übersehen).

München. Hugo Koch.

G i b b, Prof. H. A. R., M. A.: The Damascus Chronicle of the
Crusades. Extracted and translated from the Chronicle of Ihn
al-Qalänisi. London: Luzac u. Co. 1932. (368 S.) kl. 8°. =
University of London Historical Series, No. V. geb. 15— sh.

Der Moslem Hilal, genannt as-Sabi als Konvertit aus
| dem heute im Zusammenhang mit der Mandäerfrage
j wieder mehr genannten Sabiertum, hatte eine uns
größtenteils verlorene Chronik bis zu seinem Todesjahr
| 1056 verfaßt. Aus ihr entnahm Ibn al-Qalanisi, höherer
| Beamter zu Damascus, einen Auszug und führte sie
| selbst bis in sein eigenes Todesjahr 1160 fort. Der
arabische Grundtext ist veröffentlicht von H. F. Ame-
I droz, History of Damascus (Leiden 1908). Daß Gibb
den Bericht vom J. 1097 an weiteren Kreisen zugänglich
. macht, ist ein großes Verdienst. Zwar ist, wie schon die
von Amedroz der Ausgabe beigefügte Analyse zeigt, der
Stoff zumeist bekannt, da das Werk von späteren arabischen
Chronisten ausgeschrieben ist, deren einige seit
längerem auch der westlichen Geschichtsschreibung zur
! Verfügung standen. Aber es handelt sich hier um die
erste zeitgenössische muhammedanische Darstellung und
zwar vom Zug der Kreuzfahrer durch Kleinasien und
i der Eroberung Antiochiens an — Verf. war damals etwa
| 30 Jahre alt — bis zu jenem toten Punkt zwischen dem
2. und dem 3. Kreuzzug: einerseits waren die Christen
' wieder einmal geschwächt durch die dreifrontigen Innen-
I kämpfe des byzantinischen Kaisers (gemeint: Manuel I
Komnenos), des Fürsten von Cilicisch-Armenien (Ru-
benide Thoros II) und des Fürsten von Antiochien
(Rainald von Chattillon, dessen Gefangennahme durch
j Muhammedaner Verf. nicht mehr erfahren hat); auch
die Egypter stießen wieder gegen das 1153 an die
! Kreuzfahrer verlorene Askalon vor und kaperten zur
j See europäischen Nachschub; andererseits aber wurde
j der Majordomus Nureddin, nach seinem Vater Imad-
i eddin Zengi der einzige, der die zerflatterten Sel-
dschukenkräfte wieder straffte und später seinem Offi-
i zier, dann geheimen Gegner und schließlich Nachfolger
1 Saladin wieder so gut vorgearbeitet hat, damals stark
behindert durch seine wiederholten Krankheiten, welche
[ sofort wieder hemmende innerseldschukische Umtriebe
verursachten.

Ibn al-Qalanisi bemüht sich wohl um genaue Da-
, tierung der Ereignisse, oft jedoch in der Form „an dem
; Tage" oder „in dem Monat kam die Nachricht", bis-
1 weilen auch unbestimmter „es wurde erzählt ... aber
I nach einer anderen Meldung ..." Er ist nur Geschichts-
j notizensammler, nicht selbst Teilnehmer an der Ge-
i schichte. Abgesehen von Gefangenen hat er Kreuz-
1 fahrer kaum gesehen oder gar mit ihnen gesprochen.
Das unterscheidet sein Tagebuch von den lebhaften
Skizzen seines jüngeren Landsmannes Usama ibn Mun-
qidh, gest. 1188, dessen auch kulturgeschichtlich wich-
' tiges Werk, das z. Tl. die gleichen Ereignisse behan-
; delt, jetzt eine erneute vorzügliche Übersetzung gefunden
i hat durch den Professor an der Princeton Universität
| Ph. Hitti, An Arab-Syrian Gentleman and Warrior in
; the Period of the Crusades (New York 1929). Für
Ibn al-Qalanisi steht im Mittelpunkt Damascus. Da die
! Kreuzfahrer es nie besessen haben, sind es nicht ge-
j rade die wichtigsten Ereignisse, die Verf. aus eigener
Anschauung kennt: die siegreiche Damascener Abwehr
der Angriffe von 1113, 1128, 1133, vor allem die dortige
gänzliche Niederlage des Alman (Kaiser Konrad III)
im J. 1148, wobei Verf. zwar von der Unstimmigkeit
der christlichen Führer vor dem Zuge, nicht aber von
der ratlosen oder verräterischen Gegensätzlichkeit während
desselben weiß; lebhaft geschildert wird auch jedesmal
das Einbringen der Gefangenen und der Köpfe
von Gefallenen in feierlichen Prozessionen sowie eine