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Ausgabe:

1932 Nr. 1

Spalte:

17-20

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Calvin, Joannis

Titel/Untertitel:

Opera Selecta. Ediderunt Petrus Barth et Guilelmus Niesel. Vol. III et IV 1932

Rezensent:

Bornkamm, Heinrich

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 1.

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So interessant sich auch die vorgelegte Schrift j
liest, so einleuchtend auch die Lösungen bei erster
Durchsicht erscheinen, man wird gut tun, den Beweisen
und Schlüssen des Autors gegenüber etwas Reserve
an den Tag zu legen.
Halle/Saale. Walther Völker.

Calvlnl, Joannis: Opera selecta. Ediderunt Petrus Barth et
Ouilelmus Niesei. Vol. III.: Institutionis Christianae religionis
1559 libros I et II continens. Vol. IV.: Institutionis Christianae
religionis 1559 librum III continens. München: Chr. Kaiser 1928 u.
1931. (LXIII, 521 u. XI, 458 S.) 8°.
Vol. III.: RM 13.50; geb. 15.50; Subskr. RM 11—; geb. 13-.
, IV.: . 16-; , 18-; . . 12-; „ 14—.
Es ist mir aufrichtig leid, daß sich die Besprechung
des III. Bandes unter anderen drängenden Aufgaben so
hingezögert hat, daß ich jetzt bereits die des IV. damit
verbinden kann. Um so mehr, als es nicht nur eine mich
seit langem drückende Pflicht, sondern ehrliche Freude
ist, diese neuen Bände anzuzeigen. Nachdem Bd. I zu
einer Reihe von Anständen und Wünschen Anlaß gegeben
hatte (vgl. Th. L.Z. 1927 Sp. 121 — 128), ist mit
der Bearbeitung der ersten beiden Bücher der Letztausgabe
der Institutio (1559) im III. und des 3. Buches
im IV. Bande — Bd. II mit kleinen Schriften ist vorläufig
zurückgestellt — die Calvinforschung an diesem
Punkte auf eine ganz neue Grundlage gestellt worden.
Als einer der Kritiker von damals empfinde ich es mit
besonderem Dank, daß unsere Warnungen so aufgenommen
wurden, wie sie gemeint waren, und durch die
Leistung der neuen Bände Anlaß zu dem schönsten Rezensentengeschäft
, zu aufrichtiger Anerkennung gegeben
ist. Vom Äußerlichen angefangen — den Zeilenzahlen
am Rand, der Form der Anmerkungen, der Benutzung
der besten Ausgaben (die Zeilenzahlen der neueren Ausgaben
und die Randbuchstaben von Migne bietet Bd. IV
jetzt auch) — bis zu der präzisen Form der neuen Einleitung
, der Sorgfalt im Textaufbau und dem ungleich
reichhaltigeren Quellennachweis hat das Werk ein neues
Gesicht bekommen. Aus der Vorrede des IV. Bandes
ersieht man, wie sich die beiden Herausgeber Peter
Barth und der ihm als Hilfe zur Seite gegebene Wilhelm
N i e s e 1 in die Last der Arbeit geteilt haben.
Niesei hat auf grund gemeinsamer Vergleichsarbeit, an
der auch andere Helfer beteiligt waren, die kritische
Textbearbeitung mit ihrem verwickelten Apparat und den
Stellennachweis aus den zeitgenössischen Protestanten
und Täufern geliefert, Barth die Bibelstellen und den
Nachweis aus den Kirchenvätern und den Dekreten und
Schriftstellern der römischen Kirche. Unter den übrigen
Helfern verdient der ehemalige Rektor des Augsburger
Anna-Gymnasiums Dr. Paul Geyer, der den Vorreden
und Anmerkungen die elegante lateinische Form
gegeben und die Klassikerzitate nachgewiesen hat, besonderen
Dank.

Wenn man den dreimaligen Abdruck der gesamten
Institutio nach den Ausgaben von 1536, 1539—1554
(zusammengesetzt aus den Bearbeitungen 1539, 1543,
1545, 1550, 1553, 1554) und 1559 in Corp. Ref. I u. II
gesehen hat, so mutet einen zunächst der Versuch der
Hsg., die ganze Entwicklung der Inst, an einem einzigen
Text, dem von 1559, darzustellen, undurchführbar an.
W. Niesei hat es aber sehr sorgfältig und sogar noch
überraschend übersichtlich fertiggebracht. Kleine Doppelstriche
zerlegen den Text von 1559 in die Elemente,
aus denen er von Ausgabe zu Ausgabe erwachsen ist.
Die Jahreszahlen am Rande geben an, wann der betr.
Absatz zuerst erscheint, ebenso auch, ob er schon ein-
oder mehrmals umgearbeitet worden ist. In diesem Falle
findet sich unten im Apparat die ursprüngliche Form,
nur für die Inst. 1536 wird auf den Abdruck in Bd. I
verwiesen. Der krit. Apparat dient also nicht wie gewöhnlich
zur Begründung, sondern zur geschichtlichen
Ableitung des oben gebotenen Textes. Die Textgestaltung
selbst machte keine Schwierigkeiten, da der Originaldruck
von Rob. Stephanus 1559 in einem Exemplar

der Schaffhausener Bibliothek zugrunde gelegt werden
konnte. Es ist klar, daß das geschilderte Verfahren es
ohne weiteres erlaubt, neben den zahlreichen kleinen Abweichungen
die größeren Änderungen innerhalb des geschlossenen
Gedankenganges abzulesen, aber nicht die
Auslassungen früherer Stücke im Text von 1559 und die
großen Umstellungen, die Calvin dauernd vorgenommen
hat. Die ausgelassenen Stücke — abgesehen von
denen aus Inst. 1536, die aber am Schluß des V. Bandes
mit Band- und Seitenzahl des I. Bandes angeführt werden
sollen — sind selbstverständlich im krit. Apparat abgedruckt
. Ich hätte es freilich vorgezogen, sie grundsätzlich
bei den Lücken selbst zu bringen, nicht bei ganz
anderen Stellen, mit denen sie eine mehr oder minder
nahe gedankliche Berührung zeigen, sondern hier nur
einen Verweis zu geben.

So wäre z. B. das III, S 151 abgedruckte Stück der Inst. 1539 auf
S. 119 vor Z. 31 zu bringen, denn wichtig daran ist doch nur, daß
Calvin in diesem Zusammenhang seine Warnung vor gequälter Auslegung
A. und N.T.licher Schriftstellen auf die Sohnschaft Christi später gestrichen
hat. Mit dem Text auf S. 151 hat es im Gründe gar keine
Beziehung; auf die „ewige Zeugung" als solche kommt es hier nicht an.

Die Umstellungen freilich sind mit Hilfe des
Apparats nicht darstellbar, das liegt in der Natur der
Sache. Man kann sich also den vollen Wortlaut der
früheren Auflagen aus dem Text von 1559 mit Hilfe
des krit. Apparats herstellen, nicht aber ihren Aufbau.
Calvin hat, so sorgfältig er oft den Text im einzelnen
aus früheren Formen fortentwickelte, mit den Zusammenhängen
sehr frei geschaltet. Was vor allem die
große Neuordnung in den vier bekannten Büchern 1559
bedeutete, wird z. B. daraus deutlich, daß er bis dahin
eine sehr ausführliche Auslegung des Apostolikums gegeben
hatte, die natürlich nach einem exegetischen Prinzip
eine Menge ungleichartigen Stoffes auf sich vereinigte
, der systematisch anders zu verteilen war. Für
die Ausgaben 1543—54 sind am inneren Rand die
Paralleiabschnitte angegeben. Für die viel kürzere und
ganz anders aufgebaute von 1539 war das unmöglich,
eine Tabelle in Bd. V soll aber eine Übersicht über den
Aufbau aller Ausgaben ermöglichen. Allerdings hätten
bei den Umstellungen nach Möglichkeit Verweise gegeben
werden sollen. An manchen Stellen liest man
einen Text, ohne zu wissen, daß da 1559 ein großes
Stück ausgefallen ist (z. B. S. III, S. 383 zwischen Z. 9
u. 10 4 Spalten CR. und wohin es geraten ist. Die
Ziffern am inneren Rand genügen dafür nicht. Es bleibt
also die einzige Bedeutung des im übrigen in jeder Hinsicht
entthronten Textes des C. R., daß man dort allein
die Ausgaben von 1539—1554 im Zusammenhange
lesen kann. Aber die Herausgeber haben völlig recht
getan, diese Aufgabe der vollkommenen Durchschau
durch das Werden des endgültigen Textes zu opfern.
Außerdem ist im einzelnen auch für die Ausgaben dieser
Jahre ihr Text besser. Erst jetzt zeigt sich beim
Vergleich mit dem Abdruck der Edd. 1539—54 im C. R.,
daß die Wiedergabe dort zahlreiche Ungenauigkeiten
aufweist. Ich gebe hier keine Belege aus meinen Proben,
da nicht das C. R. zur Besprechung steht. Einige Beispiele
hat Rückert D. L. Z. 1929, Sp. 2285 f. aufgezählt.

Es ist gefragt worden, ob der Gewinn der für
diese kritische Textbearbeitung aufgewandten Mühe ent-
; spreche. Die Frage ist ein Beweis dafür, daß die Un-
j bequemlichkeit des Vergleichs nach dem C. R. meist ver-
: hindert hat, daß man sich ein ausreichendes Bild von
Calvins dauerndem Feilen an seinem Lebensbuche
j machte. Immerhin konnten schon Jul. Köstlins Aufsatz
I über die Entwicklung der Inst. (Theol. Stud. u. Krit.
| 1868) und Wernles Vergleiche (Der ev. Glaube nach
! den Hauptschriften der Reformatoren III. 1919) Er-
! Wartungen wecken. Aber erst in der neuen Ausgabe
' tritt einem die ganze mühsame Arbeit Calvins wunder-
i bar plastisch entgegen. Wenn man z. B. einen Abschnitt
! wie die Trinitätslehre durchsieht, die Calvin seit dem
j Streit mit Caroli immer vorsichtiger und sorgfältiger
I formulierte, dann überblickt man jetzt mit einem Schlage